Kolumne "Corona, voll verpönt!" Bildung in Corona-Zeiten: Wer verzweifelt, hat verloren

Stephan Schulz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schulaufgaben flattern in Zeiten geschlossener Schulen digital nach Hause. Unser Kolumnist Stephan Schulz jongliert nun zwischen Reporterjob und Mathelehrer für seinen Sohn. Auch der Geschirrspüler spielt in der Rechnung eine gebührende Rolle. Arbeitsstatus: Kompliziert. Sehr kompliziert.

Schild über einer Tür von zwei Physikern in einem renommierten Forschungsinstitut in Halle
Das gilt ganz besonders in Corona-Zeiten. Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Im Sozialismus meiner Kindheit und Jugend galt der Spruch: "Lernen, Lernen und nochmals lernen." Er wird dem Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin zugeschrieben, der in Moskau einbalsamiert in einem Mausoleum liegt. Als vor drei Wochen die Schulen in Sachsen-Anhalt wegen der Ausbreitung der Coronaviren schließen mussten und meine Kinder in die häusliche Verbannung geschickt wurden, kam mir Lenins Abc-Spruch für Schüler sofort wieder in den Sinn.

Die erste Bürgerpflicht eines jeden Lehrers schien es nämlich plötzlich zu sein, alle Schüler mit möglichst viel Lernstoff zu versorgen. Sie luden eifrig Arbeitsblätter auf den Bildungsserver des Landes und verschwanden anschließend von der Bildfläche. Die eine Hälfte der Lehrer begann umgehend damit, ihre Gärten zu begrünen. Was die andere Hälfte seither macht, ist nicht bekannt.

Wir, die Eltern, die täglich acht Stunden und mehr im Homeoffice arbeiten, sahen uns plötzlich einer Mehrfachbelastung ausgesetzt. Wir müssen unsere Arbeitgeber zufriedenstellen und nebenbei spielen wir Lehrer, obwohl wir diesen Beruf nie erlernt haben. Die ersten zwei Tage "Homeschooling" verbrachten wir damit, die Aufgaben, die die Lehrer auf den Bildungsserver geworfen hatten, wieder herunterzuladen.

Ich schlüpfte in die Rolle des Grundschullehrers und unterrichte meinen Sohn, der im Vergleich zu seiner Schwester eindeutig die cooleren Aufgaben erledigen muss.

Dann eröffneten wir in unserem Haushalt ganz offiziell und feierlich zwei Ersatzschulen. Meine Frau wurde Direktorin am häuslichen Gymnasium, das sich im Kinderzimmer meiner Tochter befindet. Ich schlüpfte in die Rolle des Grundschullehrers und unterrichte meinen Sohn, der im Vergleich zu seiner Schwester eindeutig die cooleren Aufgaben erledigen muss.

Neulich stürzten wir uns auf Mathe. Mein Sohn sollte schätzen, wie lange es dauert, einen Geschirrspüler ein- und auszuräumen. Er tippte auf 90 Sekunden. Dann folgte der praktische Teil. Zum ersten Mal in seinem Leben räumte mein Sohn einen Geschirrspüler eigenständig aus und wieder ein und das sichtlich begeistert.

"Cool, mein Kleiner, Du hast nur fünf Minuten gebraucht", rief ich ihm aufmunternd zu, als er die letzte Tasse in den Geschirrspüler gestellt hatte. "Ich habe mich verschätzt", entgegnete er. "Das muss besser werden." Dann machte er sich erneut ans Aus- und Einräumen des Geschirrspülers. Inzwischen sind wir dazu übergegangen, den Schwierigkeitsgrad seiner Matheaufgaben etwas zu erhöhen. Wir schätzen jetzt auch, wie lange es dauert, den Frühstückstisch zu decken, die Wäsche auf dem Dachboden aufzuhängen oder das Kinderzimmer aufzuräumen.

Im Nachbarzimmer herrscht Kampf mit den Arbeitsblättern

Mein Sohn lernt dabei schnell, und er sieht dabei sogar glücklich aus. Seine Schwester hingegen verzweifelt fast an ihren Arbeitsblättern. Sie sitzt von morgens bis abends am Schreibtisch und weiß nicht, wie sie die vielen Aufgaben, die sich ihre Lehrer ausgedacht haben, bewältigen soll. Meine Frau versucht, ihr zu helfen, aber auch sie gerät immer wieder an ihre Grenzen.

Als die Schulen vor drei Wochen geschlossen wurden, war ich noch fest davon überzeugt, dass Lehrer schon bald Videochats für ihre Schüler anbieten würden. Doch da hatte ich mich getäuscht. Statt sich im Internet mit ihren Schützlingen zu treffen, verschicken sie lieber kleine Botschaften versteckt in Word-Dokumenten.

In der dritten Woche klang die Lehrerin dann erholt und euphorisch zugleich: 'Hallöchen, ihr Lieben', schrieb sie. 'Ich hoffe, dass Ihr nach wie vor gesund und wohlauf seid und Euch schon auf die neuen Aufgaben freut! Ihr wisst doch: Wer rastet, der rostet!'

Gleich zu Beginn des häuslichen Unterrichts schrieb eine Lehrerin einen Einzeiler zum Download: "Ich werde alle Aufgaben nach den Ferien zur Bewertung einsammeln!" In der zweiten Woche sprach dieselbe Lehrerin ihre Schüler bereits persönlich an: "Hallöchen, ich hoffe, ihr verzweifelt nicht an Schwierigkeitsgrad und Umfang des Lehrstoffes. Der in der Schließzeit behandelte Stoff wird nach Wiedereröffnung der Schulen in einem Diktat abgeprüft!" In der dritten Woche klang die Lehrerin dann erholt und euphorisch zugleich: "Hallöchen, ihr Lieben", schrieb sie. "Ich hoffe, dass Ihr nach wie vor gesund und wohlauf seid und Euch schon auf die neuen Aufgaben freut! Ihr wisst doch: Wer rastet, der rostet!"

Als Eltern, die ihre Kinder unterrichten und nebenbei arbeiten müssen, werden wir der Lehrerin aus Dankbarkeit eine kleine Botschaft zurücksenden. Ich habe bereits einen Textvorschlag formuliert, der von meiner Frau aber noch abgesegnet werden muss. Der Textvorschlag geht so: "Schön, dass Sie bereits einen Online-Unterricht in Bild und Ton für Ihre Schüler vorbereiten. Sollten sie sich mit Computern und Softwareprogrammen nicht auskennen, verzweifeln Sie nicht! Lernen Sie es einfach! Sie wissen doch, wer rastet, der rostet!"

Postskriptum: An meine Leser Maisenkeiser, Anita L. und Jonny G. Danke, dass Sie mir geschrieben haben. Bitte fühlen Sie sich durch meinen satirisch angehauchten und zugespitzten Text nicht persönlich angegriffen. Ich schätze Lehrer, und ich halte Sie auch nicht für faul. Ganz persönlich hätte ich mir jedoch drei Dinge gewünscht. 1. Druck rausnehmen. (Ich finde die Aufgabendichte zu groß). 2. Nicht sagen, wir müssen so viel Aufgaben verteilen, weil das Bildungsministerium sonst Ärger macht. Stattdessen lieber dem Bildungsministerium ein deutliches Stoppsignal senden. 3. Videochats in Kleingruppen mit maximal fünf Schülern anbieten. Einmal die Woche reicht. Für die wichtigsten Fragen.

Liebe Grüße und bleiben auch Sie gesund, Stephan Schulz


Quelle: MDR/mg

5 Kommentare

Petra Stein vor 8 Wochen

Diese launige Kolumne zeigt exemplarisch, wie während der Corona-Krise eine Bildungskluft entsteht, nämlich zwischen der Angestellten- und Arbeiterschicht und der "gehobenen Mittelschicht", wo der Papi Reporter ist und die Mami wahrscheinlich auch einen akademischen Abschluss hat. Beide haben offensichtlich die Ausstattung und das Grundwissen für Online-Konferenzen. Schön für sie, schön für die Kinder. Und was ist mit dem "Rest"? Kommt dem Reporter gar nicht in den Sinn. Leider schreiben die Eltern dieser "anderen" Kinder eben keine Kolumnen.

JonnyG vor 8 Wochen

Hallo Herr Schulz,
ganz sicher ist die derzeitige Situation für die meisten Eltern im Grunde unmöglich.
Aber Ihr Beitrag wird mE engagierten Lehrern und Schülern nicht gerecht. Statt Klischees zu bedienen würde ich empfehlen die Komplexität der Problematik etwas tiefer zu beleuchten!
Das ist meine Meinung als außenstehender interessierter "Beobachter" der Aktivitäten von digitaler Schule in Sachsen-Anhalt zurzeit.
Vor allem sollten Sie sich mal mit angehenden Abiturienten unterhalten, bevor Sie solche z.T. unüberlegten Sätze schreiben! Mehr kann man sich immer wünschen. Manches wurde auch zu lange hingeschoben. Was die Funktionsfähigkeit des Bildungsservers Sachsen-Anhalt betrifft, kann ich nur feststellen, dass da gute technische Voraussetzungen geschaffen wurden. Die dortigen Möglichkeiten zu nutzen, wird auf allen Seiten aber noch etwas Training brauchen.
Jetzt liegen die Schulen im Plus, die schon länger damit arbeiten.

maisenkeiser vor 8 Wochen

Hi, ich habe mit Interesse den Beitrag zur Bildung gelesen und musste schmunzeln.
Es ist der Klassiker...Lehrer sind alle faul.
Können sich Nichtlehrer tatsächlich nicht vorstellen, dass es Arbeit macht sich Gedanken darüber zu machen, wie Arbeitsblätter gestaltet werden damit Schüler auch sich selber den Stoff erarbeiten können? Es soll ja was bei raus kommen.
Mag sein, dass Sie sich das nicht vorstellen können....es gibt nicht in jedem Haushalt einen pc ...zum Thema Videokonferenz...
Ich hätte meine Schüler lieber vor mir sitzen...ganz sicher..
Pauschalisierung ist hier unangebracht.
Einen lieben Gruß und bleiben Sie gesund

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