Datenanalyse zur Coronavirus-Pandemie 5 Gründe, warum die Corona-Eindämmungsmaßnahmen nachvollziehbar sind

Manuel Mohr
Bildrechte: MDR/Manuel Mohr

Rein aus Fallzahl-Perspektive sind die neuen Beschränkungen zur Coronavirus-Eindämmung nachvollziehbar. Welche Daten dafür sprechen und was dennoch beachten werden muss, das und mehr im aktuellen Corona-Daten-Update.

Eine Frau mit braunen, schulterlangen Haaren hält ihre Augen geschlossen und trägt angesichts der aktuellen Coronavirus-Pandemie einen Mund-Nasen-Schutz, um andere Personen vor einer Infektion zu schützen.
Die Daten rund um das Coronavirus geben gute Gründe für die ab Montag geltenden drastischen Einschränkungen. (Symbolbild) Bildrechte: imago images / Westend61

Die aktuelle Corona-Lage

Guten Abend zur aktuellen Ausgabe des Corona-Daten-Updates. Ab kommenden Montag wird das öffentliche Leben in Deutschland für den kompletten November deutlich heruntergefahren – mit kleinen regionalen Unterschieden wie beispielsweise in Sachsen-Anhalt. Ziel der Eindämmungsmaßnahmen – dazu zählen unter anderem Kontaktbeschränkungen und das Schließen von Freizeit- und Gastronomie-Einrichtungen – ist es, die drastisch beschleunigte Ausbreitung des neuartigen Coronavirus zu stoppen.

Denn in einer solchen Situation befinden wir uns momentan. Der Virologe Christian Drosten hat am vergangenen Dienstag im NDR-Podcast "Coronavirus-Update" dafür als Vergleich das Bild eines Lkw verwendet, der schwer beladen einen Berghang hinunter fahren will und ungebremst früher oder später aus der Kurve fliegen würde.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin
Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin Bildrechte: dpa

Wenn wir schon eine ziemliche Fahrt aufgenommen haben, wie das jetzt vielleicht in Frankreich ist, wo extrem viel Inzidenz pro Tag aufgetreten ist, also unser Lastwagen ist schon ganz schön schnell, wie er diesen Berg runterfährt, da wird es nichts nützen, einmal für fünf Sekunden auf die Bremse zu treten. Das müssen wir immer wieder machen. Während wir hier gerade erst losrollen, also wir sind hier gerade aufs Gefälle gekommen, eigentlich fährt der Lkw noch ganz langsam, da reicht vielleicht einmal kräftig auf die Bremse treten noch ganz schön lange aus.

Das Coronavirus-Update von NDR Info, 27.10.2020

5 Gründe für strengere Eindämmungsmaßnahmen

Um in diesem Bild zu bleiben: Die kürzlich beschlossenen Maßnahmen sollen demnach als Bremse fungieren, um das sich immer weiter beschleunigende Infektionsgeschehen (den Lkw) wieder zu verlangsamen. Die folgenden fünf öffentlich verfügbaren Corona-Kennzahlen machen diese politische Entscheidung nachvollziehbar.

1. Immer mehr neue Corona-Fälle

Zuletzt gab es an drei Tagen infolge neuer Rekordwerte bei den deutschlandweit registrierten Corona-Fällen. So wurden am Freitagmorgen vom Robert Koch-Institut 18.681 neue Infektionen gemeldet, vor zwei Wochen lag der Wert noch bei etwa 7.300 und Anfang Oktober nur bei rund 2.500.

Die zunehmende Dynamik zeigt sich auch anhand der Testpositivrate, also dem Anteil der positiven Corona-Tests unter allen Tests innerhalb einer Kalenderwoche. Zuletzt stieg der Wert auf rund 5,6 Prozent – Anfang Oktober lag der Wert bei vergleichbaren Testzahlen noch bei etwas über 1,0 Prozent.

Einhergehend mit immer mehr Infektionen ist die zunehmende Be - und Überlastung der Gesundheitsämter, die vielerorts in Sachen Kontaktnachverfolgung und Quarantänemanagement an ihre Grenzen kommen werden und dort bereits sind. Würden die Fallzahlen ungebremst weiter ansteigen, wäre die konsequente Nachverfolgung von Kontaktpersonen und dem von ihnen ausgehenden Infektionsrisiko nicht mehr gewährleistet.

2. Coronavirus breitet sich in immer mehr Regionen aus

Die momentan wichtigste Coronavirus-Fallzahl ist die sogenannte 7-Tage-Inzidenz. Dieser Wert gibt an, wie viele nachgewiesene Corona-Neuinfektionen es in einem bestimmten Gebiet – etwa in einem Landkreis oder in einem Bundesland – in den jeweils vergangenen sieben Tagen gab. Die errechnete Summe der Neuinfektionen wird auf 100.000 Einwohner umgerechnet, damit verschieden große Regionen miteinander verglichen werden können.

Am 1. Oktober lag die für Deutschland errechnete 7-Tage-Inzidenz noch bei 15. Bis zum Freitag (30. Oktober) stieg der Wert bis auf 105. Auf Kreisebene liegen die Werte in den betroffenen Gebieten in Bayern und Nordrhein-Westfalen aktuell bei 250 bis 300. Nicht ein einziger Landkreis und nicht eine einzige kreisfreie Stadt ist momentan ohne neue Fälle. Das zeigt, wie sich das neuartige Virus wieder komplett über alle Regionen ausgebreitet und damit einhergehend auch das Ansteckungsrisiko zugenommen hat.

3. Ältere Menschen wieder zunehmend unter den Infizierten

Während in den Sommermonaten viele junge Menschen unter den Neuinfizierten vertreten waren, verlagert sich das Geschehen mehr und mehr wieder in ältere Bevölkerungsgruppen. "Insbesondere die Anstiege in den Altersgruppen der 60- bis 79-Jährigen und der über 80-Jährigen müssen genau beobachtet werden", heißt es dazu im RKI-Situationsbericht von vergangenem Dienstag. Einer aktuellen Analyse von ZEIT Online zufolge hat sich allgemein betrachtet die Infektionszahl der über 50-Jährigen zuletzt stark erhöht.

Diese Altersgruppe erkrankt häufig schwerer infolge einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus und muss infolge dessen auch häufiger beatmet werden. Dieser Trend soll durch massive Eindämmungsmaßnahmen ebenfalls eingebremst werden.

4. Rasanter Anstieg der Corona-Intensivpatienten

Dass die Infektionszahlen in allen Altersgruppen – und insbesondere unter alten Menschen – deutlich zugenommen hat, zeigt sich auch an der Zahl der COVID-19-Intensivpatienten. Am Freitag lag deren Zahl deutschlandweit bei 1.839 und hat sich innerhalb von nur zehn Tagen mehr als verdoppelt. Setzt sich dieser Trend fort, wird der bisherige Höchstwert aus dem April (2.935) demnächst überschritten.

Noch sind deutschlandweit rund 7.500 Intensivbetten gegenwärtig nicht belegt, weitere 12.700 könnten nach Angaben des "DIVI-Intensivregisters" innerhalb kurzer Zeit bereitgestellt werden. Zudem ist momentan auch die Zahl der belegten Betten relativ konstant, da nach Angaben des Intensivregisters Kliniken bereits dazu übergegangen sind, planbare und nicht dringliche Eingriffe zu verschieben und Kapazitäten der Intensivstationen für Covid-19-Patienten freizuhalten. Die Frage bei einem weiteren Anstieg der Intensivfälle wird allerdings sein, bis zu welchem Punkt noch genügend medizinisches und pflegerisches Personal vorhanden sein wird, um die Patienten angemessen versorgen zu können.

5. Todesfälle in Zusammenhang mit Corona-Infektionen steigen ebenfalls

Ebenfalls nicht außer Acht zu lassen bei der Bewertung der aktuellen Eindämmungsmaßnahmen ist die Zahl derer, die an oder mit einer Corona-Infektion sterben. Im Sommer sank der deutschlandweite Wert auf täglich drei bis sechs Todesfälle. Ende September stieg die Zahl – wenige Wochen zeitversetzt zu den steigenden Infektionszahlen – wieder an. In den vergangenen sieben Tagen starben pro Tag bereits wieder durchschnittlich 56 Menschen.

Was dennoch beachtet werden muss

Bis sich die Wirkung der ab kommenden Montag greifenden Maßnahmen bei den Infektionszahlen zeigen wird, werden mindestens zwei Wochen vergehen. Grund dafür ist der Zeitraum von Ansteckung über Symptome bis hin zum Test und dessen Erfassung in den Meldestatistiken. Was zudem bei jeder Betrachtung der verschiedenen Corona-Fallzahlen im Hinterkopf behalten werden muss: Nicht eine Kennzahl allein gibt allumfassend einen Einblick in das aktuelle Infektionsgeschehen, sondern immer nur die Gesamtschau aller relevanten Zahlen.

In dieser Betrachtung bewusst ausgeklammert wurden die finanziellen Folgen, die die Eindämmungsmaßnahmen für die Wirtschaftszweige haben, die im November mit massiven Umsatzeinbußen rechnen müssen. Inwiefern die beschlossenen Beschränkungen deswegen auch möglichst angemessen sind, ist Aufgabe der Politik. Auf der Entscheidungsebene sollten daher neben den gängigen Corona-Kennzahlen auch die Konsequenzen für all diejenigen berücksichtigt werden, die von den Einschränkungen beruflich wie privat betroffen sind.

Welche Auswirkungen den Menschen im Alltag bevorstehen, wie die politische Diskussion darum aussieht und ein noch ausführlicheres Daten-Update können Sie in der aktuellen Ausgabe des Podcasts "Was bleibt" nachhören:

Ein zweigeteiltes Bild. Auf der linken Seite ist Kanzlerin Merkel mit einer Maske zu sehen auf der rechten Seite ist eine Deutschlandkarte, die in verschiedene Rot- und Orangegetöne eingefärbt ist. 75 min
Bildrechte: MDR/ Datawrapper / dpa

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Fr 30.10.2020 14:34Uhr 74:53 min

Audio herunterladen [MP3 | 68,6 MB | 128 kbit/s] Audio herunterladen [MP4 | 136,6 MB | AAC | 256 kbit/s] https://www.mdr.de/mdr-sachsen-anhalt/podcast/was-bleibt/was-bleibt-Corona-massnahmen-politik-zahlen-update-102.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Daten-Update Sachsen-Anhalt

• Aktuell Infizierte (Schätzung): 1.909
• Gesamtzahl (Schätzung) der genesenen Patienten: 3.094
• Genesene Patienten (Schätzung) seit gestern: +56

• Gesamtzahl der Infektionen: 5.082
• Neuinfektionen seit gestern: +253

• Todesfall-Gesamtzahl im COVID-19-Zusammenhang: 79
• Todesfälle im COVID-19-Zusammenhang seit gestern: +1

• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 25
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 12

Datenquellen für Sachsen-Anhalt:

Daten-Update Sachsen

• Aktuell Infizierte (Schätzung): 7.312
• Gesamtzahl (Schätzung) der genesenen Patienten: 9.760
• Genesene Patienten (Schätzung) seit gestern: 280

• Gesamtzahl der Infektionen: 17.401
• Neuinfektionen seit gestern: +1.083

• Todesfall-Gesamtzahl im COVID-19-Zusammenhang: 329
• Todesfälle im COVID-19-Zusammenhang seit gestern: +19

• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 166
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 54

Datenquellen für Sachsen:

Daten-Update Thüringen

• Aktuell Infizierte (Schätzung): 1.959
• Genesene Patienten laut offiziellen Meldungen: 4.745
• Genesene Patienten seit gestern: +116

• Gesamtzahl der Infektionen: 6.910
• Neuinfektionen seit gestern: +269

• Todesfall-Gesamtzahl im COVID-19-Zusammenhang: 206
• Todesfälle im COVID-19-Zusammenhang seit gestern: +2

• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 29
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 8

Datenquellen für Thüringen:

Daten-Update Deutschland und weltweit

• Aktuell Infizierte (Schätzung): 143.645
• Gesamtzahl (Schätzung) der genesenen Patienten: 345.700
• Genesene Patienten (Schätzung) seit gestern: +6.500

• Gesamtzahl der Infektionen: 499.694
• Neuinfektionen seit gestern: 18.681

• Todesfall-Gesamtzahl im COVID-19-Zusammenhang: 10.349
• Todesfälle im COVID-19-Zusammenhang seit gestern: +77

• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 1.839
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 922

Datenquellen für Deutschland:

Update: Der Abschnitt "4. Rasanter Anstieg der Corona-Intensivpatienten" wurde um die Passage zu der konstanten Zahl der belegten Intensivbetten ergänzt.

Generelle Einschätzung der Daten

Es handelt sich sowohl regional als auch international um eine sehr dynamische Datenlage. Beinahe stündlich liefern einzelnen Kommunen, Landesbehörden oder internationale Stellen neue Zahlen. Dazu kommt ein teils erheblicher Meldeverzug, weshalb sich Angaben verschiedener Quellen unterscheiden können. Grundsätzlich stellt eine Daten-Übersicht wie diese deshalb immer nur eine Momentaufnahme dar.

Newsletter: Das Corona-Daten-Update

Zum Schluss empfehlen wir Ihnen noch unseren Newsletter zum Thema: In unserem Update zur Corona-Lage in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fassen wir für Sie zusammen was am Tag wichtig war und was für Sie morgen wichtig wird – montags bis freitags um 20 Uhr per Mail in Ihr Postfach. Hier geht es zur Anmeldung.

Grafik: Der Corona-Daten-Update Newsletter
Bildrechte: MDR | Grafik Florian Leue/Martin Paul

Quelle: MDR/mm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 30. Oktober 2020 | 19:00 Uhr

17 Kommentare

Matthi vor 4 Wochen

Wenn die Studien das bestätigen was vor dem Lockdown schon bekannt war wird der Lockdown nichts bringen weil Schulen und Kindergärten auf bleiben.

Mehr Infektionen als bekannt: Neue Studie zeigt Relevanz bevölkerungsweiter SARS-CoV-2-Antikörpertests auf
Eine neue Studie des Helmholtz Zentrums München kommt zu dem Ergebnis, dass sechsmal mehr Kinder in Bayern mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 infiziert waren als gemeldet. Dies verdeutlicht die Relevanz bevölkerungsweiter Antikörper-Screenings zur Überwachung des Pandemieverlaufs. Die Studie beschreibt außerdem einen neuen Ansatz, um Antikörper gegen SARS-CoV-2 mit besonders hoher Genauigkeit zu messen

Matthi vor 4 Wochen

Es wird ein Lockdown beschlossen was viele Bürger einschränkt vom Finanziellen brauchen wir nicht reden auf der anderen Seite werden Demonstrationen erlaubt wie jetzt wieder in Berlin wo klar ist das gegen Co.19 Regeln verstoßen wird. Die Politik macht sich unglaubwürdig.

Grosser Klaus vor 4 Wochen

In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau meinte Prof. Dr. Streeck: Er sei der Meinung, dass die Impfstoffe eher wenig wirksam sein könnten, so um 50 % und die Erwachsenen Ende des Winters durch sind.
Was viele vergessen: viele entwickeln keine Antikörper gegen Covid, bauen aber eine zelluläre Abwehr auf, die durch zytotoxische T-Zellen vermittelt wird. Diese Personen erscheinen in Antikörper-Screenings als nie infiziert, sind aber immun.
Man weiß es einfach nicht genau, wo wir stehen in der Pandemie (die Dunkelziffer wird nur geschätzt), ich glaube persönlich, dass es momentan der Höhepunkt ist, hoffentlich.

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