#miteinanderstark Kinos in Zeiten von Corona: Das Schweigen der Projektoren

Florian Leue
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Die Filmbranche ist genauso von den Corona-Maßnahmen betroffen, wie viele andere Bereiche. Vor allem kleinere Programmkinos sind bedroht – alle Lichtspielhäuser im Land mussten schließen. Doch so düster die Aussichten für viele auch sind – in der Kinolandschaft herrscht gerade jetzt große Solidarität und Kreativität.

Leere Sitzreihen in einem Kinosaal
Kinos sind durch die Folgen des Coronavirus' stark betroffen. Bildrechte: MDR/imago images/Frank Sorge

Es sind über 20 Grad an diesem April-Tag. Die Sonne scheint auf den Innenhof des Moritzhofes in Magdeburg. Es könnte ein idyllisches Bild sein, wenn man nicht wüsste, dass durch die Corona-Pandemie, die Ruhe auf dem Hof noch eine ganze Weile bestehen bleiben wird. Und das ist für den Moritzhof nicht gut – denn das soziokulturelle Zentrum im Magdeburger Stadtteil Neue Neustadt ist vorrangig ein Programmkino. Eines von zweien in der Landeshauptstadt.

"Die Leute gehen nicht doppelt ins Kino"

Christoph Hackel vom Moritzhof
Christoph Hackel vom Moritzhof: "Filme gehören auf die große Leinwand". Bildrechte: MDR/Florian Leue

Und wie alle 41 Kinos in Sachsen-Anhalt muss auch der Moritzhof seit Mitte März geschlossen bleiben. "Kino ist hier unser täglich Brot", sagt Christoph Hackel, Geschäftsführer der Einrichtung. Man sei zwar ein soziokulturelles Zentrum, das auch viel drumherum mache, aber "tägliche Veranstaltungen, das ist halt das Kinoprogramm".

Viele Filme, von denen sie sich hier viel versprochen haben, können nun vorerst nicht gezeigt werden. Und auch die Französische Filmwoche und das spanischsprachige Programm Cinespañol mussten dem Coronavirus weichen. "Ich weiß auch gar nicht, wie das alles nachgeholt werden soll." Denn auch wenn die Maßnahmen irgendwann gelockert werden sollten, fehlen die Besucher der vergangenen Monate. "Man wird das natürlich nicht wieder aufholen können, weil die Leute gehen ja nicht doppelt soviel ins Kino", so Hackel.

Eine Film-Ballung in der zweiten Jahreshälfte

Vor einer problematischen Veröffentlichung von Filmen warnt auch der Verband der unabhängigen Filmverleiher (AG Verleih). Kurzfristig seien die Kinos und die Filmwirtschaft von der Corona-Krise natürlich erst einmal dadurch betroffen, dass alle Kinos geschlossen sind und somit keine neuen Filme gezeigt werden. Mittelfristig sieht die AG Verleih aber ein völlig überfülltes zweites Kinohalbjahr, in dem sich alle neuen Starts ballen – wobei viele Kinos auch nur beschränkte Kapazitäten hätten, was die Situation dann noch zusätzlich verschärfe.

Harte Zeiten für Kinos

Der Eingangsbereich des Kinos "Burg-Theater" mit Eingangsschildern
Auch das Burg Theater muss aufgrund der Corona-Krise geschlossen bleiben. Bildrechte: MDR/Florian Leue

Im Kino "Burg Theater" in Burg hofft man ebenfalls auf eine baldige Entspannung der Situation – allerdings mache man sich dort auch keine Illusionen. "Kinos werden beim Wiederanfahren des sozialen Lebens nicht zu den Ersten gehören", sagt Kinoleiter Jochen Frankl. "Wir haben harte Zeiten vor uns."

Erfahrungsgemäß sinken die Besucherzahlen der Kinos in den Sommermonaten stark ab. "Je näher wir also an den Mai rücken, umso härter wird auch die Folgezeit, weil wir uns nicht genug 'Winterspeck' anfuttern konnten, um über den Sommer zu kommen."

Hilfen durch das Land noch nicht bewilligt

Um die finanziellen Einbußen zu kompensieren, haben die Verantwortlichen im Burg Theater Mittel aus dem Soforthilfeprogramm des Landes beantragt. Bewilligt seien diese bisher aber noch nicht. Was die Situation in Burg trotzdem etwas entspannt: Die Immobilie gehört dem Verein, der das Kino betreibt. Das erleichtere die Sache durchaus. "Dennoch ist ein unbespieltes Kino ein sehr trauriger Ort."

#MDRklärt So hilft Sachsen-Anhalt kleineren Unternehmen in der Corona-Krise

So hilft Sachsen-Anhalt kleinen Unternehmen
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk
So hilft Sachsen-Anhalt kleinen Unternehmen
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Kleinere und mittlere Unternehmen aller Wirtschaftsbereiche sollen "Corona-Soforthilfe bekommen. Vorraussetzung: Die Krise bedroht die Existenz des Unternehmens.
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Die Staffelung der Hilfe nach Anzahl der Mitarbeiter.
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Die Soforthilfe muss nicht zurückgezahlt werden und soll möglichst einfach zu beantragen sein.
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Ablauf der Beantragung von Hilfsmitteln.
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Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 30. März 2020 | 08:00 Uhr

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Im Moritzhof in Magdeburg hat man hingegen noch keine Hilfen beantragt. Als soziokulturelles Zentrum erhält man hier eine Förderung der Stadt. Der Verein habe beschlossen, dass es andere nötiger hätten und man hat sich deswegen vorerst gegen Hilfsprogramme entschieden. "Ein bis zwei Monate können wir das durchstehen", so Christoph Hackel. Wenn der Shutdown aber länger anhalte, weiß er auch nicht, wie es dann aussieht.

Solidarität in der Branche

Hilfen gibt es jedoch nicht nur vom Land. Wenn die Krise etwas Positives hervorbringe, dann ist es Solidarität in der Branche. Jochen Frankl berichtet davon, wie alle Filmverleiher anstandslos Termine storniert hätten. Dazu seien Programmpreisprämien nachträglich erhöht worden, die Filmförderungsanstalt beschleunige Bewilligungsverfahren und die GEMA zieht keine Beträge ein. Frankl sagt: "Wir wissen alle – egal ob kommunales, Arthouse-Kino oder Multiplex –, dass wir uns jetzt nur selbst schaden, wenn wir die Ellbogen ausfahren." Dass sich die Branche in der Krise so solidarisch verhalte, finde er sehr schön.

Folgen für die Kinobranche

Nach Angaben der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft e.V. (SPIO) drohen der deutschen Filmwirtschaft durch die Folgen des Coronavirus zwei Milliarden Euro Umsatzeinbußen. Außerdem seien 36 Prozent der 80.000 Arbeitsplätze in der Branche akut gefährdet und sie befürchtet, dass 20 Prozent der 6.700 Branchen-Unternehmen in Deutschland insolvent gehen könnte.

Kreative Unterstützung für die Kinos hat sich ebenso schnell gebildet. Mehrere Internetseiten unterstützen die Lichtspielhäuser, indem man als Nutzer zum Beispiel Kino-Werbung anschaut, und das dadurch erzeugte Geld auf die Kinos verteilt wird. Auf einer anderen Plattform können sich Nutzer Filme ausleihen und so echte Gutscheine bekommen, die sie dann in ihren lokalen Kinos einlösen können – den Wert der Gutscheine bekommen die Kinobetreiber später dann wieder als richtiges Geld erstattet.

Not macht erfinderisch

Aber auch die Kinos selbst werden in Corona-Zeiten kreativ. Im Burg Theater hätte man gerne Popcorn zum Mitnehmen verkauft – das wurde jedoch von den Behörden nicht genehmigt. So bewerben Frankl und seine Kollegen nun einfach verstärkt ihren eigenen Gutscheinverkauf.

Ein Zettel, der auf die Schließung des Moritzhofs hinweist
Wie lange die Schließung andauert, weiß man im Moritzhof nicht. Bildrechte: MDR/Florian Leue

Im Moritzhof hat man sogar ein eigenes Live-Video-Format gestartet. Literatur, Musik und – natürlich – Filmempfehlungen werden hier aus dem Kinosaal gesendet. Mit der "Hof on Air"-Aktion sammeln sie Spenden. Seit 20. März sind damit bereits über 5.000 Euro zusammengekommen. Das Geld soll dann aber nicht nur dem Kino zugute kommen, sondern man will eine Plattform schaffen und die Spenden auf die gesamte freie Kulturszene in Magdeburg verteilen. Sogar eine Filmpremiere ist geplant: Gemeinsam mit dem LKJ Sachsen-Anhalt wird das Filmprojekt "Jenseits des Tatarentums" bei "Hof on Air" seine Premiere feiern – dann eben nur im Stream.

Existenzbedrohend für Kinos

Man darf sich jedoch keine Illusionen machen – für viele Kinos ist die Corona-bedingte Schließung eine existenzbedrohende Lage. Schon vor der Krise schwanden die Besucherzahlen in den vergangenen Jahren kontinuierlich. Gab es 2015 knapp 3,1 Millionen Besucher in Sachen-Anhalt, waren es 2019 nur noch etwa 2,6 Millionen. Viele Kinos kämpfen schon so um ihr Überleben.

Daher hoffen die Betreiber, dass sich der derzeitige Zustand bald ändert – und damit auch Kinos wieder öffnen können. Denn auch wenn Streaming-Plattformen gerade boomen: "Film gehört auf die große Leinwand", so Christoph Hackel.

Florian Leue
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Florian Leue ist seit März 2018 Teil der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Er kommt gebürtig aus Magdeburg und hat dort an der Hochschule ein Journalistik-Studium absolviert. Nach verschiedenen Jobs und Praktika bei Medienunternehmen zog es ihn für ein medienwissenschaftliches Masterstudium noch einmal an die Uni nach Marburg. Zum MDR ist er dann durch ein Volontariat gekommen. Er findet an Online-Journalismus vor allem spannend, dass dort alle Gewerke zusammenlaufen und Geschichten durch den Mix von Text, Ton und Visuellem ganz neu erzählt werden können.

Quelle: MDR/fl

5 Kommentare

Wenzel vor 24 Wochen

"Die Känguru-Chroniken" gibt es jetzt schon mal im Internet zum Streamen.
Jesus, Maria, witzig!
Der Abstand von 2 Metern bleibt gewahrt.
Die Einnahmen daraus werden mit den Kinos geteilt, sagt der Kleinkünstler.
Wäre das nicht für alle eine Lösung?

CrizzleMyNizzle vor 24 Wochen

Mag sein, man hat aber gar nichts davon wenn nur ein kleiner Teil der Menschen das Geld zurück bekommt und die Veranstalter dann pleite gehen ;). oder schlimmer wenn die Forderungen da sind, ist der Veranstalter pleite und man bekommt nur einen Teil zurück.
Dann lieber doch per Gutschein!

CrizzleMyNizzle vor 24 Wochen

Ja die Kindos sind idR nur bei Filmstart voll. Das Blöde ist halt dass man echt große Abstände braucht, wenn einer hinter mir im Kino runternießt, dann ist das Aerosol auch noch min. 3-4 Reiehen davor am Rumverflüchtigen.

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