Corona-Daten-Newsletter | Donnerstag, 19. November 2020 Wer ohne Zweifel ist

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Heute im Newsletter: Zahlreiche Mails und etwas, was zum Job dazugehört. Und dieses "das" hat einen Namen: Zweifel. Außerdem ein paar Gedanken zum geänderten Infektionsschutzgesetz.

Proben für Corona-Tests werden im Diagnosticum-Labor in Plauen für die weitere Untersuchung vorbereitet.
Bildrechte: dpa | Grafik MDR

Guten Abend liebe Leserin,
Guten Abend lieber Leser,


eine Pause. Das wünsche ich uns allen mal. So eine wie ich sie gestern hatte. Natürlich bin ich da privilegiert und kann Ihnen deshalb nur so super Kolleginnen und Kollegen, Chefs und Chefinnen, Firmen und Betriebe wünschen, wie ich sie habe.

Sie haben mir wieder E-Mails geschrieben. Danke für jede einzelne. Wirklich! Denn das trägt ja dazu bei, dass wir uns in unserer Arbeit hinterfragen oder noch einmal genauer nachschauen oder uns berichtigen. Das gehört zum Job dazu. Und dieses "das" hat einen Namen: Zweifel.

Ein paar Gedanken dazu möchte ich Ihnen heute mitgeben und auch noch einmal auf das Infektionsschutzgesetz schauen.

Als erstes aber der Zahlen-Block.

Auf einen Blick: Die aktuellen Zahlen

Dem Robert Koch-Institut (RKI) sind heute bundesweit 22.609 Neuinfektionen gemeldet worden. (Gestern kamen 17.561 dazu.) Die meisten Neuinfektionen meldet Nordrhein-Westfalen (+5.429), Bayern (+4.070) und Baden-Württemberg (+3.071). Die wenigsten das Saarland (+103).

Und so sieht es in Mitteldeutschland aus:

Sachsen

  • Aktive Fälle: 14.724 ↘ (-337 zum Mittwoch)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 301 (-4), davon 171 invasiv beatmet (+5)
  • Intensivbetten: 1.242 belegt, 420 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 614 (+25) 
  • Genesene Patienten: 24.380 (+1.470) 
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 39.718 (+1.158)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 3.840 ↗ (+180 seit letzter Meldung)
  • Intensivpatienten: 88 (+4), davon 22 beatmet (-3)
  • Intensivbetten: 669 belegt, 263 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 290 (+5)
  • Zahl der genesenen Patienten: 8.157 (+196)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 12.287 (+381)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 3.2170 ↗ (+77 seit letzter Meldung)
  • Intensivpatienten: 50 (-2), davon 27 beatmet (+/-0)
  • Intensivbetten: 740 belegt, 251 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 113 (+/-0)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 5.946 (+245)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 9.296 (+323Höchstwert)

Die Zahl der gemeldeten Todesfälle lag gestern deutschlandweit bei 305. Heute bei 251.

Das Infektionsschutzgesetz

Meine Kollegin Maria Hendrischke hatte es Ihnen gestern geschrieben: Im demokratischen Schnellverfahren hat der Bundestag das Infektionsschutzgesetz geändert. Es gilt seit heute. In unserem E-Mail-Postfach corona-newsletter@mdr.de kamen dazu E-Mails an:

Ich habe 15 Jahre DDR-Diktatur miterlebt, 1974 geboren. Merkel ist 1.000-fach schlimmer als Honecker.

Oder auch:

Schreiben Sie doch bitte ganz konkret, was sich mit dem neuen Infektionsschutzgesetz ändert!!! – (Falls Sie dazu überhaupt in der Lage sind …) Allgemeinplätze werden doch in den Medien schon genug bedient!

Und:

Ein Gesetz, welches an die Zeiten von 1933-1945 erinnert. (...) wo jegliche demokratischen Grundpfeiler ins Wanken gerieten. Indem die Presse und Medien in ihrer eigenen regierungsnahen Filterblase gefangen waren. In dem Gerichte nicht mehr Recht, sondern häufig der Regierung nach gesprochen haben (...) Aber dies alles interessiert nicht. Hauptsache, die Leute haben eine Maske auf. Dass unser Gesundheitssystem schon seit über 10 Jahren vor sich hinsiecht, interessiert nicht.

Was sich ändert

Nicht viel

Das haben meine #MDRklärt-Kollegen bei Instgram knackig zusammengefasst. Klicken Sie sich ruhig einmal durch die sieben Bilder. Das geht ganz fix.  


Die Kollegen haben das dort – plattformgerecht – sehr kurz und knapp gefasst. Ich versuche es ein klein wenig ausführlicher.

Hier ist der Gesetzentwurf, über den der Bundestag abgestimmt hat. Neu hinzugekommen ist Paragraf 28a. Er gilt ausschließlich für die Corona-Pandemie und führt 15 Maßnahmen auf, die möglich sind, wenn der Bundestag eine epidemische Lage von nationaler Tragweite festgestellt hat. 

Keine dieser 15 Maßnahmen ist neu. Die Maßnahmen sollen das regionale Infektionsgeschehen in den Landkreisen berücksichtigen. Deshalb sind auch die Inzidenzwerte von 35 und 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen in den Paragrafen aufgenommen. Daran sollen sich die Einschränkungen orientieren. 

All das kennen wir, es stand bisher nur nicht im Gesetz. Deshalb hatten Gerichte mitunter Maßnahmen als rechtswidrig eingestuft.

  • Neu ist: Die Maßnahmen müssen befristet sein.
  • Neu ist: Auch Menschen, die nicht versichert sind, haben Anspruch auf Tests und Impfungen.
  • Neu ist: Das Gesetz ermöglicht es, dass Risikogruppen eine vergünstigte FFP-2-Maske bekommen können.
  • Neu ist: Keine Entschädigung mehr, wenn jemand aus einem Risikogebiet zurück kommt und in Quarantäne muss.


Meine Fernseh-Kollegen von "MDR um Elf" hatten heute den Chef des Gesundheitsamtes Magdeburg im Interview. Und Moderator Stefan Bernschein hat ihn auch gefragt, was er von dem geänderten Infektionsschutzgesetz hält.

Ich bin nicht beeindruckt

Entspannter kann man auf das Gesetz wohl kaum reagieren. Dr. Eike Hennig, der Chef des Gesundheitsamtes Magdeburg, sagt, den Paragrafen 28 gab es schon. Der neu eingefügte würde jetzt die Rechtsgrundlage für schnelles Handeln schaffen.

Trotzdem darf man das geänderte Infektionsschutzgesetz natürlich schrecklich finden, man darf dagegen demonstrieren, man darf uns ärgerliche E-Mails schreiben. Alles weiter von Leser Peter Wruck aus Leipzig:

"1976 wurde die Anschnallpflicht auf den Vordersitzen von PKW eingeführt. Dies hat zu einem Proteststurm in Teilen der Bevölkerung geführt. Interessanterweise waren die Argumente der Gegner der Pflicht sehr ähnlich den heutigen Argumenten: staatliche Bevormundung, Diktatur, ich kann mich selbst schützen, gefesselt ans Auto, lohnt sich nur für die Hersteller, an Grippe sterben genauso viele Menschen."

Ich will gar nicht überheblich klingen, denn natürlich zeigt Corona, an welchen Stellen unsere Gesellschaft nicht optimal funktioniert: Schulen, Alleinerziehende, Einsparungen im Gesundheitswesen, IT-Sicherheit, eine nachhaltige Art des Wirtschaftens etc. Das alles ist aber kein Entweder-Oder. Wir müssen alles angehen.

Ich sehe das dann als die nächsten dringenden Aufgaben an. Also bitte dort engagieren als gegen Maßnahmen, die eine Naturkatastrophe im Zaum halten sollen.

Gesundheitsamsleiter Hennig sagte zur Corona-Situation in Magdeburg, er sei zufrieden, dass es kein exponentielles Wachstum gäbe, sondern die Zahlen stabil seien. Ohne die Einschränkungen, ohne Kontaktbeschränkungen und Abstände wäre es wohl nicht so. 

Er spricht sich gegen Massentests zum Beispiel in Schulen aus: Sie würden immer nur eine Momentaufnahme sein, die schon einen Tag später anders sein könnten. So ließe sich nicht planen. Eine trügerische Sicherheit.

Weihnachten würde auch kein Weihnachten wie immer. "Vielleicht ist es einmal nicht schlecht, dass Weihnachten das ist, was es sein soll: ein besinnliches Fest in der Familie."

Über das Infektionsschutzgesetz und Weihnachten haben heute auch Prof. Alexander Kekulé und Camillo Schuhmann in ihrem Podcast bei MDR AKTUELL besprochen.

Kekulé sagt, der Anstieg der Zahlen, die Beschleunigung sei weniger geworden. Wie RKI-Chef Wieler glaubt und hofft auch er, dass die Zahlen in der nächsten Woche sinken. 

Kekulé: "Wenn man wenig bremst, merkt man natürlich erst später etwas." Gleichzeitig glaubt Kekulé, dass wir bald eine "Riesendunkelziffer" oben aufschlagen müssten.

Das geänderte Infektionsschutzgesetz nennt er "gut und überfällig", er nimmt die Politik in Schutz: "Eine halbwegs vollständige Maßnahmen-Liste zu erstellen, sei nicht trivial." 

Zu Paragraf 28a sagt Kekulé: "Der Corona-Paragraf, den finde ich in Ordnung."

Der Virologe aus Halle klingt immer sehr überzeugend. Aber überzeugt ist er als Wissenschaftler natürlich auch nicht immer.

Dazu muss ich noch ein paar Sätze loswerden.

Ohne Zweifel

Viele E-Mails, Kommentare und Meinungen derzeit sind ziemlich klar und deutlich formuliert. Das finde ich gut. Aber als Journalist bin ich es gewöhnt, auch von der genau entgegengesetzten Seite auf eine Meinung zu gucken oder sie mir zu beschaffen. So werden ja Argumente ausgetauscht. So kommt man voran, wird vielleicht klüger.

Deswegen bin ich mitunter fasziniert, wenn Menschen zu 100 Prozent von ihrer Meinung überzeugt sind.

Auf Ratgeberseiten im Internet liest man natürlich: Selbstzweifler sind Loser. Aber ich finde, eine gewisse Portion Selbstzweifel tut uns eigentlich gut. 

Wer ohne Zweifel ist, ist entweder beeindruckend oder beängstigend.

Aber Selbstzweifel ist anstrengend und vielleicht beängstigend. Da soll dann die derzeit so viel beschworene Resilienz helfen, diese psychische Widerstandskraft bei Unsicherheiten. Das muss man lernen und trainieren. Das machen wir ja gerade alle.

(Wenn ich hier zu viel predige, schreiben Sie mir das ruhig: corona-newsletter@mdr.de)

Als kleine Rausschmeißer heute zwei kurze, wie ich finde unterhaltsame, Corona-Geschichten:

Ich bin über dieses englischsprachige Video gestolpert. Darin schenkt sich eine junge Frau ein Glas Wein ein und liest ihre Ziele für 2020 vor, die sie sich im Dezember des vergangenen Jahres gesetzt hat: Mehr Geld verdienen (sie ist seit März arbeitslos). Mehr reisen. Sozialer sein. Abnehmen. Nach jedem ihrer Stichwort giggelt sie mehr und es ist schön zu sehen, wie sie das alles mit Humor ertragen kann.

Und die zweite Geschichte hat mir neulich eine Studienfreundin erzählt, deren Mutter Finnin ist. Denn die Finnen haben gerade große Probleme mit dem Abstandhalten. Anderthalb Meter. Das ist eine echte Herausforderung für die Menschen dort. Normalerweise halten sie nämlich Abstand. Vier Meter.

Einen schönen Abend
Alles Gute

Marcel Roth

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Quelle: MDR/mr

2 Kommentare

Ritter Runkel vor 1 Wochen

Ich verfolge Abstimmungen im Bundestag mit der Democracy-App schon einige Jahre lang. Hier kann man selbst abstimmen und einsehen wie die Anderen, die die App haben, abgestimmt haben.
Zum folgendem Gesetz: Drittes Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite, gab es 291 Zustimmungen, 104 Enthaltungen und 5871 Ablehnungen, bei einer Beteiligung von 6266 Abstimmenden. Bei gerade fünfzehn Tagen, wo der Vorgang erstellt wurde, ist es eine große Beteiligung!
Natürlich ist das nicht repräsentativ. Aber zeigt schon die Richtung wie die Bevölkerung denkt.
Manchmal denke ich, die Bevölkerung welches Landes vertritt dieses Parlament?

nasowasaberauch vor 1 Wochen

Wieder eine Chance für mehr Normalität vertan. Als es im März nicht genug Masken gab wurde ihre Eignung bestritten und heute ist sogar schon ein Schal hilfreich. Heute sind es die fehlenden Antigen-Schnelltests. Erst als minderwertig in der Ergebnisaussage schlechtgeredet, nicht ausreichend beschafft und weil jetzt so begrenzt zur Verfügung stehend nur von medizinisches Personal durchführbar. Es ist ja so unheimlich komliziert einen Tupfer in die Nase zu schieben in Lösung zu tauchen und mit einer Pipette 3 Tropfen auf die Reagenzie zu tropfen. Einfach mal ehrlich sein würde helfen: Wir hatten im Frühjahr nicht genug Masken und jetzt nicht genug Testkits, deshalb halten wir den Bürger mit der Durchführung für überfordert. Ich nenne das einfach verlogen.

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