Kolumne "Corona, voll verpönt!" Technik gegen Corona: Der Nacktscanner fällt aus!

Stephan Schulz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Kampf gegen Corona soll auch moderne Technik helfen. Eine App etwa. Kolumnist Stephan Schulz schwankt zwischen Hoffnung und Skepsis. Doch zumindest eine Sache ist für ihn klar: Der Nacktscanner fällt aus.

Die ISS, fotografiert beim Rundumflug der Space-Shuttle-Mission STS-119 im Jahr 2009
Die ISS als riesiges Fieberthermometer? Stephan Schulz glaubt nicht daran. Bildrechte: NASA

Vor zwei Tagen stand Aljoscha, mein Nachbar, nackt auf dem Balkon. Ich stand auch auf dem Balkon, aber im Jogginganzug. Ich wollte mir zum Abendbrot zwei Orangen aus unserer Obstkiste holen. Orangen sind meine persönlichen Vitaminbomben, mein Präventivschlag gegen Corona. 

Als ich mich gerade zu den Südfrüchten herunterbeugen wollte, blitzte auf dem gegenüberliegenden Balkon die Orangenhaut meines Nachbarn auf. Aljoscha hielt seinen Personalausweis in die Höhe und schaute erwartungsvoll in den Himmel. 

"Aljoscha, alles fit bei dir?", rief ich von Balkon zu Balkon. "Zieh dich aus, wir werden gescannt!", rief Aljoscha zurück.

ISS als Fieberthermometer unterwegs

Mein Nachbar erzählte mir, dass die Internationale Raumstation ISS mit Hilfe eines Lasers die Körpertemperatur aller Menschen messen wird, damit die Wissenschaft verlässliche Daten zur Ausbreitung der Covid-19-Pandemie erhält. In Deutschland soll der Messvorgang um 18 Uhr beginnen und um 23 Uhr abgeschlossen sein, meinte Aljoscha. Alle Bürger seien aufgerufen, sich nackt und mit Ausweispapieren vor die Haustür, in den Garten oder auf den Balkon zu stellen.

"Wo hast du das wieder gelesen?", fragte ich von Balkon zu Balkon. "Das stand bei Facebook", entgegnete Aljoscha.

Ich wunderte mich darüber, dass er so freiwillig seine Körpermaße und seine Temperatur preisgeben wollte. Das passte nicht zu ihm. Aljoscha gehört zu den Menschen, die überall Lug und Betrug wittern. Er hat nicht viel Vertrauen in den Staat und glaubt, dass fremde Mächte uns steuern. Jetzt aber stellte er sich freiwillig unter den abendlichen Nacktscanner.

"Gemeinsam rotten wir Corona aus!"

"Gemeinsam rotten wir das Ding aus!", brüllte er stolz über den Hinterhof. "Los, zieh dich endlich aus!"

Aljoscha war sehr enttäuscht, als ich ihn auf seinem Balkon zurück ließ. Normalerweise hätte ich mich solidarisch gezeigt und die Hüllen fallen lassen. Schließlich will auch ich mithelfen, Corona einzudämmen. Aber eben nicht mit allen Mitteln. Der Nacktscanner fällt aus!

Mit Interesse verfolge ich aber die Debatte über den Einsatz einer Smartphone-App im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie. Diese App schlägt Alarm, wenn man Kontakt zu einem Corona-Infizierten hatte. Man begibt sich dann sofort in freiwillige Quarantäne, damit Corona gestoppt wird.

Schulz bleibt sk-app-tisch

Wissenschaftler haben große Erwartungen an die App. Allerdings macht sie nur Sinn, wenn sich der überwiegende Teil der Bevölkerung die App freiwillig aufs Handy lädt. Das aber könnte zum Problem werden, weil es in der menschlichen Natur liegt, immer gleich das Schlimmste zu vermuten. Mich zum Beispiel plagt die Angst, dass wir bald wie die Chinesen ausspioniert werden, und ich bin offenbar nicht der einzige Angsthase. Im Netz sehen sich meine Landleute bereits an den Mülltonnen stehen, während die App mahnende Worte an sie richtet: "Sie waren gestern erst Ihren Müll wegbringen, gehen Sie sofort zurück in Ihre Wohnung. Soviel Müll verbraucht kein Mensch!" 

Oder stellen Sie sich vor, Sie ergattern endlich ein Paket Toilettenpapier in der Kaufhalle ihres Vertrauens und die App mault: "Legen Sie das Klopapier auf der Stelle zurück, Sie hatten erst vor drei Wochen eine Großpackung für Ihren Zweipersonenhaushalt. So viel kann man gar nicht…!" 

Natürlich wird es in unserer Demokratie nie dazu kommen. Aber die App, die Anonymität wahren soll, kommt und das schon bald. Wenn sie zuverlässig gegen Corona wirkt und die Daten der Nutzer wirklich geschützt werden, soll mir das sehr recht sein. Aber nackig wie Aljoscha mache ich mich nicht!

Stephan Schulz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über den Autor Stephan Schulz, geboren 1972, wuchs in Burg bei Magdeburg auf. Er studierte Germanistik, Soziologie und Politikwissenschaften und stellte fest, dass das Hörsaalwissen nicht weit führt, weil sich die Politik selten an die Wissenschaft hält. Deswegen schreibt er so gern darüber – als Politikredakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk und auch als Buchautor. 2016 veröffentlichte er den heiter-satirischen Erzählungsband »Bück dich, Genosse!«. Sein neues Buch "Das Leben ist ein Angelteich" ist im Frühjahr 2020 erschienen.

Grafik: Der Corona-Daten-Update Newsletter
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Quelle: MDR/olei

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