Corona-Daten-Newsletter | Donnerstag, 29. Oktober 2020 Die Debatte und unsere Psyche

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Heute im Corona-Newsletter: Schlagabtausch im Bundestag zu den Beschlüssen von gestern. Und wir haben uns mit einer Psychologin ausgetauscht, die Tipps gibt, wie wir mit Sorgen udn Ängsten umgehen können. Und ein paar Tipps kommen auch von zwei Leserinnen.

Angela Merkel steht zu Beginn der Sitzung des Bundestags im Plenum mit einer Mund-Nasenbedeckung vor Abgeordneten der Fraktionen.
Bildrechte: dpa

Guten Abend liebe Leserin,
Guten Abend lieber Leser,

das war heute ein Tag der Diskussionen. Im Bundestag und vielleicht auch bei Ihnen Zuhause oder auf der Arbeit. Sind die Beschlüsse, die ab Montag für vier Wochen gelten, gerechtfertigt oder nicht?

Einige Aussagen dazu trage ich Ihnen heute zusammen. Wir gucken uns die Ergebnisse der großen Restart19-Studie der Uniklinik Halle an. Und wir gehen gemeinsam zur Psychologin... 

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Nach den Beschlüssen von gestern hat Bundeskanzlerin Angela Merkel im Bundestag eine Regierungserklärung abgegeben. Einer ihrer ersten Sätze: In den vergangenen zehn Tagen hätte sich die Zahl der intensivmedizinisch Betreuten verdoppelt (18.10: 769; 28.10: 1.569). "Eine solche Dynamik wird unsere Intensivmedizin in wenigen Wochen überfordern."

Bundestag
Kanzlerin Merkel bei ihrer Regierungserklärung im Bundestag Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Debatte

Merkel weiter: "Wir befinden uns am Anfang der kalten Jahreszeit in einer dramatischen Lage. Sie betrifft uns alle. Ausnahmslos." Nach nicht einmal zwei Minuten gab es Unruhe und Zwischenrufe im Bundestag. Den ersten Applaus gab es, als Merkel sagte, Schulen und Kitas würden offen bleiben. Nach vier Minuten gab es laute Zwischenrufe und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble schimpft das erste Mal. Merkel: "Die Maßnahmen, die wir jetzt ergreifen, sind geeignet, erforderlich und verhältnismäßig. Wenn wir stattdessen warten würden, bis die Intensivstationen voll sind, dann wäre es zu spät!"

Weitere wichtige Aussagen:

  • Angela Merkel (CDU): "Wir befinden uns in einer dramatischen Lage. Populistische Verharmlosung ist nicht nur unrealistisch, sondern unverantwortlich."
  • Alexander Gauland (AfD): "Wir müssen abwägen, auch um den Preis, dass Menschen sterben." Gauland weiter: "Angst ist ein schlechter Ratgeber. Das tägliche Infektionszahlen-Bombardement soll aber den Menschen offenbar Angst machen. Es handelt sich um eine Art von Kriegspropaganda." 
  • Rolf Mützenich (SPD): "Selbst in unsicheren Zeiten ist der Reflex zum Durchregieren keine Alternative zum mühsamen Konsensprozess."
  • Christian Lindner (FDP): "Dies muss der letzte Lockdown gewesen sein."
  • Amira Mohamed Ali (Linke): "Niemand darf in Not geraten durch diese Krise."
  • Katrin Göring-Eckardt (Grüne/Bündnis90): "Wir wussten, der Herbst würde kommen und die höheren Infektionszahlen. Aber Sie (die Bundesregierung) waren nicht vorbereitet. So ist aus der Infektionskrise eine Vertrauenskrise geworden."

Ein kurzer Blick rüber zu den Kollegen: Die Tagesschau schreibt von einer Regierungserklärung mit Tumulten, der Kommentator der FAZ stellt die Frage in den Mittelpunkt, was ein Menschenleben wert ist und der Kommentator im Stern schreibt, Corona-Entscheidungen gehörten in die Parlamente, die dann aber auch liefern müssten.

Als ich einen Teil der Debatte gehört habe, kam mir ein Satz des Virologen Christian Drosten aus dem Frühjahr in den Sinn: "Wir haben hier eine Naturkatastrophe, die in Zeitlupe abläuft." Die Pandemie ist also offenbar nicht so schnell vorbei wie ein Erdbeben und das hat enorme Auswirkungen. Die hat auch die Bundeskanzlerin benannt: "Die Krise ist eine medizinische, ökonomische, soziale, politische und psychologische Bewährungsprobe."

Jetzt liefere ich Ihnen die Zahlen, die Sie auch überspringen können – nicht wegen Alexander Gauland, sondern wegen unserer Psyche. Die Erklärung dafür gibt es danach.

Auf einen Blick: Die aktuellen Zahlen

Das Robert-Koch-Institut meldet heute 16.774 (ein neuer Höchstwert, +1.810 zum Vortag) neue Infektionen. Die meisten Neuinfektionen gab es in Nordrhein-Westfalen (4.773), Bayern (2.578) und Baden-Württemberg (2.280). Die wenigsten neuen Infektionen gab es in Mecklenburg-Vorpommern (156). 

Und so viele positiv auf das Virus Getestete und die Kapazitäten der Intensivbetten gibt es heute in unseren drei mitteldeutschen Bundesländern:

Sachsen

  • Aktive Fälle: 6.528 ↗ (+585 zum Vortag)
  • Intensivpatienten: 158 (+12), davon 50 beatmet (+5)
  • Intensivbetten: 1.291 belegt, 448 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 310 (+6)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 9.480 (+370)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 16.318 (+961) 

Thüringen

  • Aktive Fälle: 1.808 ↗ (+184 zum Vortag)
  • Intensivpatienten: 32 (+1), davon 6 beatmet (+/-0)
  • Intensivbetten: 623 belegt, 316 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 204 (+/-0)
  • Genesene Patienten: 4.629 (+44)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 6.641 (+228)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 1.713 ↗ (+164 zum Vortag)
  • Intensivpatienten: 25 (+4), davon 12 beatmet (-1)
  • Intensivbetten: 715 belegt, 298 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 78 (+1)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 3.038 (+57)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 4.829 (+222)

Sie sehen: Die Pfleile sind seit Tagen rot und zeigen noch oben. Wenn Sie die Kurve in einer Grafik dazu sehen, ist das eine exponentiell wachsende Kurve. (Zur Erinnerung: Exponentielles Wachstum heißt, es wird in immer kürzerer Zeit immer mehr.)

Merkel hat heute auch gesagt, sie würde die Frustrationen verstehen. Aber ganz ehrlich: Wenn es um Frustrationen oder mögliche Ängste geht, sind Politiker und Politikerinnen oder Virologen und Virologinnen nicht ganz die richtigen Ansprechpartner. Das sind Psychologinnen und Psychologen.

So wie Dr. Annegret Wolf von der Uni Halle. Das ist die Dame rechts im Bild – auch wenn Raimunds Brille (der Kollege Fichtenberger neben ihr) auch gut zu einem Psychologen passen würde. (Oder passt sie eher zu einem Puppendoktor? Wenn Sie wissen, was ich meine – wissen Sie, was ich meine.)

Ihr habt eure Fragen an unsere Psychologin Dr. Annegret Wolf gestellt. Die meistgestellten Fragen beantwortet sie in dieser Podcast-Folge!
Bildrechte: MDR SPUTNIK

Aber ernthaft: Ich habe mit Annegret Wolf von der Uni Halle gemailt und sie um ein paar Tipps gebeten, die gegen mögliche Ängste helfen können.

Die Psyche

Sie schreibt, dass wir neben der Pandemie auch eine Infodemie haben, also einen Überfluss an Informationen – richtigen und falschen, sachlichen und weniger sachlichen. Vor allem letztere können uns derzeit überfordern, so dass wir ein Risiko nicht mehr gut einschätzen können und Unsicherheiten wachsen. Häufig würden wir mit den Informationen allein gelassen, weil Sendeplätze nicht ausreichten, um die ganze Geschichte zu erzählen.

Angst ist durchaus etwas ansteckendes und besonders heute in Zeiten von sozialen Medien kann diese Erregung, die durch ständige, häufig auch recht dramatisierende und emotionale Medienberichterstattung ausgelöst wird, weitergegeben werden an andere Menschen.

Dr. Annegret Wolf, Uni Halle

Das sind ihre Tipps:

  • "Den Nachrichtenkonsum (insbesondere den zu Corona) reduzieren, am besten auf ein oder zwei Mal am Tag. Dabei auf vertrauenswürdige und offizielle (!) Quellen beziehen, die seriös, transparent und hintergründig, aber vor allem auch SACHLICH berichten."
  • Ein gutes Indiz sei, wenn wir Nachrichten recht unaufgeregt schauen könnten. Nur mit möglichst wenigen Emotionen könne der Kopf die Informationen besser verarbeiten – ansonsten sei das rationale Denken ausgeschaltet.
  • Nachrichten nicht direkt vorm Schlafengehen oder nach dem Aufwachen anschauen. 
  • "Ich wohne in Halle, also informiere ich mich einmal am Tag über die Lage in der Welt und dann einmal darüber, was in Halle gilt, ob ich zum Beispiel morgen bereits mit Maske vor die Tür muss. So fühle ich mich vorbereitet, handlungsfähig und die Situation ist für mich (einigermaßen) kontrollierbar."

Annegret Wolff hat auch noch Fragen, mit denen sich der Alltag gut bewältigen lässt: "Was kann ich tun, um andere und mich zu schützen UND keine Angst zu haben, die meinen Alltag, mein Denken und Handeln belastet und bestimmt?"

Und sie hat auch noch einen Hinweis an alle Menschen (und Medien), die öffentlich kommunizieren: "Wörter wie 'Panik' (ja, auch der Satz 'Keine Panik') vermeiden, aber auch Bilder so einsetzen, dass sie zwar warnen, aber bei einigen Menschen nicht Angst auslösen können."

Und: "Es ist völlig ok und wichtig, mal nicht über Corona zu reden. Wir sehen und treffen uns gerade viel zu wenig und selbst wenn, ist es nicht so wie sonst, es sollte andere Gesprächsthemen geben als Corona."

Das klingt doch sehr plausibel, finde ich. Auch wenn das vielleicht heißt, dass Sie nicht jeden Tag unseren Newsletter lesen wollen. Sie brauchen mir auch keinen Entschuldigungszettel schreiben :-)

Ihre Strategien

Ich möchte das alles auch noch mit ein paar Sätzen aus zwei E-Mails ergänzen, die ich heute bekommen habe.

Jutta Bastian aus Bammental schreibt zum Beispiel:

  • "Positiv denken - und für jeden Tag etwas vornehmen, worauf man sich freut!"
  • "Das Pflegen der Kontakte zu Familie und Freunden ist mit einer meiner wichtigsten Mutmacher. Bei uns wird telefoniert, gemailt, geskypt und hin und wieder auch ein Kärtchen für den Briefkasten geschrieben."
  • "Wer sich selber schützt, und wer sich respekt- und verständnisvoll anderen gegenüber verhält, bekommt zu Recht das Gefühl, er sei nicht ohnmächtig allem ausgeliefert."
  • "Sorgen Sie für sich selbst, übernehmen Sie die Verantwortung für Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden – aber auch für die Gesundheit der Menschen in Ihrem persönlichen Umfeld."

Und Ivonne Schwabe aus Chemnitz hat auch ein paar Tipps:

  • "Es kommt IMMER erst ein Gedanke, bevor sich daraus ein Gefühl entwickelt. Das bedeutet, dass wir in unsere Gefühle eingreifen können. Wir könnten stattdessen zum Beispiel denken, wer weiß, wo die das Klopapper bunkern, so viel Platz habe ich nicht."
  • Das Thema sollte nicht den gesamten Alltag einnehmen.
  • "Es sollten immer noch Dinge gemacht werden, die Spaß machen: Ablenken mit Spaziergängen, zeichnen, mit der Nachbarin oder Freundin Kaffee trinken, TikTok Videos machen, es sich Zuhause mit Netflix oder vorm Fernseher gemütlich machen, in eine gemütliche Decke und mit etwas Leckerem ein spannendes Buch lesen."

Und wenn Sie noch mehr Tipps wollen:

Ich habe gelernt: Wir können versuchen, bewusst zu denken und in uns reinzuhören. Lachen Sie nicht: Ich habe gestern zum ersten Mal in meinem Leben versucht, zu meditieren, weil ein Freund von mir Trainer werden will und Freiwillige suchte. Das war nicht ganz so esoterisch, wie ich dachte.

Und wir haben das per Videokonferenz gemacht. Das hätte es vermutlich so nicht gegeben, weil mein Freund in Bergisch-Gladbach wohnt: Ohne Pandemie wäre ich zum Meditieren sicher nicht dort hingefahren und die Stunde hätte nicht per Videokonferenz stattgefunden. Das ist ein Vorteil. Aber klar: Kontakte zu beschränken, ist brutal. Aber richtig, das sagt heute Prof. Alexander Kekulé, Virologe aus Halle.

Ihnen einen entspannten Abend.
Alles Gute
Marcel Roth 

P.S. Wie Medien mit den Worten Angst, Panik und Horror gerade umgehen, das nimmt das NDR-Medienmagazin ZAPP schön auf die Schippe. Danke für den Tipp an Thomas Kandel

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Quelle: MDR/mr

2 Kommentare

Volker S. vor 5 Wochen

Was unter Versuchsbedingungen gelang, ist das denn realistisch?

Maskenverweigerer ziehen die Maske am Eingang über und lassen sie dann am Kinn hängen.

Matthi vor 5 Wochen

Was Corona mit der Psyche anstellt sieht man im Bundestag und in manchen Ministerien 🤣🤣

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