Rückholprogramm des Auswärtigen Amtes Erfolgreiche Evakuierung aus Indien in Zeiten der Corona-Krise

Freundliche, junge Frau mit langen braunen Haaren, schwarzem T-Shirt und brauner Jacke vor Betonwand
Bildrechte: MDR/Marcel Roth

Eine Reporterin von MDR SACHSEN-ANHALT hat wegen des Coronavirus in Indien festgesessen. Vergangenen Freitag ist sie im Zuge des Rückholprogramms des Auswärtigen Amtes wieder in Frankfurt gelandet. Die Anreise zum Flughafen Chennai schien lange unmöglich, die Lage vor Ort spitzte sich weiter zu. Was nun aber bleibt, ist vor allem Dankbarkeit für das Privileg, zurückgeholt zu werden.

Rückholaktion Indien
Im Hotel in Chennai wurden die deutschen Touristen, unter anderem auch MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Ann-Sophie Henne, freundlich aufgenommen. Bildrechte: MDR/Ann-Sophie-Henne

Am Freitagabend gegen 17 Uhr hat eine Boeing 787 aus Chennai mit etwas über hundert Europäern sanft auf der Frankfurter Landebahn aufgesetzt. Das Servicepersonal trug Schutzanzüge und Masken. Während des über zehnstündigen Fluges gab es an Bord nur sehr begrenzten Kontakt mit den Passagieren. Kalte Snacks, Wasser und Cola wurden vor dem Start fertig abgepackt auf den Sitzen verteilt. Die Insassen des Flugzeugs waren Teil der Evakuierungsmaßnahmen des Auswärtigen Amtes für deutsche Touristen, die sich in Indien befanden, als die indische Regierung aufgrund des Coronavirus alle internationalen Flüge strich und die Grenzen dichtmachte. Einer dieser Insassen war ich.

Die große Ungewissheit

Bis zur letzten Minute war fraglich, ob wir es pünktlich zu einem der beiden Evakuierungsflüge am 31. März oder 3. April von Chennai nach Frankfurt schaffen würden. Grund war die in Indien für 21 Tage angesetzte Ausgangs- und Ausreisesperre, um die großflächige Verbreitung des Coronavirus zu verhindern. Wir befanden uns in der südindischen Stadt Tiruvannamalai, von wo aus wir keinen Fahrer nach Chennai fanden. Die Taxifahrer hatten Angst vor der gewaltbereiten Polizei an den über Nacht auf den 25. März errichteten Grenzposten. Der vom deutschen Generalkonsulat ausgestellte Passierschein zur Durchreise nach Chennai wurde von den lokalen Polizisten nicht anerkannt.

Steigende Lebensmittelpreise, gewaltbereite Polizei

Die Situation vor Ort spitzte sich weiter zu. Supermärkte hatten nur noch wenige Stunden am Tag offen, die Preise verdreifachten sich. Aus den Geldautomaten kam teilweise kein Geld. Für viele der Einheimischen, die keine Rücklagen haben und für die zudem in vielen Fällen die Arbeit von einem auf den anderen Tag weggefallen ist, ist das natürlich eine Katastrophe. Ich sah erste Videos von staatlichen "Quarantänelagern" und von Polizisten, die an unserer Hauptstraße Menschen mit Stöcken schlugen und Kniebeugen machen ließen.

Zwei Tage vor dem ersten Rückflug zogen wir das erste Mal ernsthaft in Erwägung, uns unter einer Ladung Tomaten nach Chennai schmuggeln zu lassen. Es schien unmöglich, noch rechtzeitig an einen von der Polizei ausgestellten Passierschein zu kommen – und damit auch, einen Fahrer zu finden. Seit der am 24. März verhängten Ausgangssperre hatten wir mehrmals täglich mit dem deutschen Generalkonsulat telefoniert und unzählige Mails an die Behörden geschrieben. Wir hatten versucht, über soziale Medien auf uns aufmerksam zu machen. Auch bei MDR-SACHSEN-ANHALT hatte ich über unsere Situation berichtet. 

Besuch bei der Polizei zu riskant

Auch persönliche Kontakte hatten wir voll ausgereizt. Doch mit allen Versuchen, ohne das Konsulat im Rücken etwas zu erreichen, drehten wir uns im Kreis. Denn Ausländer, die nach dem 15. Februar ins Land gekommen waren, sollten sich laut indischem Gesetz in strikter dreiwöchiger Selbst-Quarantäne oder in staatlicher Quarantäne befinden. Für uns, die erst am 29. Februar gekommen waren, bedeutete das: sobald wir einen Fuß vor die Tür setzten, brachen wir das Gesetz. Ein Besuch bei der Polizei, um dort um eine Fahrerlaubnis nach Chennai zu bitten, war selbst über persönliche Kontakte mit einem zu hohen Risiko verbunden. "Sie werden euch nicht mal zuhören, wenn ihr da auftaucht", sagte uns ein Einheimischer. "Die erste Frage wird sein, wann ihr ins Land gekommen seid. Und dann bringen sie euch in staatliche Quarantäne."

Immer wieder hörten wir von unseren lokalen Helfern in Tiruvannamalai dasselbe: "Die Deutsche Botschaft muss für euch bei der Polizei um eine Fahrerlaubnis nach Chennai zu bitten." Mit etwas Abstand vermute ich, dass das Konsulat genau das versuchte und möglicherweise nicht jeden einzelnen Schritt mit uns absprach. Doch in diesem Moment fühlte sich das nicht so an. Vier Tage lang hatte ich die Konsulat-Hotline mit meinen Anrufen und Handlungsvorschlägen so bombardiert, sodass die Mitarbeiter teilweise schon meinen Namen kannten und mich sicherlich auch etwas anstrengend fanden. Bis zu diesem Zeitpunkt war nie etwas Handfestes dabei herausgekommen.

MDR-SACHSEN-ANHALT-Reporterin Gestrandet durch Corona-Krise: Rückholaktion aus Indien

Ann-Sophie Henne berichtet von ihrer Heimreise nach Deutschland: Sie war in Indien gestrandet und konnte durch das Auswärtige Amt zurückgeholt werden. Am Ende dieser Reise denkt sie auch an die Menschen vor Ort.

Rückholaktion Indien
Eine Anreise nach Chennai zum Flughafen schien lange unmöglich. Bildrechte: MDR/Ann-Sophie-Henne
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Eine Anreise nach Chennai zum Flughafen schien lange unmöglich. Bildrechte: MDR/Ann-Sophie-Henne
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Die sonst so belebten Essensstände in Tiruvannamalai sind seit der Ausgangssperre wie leergefegt. Bildrechte: MDR/Ann-Sophie-Henne
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Die örtliche Polizei hat eine Beratungsstelle für Touristen errichtet. Bildrechte: MDR/Ann-Sophie-Henne
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Hier können sich die Touristen informieren. Bildrechte: MDR/Ann-Sophie-Henne
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Ob die Polizei wirklich helfen möchte, war in den ersten Minuten unsicher. Bildrechte: MDR/Ann-Sophie-Henne
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Indische Journalisten verfolgen die Hilfsaktion der Polizei mit großem Interesse. Bildrechte: MDR/Ann-Sophie-Henne
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Die Taxifahrt nach Chennai verlief mit dem polizeilichen Dokument problemlos. Bildrechte: MDR/Ann-Sophie-Henne
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Im Raintree Hotel in Chennai wurden deutsche Touristen freundlich aufgenommen. Bildrechte: MDR/Ann-Sophie-Henne
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Mit fünf Bussen wurden die vorwiegend deutschen Touristen zum Flughafen Chennai gebracht. Bildrechte: MDR/Ann-Sophie-Henne
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Die Heimkehrenden gaben in Chennai gegen 2:30 Uhr am Morgen ihr Gepäck auf.

Quelle: MDR/ahr
Bildrechte: MDR/Ann-Sophie-Henne
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WhatsApp-Gruppe mit Touristen, die nach Hause wollen

Doch plötzlich ging alles sehr schnell. Mit der Unterstützung eines Einheimischen hatte ich am 29. März eine WhatsApp-Gruppe für Touristen in Tiruvannamalai gegründet, die alle versuchten, nach Chennai und von dort aus in ihr Heimatland zu kommen. Das Ziel der Gruppe: Informationen und Ideen teilen, gegenseitige Unterstützung, Krisenmanagement. Die meisten Gruppenmitglieder waren Deutsche, es waren aber auch weitere Europäer, Kanadier und Australier darunter. Im Lauf des Tages wuchs die Gruppe auf rund 35 Mitglieder.

Gegen Mittag tauchte dort der entsprechende Hinweis auf: Laut Informationen einer der Mitglieder wolle die örtliche Polizei um 15 Uhr eine Hilfsaktion für Touristen starten und ihnen das benötigte Dokument ausstellen. "Quarantäne-Leute" seien jedoch nicht erwünscht. Wir wussten nicht, ob damit wir gemeint waren. Nach eingehender Beratung mit unseren Kontakte vor Ort beschlossen wir dennoch, es zu versuchen. Zum ersten Mal seit fünf Tagen verließen wir die Wohnung. Es fühlte sich unnatürlich an.  

Hilfsaktion der örtlichen Polizei

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Die Touristen sollten sich in diese Kreidekreise stellen. Bildrechte: MDR/Ann-Sophie-Henne

Als die Polizei um etwa 15:10 Uhr mit mehreren großen Wägen am Treffpunkt vorfuhr und mit Schutzmasken und Schlagstöcken auf uns zulief, verstärkte sich mein mulmiges Gefühl. Wollen sie uns wirklich helfen? Was, wenn sie uns doch in Quarantäne bringen? Ich hatte weder ein Ladekabel für mein Handy dabei, noch hatte ich irgendjemandem zu Hause Bescheid gesagt.

Ein Polizist begann, mit Kreide weiße Kreise in gebührendem Abstand auf den Boden zu zeichnen. In diese sollten wir uns stellen und auf weitere Anweisungen warten. Einige Minuten standen wir etwas verloren in der sengenden Mittagshitze, jeder in seinem Kreis. Eine Frau begann laut ein Mantra zu singen. Dann sah ich die Presse vorfahren. Es waren etwa zehn Männer mit Fotoapparaten und Stiften bewaffnet, die auf uns zuliefen und uns neugierige Fragen stellten. In diesem Moment ahnte ich, dass alles gut gehen würde. Nach und nach rückten wir nach vorne weiter. Vor einem eigens eingerichteten "Helpdesk" zeigten wir zwei Polizisten unseren Pass.

Polizei-Dokument wird an Grenzkontrollen akzeptiert

Rückholaktion Indien
Indische Journalisten verfolgten die Hilfsaktion der Polizei mit großem Interesse. Bildrechte: MDR/Ann-Sophie-Henne

Am nächsten Morgen erhielten wir das vom Superintendenten der Polizei unterzeichnete Dokument, mit dem wir noch am selben Tag mit dem Taxi durch die Grenzkontrollen nach Chennai kommen würden. Jede Kontrolle löste zwar dennoch einen kleinen Adrenalinstoß aus, wir kamen aber problemlos durch.

Ob die Aktion letzten Endes eine eigens initiierte PR-Kampagne der regionalen Polizei war oder vom deutschen Generalkonsulat angestoßen wurde, wissen wir nicht. Da an diesem Tag aber zur Enttäuschung weiterer Touristen nur deutsche Staatsbürger zum Helpdesk vorgelassen wurden, vermute ich letzteres.  

Warten auf den Rückflug im Hotelzimmer

In Chennai angekommen, verbrachten wir unsere letzten Tage in einem Hotel, das mit dem Generalkonsulat kooperierte und deshalb noch Deutsche aufnahm. Von dort aus warteten wir auf den zweiten Evakuierungsflug nach Hause. In der Nacht zum 3. April wurden schätzungsweise etwas über hundert Menschen, jeder mit vorher ausgeteilter Maske und Handschuhen, in einem Bus-Konvoi zum menschenleeren Flughafen gebracht.

Als wir rund 24 Stunden später deutschen Boden betraten, war ein Teil meiner Gedanken bereits bei meinen Freunden und meiner Familie zu Hause. Ich fühlte eine tiefe Dankbarkeit. Zum ersten Mal hatte ich gespürt, was für ein Privileg es ist, in einem Land zu leben, das seine Bürger in Krisen-Zeiten zurückholt. In dem man sich seiner Rechte als Person relativ sicher sein kann und nicht in Angst vor einer willkürlichen Polizei leben muss. Gleichzeitig dachte ich aber auch an die Menschen, die uns so geholfen und die wir in dieser unsicheren Situation zurückgelassen haben. Und in meine Dankbarkeit mischte sich auch Traurigkeit darüber, dass diese Rechte vielen Menschen, die ich auf meiner Reise kennen und schätzen gelernt habe, verwehrt bleiben.

Freundliche, junge Frau mit langen braunen Haaren, schwarzem T-Shirt und brauner Jacke vor Betonwand
Bildrechte: MDR/Marcel Roth

Über die Autorin Ann-Sophie Henne kommt ursprünglich aus einem kleinen Ort bei Stuttgart und studiert MultiMedia & Autorschaft in Halle. Während ihres Bachelor-Studiums arbeitete sie als freie Mitarbeiterin bei zwei Zeitungen und verwaltete die Social Media Accounts von mehreren Start-Up Unternehmen. Online-Journalismus bedeutet für sie: Neugierig sein, schnell reagieren und lernen, sich kurz zu fassen.

Quelle: MDR/

1 Kommentar

kleinerfrontkaempfer vor 7 Wochen

So ist das in einer freien Welt.
Die FREIHEIT ist für mich, das RISIKO lasse ich den anderen.

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