Datenanalyse zur Coronavirus-Pandemie Wie Gesundheitsämter die vielen neuen Corona-Fälle meistern (müssen)

Manuel Mohr
Bildrechte: BR/Philipp Kimmelzwinger

Deutschlandweit sind die Corona-Fallzahlen zuletzt immer deutlicher angestiegen. Mit welchen Problemen die Gesundheitsämter beim Aufspüren der vielen neuen Infektionsketten und Kontaktpersonen zu kämpfen haben, das und mehr im Corona-Daten-Update.

Zwei Personen in weißen Schutzanzügen und mit Mund-Nasen-Masken blicken in einem Büro auf eine Liste auf dem Schreibtisch.
Mehr Infektionen bedeuten für die Gesundheitsämter auch mehr Arbeit bei der Nachverfolgung von Kontaktpersonen. Bildrechte: MDR

Die aktuelle Lage

Guten Abend zur aktuellen Ausgabe des Corona-Daten-Updates. In den vergangenen Tagen sind die Corona-Infektionszahlen deutschlandweit sprunghaft angestiegen. Am Donnerstag und Freitag lag die Zahl der neu registrierten Fälle jeweils bei über 4.000. Besonders betroffen sind momentan die Bundesländer Berlin, Bremen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen sowie Teile von Niedersachsen und Hessen:

In Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen sind die Inzidenzen – also die Zahl der neuen Infektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen – weiterhin deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt. Sachsen-Anhalt hat momentan bundesweit sogar die niedrigste Inzidenz, die durchschnittliche Zahl der positiven Coronatests pro Tag ist seit Ende September stabil. Gewisse Ähnlichkeit hat die aktuelle Situation damit zur Lage Anfang März, als bundesweit die Fallzahlen erstmals in die Höhe schnellten, in Sachsen-Anhalt jedoch einige Wochen zeitverzögert.

Doch auch hierzulande befinden sich wieder mehr Menschen infolge eines schweren COVID-19-Krankheitsverlaufs in intensivmedizinischer Behandlung als noch vergangene Woche. Damit folgt Sachsen-Anhalt einem bundesweiten Trend. Am Freitag lag der Wert für Deutschland erstmals seit Mitte Juni bei über 500 Intensivpatienten.

Und auch die Reproduktionszahl R, die angibt, wie viele Menschen ein Corona-Infizierter rein rechnerisch ansteckt, lag zuletzt oftmals leicht über dem kritischen Wert von 1. Das bedeutet, dass sich der neuartige Coronavirus wieder exponentiell ausbreitet. Und es bedeutet auch, dass auf die Gesundheitsämter wieder mehr Arbeit als ohnehin schon zukommt.

Große Herausforderung für Gesundheitsämter

Seit Beginn der Corona-Pandemie kümmern sich die bundesweit rund 400 Gesundheitsämter unter anderem auch um die Nachverfolgung von Kontaktpersonen der Corona-Infizierten. Bereits Ende März beschlossen Bund und Länder, dass die Gesundheitsämter pro 20.000 Einwohner ein Kontaktnachverfolgungsteam mit fünf Personen bereitstellen sollen.

Doch sowohl im Mai als auch im Juli konnten diese Vorgaben von nahezu keinem der 14 Gesundheitsämter in Sachsen-Anhalt eingehalten werden. Das ergaben Recherchen des MDR. Die vollständige Nachverfolgung war aber dennoch gewährleistet. Eine Umfrage von MDR SACHSEN-ANHALT bestätigt dieses Bild. Von den acht Ämtern, die innerhalb einer Woche geantwortet haben, erfüllen rein rechnerisch nur zwei die bundesweiten Vorgaben. Das liegt vor allem am Personalbestand.

Fachfremde müssen aushelfen

So müssten theoretisch im Landkreis Anhalt-Bitterfeld 40 Personen für die Nachverfolgung eingesetzt werden, in der Praxis sind es gegenwärtig acht. Im Harz müssten es 53 Personen sein, tatsächlich waren es bislang maximal zehn. Und in Magdeburg müssten nach dem Bund-Länder-Beschluss sogar 59 Personen für die Nachverfolgung eingesetzt werden. Doch so viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Bürokapazitäten habe das Amt gar nicht, so Amtsarzt Dr. Eike Hennig. Stattdessen kümmerten sich zum Stichtag 30. September sieben Personen um die Nachverfolgung. Angesichts der gegenwärtig moderaten Fallzahlen sei eine vollständige Nachverfolgung auch so gewährleistet. Im Bedarfsfall könnte das Nachverfolgungsteam zudem innerhalb kürzester Zeit aufgestockt werden.

Ähnlich äußerten sich auch die anderen Gesundheitsämter. Je nach Infektionslage werden – auch fachfremde – Gesundheitsamts-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter hinzugezogen.

Dies gehe natürlich dann auch zulasten der Aufgaben, die dann nicht abgearbeitet werden können. In Regionen wie dem Landkreis Stendal oder im Harz helfen zudem auch Kräfte der Bundeswehr oder Containment-Scouts des Robert Koch-Instituts (RKI) bei der Nachverfolgung. Generell stoßen die Gesundheitsämter beim Aufstocken des Personalbestands dennoch an ihre Grenzen:

Mitarbeiter aus den allgemeinen Bereichen der Verwaltung können nicht uneingeschränkt in die Gesundheitsämter abgeordnet werden, da es hier klare fachliche Grenzen gibt. So fehlt einem allgemeinen Verwaltungsmitarbeiter beispielsweise das fachliche Rüstzeug, um bei der Kontaktpersonennachverfolgung Aussagen über teststrategische Ansätze, Quarantäne- und Isolierungsanordnungen zu treffen. Die entscheidenden Mitarbeiter bei pandemischen Lagen sind die im Gesundheitsamt tätigen Ärzte und Hygieneaufseher, deren Anzahl in der augenblicklichen Situation wohl deutschlandweit überwiegend unzureichend ist.

Claudia Hopf-Koßmann, Pressesprecherin Landkreis Jerichower Land

Nachverfolgung wird zusätzlich erschwert

Neben Personalknappheit, vor allem im medizinischen Bereich, gibt es eine Reihe von weiteren Problemen, die die Nachverfolgung erschweren:

• Viele Menschen, die im Rahmen der Kontaktnachverfolgung angerufen werden, haben medizinische Fachfragen, die nur von Fachpersonal beantwortet werden können.

• Einige zeigen sich wenig bis gar nicht kooperativ, wenn es um die häusliche Quarantäne geht.

• Ebenso zeitaufwendig wird es, wenn sogenannte Aussteigerkarten von Reiserückkehrern oder Teilnehmerlisten von Veranstaltungen unleserlich oder unvollständig ausgefüllt sind.

• Und auch die Kommunikation der Gesundheitsämter untereinander sowie mit Hausärzten und Fieberambulanzen sei bei weitem nicht immer reibungslos.

Fazit: Die im März beschlossene Vorgabe kann in vielen Fällen nicht eingehalten werden, weil es schlichtweg nicht möglich ist, die Kapazitäten derart auszuweiten. Ein Landkreis spricht sogar von einer "willkürlich gegriffenen Zahl, die jeder gesetzlichen Grundlage entbehrt". Die Nachverfolgung konnte bislang dennoch gewährleistet werden, auch wenn alle Beteiligten seit Monaten "an oder über ihren physischen und psychischen Belastungsgrenzen" arbeiten.

Daten-Update Sachsen-Anhalt

• Aktuell Infizierte (Schätzung): 368
• Gesamtzahl (Schätzung) der genesenen Patienten: 2.446
• Genesene Patienten (Schätzung) seit gestern: +19

• Gesamtzahl der Infektionen: 2.882
• Neuinfektionen seit gestern: +27

• Todesfall-Gesamtzahl im COVID-19-Zusammenhang: 68
• Todesfälle im COVID-19-Zusammenhang seit gestern: +/-0

• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 10
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 6

Datenquellen für Sachsen-Anhalt:

Daten-Update Sachsen

• Aktuell Infizierte (Schätzung): 1.188
• Gesamtzahl (Schätzung) der genesenen Patienten: 6.810
• Genesene Patienten (Schätzung) seit gestern: +40

• Gesamtzahl der Infektionen: 8.247
• Neuinfektionen seit gestern: +254

• Todesfall-Gesamtzahl im COVID-19-Zusammenhang: 249
• Todesfälle im COVID-19-Zusammenhang seit gestern: +3

• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 20
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 7

Datenquellen für Sachsen:

Daten-Update Thüringen

• Aktuell Infizierte (Schätzung): 345
• Genesene Patienten laut offiziellen Meldungen: 3.845
• Genesene Patienten seit gestern: +15

• Gesamtzahl der Infektionen: 4.385
• Neuinfektionen seit gestern: +68

• Todesfall-Gesamtzahl im COVID-19-Zusammenhang: 195
• Todesfälle im COVID-19-Zusammenhang seit gestern: +/-0

• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 8
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 2

Datenquellen für Thüringen:

Daten-Update Deutschland

• Aktuell Infizierte (Schätzung): 33.271
• Gesamtzahl (Schätzung) der genesenen Patienten: 271.800
• Genesene Patienten (Schätzung) seit gestern: +2.200

• Gesamtzahl der Infektionen: 314.660
• Neuinfektionen seit gestern: +4.516

• Todesfall-Gesamtzahl im COVID-19-Zusammenhang: 9.589
• Todesfälle im COVID-19-Zusammenhang seit gestern: +11

• COVID-19-Patienten auf Intensivstationen: 509
• COVID-19-Patienten, die beatmet werden müssen: 252

Datenquellen für Deutschland:

Generelle Einschätzung der Daten

Es handelt sich sowohl regional als auch international um eine sehr dynamische Datenlage. Beinahe stündlich liefern einzelnen Kommunen, Landesbehörden oder internationale Stellen neue Zahlen. Dazu kommt ein teils erheblicher Meldeverzug, weshalb sich Angaben verschiedener Quellen unterscheiden können. Grundsätzlich stellt eine Daten-Übersicht wie diese deshalb immer nur eine Momentaufnahme dar.

Newsletter: Das Corona-Daten-Update

Zum Schluss empfehlen wir Ihnen noch unseren Newsletter zum Thema: In unserem Update zur Corona-Lage in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fassen wir für Sie zusammen was am Tag wichtig war und was für Sie morgen wichtig wird – montags bis freitags um 20 Uhr per Mail in Ihr Postfach. Hier geht es zur Anmeldung.

Grafik: Der Corona-Daten-Update Newsletter
Bildrechte: MDR | Grafik Florian Leue/Martin Paul

Quelle: MDR/mm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 09. Oktober 2020 | 12:00 Uhr

3 Kommentare

Grosser Klaus vor 1 Wochen



Auch wenn es so wäre, dass der Virus sich gleichmäßiger verteilt, so sollte sich Herr Drosten zurückhalten. Er hat einen enormen Einfluss auf die Entscheidungen anderer, selbst wenn er meint, nur Ratschläge geben zu wollen. Das ist ihm wahrscheinlich auch bewusst. Von daher handelt er vorsätzlich und wagt sich auf Themengebiete vor, die ihn nichts angehen, geschweige denn, dass er Experte für Verfassungsrecht, Recht im Allgemein usw. ist.

Nebenbei, die derzeitigen durch Zwang geltenden Maßnahmen - egal welche - sind sinnlos und müssen mit sofortiger Wirkung vollständig aufgehoben werden. Des Weiteren muss die epidemische Notlage ebenfalls mit sofortiger Wirkung aufgehoben werden.

Grosser Klaus vor 1 Wochen

Ich halte gerade, die Deutsche Ausgabe, der Le Monde Diplomatique vom Oktober 2020, in meinen Händen und bin „entsetzt“ kein einziger Artikel über Corona.

Grosser Klaus vor 1 Wochen

Die als Coronaleugner diffamierten Nutzer haben folgende Meinung zu dem Sars-CoV-2 Virus: Das Sars-CoV-2 Virus ist existent und kann bei manchen Menschen leichte bis mittelschwere respiratorische Infekte auslösen.
Schwere Verläufe sind in der Regel nicht zu erwarten, können aber wie bei allen anderen Virusinfektionen auch, aufgrund von internistischen Vorerkrankungen nicht ausgeschlossen werden.
Die als bezeichneten Coronaleugner sind Menschen, deren Empathie und Urteilsvermögen sich noch nicht durch Angst und Panik auf ein Minimum reduziert hat. Menschen die andere als Coronaleugner bezeichnen sind vorübergehend auf verschiedenen Ebenen unverschuldet stark eingeschränkt.

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