Corona-Daten-Newsletter | Donnerstag, 14. Januar 2021 "Bleiben Sie Zuhause!"

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Heute im Newsletter: Das RKI wünscht sich mehr Home-Office und schärfere Beschränkungen. Grund dafür sind auch die Daten zur Mobilität in Deutschland. Ich habe außerdem mit einem Software-Unternehmer aus Tangermünde gesprochen, der glaubt, dass sich ein Teil des Frust bei den Impfterminen lösen lässt: mit einer besseren Software.

Mediziner behandeln einen Patienten auf der Intensivstation
Bildrechte: dpa | Grafik MDR

Einen schönen guten Abend!

Wir haben es gelesen, gehört, gesehen. Die ultimative Waffe gegen das Virus sind wir – wenn wir keine Menschen treffen. Deswegen hat der Präsident des Robert Koch-Instituts heute auch gesagt: "Bleiben Sie Zuhause!" Und wenn ich die Ausführungen in der Pressekonferenz richtig verstanden habe, ist der RKI-Chef für stärkere Einschränkungen.

Dass wir unsere Kontakte und Mobilität einschränken sollen, hat er sicher schon oft gesagt. In der Pressekonferenz hat ein Kollege des RKI-Chef heute gezeigt, ob wir wirklich Zuhause bleiben. Darüber schreibe ich Ihnen heute und ich habe ein spannendes Gespräch mit einem Software-Experten geführt, der davon überzeugt ist, dass die richtige Software in den Impfzentren für weniger Frust sorgen würde.

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Auf einen Blick: Die aktuellen Zahlen

Das Robert Koch-Institut meldet heute bundesweit 25.164 neu registrierte Infektionen. Die meisten Neuinfektionen melden Bayern (5.027), Nordrhein-Westfalen (4.145) und Baden-Württemberg (2.979). Die wenigsten hat Bremen (160).

Die Zahl der Toten in der Pandemie ist in Deutschland in den vergangenen 24 Stunden um 1.244 Menschen gestiegen. Das ist ein neuer Höchststand, der den Wert vom vergangenen Freitag übertrifft. Insgesamt sind in der Pandemie hierzulande 43.881 Menschen gestorben. 

So viele Corona-Infizierte gibt es inzwischen in unseren drei Bundesländern:

Sachsen

  • Aktive Fälle: 26.606 ↘ (-284 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 494 (-11), davon 275 (-9) beatmet
  • Intensivbetten: 1.289  belegt, 332 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 4.828 (+175)
  • Genesene Patienten: 131.900 (+2.000)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 163.334 (+1.891)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 12.432  ↗ (+117 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 169 (-26), davon 112 beatmet (+8)
  • Intensivbetten: 635 belegt, 93 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 1.559 (+31)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 41.257 (+904)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 55.248 (+1.052)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 9.070 ↗ (+472 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 190 (-1), davon 106 beatmet (+/-0)
  • Intensivbetten: 701 belegt, 127 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 1.094 (+62)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 31.449 (+566)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 41.613 (+1.097)

Ich muss es wiederholen: In den vergangenen 24 Stunden sind in Deutschland so viele Menschen in der Pandemie gestorben wie noch nie.

1.244.

Auch wenn darunter Nachmeldungen aus den vergangenen Tagen sind:
Es ist eine Katastrophe.

Und an der vordersten Front stehen die Menschen in den Kliniken.

Müde, traurig, erschöpft, am Ende

Vielleicht ist es hin und wieder schon durchgeschimmert: Ich halte die Menschen in den Pflegeberufen derzeit für die Menschen, denen wir am meisten den Rücken frei halten müssen. Denn sie müssen das ausbaden, was andere Menschen verursacht haben. Wir wissen seit Monaten, wie wir eine Ansteckung vermeiden. Und haben es doch viel zu wenig geschafft. 

Deswegen eine dringende Empfehlung für diesen Artikel oder vor allem für den Film meiner MDR-Exakt-Kollegen, die zwölf Minuten lang einfach nur Menschen zu Wort kommen lassen, die auf Intensivstationen arbeiten.

Danke!

Wir sind zu viel unterwegs

Wie immer donnerstags hat das Robert Koch-Institut heute vormittag eine Pressekonferenz gegeben. Darin hat RKI-Chef Lothar Wieler die Firmen aufgefordert, für noch mehr Home-Office zu sorgen.

Und er hat seinen Kollegen Dirk Brockmann reden lassen, wie sich die Mobilität in den vergangenen Wochen verändert hat. Brockmann analysiert jeden Tag die Mobilität der Menschen in Deutschland und kann sie mit Werten aus dem "letzten normalen Jahr" 2019 vergleichen. Seine Ergebnisse fand ich ernüchternd.

  • Im März ist die Mobilität innerhalb einer Woche bundesweit um 40 Prozent gesunken, in Städten sogar um bis zu 70 Prozent. Reisen über weite Distanzen sind sehr stark zurückgegangen.
  • In den vergangen drei Monaten ist die Mobilität nicht so stark zurückgegangen.
  • Um Weihnachtszeit ist sie nur um 10 bis 15 Prozent gesunken.
  • Vor allem Reisen über 100 Kilometer sind rund um Weihnachten und den Jahreswechsel weniger geworden.

Brockmann sagte: "Mobilität hat großen Einfluss auf Infektionsgeschehen. Sie trägt das Virus von einem Ort zum anderen."

Brockmann hat auch ausgewertet, ob Menschen im eigenen Landkreis oder zwischen Landkreisen unterwegs sind.

  • Grundsätzlich ist nach Weihnachten deutschlandweit die Mobilität zwischen den Landkreisen zurückgegangen.
  • Allerdings: Im Landkreis Harz ist sie am ersten und zweiten Januar-Wochenende um 30 Prozent gestiegen.
  • Auch in den Landkreisen Vorpommern-Rügen und Garmisch-Partenkirchen lag sie über dem deutschen Durchschnitt.

Man sehe einen sehr starken Unterschied in der Bevölkerungsantwort auf den ersten und den zweiten Lockdown. Im Frühjahr hätten die Menschen früher und stärker reagiert als im Dezember. Und das "früher" interpretiert Brockmann an dieser Stelle als freiwillig.

Ohne starke vorgeschriebene Einschränkungen waren die Menschen im Frühjahr also weniger mobil als Ende des Jahres.

Dirk Brockmann hat auch zum 15-Kilometer-Radius etwas gesagt und der Frage, wieviel Mobilität lässt sich dadurch überhaupt verringern.

  • Nur etwa 20 Prozent der Mobilität macht die Bewegung zwischen den Landkreisen aus.
  • Ist um eine Gemeinde ein Radius von 15 Kilometern gelegt, beschränkt das nur fünf Prozent der Mobilität.
  • Je enger der Bewegungsradius, um so stärker gehen die Kontakte der Menschen zurück.

Was nach einer Binsenweisheit klingt, macht eines deutlich: Lange Reisen sind weniger geworden, Tagesausflüge mehr. Es mache einen sehr, sehr großen Unterschied aus, ob man nur in den Supermarkt geht oder sich in einem 15-Kilometer-Radius bewegt. Brockmann sagt:

Viele sind sich der Regeln bewusst, machen aber Ausnahmen bei der Mobilität.


Ermutigend klingt anders oder?

Aufgehorcht habe ich auch bei drei Sätzen des RKI-Chefs:

"Am Ende des Jahres werden wir diese Pandemie kontrolliert haben."

"Es besteht die Möglichkeit, dass sich die Lage noch verschlimmert."

"Wenn wir uns mit so wenig anderen Menschen wie möglich treffen, hat das Virus weniger Chancen, von einem Menschen auf den anderen überzugehen. Es gibt Menschen, die müssen arbeiten und sich treffen. Aber die, die es nicht müssen, die mögen doch bitte ihr Leben so stark wie möglich einschränken. Für noch ein paar wenige Monate."

Weniger Impf-Frust mit der richtigen Software?

Impf-Termine werden derzeit maximal drei Wochen im Voraus vergeben und der Impfstoff ist nicht ausreichend.

In Sachsen haben sich zum Beispiel mittlerweile 50.000 Menschen im Buchungsportal zur Impfung registriert. 9.000 Termine wurden vergeben. (Nicht ganz klar ist mir, ob das auch 9.000 Menschen sind, weil als Termin vielleicht auch die zweite Impfung zählt.) 

Neue Termine sollen in Sachsen ab 25. Janaur wieder verfügbar sein.

Das sorgt für Frust. Jeden Tag aufs Neue. Und nicht nur in Sachsen. Ein Teil des Frustes ließe sich mit der richtigen Software beheben, hat mir ein Unternehmer gestern gesagt. Hagen Woecht von Innocon Systems aus Tangermünde in Sachsen-Anhalt entwickelt schon seit 2010 Software für den Gesundheitsbereich, die weltweit (u.a. Charité, Frankreich, sogar Tahiti) im Einsatz ist.

Mann an Schreibtsich
Bildrechte: Hagen Woecht

Innocon Systems setzt jährlich eine Million Euro um. Im Dezember haben die Tangermünder im schweizerischen Einsiedeln die Terminvergabe-Software eingerichtet.

Derzeit ist überall viel Frust bei der Vergabe der Impftermine, schweres Durchkommen bei den Telefonhotlines und keine Termine bei der Online-Vergabe. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Hagen Woecht: Ich kann mich vor allem auf Sachsen-Anhalt beziehen. Und ich glaube, man ist mit den besten Gedanken an die Sache herangegangen, aber es fehlt möglicherweise die Erfahrung, die man für ein solches Software-Produkt für das Gesundheitswesen mitbringen  muss. Ich bin natürlich nicht objektiv, weil wir seit Jahren solche Software entwickeln. Aber gerade eine Terminvergabe im Gesundheitsbereich ist hochkomplex.

Würde die Terminvergabe mit einer anderen Software wirklich  weniger frustrierend sein?

Ich glaube schon. Der Frust kommt derzeit ja daher, dass wegen des Mangels an Impfstoff keine Termine vergeben werden. Aber der Impfstoff kommt ja, also kann man auch Termine vergeben, die mehr als drei Wochen in der Zukunft liegen. Und man kann sieben oder 14 Tage vorher den Patienten eine Nachricht zukommen lassen oder meinetwegen auch anrufen, um den Termin zu bestätigen oder abzusagen. Das sind ganz typische Terminmanagement-Programme, die im Gesundheitswesen im Einsatz sind. Deswegen glaube ich, dass man hier eine Termin-Management-Software benutzt, die nicht für das Gesundheitswesen gebaut wurde. Das ist dann schwierig.

Ein Einwand ist ja, dass die Impfberechtigten, die älter als 80 Jahre sind, mit der Online-Welt nicht zurecht kommen und vielleicht auch keinen Computer haben.

Unsere Erfahrung ist, dass sich diese Menschen sehr häufig helfen lassen. Von Menschen, die sie betreuen, Kinder, Nachbarn etc. Gerade ältere Personen haben doch meistens jemanden, den sie auch um andere Dinge bitten. Und dann setzt man sich zusammen an ein Gerät. So kann man zum Beispiel auch schon Fragen zur Impfung aufnehmen oder Vorerkrankungen und impfverhindernde Gründe abfragen. Das müssen die Ärzte in den Impfzentren natürlich auch machen, aber es kann in den Impfzentren vielleicht schneller gehen, weil der Arzt diese Dokumentation nicht selbst verfassen muss, ergänzen kann und unterschreibt. Am Ende könnten so zügiger mehr Menschen geimpft werden.

Haben Sie denn Anfragen aus Deutschland bekommen, um an den Impfzentren mitzuarbeiten?

Nein. Das ist auch ein bisschen schade. Ich meine damit auch gar nicht, dass man die Vergabeverordnung umgehen soll, sondern es wäre schön, wenn man aktiv einbezogen worden wäre oder um eine Stellungnahme oder eine Meinung gebeten worden wäre. Auch wenn wir nicht den Zuschlag bekommen hätten, hätten wir gern beraten.

Hier kommen Sie an Impftermine

Nur als kleiner, schneller Service zwischendrin:

Das Thema Schule bewegt mich als Vater von zwei Kinder derzeit natürlich auch. Ich habe mich sogar schon bei dem Gedanken ertappt: "Lasst doch einfach die Kinder in Ruhe! Gebt ihnen ein größeres Projekt und keine kleinteiligen Fach-Einheiten. Oder macht ein Haken hinter das erste Halbjahr."

Und ich glaube, wenn meine Kinder in diesem Jahr einen Schulabschluss machen müssten, hätte ich schon einen Brief an die Schule oder das Bildungsministerium geschrieben und vorgeschlagen, dass Schülerinnen und Schüler selbst entscheiden, ob sie in diesem Jahr oder im kommenden Jahr ihren Abschluss machen.

Was meinen Sie?

corona-newsletter@mdr.de oder antworten Sie einfach auf diese E-Mail.

Zum Ende heute noch ein charmanter Satz des RKI-Chefs zur Diskussion darüber, warum die Zahl der Impfungen vielleicht nicht ganz ordentlich ans RKI weitergeleitet werden:

"Impfen ist wichtiger als aktuelle Zahlen."

Oder darf ich das gar nicht in unseren Newsletter hier schreiben, der Sie ja täglich mit aktuellen Zahlen versorgt? (Ich berichte morgen gern aus unserer Video-Redaktionskonferenz...)

Einen schönen Abend!
Marcel Roth

P.S. Psst, klicken Sie mal ganz oben auf unser großes Banner. Ich fand den Link dort eine Super-Idee.

Ihr Feedback an uns: Sie haben eine Frage, wollen uns loben oder Feedback geben? Schreiben Sie uns an corona-newsletter@mdr.de

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Quelle: MDR/mr

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 07. Januar 2021 | 19:00 Uhr

7 Kommentare

DermbacherIn Gestern

Seit fast elf Wochen herrscht nun in weiten Teilen des kulturellen, geschäftlichen und sonstigen Lebens gespenstische Stille, ohne dass das zu einem nennenswerten Rückgang des Infektionsgeschehens geführt hat.
Offenbar liegen die Ansteckungsherde woanders an Orten, die die Obrigkeit nicht erreicht.
Was soll ein Verlängerter und verschärfter Lockdown, wenn der jetzige schon nichts gebracht hat? Man sollte erst einmal genau hinschauen, wer sich ansteckt über das erfasste Alter hinaus: Beruf? Familiensituation? Wohnform?
Dann hätte man Hinweise, um trennscharf einzugreifen, ohne überflüssigen gesellschaftlichen Flurschaden.

DermbacherIn Gestern

Es wäre schön, wenn das RKI langsam Anfangen würde, professionell zu arbeiten. Die ganzen Meldeketten, Ordnungsämter, Kreis- und Landesgesundheitsämter und Bundesgesundheitsministerium arbeiten mit Exceltabellen, die von den Mitarbeitern erstellt und dann manuell abgeglichen werden. Es kommt zu mehrfach oder eben zu gar keinen Meldungen, und diese Meldungen kommen i. d. R. nur zu den Bürozeiten des öffentlichen Dienstes. Es ist nicht witzig, wenn ein am 10. Dezember Infizierter am 11. Januar ein Schreiben vom Gesundheitsamt mit der Aufforderung der Kontaktmeldung erhält. Eine Verarbeitung von 50000 Anfragen am Tag ist IT-technisch kein Problem.

Herr Wieler ist es seit März nicht gelungen, die Infiziertenerfassung und Kontaktnachverfolgung professionell zu organisieren. Jeder Mittelständler arbeitet mit einer IT die Real-Time abfragen möglich macht, nur das RKI und die dahinter stehenden Entscheider nicht. Er war stets bemüht, aber für mehr langt es nicht.

DermbacherIn Gestern

Seien wir bitte ehrlich, was die Einschränkungen angeht, sind wir schon weit über das Niveau von März und April 2020 hinaus. Wenn es also heißt, dass wir zu den strengen Standards dieser Monate zurückmüssen, dann kann das nur Lockerungen bedeuten.
Ich gehe nicht mehr davon aus, dass strengere Maßnahmen zum gewünschten Erfolg führen, sondern die Lage auf anderen Gebieten nur noch verschlimmern werden. Bisher werden die Maßnahmen noch von der Bevölkerung mitgetragen, aber irgendwann geht es nicht mehr. Ich rede da nicht nur aus einer ökonomischen Perspektive, sondern von einer massenpsychologischen Warte aus. Wir haben jetzt schon einen starken Anstieg von häuslicher Gewalt. Wie soll es erst werden, wenn wir beispielsweise nur noch eine Stunde aus dem Haus dürfen?

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