Der Corona-Effekt Wie Corona Sachsen-Anhalts Arbeitsmarkt trifft

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Welche Folgen haben Corona-Lockdown, geschlossene Schulen, Restaurants und Geschäfte für den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt? Noch nie musste so oft Kurzarbeit beantragt werden, wie in den letzten Monaten. MDR SACHSEN-ANHALT hat die Daten und Statistiken der Arbeitsagentur ausgewertet. Teil 1 unseres Schwerpunkts zum Arbeitsmarkt in Sachsen-Anhalt.

Die Grafik zeigt die Anzahl der Menschen, für die Kurzarbeit angezeigt und in Anspruch genommen wurde von der Finanzkrise 2009 bis zum Corona-Lockdown im April 2020 in Sachsen-Anhalt.
Anstieg der Kurzarbeit während der Finanzkrise 2009 und ab März 2020. Bildrechte: Bundesagentur für Arbeit | Grafik MDR/Martin Paul

Die Corona-Krise hat Folgen für Arbeitnehmer, Selbstständige und Unternehmen – und schlägt sich auf den gesamten Arbeitsmarkt nieder: gestiegene Arbeitslosigkeit, eine höhere Unterbeschäftigung, weniger freie Stellen. Das ist kaum zu übersehen.

Trotzdem sagt der Geschäftsführer der Bundesagentur für Arbeit der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen (BA), Markus Behrens, in einer Rückschau auf die Monate März bis Juli 2020: "Der Arbeitsmarkt befindet sich nach dem Corona-Schock in einer Stabilisierungsphase. Sachsen-Anhalt kommt derzeit mit einem blauen Auge durch die Krise."

Auch Wirtschaftsminister Armin Willingmann bilanzierte Ende Juli, der Wirtschaft gehe es in weiten Teilen wieder gut. Die Maßnahmen und Soforthilfen für Unternehmen hätten gewirkt.

Aber worin zeigt sich, dass Sachsen-Anhalt mit einem "blaue Auge" davon gekommen ist. Wie werden die Schwere und der Schaden für Arbeitnehmer und Wirtschaft bestimmt? Wie lässt sich der sogenannte Corona-Effekt messen?

Zwei Werte werden in diesem Zusammenhang genannt: Zum einen die Kurzarbeit und zum anderen die Zahl der Arbeitslosen.

Auf dem Höhepunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 haben im Mai 2009 24.588 Menschen in Sachsen-Anhalt Kurzarbeit beantragt. Während des Corona-Lockdowns im April 2020 wurde für 123.450 Personen Kurzarbeit beantragt. (Die Zahlen der realisierten, das heißt in Anspruch genommenen Kurzarbeitergelder sind hochgerechnet und vorläufig.)

Die Kurzarbeit

Als eine wichtige Kennzahl kann man die Kurzarbeit nehmen. Die Kurzarbeit ist eine Lohnfortzahlung, durch die Entlassungen und Arbeitslosigkeit vermieden werden soll, wenn Unternehmen Aufträge und Umsätze wegbrechen. Sie ist also ein gutes Signal dafür, wie die Unternehmen wirtschaftlich stehen.

Die Bundesregierung hatte zu Beginn der Schließungen von Geschäften und Schulen im März mit dem "Gesetz zu Erleichterungen der Kurzarbeit" zahlreiche Vereinfachungen der Kurzarbeiterregelungen beschlossen. Ziel war, Unternehmen und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wegen der Geschäftsschließungen, Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen den Zugang zu den Hilfszahlungen zu erleichtern.

Diese Arten der Kurzarbeit gibt es

Was das Kurzarbeitergeld genau bedeutet, wer es beantragen kann und für wen es gilt: Hier gibt es die Informationen der Arbeitsagentur für Arbeit.

In dieser Betrachtung ist das sogenannte konjunkturelle Kurzarbeitergeld nach § 96 SGB III von Belang.

Außerdem gibt es noch das Saison-Kurzarbeitergeld, das laut Arbeitsagentur vom Arbeitgeber beantragt werden kann, wenn in Baubetrieben in der Schlechtwetterzeit witterungsbedingt oder aufgrund von Auftragsmangel nicht gearbeitet werden kann.

Des weiteren gibt es noch das sogenannte Transfer-Kurzarbeitergeld nach § 111 SGB III. Diese Hilfsleistungen können beantragt werden, um bei betrieblichen Umstrukturierungen Entlassungen zu vermeiden. Mit dieser Hilfe soll die Vermittlung von Beschäftigten in neue Arbeitsverhältnisse gefördert werden.

Grundsätzlich muss die Kurzarbeit vor der Bewilligung angezeigt werden. Aus diesem Grund kann die Zahl derjenigen, die das Kurzarbeitergeld dann tatsächlich in Anspruch nehmen, abweichen.

Und die Hilfen wurden benötigt. Mehr als 220.000 Menschen mussten in Sachsen-Anhalt Kurzarbeit in Anspruch nehmen. Deutlich mehr als zur Wirtschafts- und Finanzkrise in den Jahren 2008/2009. Arbeitsagentur-Geschäftsführer Behrens sagte: "Um die Dimension zu verdeutlichen: Im gesamten Jahr 2009 gab es damals nur 4.000 Anzeigen".

Bundesweit ist im April 2020, dem Monat mit dem höchsten Wert, für mehr als acht Millionen Menschen Kurzarbeit angezeigt, also beantragt worden. Von März bis Juli wurden für mehr als 12 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern Kurzarbeit angezeigt.

Zum Vergleich: 2019 waren es in den gleichen Monaten insgesamt Anträge für 1,1 Millionen Beschäftigte.

Und auch in Sachsen-Anhalt zeigen die Zahlen die Auswirkungen der Geschäftsschließungen.

Laut Arbeitsagentur ist von März bis Juli für insgesamt 226.600 Beschäftigte Kurzarbeit beantragt worden. Waren im März noch 8.800 Betriebe betroffen, mussten zum Höhepunkt im April 15.000 Firmen Kurzarbeit für ihre Mitarbeiter anzeigen. Jedoch sinken die Zahlen danach schnell. Im Juli gab es nur noch für 4.000 Beschäftige neue Anzeigen für Kurzarbeit.

Auch hier zum Vergleich: Im Jahr 2019 lag in der Vergleichsmonaten der Wert bei 3.400 Personen.

Wie stark konkret die Corona-Krise die Arbeitslosigkeit, freie Stellen und Ausbildung in Sachsen-Anhalt beeinflusst, lesen Sie hier.

Wie sich die Kurzarbeit auswirkt

In den Statistiken der Arbeitsagentur lässt sich gut herauslesen, dass Sachsen-Anhalt sich im Trend wahrscheinlich schneller erholen wird, als es beispielsweise in Thüringen oder Sachsen der Fall ist. Ein Grund könnte dafür sein: Sachsen-Anhalt hat weniger produzierendes und verarbeitendes Gewerbe als Thüringen und Sachsen. Ein Nachteil wird an dieser Stelle zum Vorteil.

Da seit Juni die Anträge hauptsächlich aus Unternehmen des produzierenden und verarbeitenden Gewerbes kommen, sind auch weniger Unternehmen aus Sachsen-Anhalt davon betroffen.

Arbeitsagentur-Geschäftsführer Behrens erklärte den Effekt folgendermaßen: "Während zu Beginn der Krise etwa zwei Drittel der von Anzeigen betroffenen Personen aus dem Dienstleistungssektor kamen, sind jetzt über 80 Prozent der von Kurzarbeitsanzeigen betroffenen Beschäftigten aus dem produzierenden Gewerbe. Nur noch knapp 19 Prozent sind aus dem Dienstleistungsbereich."

Das heißt: Analog zu den Kontaktverboten, den Schließungen von Geschäften, Schulen, Restaurants, Museen und Praxen sind Firmen und Beschäftigte des Dienstleistungssektors in Not geraden. Mit den zunehmenden Lockerungen hat jedoch die Industrie noch stärker mit den Corona-Folgen zu kämpfen.

Chronologie der Corona-Schließungen

  • Am 10. März empfiehlt die Bundesregierung alle Großveranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern abzusagen. In Sachsen-Anhalt werden die ersten Corona-Fälle gemeldet.
  • Am 12. März schließt Halle alle Kitas und Schulen.
  • Ab 16. März werden landesweit alle Kitas und Schulen geschlossen.
  • Am 18. März tritt die 1. Eindämmungsverordnung in Sachsen-Anhalt in Kraft. Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern werden verboten, Geschäfte, Gaststätten, Kinos, Spielplätze werden geschlossen.
  • Am 24. März tritt die 1. Eindämmungsverordnung in Sachsen-Anhalt in Kraft. Mehr als zwei Personen dürfen sich nicht mehr treffen.
  • Am 30. März veröffentlicht Sachsen-Anhalt Soforthilfe-Anträge für Kleinunternehmen. Bis zum Ende des Tages gehen fast 15.000 Anträge ein.
  • Auch über die Osterfeiertage gelten die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen.
  • Ab 20. April dürfen Geschäfte wieder öffnen, die nicht größer als 800 Quadratmeter sind. Die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes wird drei Tage später eingeführt.
  • Ab AnfangMai dürfen Friseure wieder öffnen, die Notbetreuung für Kindergärten wird erweitert, Gottesdienste können wieder stattfinden.
  • Ab 18. Mai können Gaststätten wieder öffnen und eine Woche später dürfen Hotels wieder Urlauber beherbergen.
  • Ende Mai dürfen Schwimmbäder, Kinos und Theater wieder öffnen.
  • Am 2. Juni findet wieder ein zwar eingeschränkter, aber regelmäßiger Betrieb an den Kitas und Schulen in Sachsen-Anhalt statt.
  • Hier lesen Sie die ganze Chronologie der Corona-Krise.

Der Corona-Effekt

Neben der Kurzarbeit kann man auch den sogenannten Corona-Effekt in den Statistiken der Arbeitsagentur sehen. Also die Zahl der Arbeitslosen, die Aufgrund der Folgen der Corona-Pandemie zwischen März und Juli ihre Arbeit verloren haben, nicht vermittelt werden konnten oder Maßnahmen zur Weiterbildung und Qualifizierung nicht antreten konnten.

Laut Arbeitsagentur betrifft das im Zeitraum März bis Juli 2020 insgesamt 17.300 Menschen. Um diesen Wert liegen die Arbeitslosenzahlen höher, als im vergleichbaren Zeitraum im Jahr 2019. Und das trotz der regelmäßigen sogenannten Frühjahrsbelebung, also dem Rückgang der Arbeitslosenzahlen. Zum Sommer steigen laut Arbeitsagentur in der Regel die Arbeitslosenzahlen wieder an, unter anderem deswegen, weil im Juni viele Ausbildungen enden und sich viele arbeitslos melden.

Der Corona-Effekt bei der Arbeitslosenquote beträgt 1,5 Prozentpunkte. Insgesamt hat damit Sachsen-Anhalt eine Arbeitslosenquote von 8 Prozent. Ohne die Folgen der Corona-Krise läge die Arbeitslosenquote bei 6,5 Prozent.

Im Deutschlandvergleich hat Sachsen-Anhalt damit die fünfthöchste Arbeitslosenquote. Die höchste Quoten hat Bremen und Berlin.

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Martin Paul ist Teil des Online-Teams von MDR SACHSEN-ANHALT und begeistert von den Möglichkeiten und Ausdrucksformen des digitalen Journalismus - Daten und Code, Visualisierung und Video, Longread und Ticker, Social-Media und Dialog. Was ihn umtreibt? Besonders die Frage, wie man das Netz frei und offen gestalten und Teilhabe garantieren kann.

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 30. Juli 2020 | 13:00 Uhr

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