Corona-Daten-Newsletter | Donnerstag, 24. September 2020 Der Satz des Drosten

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Heute im Corona-Newsletter: Ein Satz des Virologen Christian Dorsten sorgt für Aufregung und zeigt, wie wir ticken und was das mit unserer Aufmerksamkeit zu tun hat. Und ein Satz zur Corona-Warn-App in unserem Newsletter gestern hat Widerspruch bekommen – wir haben bei einem Auskenner nachgefragt. Außerdem: Was der Unterschied zwischen Isolierung und Quarantäne ist und wie lange beide dauern sollten.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin
Bildrechte: imago images/Reiner Zensen | Grafik: MDR

Guten Abend liebe Leserin,
Guten Abend lieber Leser,

ich bin manchmal überrascht, wie aufgeregt wir alle sind und auch reagieren. Auf Sätze, die Virologen sagen, und auf Sätze, die in Newslettern stehen.

Die Pandemie wird jetzt erst richtig losgehen. Auch bei uns.

Prof. Christian Drosten, Virologe an der Charité

Das hat Christian Drosten, Virologe an der Charité in Berlin, gesagt. 

Das sollen Google oder Apple mal nachmachen.

Das habe ich gestern als 100-Tage-Bilanz der Corona-Warn-App geschrieben.

Auf beides möchte ich heute kurz eingehen. Außerdem hat mich mein Kollege Manuel Mohr - den kennen Sie als MDR-Datenexperte - auf ein Dokument vom Robert Koch-Institut aufmerksam gemacht. Darin wird begründet, warum eine zehntägige Quarantäne das Minimum ist. Auch darauf möchte ich mit Ihnen schauen. Möglichst unaufgeregt.

Was Drosten sagt, meint und wie wir reagieren

Der Satz von Christian Drosten, dass die Pandemie jetzt erst losgeht, liest sich in Artikeln und Überschriften natürlich super. Besser gesagt: Ein solcher Satz funktioniert in den Medien hervorragend, weil wir als Leser oder Leserin dann eben lesen oder auf den Link klicken. Das machen wir, weil unser Gehirn so tickt. In diesem Fall, weil wir uns um unsere Gesundheit sorgen.

Und weil wir so ticken, wissen Journalistinnen und Journalisten, wie sich eine Aussage in einer Überschrift am besten formulieren lässt. Und auch die Algorithmen-Macher von Youtube, Facebook und Co. wissen das und haben für uns nach diesem Aufreger immer noch andere Aufreger parat. Unsere Aufmerksamkeit, unsere Lebenszeit ist die Währung im Internet.

Was in der Aufregung untergeht, ist der Zusammenhang, aus dem der Satz stammt. Er ist eben ein Satz aus einem langen Interview mit Christian Drosten und dem Präsidenten des World Health Summit, das wohl vor einigen Wochen entstand.

Christian Drosten hat das alles im ZDF erklärt.

Seine wichtigsten Aussagen

  • Er will nicht vor der nächsten Woche warnen, sondern es geht um eine weltweite Perspektive und weltweit geht es jetzt los.
  • Nach der heutigen Einschätzung für die nächste Woche gibt es keinen Grund, sich spezielle Sorgen zu machen.
  • Aber nur so kurz zu blicken, ist ganz falsch.
  • Wir müssen uns das auch für Deutschland so vorstellen, dass das so kommen kann - und wahrscheinlich wird - wie in den Nachbarländern.

Wichtig sei es, den richtigen Zeitpunkt für die entsprechenden Maßnahmen zu finden. Die deutschen Krankenhäuser bezeichnet der Virologe als gut vorbereitet, in den Schulen sieht er noch viel Organisationsarbeit, um Infektions-Cluster früh genug zu bemerken, damit Schulen nicht komplett geschlossen werden müssen.

Wir haben nichts besonders gut gemacht. Wir haben es nur früh gemacht.

Christian Drosten

In Deutschland seien wir in einer Sonderstellung, darauf dürften wir uns aber nichts einbilden, sagt er. Wir hätten es mit einem Naturphänomen zu tun, dem man früh begegnen müsste.

Sätze, die ich bemerkenswert fand:

  • Wir alle müssen mitdenken.
  • Kein Ministerium, keine Behörde kann in den Alltag wirken.
  • Wir sind in Deutschland ganz schön gebildet und gut informiert, z.B. ist über die Aerosolübertragung des Virus in anderen Ländern nicht viel bekannt.
  • Wir brauchen jetzt eine konzentrierte Gesellschaft.
  • Wir haben alle Chancen, früh einzuschreiten und das Infektionsgeschehen zu kontrollieren.

Seine Frage an uns alle: Müssen wir die Geburtstagsfeier mit 40 Menschen wirklich machen, auch wenn wir es dürfen? Wie lässt sich ein risikoärmerer Besuch bei den Großeltern organisieren?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, das klingt einerseits dramatisch, aber andererseits auch optimistisch. Also: Daumen drücken, Maske tragen, Abstand halten, Hände waschen

Auf einen Blick: Die aktuellen Zahlen

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat heute 1.821 Neuinfektionen deutschlandweit gemeldet. Das Robert Koch-Institut (RKI) hat heute 2.143 Neuinfektionen deutschlandweit gemeldet. Die meisten neuen Fälle wurden aus Nordrhein-Westfalen (489), Bayern (446) und Baden-Württemberg (293) gemeldet. Mecklenburg-Vorpommern zählt fünf  Neuinfektionen.

Und so haben sich die Infektionszahlen in unseren drei mitteldeutschen Bundesländern entwickelt:

Sachsen

Aktive Fälle: 656 ↗ (+34 zum letzten Meldetag)
Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 232 (+3)
Schätzung der genesenen Patienten: 6.080 (+40) 
Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 6.968 (+77) 

Thüringen

Aktive Fälle: 257 ↗ (+7 zum letzten Meldetag)
Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 194 (+0)
Schätzung der genesenen Patienten: 3.584 (+12)
Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 4.035 (+19)

Sachsen-Anhalt

Aktive Fälle: 214 ↗ (+20 zum letzten Meldetag)
Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 67 (+0)
Schätzung der genesenen Patienten: 2.244 (+5)
Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 2.525 (+25)

Das heißt also, in Mitteldeutschland sind derzeit wohl mehr als 1.100 Menschen in Isolierung. Wie viele in Quarantäne sind, weiß niemand. Was es mit den Begriffen auf sich hat, hat das RKI heute sortiert. 

Logo am Eingang des Robert Koch-Instituts
Das Robert-Koch-Institut in Berlin hat heute sein 39. epidemiologisches Bulletin in dieserm Jahr veröffentlicht. Bildrechte: imago images/Christian Spicker

Quarantäne und Isolierung

Die beiden Wörter machten für mich bis heute keinen großen Unterschied aus. Aber ich habe dazugelernt: Quarantäne ist das viel mildere Mittel der Mediziner. Alles hängt mit der Inkubationszeit und der Zeit der Ansteckungsfähigkeit ab. Das Robert-Koch-Institut hat die wichtigsten Erkenntnisse dazu heute ausführlich beschrieben und veröffentlicht, in seinem "Epidemiologischen Bulletin 39/2020". Und ja: Das liest sich so, wie es klingt.

Aber Sie haben ja mich, ich habe die zehn Seiten gelesen. Die wichtigste Frage ist, wie lange sollen Menschen abgesondert werden, die krank oder möglicherweise krank sind. Die Bezeichnung Absonderung wird so auch im Infektionsschutzgesetz benutzt.

Die Übersicht aus dem Bulletin

  • Quarantäne ist die Absonderung von symptomfreien Menschen (so wie heute Bundesaußenminister Heiko Maas und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier), die Kontakt zu einem ansteckenden Menschen hatten und sich wahrscheinlich angesteckt haben.
  • Isolierung nennt man die Absonderung von kranken oder nachweislich infizierten Menschen.

Beide Maßnahmen sollen verhindern, dass sich das Virus weiterverbreitet.

Aber wie lange muss nun jemand in Quarantäne bleiben, der vielleicht gar keine Symptome hat? Das können Sie im besten Wissenschaftsdeutsch im RKI-Dokument nachlesen, das auch die entsprechenden Studien zitiert. Kurze Antwort: 14 Tage.

Die etwas längere Antwort: Die 14 Tage gelten, wenn kein PCR-Test gemacht wird. Wird einer gemacht und ist negativ, denn können auch zehn Tage gelten. Die RKI-Forscher schreiben über eine Modellrechnung dazu: "Würde keine abschließende PCR-Untersuchung nach 10-tägiger Quarantäne erfolgen, so wäre das Risiko des Auftretens von Fällen nach Quarantäneabschluss in etwa dreimal höher als bei 14-tägiger Quarantäne ohne Untersuchung." All das ist wichtig, falls Testkapazitäten knapp werden sollten.

Und wie lange soll eine Isolierung dauern? Da ist auch die Antwort des RKI kurz: Mindestens zehn Tage, wenn der Mensch mindestens 48 Stunden keine Symptome hatte. Geriatrische Fällen erfordern einen intensiven PCR-Test. Immungeschwächte Kranke müssten einzeln bewertet werden.

Als Fazit schreibt das RKI: Werden Quarantäne oder Isolierung verkürzt, steige das Ansteckungsisiko. Eine Quarantäne von weniger als zehn Tagen gehe trotz PCR-Test mit einen höheren Restrisiko einher.

101 Tage Corona-Warn-App

Ich habe heute mehrere E-Mails von Ihnen bekommen, in denen Sie bemängeln, dass ich gestern die Corona-Warn-App so gelobt hätte. Vor allem, dass sie so teuer war, kritisieren viele.

Entzündet hat sich das an meinem Satz, diese App und das System in 50 Tagen zu entwickeln, das sollten Apple und Google mal nachmachen.

Ich habe bislang von keiner App und keinem System gehört, die und das ähnlich arbeitet. Damit kann Deutschland und Europa ein gutes Zeichen setzen, finde ich. Und es auch als gutes Beispiel nehmen, wie Europa in Zukunft Technologien entwickelt. Aber weisen Sie mich gern darauf hin, wenn Sie von einer anderen App wissen, die Datenschutz und Freiwilligkeit so umsetzt: corona-newsletter@mdr.de

Über den Satz zu Google und Apple habe ich beim Beantworten Ihrer E-Mails noch einmal nachgedacht. Und dann IT-Experte Frederik Kramer eine E-Mail geschickt.

Ein Mann steht vor einer grauen Wand.
Frederik Kramer ist Chef der Magdeburger IT-Firma initOS Bildrechte: Frederik Kramer

Er ist Chef der Magdeburger Firma initOS, die IT-Lösungen für andere Firmen anbietet und vor allem auf Open-Source-Software setzt. Auch die Corona-Warn-App ist ja als Open Source entwickelt worden. Und Frederik Kramer hat mir zugestimmt, dass Apple und Google das wohl nicht so hingekriegt hätten. Ich habe IT-Experte Frederik Kramer fünf Fragen gestellt.

Fünf Fragen an IT-Experte Frederik Kramer

Wir sprechen zwar immer von der Corona-Warn-App. Aber es ist ja nicht einfach nur eine App. Warum?

De facto besteht die Corona-Warn-App aus insgesamt zwölf so genannten Repositories, zu denen zum Beispiel die unterschiedlichen Apps für Android und iOS sowie die Server-Komponente und die Website gehören. Von "der" Corona-Warn-App zu sprechen, ist also sachlich nicht ganz richtig. 

Die App ist also mehr ein System. Aber wie gerechtfertigt ist denn nun der hohe Preis?

Ich gehe davon aus, dass SAP und die Telekom den Auftrag bekommen haben, nicht nur die "App" für verschiedene Endgeräte zu entwickeln und zu testen, sondern auch einen Nutzersupport zu gewährleisten, die Vermarktung der Anwendung zu unterstützen, die Kommunikation mit den Laboren und deren Integration sicherzustellen und die Weiterentwicklung über einen gewissen Zeitraum zu organisieren.
Das ist erheblich mehr als ein Auftrag, eine einzige App für einen definierten Endgerätetypen zu entwickeln und darüber hinaus auch ein gutes Stück schwieriger abschätzbar. 

Welche Rolle spielt es, dass der Staat der Auftraggeber ist?

Da öffentliche Auftraggeber generell nicht "ins Risiko" gehen bzw. vergaberechtlich dürfen, müssen Anbieter etwaige Risiken vorher einpreisen. Die ergeben sich zum Beispiel nicht direkt aus unscharfen Leistungsbeschreibungen. Und wenn ein Auftraggeber dann dringendst eine Lösung benötigt, was aufgrund des öffentlichen Drucks wohl so gewesen sein dürfte, schlägt sich auch dies natürlich im Preis nieder. Es reicht also nicht aus, nur den "messbaren" Teil der Softwareentwicklungsleistung zu bewerten, sondern auch das, was genau der Vertragsgegenstand ist.

Was ist Ihrer Meinung nach das größte Missverständnis in dieser Sache?

Natürlich klingen 20 Millionen Euro auch in meinen Augen erstmal nach viel, vielleicht sogar zu viel Geld. Ich weiß auch, dass SAP und Telekom mit Sicherheit nicht die günstigsten Marktteilnehmer sind. Aber ich kann durchaus verstehen, dass die Politik bei einem so sensitiven Thema keinem mittelständischen Unternehmen vertrauen wollte. Ob der Preis angemessen ist, kann ich aber nicht beurteilen, weil ich die Vertragsdetails nicht kenne. Und ich bezweifle, dass es außer den Vertragspartnern Leute gibt, die das können. 

Wie glauben Sie, kann man Menschen vom Nutzen der App überzeugen? 

Die problematischsten Aspekte sind meiner Meinung nach, dass die App nur einen Bruchteil der tatsächlichen Infektionen kennt, die Einverständniserklärung so komplex geregelt ist und der Grad an Freiwilligkeit und Datenschutz sehr hoch sind. Für Dezentralität und Datenschutz hatten sich ja u.a. die Experten des Chaos Computer Clubs CCC eingesetzt und damit auch den Gesetzgeber überzeugt. Ich sehe deshalb alle IT-Experten ein Stück in der Pflicht, die Nutzung der App positiv zu erwähnen und bei der Verbesserung mitzuhelfen. Und da liefert der Open-Source-Ansatz die besten Möglichkeiten und Argumente. Ein Satz noch: Ich halte die Investition in eine solche App für nachvollziehbarer als viele andere staatliche Projekte. Wenn sie auch nur ein Menschenleben rettet, wäre eine Preisdiskussion aus meiner Sicht ohnehin unethisch.


Bevor ich Ihnen einen schönen Abend wünsche, habe ich noch eine Geschichte zum Weitererzählen für Sie. Bei der habe ich heute Mittag über die moderne Welt gekichert: Ein alter Fernseher hat dafür gesorgt, dass das Internet in einem Dorf in Wales seeeeeehr langsam war. Und die Experten brauchten ein paar Tage, um das Problem zu finden: Ganze 18 Monate lang.

Einen schönen Abend und alles Gute!

Marcel Roth

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Quelle: MDR/mr

5 Kommentare

altmarkboy vor 4 Wochen

Dr. Drosten und das Phänomen des Widerspruchs. Ja, genau dafür steht unser aller Vorzeige-Virologe. Wenn man sich mal die Zeit nimmt uns sich seine aussagen zu Gemüte führt, muss man sich verliert vorkommen . Ein Wort der Entschuldigung, ein Wort der Fehleranalyse ? Fehlanzeige bei Drosten.

hajuesport vor 4 Wochen

Drosten ( ist er überhaupt Doktor? seine angebliche Doktorarbeit ist nirgendwo zu finden) sollte sich einmal die Worte von Frau Prof.Dr.Dr. Li-Meng Yan Virologin aus China anhören vielleicht würde er dann seinen Wortschatz von könnte ,vielleicht, eventuell, wäre möglich usw. erweitern und gleichzeitig fachlich korrekte Aussagen treffen.

altmarkboy vor 4 Wochen

Drosten hat sich so oft widersprochen, ohne sich jemals für seine Fehlinterpretationen entschuldigt zu haben. Ich kann diesen Mann nicht mehr ernst nehmen. Alle Wochen wieder warnt er vor der 2. Welle. Die Zahlen des RKI sprechen dagegen eine eindeutige Sprache. Test KW 14: ca. 408.000 davon 36.800 Positiv . Positiver Anteil der getestet Positiven : 9 Prozent ! Test KW 37: ca. 1.2 Mio davon 9600 Positiv. Anteil der getestet Positiven : 0,86 Prozent ! Noch Fragen ??? Schon 20009 während der Schweinegrippe lag Drosten mit seinen Annahmen daneben. Alles zusehen auf einer Arte-Reportage.

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