Corona-Daten-Newsletter | Dienstag, 1. September 2020 Corona – ansteckend auch ohne Symptome?

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Heute im Corona-Newsletter: Corona-Tests und wie genau sie sind. Der AfD-Politiker Björn Höcke hatte im MDR Thüringen-Sommerinterview behauptet, dass es eigentlich gar keine Neuinfektionen gebe. Und: Sind positiv auf das Virus Getestete auch ansteckend wenn sie keine Symptome haben?

Ein Rachenabstrich wird genommen
Bildrechte: dpa | Grafik: MDR

Guten Abend liebe Leserinnen, liebe Leser,

ich freue mich sehr, dass Sie auch heute wieder dabei sind. Ich möchte mit Ihnen, wie im Newsletter von Montag angekündigt, noch einmal auf die Corona-Tests (insbesondere auf die RT-PCR-Tests) schauen und herausfinden, wie genau sie sind. Der AfD-Politiker Björn Höcke hatte ja im MDR Thüringen-Sommerinterview vorgerechnet, dass der Standard-Test zwei Prozent der Getesteten falsch-positiv erfasst – das wären mehr, als aktuell jeden Tag Infizierte dazu kommen. Warum das nicht stimmt, erklärt der Virologe Alexander Kekulé.

Und ich habe auf meinem persönlichen Fragezettel einige Punkte, die ich immer wieder gefragt werde. Zum Beispiel: Sind positiv auf das Virus getestete Menschen eigentlich auch ansteckend wenn sie keine Symptome haben?

Los geht es, mein Notizzettel ist voll. Wie immer an dieser Stelle aber erst einmal die aktuellen Zahlen.

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Auf einen Blick: Die aktuellen Daten

Deutschlandweit sind heute (Stand 01.09.2020, 08:15 Uhr) 1.218 Neuinfektionen ↗ gemeldet worden. Im Vergleich zum letzten Dienstag sind das lediglich 60 Fälle weniger. Erwartungsgemäß sind also, nach nur 610 neuen Fällen gestern, die Zahlen wieder gestiegen – sie wissen es ja schon längst, die Geschichte mit den gehäuften Meldungen nach einem Wochenende.

Bei den absoluten Zahlen haben Nordrhein-Westfalen (+336), Bayern (+266), Baden-Württem­berg (+177) und Hessen (+165) die meisten Fällen. Bei der statistisch "robusteren" Betrachtung – dem Durchschnitt der letzten sieben Tage bezogen auf 100.000 Einwohner – taucht aber Bremen (13,2) an zweiter Stelle auf.

Keine neuen Fälle hatte nur Mecklenburg-Vorpommern, das auch mit der deutschlandweit niedrigsten 7-Tages-Inzidenz glänzt (0,7). Und im Saarland wurde die Zahl der Neuinfektionen sogar nach unten korrigiert (-3 Fälle im Vergleich zum Vortag).

Aber nun zu unseren drei Bundesländern.

Sachsen

  • Aktive Fälle: 271 ↗ (+14 zum Vortag)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 226 (+0)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 5.530 (+20)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 6.027 (+34)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 125 (0 zum Vortag)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 65 (+0)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 2.063 (+10)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 2.253 (+10)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 118 ↘ (-19 zum Vortag)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 190 (+0)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 3.340 (+24)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 3.648 (+5)

Und nun um ersten Thema. Kann man eigentlich jemanden anstecken, auch wenn man keine Symptome zeigt?

Ansteckend auch ohne Symptome

Worum es geht

Eigentlich kommt das ja in unserer Erlebenswelt bei "normalen" Erkältungskrankheiten bewusst nicht vor – oder besser gesagt: Man bekommt es wahrscheinlich oft einfach gar nicht mit:

Jemanden mit einem Krankheitserreger anstecken, obwohl man sich selbst nicht krank fühlt.

Andersherum ist es zumeist klar: Man niest und hustet, umarmt sich und schüttelt die Hände – und ein paar Tage später kommt die vorwurfsvolle Feststellung: Ich habe mich bei dir angesteckt. Da hilft dann nur Schulterzucken und gute Besserung wünschen.

Aber wie ist das bei dem Corona-Virus?

Warum das wichtig ist

Vermutlich wegen dieses gerade geschilderten Alltagsverständnisses begegnet mir die Frage relativ häufig – und manchmal wird gar nicht gefragt, sondern man geht einfach davon aus: Ich merke nichts, also kann ich auch niemand anderen anstecken.

Wer die schnelle kurze Antwort haben möchte: Der Virologe Alexander Kekulé hat im Podcast vom 11. August das zusammengefasst, was man bisher davon weiß (für eilige Hörer ab Minute 14):

"Bei diesem Virus deutet alles darauf hin, dass auch Menschen, die überhaupt keine Symptome haben, diese asymptomatischen Infizierten, dass auch die hochansteckend sind."

Kekulé berichtet von einer neuen Studie (6. August 2020), in der Forscher aus Südkorea feststellen, dass bei symptomatischen und bei den asymptomatischen Fällen die Viruslast, die man mit dem PCR-Test misst, die gleiche gewesen ist.

"Wir müssen als Arbeitshypothese davon ausgehen, dass … Menschen, die keine Ahnung haben, dass sie das Virus in sich tragen, … infektiös sein [können]. Und so, wie die Zahlen aussehen, müssen sie überraschenderweise ungefähr genauso infektiös sein wie Menschen, die richtig krank sind."

Damit wäre, für mich zumindest, vorerst diese Frage beantwortet. Unerwähnt möchte ich aber nicht lassen, dass in einem aktuellen Zeit-Interview der Kinderarzt und Forscher Alasdair Munro am Universitätskrankenhaus Southampton in England die Infektiosität noch anders einschätzt.

Hier erklärt er, dass "wir nicht wissen, wie sehr die Viruslast damit korreliert, wie infektiös man ist. Das Virus im Rachen oder in der Nase zu haben, ist natürlich eine Voraussetzung dafür, dass ich jemanden anstecken kann. Aber es gibt so viele andere Dinge, die beeinflussen, wie infektiös man ist. Wenn man schwere Symptome hat zum Beispiel, dann ist es auch wahrscheinlicher, dass man das Virus weitergibt."

Viel Raum also noch für die Forschung.

Was noch interessant in dem Zusammenhang ist

Im Folgenden hat Kekulé aber noch ein paar interessante Fakten zusammengetragen – wohlgemerkt, das ist das, was gerade der Stand der Forschung ist. Vielleicht wird später etwas anderes herausgefunden.

Zurzeit zeigen die Studien, dass die Zahl der Infizieren, die keine Symptome haben ungefähr bei 40 Prozent liegen. Kekulé bezieht sich dabei auf Untersuchungen der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC vom Juli.

Und was bedeutet das? "Je mehr asymptomatisch Infizierte wir haben, desto mehr Menschen immunisieren sich, ohne dass es zu Erkrankungen kommt und ohne dass wir sie impfen müssen", so Kekulés Einschätzung.

Bei der Frage, warum manche Menschen erkranken und manche ohne Symptome sind, werden jedoch in der Wissenschaft noch immer unterschiedliche Ansätze diskutiert:

Zum einen, dass es an der Infektionsdosis liegt, also an der Virenzahl, die jemand abbekommt.

Dann wird noch der Ansatz diskutiert, ob der Allgemeinzustand des Menschen eine Rolle spielt – war man vorher erkrankt, welche Blutgruppe hat man, gibt es genetische Faktoren oder spielen andere Impfungen einen Rolle und so weiter. Hier muss aber noch viel geforscht werden.

Kekulé sagt dazu: "Es zeichnet sich ab, dass ein Faktor von vielen ist, dass die Menschen möglicherweise, wenn sie immun sind, vorher Infektionen mit anderen Coronaviren durchgemacht haben. Das ist aber nur eine Möglichkeit von mehreren. Und dafür verdichten sich im Moment die Daten."

Kekulés Corona-Kompass 41 min
Bildrechte: MDR/dpa

MDR AKTUELL Do 13.08.2020 13:45Uhr 40:34 min

Audio herunterladen [MP3 | 37,1 MB | 128 kbit/s] Audio herunterladen [MP4 | 74 MB | AAC | 256 kbit/s] https://www.mdr.de/nachrichten/podcast/kekule-corona/kekule-corona-asymptomatisch-infiziert-isolation-rotznasen-kita-gurgeltest-100.html

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Welche Aussagekraft haben PCR-Tests auf die Ansteckung bezogen?

In der aktuellen Ausgabe des Corona-Podcast führt Alexander Kekulé aus, dass "jemand der positiv im Covid-19 Test ist, der muss deswegen nicht infektiös sein. Das ist etwas, wo wir wissenschaftlich ein Fragezeichen haben. Das wird ja seit vielen Monaten diskutiert."

Woran liegt der vermeintliche Gegensatz, wenn man nicht die Frage nach einer Symptomlosigkeit stellt, sondern nach den Test?

Im oben erwähnten Podcast vom 11. August geht Kekulé auch zum Forschungsstand bezüglich der PCR-Tests ein und stellt ein paar – zumindest für mich interessante Punkte klar. Das könnte eine Erklärung dafür sein.

  • Der PCR-Test sucht nur danach, ob die Erbinformation oder des Virus oder Teile davon vorhanden sind.
  • Der Virologe Malik Peiris aus Sri Lanka hat versucht herauszufinden, wie aussagekräftig der PCR-Test in Bezug auf die Vermehrungsfähigkeit des Virus ist.
  • Das Ergebnis: 17 Tage dauert es etwa, bis ein PCR-Test ein negatives Ergebnis ausgibt, acht Tage war das Virus in dieser Zeit aber nur vermehrungsfähig.
  • Außerdem kommt es noch auf die Virusdosis an.

Zusammenfassend heißt das für Kekulé: "Rein theoretisch: Bei einer Person im Krankheitsverlauf ist es wahrscheinlich so, dass sie nur zwei bis drei Tage wirklich hochinfektiös und ansteckend ist und isoliert werden müsste."

Also wissen wir jetzt – für mich war das zumindest neu – dass man auch symptomlos ansteckend sein kann. Und das nach jetzigem Stand der Forschung in gleichem Maß, wie wenn man Krankheitszeichen hat.

Und: Nicht jeder positive Test heißt, dass man zwangsläufig ansteckend ist.

Höcke oder: Wie spezifisch sind PCR-Tests?

Und noch einmal muss ich auf den gerade verlinkten Podcast zurückkommen. Mein Kollege Marcel Roth hat nämlich letzte Woche angefragt, ob nicht die oben angesprochene Aussage des AfD-Politikers Björn Höcke mal von dem Virologen Alexander Kekulé eingeordnet werden kann.

Und hier ist das Ergebnis:

Im MDR Thüringen Sommerinterview hatte der AfD-Politiker Björn Höcke vorgerechnet, dass die verwendeten Standard-PCR-Test eine Falsch-Positiv-Rate von 2 Prozent haben.

Bei 100.000 Tests am Tag gäbe es also 2.000 positive Ergebnisse, bei denen die Getesteten eigentlich gar nicht infiziert sind. Also rein wegen der Fehleranfälligkeit des Tests. Es gibt also mehr Fehler, als überhaupt positive Fälle am Tag gemeldet werden, behauptet Höcke.

Stimmt das? Um es kurz zu sagen: Nein.

Oben habe ich ja geschrieben: Heute waren es 1.218 Neuinfektionen deutschlandweit.

Der Virologe Alexander Kekulé berichtet davon, dass die Spezifität der aktuellen Tests bei ungefähr bei 99,8 Prozent liegt. "Das ist die Zahl der Hersteller, dann gibt es unabhängige Prüfer, die sagen sogar 100 Prozent", so Kekulé. Das wären also 0,2 Prozent falsch-positive Ergebnisse.

Kekulé ist sich sicher, das nahezu jeder, der getestet wird auch wirklich das Virus im Rachen hat.

Außerdem müsse bei der Interpretation der Tests auch noch auf viele andere Parameter geschaut werden. Die Kollegin Mai Thi Nguyen-Kim hat für das Funk-Format mailab zum Beispiel die Sensitivität und Spezifität in diesem Video sehr gut erklärt. 

Für Kekulé stellt sich in diesem Zusammenhang eine ganz andere Frage. "Man muss die Frage andersherum stellen: Wie viele von denen sind wirklich infektiös, wie viele sind epidemiologisch relevant. So rum ist die Frage sinnvoll."

Und da haben wir oben ja schon erste Forschungsergebnisse zusammengefasst.

Was morgen wichtig wird

In diesem Sinne. Ich danke Ihnen herzlich, dass Sie mir bis hierhin gefolgt sind. Morgen ist meine Kollegin Johanna Daher für Sie am Newsletter-Schreibtisch. Und sie wird darauf schauen, was es neues zum Thema Corona-Daten und Kinder gibt.

Ich danke Ihnen für Ihre Mails, Gedanken und Anregungen zu meinem gestrigen Newsletter. Auch wenn wir vielleicht nicht immer die gleiche Meinung haben, dieses Feedback ist für mich – und ich kann auch für meine Kolleginnen und Kollegen sprechen – sehr wichtig.

Lassen Sie es sich gut gehen und bis bald,

Ihr Martin Paul

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Quelle: MDR/mp

3 Kommentare

Grosser Klaus vor 4 Wochen

Doktor Drosten ist fachfremd - Virologe und kein Epidemiologe. Bei Pandamien haben in normalen Gesellschaften die Epidemiologen das Wort. Sonst könnte ja jeder Kfz-Mechaniker Maßnahmen suggerieren.

Grosser Klaus vor 4 Wochen

Wenn Laien über die Funktion und Wirkung von Alltagsmasken spekulieren, ist das eine Sache. Wenn Herr Prof. Dr. Drosten als Regierungsberater in einer „Wissenschaftssendung“ mit Mundgeruchs-Hypothesen die Maskenpflicht begründet, wirkt das schon etwas kurios und wenig wissenschaftlich. Es gibt zahlreiche Studien, die ein uneinheitliches Bild liefern. Wir brauchen bessere Studien dazu! Und es gibt einen epidemiologischen Status Quo, der aktuell sehr positive Entwicklungen zeigt: Trotz immer mehr Testungen, geht die Zahl der positiven zurück – und zwar absolut und relativ. Das sollte bei der Frage nach einer Maskenpflicht auch berücksichtigt werden (RKI-Lagebericht vom 26.08.): 34. KW 987.423 Tests, 8655 positive = Positivenquete 0,88 %.

ralf meier vor 4 Wochen

Da lese ich: 'Der Virologe Alexander Kekulé berichtet davon, dass die Spezifität der aktuellen Tests bei ungefähr bei 99,8 Prozent liegt. "Das ist die Zahl der Hersteller, dann gibt es unabhängige Prüfer, die sagen sogar 100 Prozent".

Da bin ich doch ein wenig entsetzt. Im kürzlich erschienenen MDR Artikel zum Höcke Interview verwies die Moderation dazu noch auf den Correctiv Artikel
'Corona-PCR-Test und Vortestwahrscheinlichkeit: So kann es zu falschen Ergebnissen kommen ' und diesem Artikel konnte man entnehmen, das ein bis 2 % der Messungen falsch positiv sind. Als unvoreingenommener Laie stellt sich mir die Frage: Wer hat hier gelogen?

oder muß man einfach davon ausgehen, das viele etwas erzählen, obwohl niemand etwas genaues weiß ?

Wie auch immer. In beiden Fällen fällt die diffamierende Unterstellung, Herr Höcke hätte gelogen, auf den Verfasser des Artikels zurück.

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