Interview "Clubs und Diskotheken sollen zur Eindämmung der Pandemie beitragen"

Während die Wirtschaft bundesweit allmählich wieder an Fahrt gewinnt, bleiben einige Branchen weiterhin im Krisenmodus. Neben der Reisebranche ist vor allem die Kultur von der Pandemie betroffen. Und das in voller Breite, von Opernsängern über Bühnenbauer und Tontechniker bis hin zu Kino- und Clubbetreibern. Viele Betroffene fordern nun ein Umdenken. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit Christian Szibor, Chef der Festung Mark in Magdeburg – einem der größten Veranstaltungszentren in Sachsen-Anhalt – gesprochen.

Grauhaariger Mann in Gewölbe
Christian Szibor ist der Leiter des Veranstaltungszentrums Festung Mark. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Szibor, Sie und Ihr Team von der Festung Mark haben in den letzten Monaten vieles versucht, um Kultur zu ermöglichen. Ab ersten November sollen in Sachsen-Anhalt wieder die Clubs öffnen. Das sorgt für Kritik, warum?

Christian Szibor: In den Sommermonaten haben wir gute Erfahrungen mit unseren Hygienekonzepten gemacht, zum Beispiel mit unserem Kulturpicknick unter freiem Himmel. Jetzt wird es kühl und wir ziehen uns in die Gebäude zurück. Das treibt uns Kulturschaffende um, denn wir werden unsere Aktivitäten nach innen verlegen müssen, wohl wissend, dass die Abstands- und Hygieneregeln weiterhin gelten.
Sachsen-Anhalt geht einen eigenen Weg, so dass wir Clubs ab ersten November wieder öffnen können. Das ist allerdings mit einer Menge von Fragen verbunden und so manche Idee der Landesregierung erfüllt uns mit Sorge.

Welche Probleme stellen sich konkret?

Flaches, rotes Bachsteingebäude mit Wiese
Die Festung Mark in Magdeburg ist ein Ort für verschiedene Kulturveranstaltungen. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Zum Beispiel die Überlegung, dass die Tanzenden in Gruppen unterteilt werden sollen und dann nur maximal zehn Leute in einem Kreis gemeinsam tanzen dürfen. Das ist abstrus und lässt sich auch mit dem Anliegen eines Clubs, wo sich ja Menschen treffen wollen, nicht vereinbaren.

Stellen wir uns vor, ich bewege mich mit zehn Leuten in einem Ring, vielleicht farblich markiert, auf der Tanzfläche und in zwei, drei Meter Abstand tanzt in einem anderen Ring ein netter Mensch, den ich kennenlernen will. Dann ist die Frage, wie komme in den anderen Ring, darf ich den Menschen zum Drink einladen und so weiter und sofort. Und wer soll das eigentlich kontrollieren?
Also hier sind von der Landesregierung löbliche Bemühungen unternommen worden, um die Clubs zu öffnen, aber es muss weiter gedacht werden, um nach neuen Wegen zu suchen. Da sind wir im Gespräch mit dem Wirtschaftsminister (Anmerkung d. Redaktion: Armin Willingmann).

Sie fordern neue Wege zu gehen. Was schwebt Ihnen konkret vor?

Wir könnten uns vorstellen, den Einlass anders zu organisieren, so dass man Risikoträger durch Fiebermessungen und Schnelltests gleich identifiziert. So können wir sicherstellen, dass sich innerhalb der Clubs die Menschen angstfrei bewegen können und die Abstände, die ja ohnehin an solchen Orten kaum einzuhalten sind, keine große Rolle mehr spielen. Wenn wir das konsequent umsetzen, dann kann die Öffnung von Clubs und Diskotheken signifikant zur Eindämmung der Pandemie beitragen.

Mit unserem neuen Einlasskonzept können wir Infektionen hier in der Festung weitestgehend ausschließen.

Christian Szibor

Das klingt erstmal verrückt, lässt sich aber schnell erklären. Derzeit bereiten wir unsere Erstsemesterparty vor, die am vierten November stattfinden soll. Mit unserem neuen Einlasskonzept können wir Infektionen hier in der Festung weitestgehend ausschließen. Bei WG-Partys oder Feten im Wohnheim ist das so nicht möglich. So könnte also der neue Umgang mit dem Virus aussehen: Schnelltests in Kulturhäusern, Sportstätten oder Theatern, um so einen angstfreien Besuch zu ermöglichen.

Durch die Pandemie hat sich viel verändert. Zwischenzeitlich musste das Team der Festung Mark in Kurzarbeit und hat beim Spargelstechen ausgeholfen. Zwar kehrt jetzt Normalität ein, aber wie hat sich die Lage der Kultur verändert?

Obwohl in Sachsen-Anhalt zahlreiche Lockerungen in die Verordnungen geschrieben wurden und vieles wieder möglich ist, nehmen die Menschen die Angebote nicht so an, wie wir das erwartet haben. Auf der einen Seite besteht offenbar eine gewisse Sorge vor möglicher Ansteckung. Aber es scheint auch eine Umgewöhnung zu geben, dass Leute eben gar nicht mehr wie selbstverständlich in die Konzerte gehen. Auch die Kinos sind wieder geöffnet und trotzdem sitzt da kaum jemand drin. Da scheint ein Wechsel der Gewohnheiten statt zu finden und darin sehe ich eine große Gefahr für die Kulturlandschaft. Aus meiner Sicht hat das auch gesellschaftspolitische Konsequenzen, denn Kultur wird nicht umsonst als systemrelevant bezeichnet, weil sie die Aufgabe hat, Menschen zusammen zu bringen. Und wenn das nur noch in verordneter Bewegungsarmut vor dem Fernseher stattfindet, hat das einfach Folgen, die wir noch gar nicht absehen können. Das heißt, hier ist es wichtig, dass wir nach Lösungen suchen, die wieder ein Stück Normalität ermöglichen, auch wenn diese Normalität eine andere sein wird, als vor der Krise.

Wie kann man die sogenannte neue Normalität alltagstauglich machen?

Es sollte jetzt darum gehen, mit Verstand und Rationalität, aber natürlich auch mit Respekt vor dem Virus, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dabei sollten natürlich auch die Sorgen und Fragen der Bevölkerung eine Rolle spielen, um sie in der Mitte der Gesellschaft zu debattieren, damit sich das Ganze nicht an die Ränder der Gesellschaft verlagert. Das führt nicht selten zu abstrusen Verschwörungserzählungen. Gesellschaftspolitisch geht es also um die Herausforderung, das ganze Thema zu versachlichen.

Das scheint nicht einfach zu sein. Wie ist da ihrer Meinung nach die Kommunikation möglich?

Man muss genauer hinschauen. Die verordneten Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie haben natürlich auch Nebenwirkungen. Was passiert mit Menschen, die über Wochen hinweg ihre sozialen Kontakte einschränken müssen? Welche Folgen haben die Maßnahmen für die Wirtschaft, wenn ganze Branchen in großem Umfang alimentiert werden müssen? Wenn die Sterbefälle vergleichsweise niedrig sind, sollte man die Nebenwirkungen der Maßnahmen stärker in den Blick nehmen. Darüber wird aber kaum öffentlich diskutiert und das halte ich für gefährlich, weil die Menschen dann bei fragwürdigen Zeitgenossen Rat und Unterstützung suchen.

Die Fragen stellte Uli Wittstock.

Quelle: MDR/vö

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 30. September 2020 | 17:20 Uhr

1 Kommentar

wwdd vor 3 Wochen

Gaga...

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