Corona-Daten-Newsletter | Donnerstag, 13. August 2020 Was ist eigentlich Hintergrund-Immunität?

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Eine Coronavirus-Erkrankung kann unterschiedlich schwer verlaufen. An einem möglichen Faktor für diese Unterschiede forschen Wissenschaftler gerade: Es könnte sein, dass einige gesunde Menschen eine gewisse Hintergrund-Immunität mitbringen, weil ihre Immunzellen das Virus erkennen können.

Coronavirus, umgeben von anderen Krankheitserregern
Studien haben herausgefunden, dass im Blut mancher gesunder Menschen T-Zellen sind, die auf das neue Coronavirus reagieren. Bildrechte: imago images / Future Image / C. Hardt | Collage: Fabian Frenzel

Liebe Leserinnen und Leser,

sicherlich haben Sie sich schon mal gefragt, warum manche, die sich mit COVID-19 anstecken, gar keine Symptome zeigen, während andere nach der Infektion sterben. Forscherinnen und Forscher haben bereits einige Risikofaktoren zusammengetragen, die die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Krankheitsverlauf steigern. Gefährdeter sind laut Corona-Steckbrief des Robert Koch-Instituts (RKI) ältere Menschen, Raucher, stark Übergewichtige und Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen.

Ein Grund dafür, dass manche vor schlimmen Verläufen verschont bleiben, könnte eine T-Zell-Kreuzreaktivität sein. Das ist ein sperriges Wort für eine ziemlich interessante Beobachtung mehrerer Studien. Ich erkläre Ihnen in diesem Newsletter, was es mit Kreuzreaktivität auf sich hat und was hinter der damit vielleicht verbundenen Hintergrund-Immunität steckt. 

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Auf einen Blick: Die aktuellen Zahlen

Heute hat das Robert Koch-Institut (RKI) fast 1.500 Neuinfektionen vermeldet. 1.445 Menschen in Deutschland sind demnach positiv auf das Coronavirus getestet worden. Im Durchschnitt sind in den vergangenen sieben Tagen damit fast 1.000 Neuinfektionen pro Tag gemeldet worden.

Eine ganze Reihe Bundesländer haben Neuinfektionen im dreistelligen Bereich gemeldet. Die meisten Neuinfektionen, 535, sind erneut in Nordrhein-Westfalen festgestellt worden. Bayern meldete 254 neue Fälle, Baden-Württemberg 187, Hessen 132, Berlin 125. 

Sachsen

  • Aktive Fälle: 167 ↗ (+15 zum Vortag)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 226 (+0)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 5.310 (+5)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 5.703 (+20)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 115 ↗ (+9 zum Vortag)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 190 (+0)
  • Zahl der genesenen Patienten: 3.184 (+3)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 3.489 (+12)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 95 ↗ (+3 zum Vortag)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 64 (+0)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 1.943 (+6)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 2.102 (+9)

Obwohl in unseren drei Bundesländern noch nicht so viele Neuinfektionen registriert wurden, steigen die Zahlen trotzdem seit Ende Juli. Laut Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, kommt das Gesundheitssystem mit etwa 1.200 Neuinfektionen pro Tag zurecht. Trotzdem sei es richtig, nun vorsichtig zu sein.  

Kreuzreaktivität: Immunität im Hintergrund

Eine Infektion mit dem Coronavirus kann extrem unterschiedlich verlaufen. Manche haben gar keine Symptone oder nur einen milden Krankheitsverlauf, meist mit den Symptomen Husten und Fieber. Laut RKI verlaufen etwa 80 Prozent der Corona-Infektionen mild.

Aber es gibt auch sehr schwere und sogar tödliche Verläufe. Bei MDR SACHSEN schildet etwa der Fotograf Matthias Creutziger, dass er nach seiner Erkrankung mit dem Coronavirus einen Monat im künstlichen Koma lag. Nur knapp entkam der 68-Jährige dem Tod. 4,4 Prozent aller in Deutschland gemeldeten Infizierten sind in Zusammenhang mit einer COVID-19-Erkrankung gestorben, heißt es vom RKI. 

Warum verläuft die Erkrankung so unterschiedlich?

Hier spielen viele Faktoren mit rein. Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Krankheitsverlauf steigern, habe ich Ihnen zu Beginn des Newsletters schon genannt. Jetzt will ich Ihnen einen Faktor vorstellen, der das Risiko für einen schweren Verlauf womöglich senken könnte. 

In einer Studie der Berliner Charité ist das Blut von Probanden untersucht worden, die zuvor nachweislich noch nicht mit dem Coronavirus in Kontakt gekommen sind. Überraschenderweise reagierten im Blut von 34 Prozent der Untersuchten sogenannte T-Zellen auf das neue Coronavirus. T-Zellen oder T-Helferzellen sind ein wichtiger Baustein des Immunsystems, das die Viren bekämpft. Zu einem ähnlichen Ergebnis ist auch eine Forschergruppe des US-amerikanischen La Jolla Institute gekommen. 

Wie kommen Gesunde an T-Zellen, die auf das Coronavirus reagieren?

Ein Erklärungsansatz ist, dass diese Personen in der Vergangenheit mit anderen Coronaviren in Kontakt gekommen sind, die dem neuen Coronavirus SARS-CoV-2 ähneln. Die Forscher sagen, dass es sich dabei um Erkältungs-Coronaviren handeln könnte. 

Das bedeutet etwas unwissenschaftlich formuliert: T-Helfer-Gedächtniszellen "erinnern" sich, dass sie es schon einmal mit einem Virus zu tun hatten, das SARS-CoV-2 ausreichend ähnlich ist – und reagieren entsprechend. Dieses Reagieren der Zellen auf nicht ganz identische Viren nennt sich Kreuzreaktivität.  

Und was heißt das alles jetzt?

Kurz gesagt: Das muss noch erforscht werden. Es gibt von den an der Charité-Studie beteiligten Wissenschaftlern aber ein paar Vermutungen. So könnten die "kreuzreaktiven T-Helferzellen" eine schützende Wirkung haben, indem sie etwa dafür sorgen, dass der Körper schneller Antikörper bilden kann, die SARS-CoV-2 abwehren. Die Krankheit könnte dann eventuell milder verlaufen. 

Vorangegangene Infektionen mit Erkältungs-Coronaviren könnten also zu einer gewissen Hintergrund-Immunität gegen das neue Coronavirus führen. Für den einzelnen Erkrankten könnte das vorteilhaft sein. Allerdings scheint so eine Hintergrund-Immunität durch Corona-Erkältungsviren nicht allzu lange anzuhalten. Und allgemein ist eine mögliche Hintergrund-Immunität gegen SARS-CoV-2 in den Fallzahlen und vor allem in den Todesfällen schon "eingepreist", wie Virologe Christian Drosten bereits vor einiger Zeit im Podcast von NDR Info erklärte: Eine Hintergrund-Immunität ändere nichts daran, dass eine bestimmte Anzahl der Erkrankten sterbe. 

Darüber hinaus könnte die Kreuzreaktivität auch nachteilig sein und die Coronavirus-Erkrankung sogar verschlimmern. Welche Bedeutung die kreuzreaktiven T-Helferzellen für den Krankheitsverlauf haben, soll darum die gerade gestartete Charité-Corona-Cross-Studie herausfinden. 

Fazit:

Vielleicht könnte Ihre Erkältung vor kurzem (so denn Coronaviren ihr Auslöser war) etwas Gutes haben und Sie bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 vor einem schweren Verlauf bewahren. 

Ganz sicher – und das kann ich nicht genug betonen – ist es trotzdem besser, sich erst gar nicht mit dem Coronavirus anzustecken. Und dagegen helfen Schutzmaßnahmen wie Abstand halten.

Um das Thema Hintergrund-Immunität und Kreuzreaktivität geht es auch in der heutigen Folge des Podcasts mit dem Virologen Alexander Kekulé. Er ordnet die Ergebnisse der Studien der Charité und des La Jolla Institutes für Sie ein.

Kekulés Corona-Kompass 41 min
Bildrechte: MDR/dpa

Warum macht das Corona-Virus die einen krank und die anderen nicht? Prof. Kekulé erläutert den Erkenntnisstand.

MDR AKTUELL Do 13.08.2020 13:45Uhr 40:34 min

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Mit Nasenspray gegen Corona-Infektion

Ich habe noch eine weitere interessante Meldung aus der Welt der Forschung für Sie. Und zwar haben Wissenschaftler in den USA ein Nasenspray entwickelt, das bis zu 24 Stunden lang eine Infektion mit dem Coronavirus verhindern könnte.

Wie soll das funktionieren? In dem Spray befinden sich winzige Protein-Moleküle. Diese Moluküle sollen an der Oberfläche des Coronavirus andocken – und das Virus so deaktivieren. Das Mittel wird im Labor deutsch-amerikanischen Biochemikers Peter Walter entwickelt. Walter hofft, dass das Nasenspray als Übergangsschutz eingesetzt werden kann, bis es einen Impfstoff gibt. Noch muss aber in klinischen Tests geprüft werden, ob das Spray tatsächlich wirkt.

Was heute außerdem los war

Anti-Corona-Demos beschäftigen Innenministerium von Sachsen-Anhalt

Seit Wochen demonstrieren in Halle Corona-Leugner und Rechtsextreme gemeinsam. SPD-Politiker Rüdiger Erben hat dazu nun eine Kleine Anfrage ans Innenministerium gestellt. Erben will unter anderem wissen, wie viele dieser Demos es 2020 in Halle gegeben hat und wie die Polizei die Kundgebungen abgesichert hat.

Corona-Teststelle am Flughafen Erfurt-Weimar

Der Flughafen Erfurt-Weimar bekommt ab Samstag eine eigene Teststelle für das Coronavirus. Das hat das Gesundheitsministerium Thüringen heute angekündigt. Reiserückkehrer können sich dort dann kostenlos testen lassen. Am Flughafen landen Flüge aus einem bulgarischen Corona-Risikogebiet.

Was morgen wichtig wird

Ab Freitag können sich Urlauber, die aus Tschechien oder Polen mit dem Auto zurückkehren, an Sachsens Grenzübergängen auf das Coronavirus testen lassen. Es soll an der A4 und an der A17 je eine Teststation geben.

An den Grenzübergängen an den Autobahnen in Bayern können sich Rückkehrer bereits seit einiger Zeit kostenlos auf das Virus testen lassen. Dabei gab es jedoch eine Panne, wie gestern bekannt wurde: Laut Bayerns Gesundheitsministerin hatten 44.000 Getestete ihr Testergebnis nach einer Woche noch nicht erhalten – darunter auch 900 positiv Getestete. Bis heute Mittag sollten aber alle ihr Ergebnis bekommen.

Damit verabschiede ich mich für heute von Ihnen. Morgen gibt es noch einen Newsletter – und dann ist schon Wochenende!

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend

Maria Hendrischke

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Quelle: MDR/mh

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