Datenanalyse zur Coronavirus-Pandemie Was Corona-Inzidenzwerte über das Infektionsgeschehen aussagen – und was nicht

Manuel Mohr
Bildrechte: MDR/Manuel Mohr

Immer mehr Regionen überschreiten den offiziellen Grenzwert der sogenannten 7-Tage-Inzidenz. Was genau der Wert überhaupt ist, was er aussagt und warum für die selbe Region drei verschiedene Werte existieren, das und mehr im Corona-Daten-Update.

Ausschnitt einer Deutschlandkarte mit farbigen Einfärbungen aller Landkreise und kreisfreien Städte. Je höher die 7-Tage-Inzidenz des neuartigen Coronavirus in der jeweilgen Bevölkerung ist, umso röter erscheint die Region. Im Vordergrund des Bildes steht der Schriftzug "Corona-Daten-Update".
Immer mehr rote Flecken: Die Deutschlandkarte mit den Regionen, die über dem Inzidenz-Grenzwert liegen. Bildrechte: MDR/Manuel Mohr

Die aktuelle Lage

Guten Abend zur aktuellen Ausgabe des Corona-Daten-Updates. Das Infektionsgeschehen rund um das neuartige Coronavirus "SARS-CoV-2" hat sich in der vergangenen Woche weiter rasant beschleunigt. Zuletzt wurden an zwei aufeinanderfolgenden Tagen jeweils mehr als 11.000 neue Corona-Fälle bundesweit an das Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet. Auch die Positivrate aller Coronatests stieg bei etwa gleichbleibender Testzahlen erneut an und liegt mittlerweile bei 3,6 Prozent:

Die Dimension der zunehmenden Infektionsdynamik zeigt sich auch an der Zahl der aktiven Fälle, also der momentan infizierten Menschen. Nach RKI-Schätzungen lag der Wert am Freitagmorgen deutschlandweit bei rund 83.000. Zum Vergleich: Vor einer Woche waren noch rund 51.000 Personen aktiv infiziert, vor zwei Wochen 33.000 und vor vier Wochen nur 22.000.

Und auch der aktuell wohl bedeutsamste Wert in der Corona-Pandemie, die sogenannte 7-Tage-Inzidenz, steigt immer weiter an. Knapp die Hälfte der rund 400 Landkreise und kreisfreien Städte liegen in dieser Kategorie mittlerweile über dem kritischen Grenzwert von 50.

Das steckt hinter der 7-Tage-Inzidenz

Der Wert gibt an, wie viele nachgewiesene Corona-Neuinfektionen es in einem bestimmten Gebiet – etwa in einem Landkreis oder in einem Bundesland – in den jeweils vergangenen sieben Tagen gab. Die errechnete Summe der Neuinfektionen wird dann auf 100.000 Einwohner umgerechnet. Warum das Umrechnen? Damit die Werte besser vergleichbar sind.

Ein fiktives Beispiel: 100 neue Fälle innerhalb von 7 Tagen klingen erst einmal sehr ernst. Jedoch ist es ein Unterschied, ob diese Fälle in einer Stadt wie Halle (rund 239.000 Menschen wohnen dort) oder in München (rund 1.560.000) festgestellt werden. In Halle würde sich basierend auf der Fallzahl 100 und der Bevölkerungszahl eine 7-Tage-Inzidenz von 41,84 ergeben, in München läge der Wert hingegen nur bei 6,41.

Was der Corona-Inzidenzwert aussagt

Die 7-Tage-Inzidenz ist zu einer wichtigen Orientierungshilfe geworden, weil damit das Infektionsgeschehen in den einzelnen Regionen in Deutschland wiedergeben wird. Die Zahl verdeutlicht, wie stark Corona-Infektionen innerhalb der Bevölkerung in einer bestimmten Region verbreitet sind. Betrachtet man die Entwicklung der Inzidenz über einen längeren Zeitraum, so lassen sich anhand steigender oder sinkender Werte Rückschlüsse über die Dynamik der Infektionen ziehen.

In Deutschland haben sich Bund und Länder darauf verständigt, ab einer 7-Tage-Inzidenz von 50 die betroffene Region als Gebiet mit erhöhtem Infektionsgeschehen zu betrachten, umgangssprachlich wird dabei immer wieder auch von "innerdeutschen Risikogebieten" gesprochen, auch wenn das genau genommen nicht korrekt ist.

In diesen Regionen gelten für die Menschen – je nach Allgemeinverfügung – strengere Corona-Auflagen wie eine erweiterte Maskenpflicht und ausgeweitete Kontaktbeschränkungen. In Sachsen-Anhalt müssen die Regionen bereits ab einem Inzidenzwert von 30 in Absprache mit dem Sozialministerium erste Eindämmungsmaßnahmen einleiten.

Was bei der Corona-Inzidenz beachtet werden muss

Auf den ersten Blick erscheint die Berechnung eines Inzidenzwertes mittels Fallzahl und Bevölkerungszahl recht simpel. Auf den zweiten Blick ergeben sich in der Praxis allerdings einige Unterschiede mit teilweise gravierenden Folgen. Grund dafür ist die Tatsache, dass nicht alle Institutionen, die 7-Tage-Inzidenzen berechnen und veröffentlichen, dies auf die gleiche Art und Weise tun. Folgenden drei Punkte gilt es zu beachten:

1. Welche Bevölkerungszahl wird verwendet?

Das RKI verwendete noch bis Anfang Oktober zur Berechnung der Inzidenzen die Bevölkerungszahlen vom 31.12.2018, bevor es auf neuere Werte umstieg:

In einem Telefonat mit MDR SACHSEN-ANHALT bestätigte hingegen das Sozialministerium von Sachsen-Anhalt, dass bereits seit Einführung der Inzidenz-Berechnung in der Corona-Pandemie die Bevölkerungszahlen vom 31.12.2019 genutzt werden. Der Burgenlandkreis im Süden Sachsen-Anhalts wiederum verwendet für seine Berechnung schon die Werte vom 31.03.2020.

Die Folge: In der Vergangenheit und teilweise auch noch bis heute können sich die Inzidenzen für ein und dieselbe Region unterscheiden, weil verschiedene Bevölkerungszahlen verwendet wurden und werden.

2. Zu welchem Zeitpunkt werden die Inzidenzen berechnet und veröffentlicht?

Ein großes Problem ist, dass nicht einheitlich geregelt ist, was genau die "vergangenen 7 Tage" bei der Inzidenz-Berechnung bedeuten. Jede Institution kann also selbst entscheiden, zu welchem Zeitpunkt die Daten der zurückliegenden sieben Tagen summiert werden und daraus der Inzidenz-Wert gebildet wird. Klingt kompliziert? Hier ein aktuelles Beispiel der Stadt Halle zum Zeitpunkt Freitag, 14.30 Uhr:

Die Stadt selbst gab den Inzidenzwert in einer Pressekonferenz um 13.00 Uhr mit 47,40 an. Damit liegt die Saalestadt nur noch knapp unter dem bundesweiten Grenzwert von 50 und bereits weit über dem landesweiten Wert von 30. Fast auf die Minute genau zeitgleich veröffentlicht das Sozialministerium neue Zahlen für alle Landkreise und kreisfreien Städte. Die Zahlen sind auf 10.26 Uhr datiert, für Halle wird ein Inzidenzwert 31,83 angegeben. Beim RKI hingegen werden die Daten immer mit Stand 00.00 Uhr veröffentlicht, dort steht Halle bei 31,0.

Ein Tag, drei Quellen, drei verschiedene Ergebnisse. Für diese teils gravierenden Unterschiede dürften mehrere Gründe eine Rolle spielen: Zunächst einmal sind die Zeiträume, die der jeweiligen Berechnung zugrunde liegen, nicht identisch. Während in der RKI-Berechnung keine Fälle vom Freitag auftauchen, sind sie in der Rechnung der Stadt selbst sehr wohl enthalten, beim Sozialministerium vermutlich nur teilweise. Darüber hinaus könnte auch hier wieder ein Umstand zum Tragen kommen, der bereits seit Beginn der Corona-Pandemie für Verwirrung sorgt.

Aufgrund von Übermittlungsverzug und Meldefehlern dauert es mehrere Stunden bis hin zu Tagen, ehe neue Fälle aus einer Region wie der Stadt Halle an Landes- und Bundesbehörden weitergeleitet werden. Einer aktuellen Recherche des SPIEGELs zufolge sind insbesondere die RKI-Angaben fehlerhaft und in fast jedem dritten Fall zu niedrig. Regionen, die eigentlich schon längst über dem Grenzwert von 50 lagen, waren in der RKI-Statistik deutlich darunter eingestuft. Oftmals hing es damit zusammen, dass dem RKI für einzelne Tage keine neuen Werte aus den Regionen vorlagen. Die 7-Tage-Inzidenz wurde dann nur mit Werten von 6 Tagen berechnet, das Ergebnis war folglich niedriger als in der Realität.

3. Welches Infektionsgeschehen verbirgt sich hinter hohen Inzidenzen?

Anhang eines Inzidenzwerts kann abgelesen werden, wie stark das momentan Infektionsgeschehen einer Region ist. Allerdings ist an dem Wert allein nicht ablesbar, welche Infektionsgeschehen für einen hohen Wert verantwortlich ist. 50 Fälle in einem eingrenzbarem Cluster – beispielsweise einem Pflegeheim oder einer Feiergesellschaft, die im gleichen Ort wohnt und nicht sehr mobil ist – sind anders zu beurteilen als 50 Fälle, die sich über den gesamten Landkreis verteilen und diffuse oder nicht nachvollziehbare Infektions- und Kontaktketten nach sich ziehen.

Fazit: Die 7-Tage-Inzidenzen sind in der momentanen Pandemie-Phase ein wichtiger Orientierungswert. Unterschiedliche Berechnungsgrundlagen und Veröffentlichungszyklen erschweren diese allerdings erheblich. In Sachsen-Anhalt beispielsweise veröffentlichen momentan 7 der 14 Regionen eigene Inzidenzwerte, allesamt zu unterschiedlichen Zeitpunkten und mit vom Ministeriums abweichenden Werten.

Wie schon in der Vergangenheit bei anderen Kennzahlen wie der Verdopplungszeit oder der Reproduktionszahl sollten auch die Inzidenzwerte nie allein betrachtet werden. Wichtig ist immer der Gesamtkontext aller relevanten Fallzahlen im Bewusstsein um deren individueller Vor- und Nachteile. Wie sich diese Fallzahlen entwickelt haben, können Sie wie gewohnt den folgenden Abschnitten entnehmen.

Daten-Update Sachsen-Anhalt

• Landesweite 7-Tage-Inzidenz: 25,83
• Deutschlandweite 7-Tage-Inzidenz: 60,30

• Aktuell Infizierte (Schätzung): 899
• Gesamtzahl (Schätzung) der genesenen Patienten: 2.791
• Gesamtzahl der Infektionen: 3.763

• Todesfall-Gesamtzahl im COVID-19-Zusammenhang: 73

• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 18
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 5

Datenquellen für Sachsen-Anhalt:

Daten-Update Sachsen

• Landesweite 7-Tage-Inzidenz: 59,00
• Deutschlandweite 7-Tage-Inzidenz: 60,30

• Aktuell Infizierte (Schätzung): 4.113
• Gesamtzahl (Schätzung) der genesenen Patienten: 8.120
• Gesamtzahl der Infektionen: 12.512

• Todesfall-Gesamtzahl im COVID-19-Zusammenhang: 273

• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 102
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 35

Datenquellen für Sachsen:

Daten-Update Thüringen

• Landesweite 7-Tage-Inzidenz: 31,10
• Deutschlandweite 7-Tage-Inzidenz: 60,30

• Aktuell Infizierte (Schätzung): 1.064
• Genesene Patienten laut offiziellen Meldungen: 4.244
• Gesamtzahl der Infektionen: 5.512

• Todesfall-Gesamtzahl im COVID-19-Zusammenhang: 204

• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 24
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 4

Datenquellen für Thüringen:

Daten-Update Deutschland und weltweit

• Deutschlandweite 7-Tage-Inzidenz: 60,30
• Aktuell Infizierte (Schätzung): 83.137
• Gesamtzahl (Schätzung) der genesenen Patienten: 310.200

• Gesamtzahl der Infektionen: 403.291
• Neuinfektionen seit gestern: 11.242

• Todesfall-Gesamtzahl im COVID-19-Zusammenhang: 9.954
• Todesfälle im COVID-19-Zusammenhang seit gestern: 49

• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 1.121
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 484

Datenquellen für Deutschland:

Generelle Einschätzung der Daten

Es handelt sich sowohl regional als auch international um eine sehr dynamische Datenlage. Beinahe stündlich liefern einzelnen Kommunen, Landesbehörden oder internationale Stellen neue Zahlen. Dazu kommt ein teils erheblicher Meldeverzug, weshalb sich Angaben verschiedener Quellen unterscheiden können. Grundsätzlich stellt eine Daten-Übersicht wie diese deshalb immer nur eine Momentaufnahme dar.

Newsletter: Das Corona-Daten-Update

Zum Schluss empfehlen wir Ihnen noch unseren Newsletter zum Thema: In unserem Update zur Corona-Lage in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fassen wir für Sie zusammen was am Tag wichtig war und was für Sie morgen wichtig wird – montags bis freitags um 20 Uhr per Mail in Ihr Postfach. Hier geht es zur Anmeldung.

Grafik: Der Corona-Daten-Update Newsletter
Bildrechte: MDR | Grafik Florian Leue/Martin Paul

Quelle: MDR/mm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 23. Oktober 2020 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

Grosser Klaus vor 5 Wochen

Es ist vollkommen egal, ob die Infektionszahlen etwas zu hoch oder etwas zu niedrig angegeben werden. Es ist einerlei, ob der Tageswert oder die 7 Tages-Inzidenz angegeben wird. Ohne die gleichzeitige Nennung der Anzahl der durchgeführten Tests, der tatsächlich Erkrankten und der tatsächlich so schwer Erkrankten, dass diese im Krankenhaus behandelt werden müssen, noch einmal abgetrennt von den Zahlen der intensivpflichtigen und davon noch einmal abgetrennt die der Beatmeten. Alle anderen Zahlen sind nichts wert, wenn sie nicht im Zusammenhang betrachtet worden.

Grosser Klaus vor 5 Wochen

Dass der Lockdown damals bundesweit beschlossen wurde, weil man nicht wusste, wie viele Menschen intensiv medizinisch hätten betreut werden müssen und man keine italienischen Verhältnisse hier haben wollte. Damals war einfach ein ganz anderer Kenntnisstand als heute.
Aber jetzt geht es doch darum, zu schauen, wie groß die Durchseuchung ist und wie viele Intensivbetten für die sogenannten Risikopatienten nötig sind plus der geringen Anzahl derer, die es auch hart trifft, obwohl sie ansonsten gesund erscheinen. Ansonsten überstehen ja die meisten Leute, Gott sei Dank, Covid-19 recht glimpflich. Um einen erneuten Lockdown abzuwenden, sind Zahlen, die den Krankheitsverlauf berücksichtigen, einfach notwendig. Alles andere ist verantwortungslos.

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