Corona-Daten-Newsletter | Freitag, 20. November 2020 Unser Schulterklopfen

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Heute im Newsletter: Bei einigen Zahlen werden neue Höchstwerte erreicht. Wir schauen, wie es auf den Intensivstationen aussieht und lassen uns Fragen von einem Arzt beantworten, der Covid-Reha-Patienten betreut. Und wir lassen Sie in unser E-Mail-Postfach schauen.

Mediziner behandeln einen Patienten auf der Intensivstation
Bildrechte: dpa | Grafik MDR

Guten Abend liebe Leserin,
Guten Abend lieber Leser,

heute war ich sehr überrascht, als ich in unser E-Mail-Postfach (Ich hatte gerade erst "Boxfach" statt "Postfach" getippt...) geschaut habe: Eine Hausärztin aus dem Landkreis Bautzen hat geschrieben, ein Mann aus Friedrichsaue im Salzlandkreis, eine Dresdnerin, eine Magdeburgerin und noch eine ganze Menge anderer Menschen.

Sie alle haben uns als Newsletter-Team per E-Mail quasi auf die Schulter geklopft. Warum genau, das schreibe ich Ihnen gleich. Außerdem haben wir uns die Zahl der belegten Intensivbetten angeschaut und ich habe mit dem Arzt einer Klinik gemailt, bei dem Covid-Patienten in Reha sind.

Damit wir es hinter uns haben: Als erstes der schnelle Blick auf eher unschöne Zahlen. Mit einigen Höchstwerten.

Auf einen Blick: Die aktuellen Zahlen

Laut Robert Koch-Institut (PDF) sind heute bundesweit 23.648 neu hinzugekommene Infektionen gemeldet worden. Das ist ein neuer Höchstwert (Gestern waren 22.609 dazu gekommen.)

Die meisten Neuinfektionen meldet Nordrhein-Westfalen (+5.726), Bayern (+4.881) und Baden-Württemberg (+3.162). Die wenigsten Bremen (+118).
Und so sieht es in Mitteldeutschland aus:

Und so sieht es in Mitteldeutschland aus:

Sachsen

  • Aktive Fälle: 15.085 ↗ (+361 zum Donnerstag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 305 (+4), davon 176 invasiv beatmet (+5)
  • Intensivbetten: 1.269 belegt, 374 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 665 (+51) 
  • Genesene Patienten: 25.560 (+1.180) 
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 41.310 (+1.592)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 4.248 ↗ (+408 seit letzter Meldung)
  • Intensivpatienten: 88 (+/-0), davon 25 beatmet (+3)
  • Intensivbetten: 671 belegt, 256 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 300 (+10, Höchstwert)
  • Zahl der genesenen Patienten: 8.402 (+245)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 12.950 (+663, Höchstwert)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 3.306 ↗ (+88 seit letzter Meldung)
  • Intensivpatienten: 49 (-1), davon 26 beatmet (-1)
  • Intensivbetten: 742 belegt, 246 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 121 (+8, Höchstwert)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 6.181 (+235)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 9.600 (+332Höchstwert)

Die Zahl der neu hinzugekommenen Todesfälle lag deutschlandweit bei 260. Gestern waren es 251.

Wo sind die "normalen" Intensiv-Patienten?

Anfang der Woche haben wir im Team über eine Grafik gesprochen. Sie zeigt die Anzahl der intensivmedizinisch behandelten Covid-19-Patienten und die der belegten Intensivbetten seit April. Beim Intensivregister können Sie unter "Zeitreihen" so eine Grafik selbst erstellen. Dabei fällt auf:

  • Die Zahl der belegten Intensiv-Betten bleibt deutschlandweit ziemlich konstant (zwischen 20.000 und 22.000).
  • Die Zahl der Intensiv-Betten, mit denen Covid-19-Erkrankte behandelt werden, steigt seit Ende Oktober.

Was wir uns dabei gefragt haben:

  • Wo sind die "normalen" Intensiv-Patienten?
  • Gibt es sie nicht mehr? 

Wir haben darauf nicht nur eine Antwort gefunden. Es gibt wohl mehrere Gründe:

  • Es werden medizinisch nicht notwendige OPs verschoben. So belegen Patienten nach einer OP weniger Intensivbetten.
  • Es könnte weniger Verkehrsunfälle geben, so dass weniger Verletzte auf den Intensivstationen liegen. (Im ersten Halbjahr gab es zum Beispiel so wenige Tote und Verletzte wie noch nie seit der Vereinigung. Zwischen März und Juni dieses Jahres gab es zum Beispiel 26 Prozent weniger Unfälle als im gleichen Zeitraum 2019. Auf Autobahnen sind Unfälle mit Personenschaden sogar um 39 Prozent zurückgegangen.)
  • Es gibt wohl Menschen, die aus Angst vor einer Ansteckung oder aus Sorge davor, Betten zu belegen, nicht ins Krankenhaus gehen.

Gerade der letzte Punkt ist gefährlich. Und unnötig. Denn wer schwerkrank ist, gehört in die Notaufnahme. Ohne Wenn und Aber.

Covid-Patienten nach der Erkrankung

Am Montag hatte ich Ihnen geschrieben und von dem WDR-Filmbeitrag berichtet, der zeigt, wie eine Familie aus NRW mit Corona-Langzeitsymptomen zu kämpfen hat (46 Prozent Lungenleistung, Erschöpfungszustand, Geschmacksverlust ). Zehn bis 20 Prozent der Infizierten haben Langzeitfolgen.

Auch die Kollegen vom RBB berichten über die Langzeitfolgen. Pneumologische und neurologische Folgen seien besonders häufig. Gerade bei Betroffenen mit milden Verläufen stünden neurologische Folgen im Vordergrund – bei schweren Erkrankungen eher pneumologische. 

Ein Beispiel dafür hat das ARD-Mittagsmagazin auf seiner Instagram-Seite: Eine Konditorin, die seit Februar nicht mehr richtig riechen und schmecken kann. Auch sie hatte "nur" einen milden Krankheitsverlauf. Ihre Nase kann jetzt Wein nicht von Essig unterscheiden. Derzeit macht sie ein Geruchs-Training. Eine Art Rehabilitation im Kleinen.

Reha-Maßnahmen nach einer Corona-Infektion: Dazu habe ich mit Dr. med. Per Otto Schüller gemailt.

Brisant - Covid Reha
Ein Covid-19-Patient bei einer Reha-Maßnahme (Symbolbild) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Per Schüller ist Chefarzt der Abteilungen Kardiologie und Pneumologie an der Median-Klinik in Flechtingen im Bördekreis in Sachsen-Anhalt. In der Reha-Klinik wurden bislang 26 Patienten nach einer durchgemachten Covid-19-Infektion behandelt. 

Herr Schüller, mit welchen Symptomen kommen die Covid-19-Patienten zu Ihnen?
Schüller: Patienten, die nach einer Covid-19-Erkrankung zu uns in die Median-Rehaklinik nach Flechtingen kommen, leiden insbesondere an einer maximalen Leistungsminderung, Muskelschwäche sowie Atembeschwerden. Zudem beklagen Betroffene sowohl neurologische Symptome wie beispielsweise Konzentrationsstörungen und Kopfschmerzen als auch psychische Begleiterscheinungen im Sinne von Angstsymptomen.

Wie sieht eine Therapie aus?
Im Mittelpunkt der Therapie steht neben der allgemeinen Kräftigung und Mobilisierung die Normalisierung der Atemfunktion. Einen Hauptbestandteil der Therapie bilden darum die Atemgymnastik und das Atemmuskeltraining. Nach Bedarf erfolgen psychologische Beratung und Entspannungstraining zur Angstbewältigung. Weiterhin haben wir die Möglichkeit bei kognitiven Beeinträchtigungen wie zum Beispiel Konzentrations- oder Merkfähigkeitsstörungen ein Hirnleistungstraining durchzuführen. 

Wie sehen die weiteren Erfolgsaussichten aus?
Die Erfolgsaussichten sind positiv. Bei den meisten Patienten lassen sich die zuvor genannten Symptome, insbesondere die körperliche Leistungsminderung, durch eine 3-wöchige Rehabilitationsmaßnahme deutlich verbessern. 

Und was macht Ihnen persönlich derzeit Sorgen und Hoffnungen?
Sorge bereitet mir persönlich, dass die Corona-Krise die Spaltung der Gesellschaft vorantreibt. Soziale Symptome wie Polarisierung, Schuldzuweisungen und Aggressivität nehmen zu. Hoffnung machen mir die demnächst einsatzbereiten Corona-Impfstoffe, die uns helfen werden aus der Pandemie herauszukommen.

corona-newsletter@mdr.de

Gestern hatte ich Ihnen einige Ausschnitte aus E-Mails geschrieben, die wir so bekommen und in denen z.B. von Diktatur die Rede ist. Dazu erreichten mich weitere Zeilen von Ihnen. Zum Beispiel diese:

  • Wenn jemand, der 1989 15 Jahre alt war und "von seinen schlechten Erfahrungen aus der DDR-Zeit spricht, wirkt es schlicht lächerlich."

Eine Leserin machte mich auch noch auf die Bundesrat-Debatte zum Infektionsschutzgesetz aufmerksam. (Übrigens geleitet von Sachsen-Anhalts Ministerpräsidenten Reiner Haseloff. Er ist zurzeit Bundesratspräsident.) Darin gab es eine  bemerkenswerte Rede von Thüringens Kulturminister Benjamin Hoff (Linke). Er sagt, warum der Begriff 'Ermächtigungsgesetz' Unfug ist und dass es ihm schwer falle, unter den Demonstranten solche mit berechtigten Interessen auszumachen.

Denn nicht alle Demonstranten sind Corona-Leugner. Aber sie müssen sich eben neben den lauteren Demonstranten auch bemerkbar machen. Und nicht jede Quatsch-Aussage und jedem unsinnigen Vergleich zustimmen. 

Michael Schedler aus dem Salzlandkreis schreibt mir: 

Lassen Sie sich nicht von Leuten entmutigen, die auf persönliche Freiheitsrechte pochen, welche sie anderen zugleich vorenthalten. Es gibt auch ein Recht auf die Aussage: 'Ich bin an dem Virus erkrankt und benötige Hilfe'. Zudem gibt es das Recht, sich zu schützen und von Anderen die Mithilfe zu diesem Schutz einzufordern.

Herr Schedler hat sogar noch ganz schnell eine eigene Quatsch-Aussage entwickelt: "Sie, sehr geehrter Herr Roth, stammen vom Planeten Melmac und veröffentlichen hier den Newsletter, um Alf wieder nach Hause zu holen, weil D. Trump das so angewiesen hat. Wundern Sie sich als morgen nicht, wenn ein Kollege Ihnen eine Katze zum Frühstück schenkt!!!"

Ich habe gelacht.

Alf
Alf und ein Katzen-Sandwich Bildrechte: IMAGO

Ein weiterer Leser schreibt:

Wer behauptet, dass unser Gesundheitssystem 'seit über 10 Jahren vor sich hinsiecht', hat den Blick für die Realität vollkommen verloren! Er soll sich doch mal in der Welt umsehen und sich bei unserem Gesundheitssystem bedanken, wenn er als geheilt von der Intensivstation entlassen wird. 

Ein anderer Leser schreibt über Menschen, die die heutige Lage mit der Nazi- oder der DDR-Diktatur vergleichen:

Das Fatale daran ist, dass diese Menschen keine schlechten sind und oft genug ein Gespür für wunde Punkte in unserer Gesellschaft haben. Die große Tragik daran ist, dass diese eigentlich aktiven und widerspenstigen Menschen dank des Internet in kürzester Zeit eine undurchdringliche Mauer im Denken errichten. Wir müssen es wohl aushalten, einen bestimmten Teil der Gesellschaft an die "sozialen" Echtzeitmedien verloren zu haben.

Deswegen solle man solche Quatsch-Aussagen nicht wiederholen und weiter verbreiten.

Ich stimme da grundsätzlich zu. Ich mag mich aber nicht so recht damit abfinden, jemanden verloren zu geben. Ich finde es gut, darüber trotzdem im Gespräch zu bleiben. Denn es kann ja in jeder Familie passieren, dass jemand abdriftet. 

Insofern ist es gut, wenn wir solche E-Mails bekommen: Die aktivieren uns und auch Sie! Sie machen uns nicht mehr so fassungs- und sprachlos bei diesen Quatsch-Aussagen. Vielleicht sind solche Konfrontationen mit Quatsch-Aussagen also eine Art "Training" für Alltagssituationen?

Anne Wedlich aus Magdeburg schreibt zum Beispiel über eine Kollegin, die sie absolut schätze:

Sie hat sich als Corona-Leugner oder zumindest Gegner der Maßnahmen dargestellt. Das hat mich sehr erschreckt. In ihrem Whatsapp-Status stand tatsächlich "Gegen das Infektionsschutzgesetz – gegen Faschismus". Am nächsten Tag habe ich mit ihr gesprochen und mir erläutern lassen, wie ihre Gedanken sind. Traurig, aber auch damit muss ich umgehen und die Meinung respektieren. Ich hoffe, dass ich sie zum Nachdenken anregen konnte.

Nachdenklich hat mich gerade noch diese E-Mail aus Leipzig gemacht:

Mein Mann ist an Krebs erkrankt und erhält zur Zeit eine Infusionsbehandlung. Wer informiert die Risikogruppe darüber, wie sie sich besonders schützen können? Weder vom Krebszentrum noch von der Krankenkasse erhalten wir dazu eine Information. Mein Mann und ich haben vielleicht nur noch eine kurze Zeit miteinander. Wir konnten in diesem Jahr nicht in unser geliebtes Urlaubsgebiet in Niederbayern fahren. Jetzt können wir noch nicht einmal in einem Restaurant unseren Nachmittagskaffee genießen. Für uns ist es doppelt bitter, wenn wir täglich die vielen ignoranten Menschen sehen, die ihren Mund-Nasen-Schutz auf Halbmast oder gar nicht tragen. Wir wünschten uns noch eine schöne Zeit mit schönen Erlebnissen.

Das und viel Kraft wünsche ich Ihnen auch!

Ab ins Wochenende

Mein großer Sohn hat heute nach der Video-Chemiestunde entnervt gesagt: "Die Lehrer sind noch unorganisierter als wir. Und wir sind Teenager!" Da musste ich doch etwas kichern. Gut, dass der Nachwuchs sich auch selbst reflektieren kann. Da hat man doch Hoffnung oder? Vielleicht kommen die Kinder derzeit doch besser zurecht, als wir glauben?

Was erleben Sie denn gerade mit Ihren Kindern? Schreiben Sie uns gern. corona.newsletter@mdr.de 

Am Montag übernimmt hier meine liebe Kollegin Julia Heundorf.

Zum Schluss noch ein paar Tipps gegen den Corona-Blues, die ich neulich im Tagesspiegel gelesen habe.

  • Fragen Sie sich abends: Was haben Sie gut gemacht? Und wem oder für was sind Sie dankbar?
  • Lächeln Sie sich morgens im Spiegel an.
  • Fragen Sie sich: Was würden Sie zu einem Freund sagen, der an Ihrer Stelle wäre?
  • Seien Sie nett.
  • Sagen Sie häufiger als sonst Danke.
  • Bewegen Sie sich.
  • Probieren Sie neue Rezepte aus. Essen Sie Fisch, Avocados, Bananen, Blaubeeren, Joghurt und ja auch gute Schokolade.
  • Streicheln Sie Tiere.
  • Versuchen Sie, gut zu schlafen.

In diesem Sinne: Einen schönen Abend, ein erholsames Wochenende und alles Gute

Marcel Roth

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Quelle: MDR/mr

2 Kommentare

Ritter Runkel vor 6 Tagen

Die deutsch-israelisch-iranische Autorin Rebecca Niazi-Shahabi warnte vor kurzem vor der autoritären Versuchung eines Hygieneregimes: „Denn das Schlimme am Totalitarismus ist ja nicht, dass Böse Böses vorhaben, sondern dass das Gutgemeinte maßlos ausgedehnt wird, bis es schließlich alles andere in der Gesellschaft verschlingt. Der oder die ‚total Gute‘ ist auch deswegen so gefährlich, weil die total Guten bis zum letzten Moment glauben, sie seien auf der richtigen Seite. Sie sind völlig blind für die Einsicht, dass man sich selbst begrenzen oder von anderen begrenzen lassen muss – gerade in seinen besten Absichten.“ Ja, diese Zeiten machen es einem wirklich leicht, sich als der bessere Mensch zu fühlen. Man muss nur zu Hause bleiben, ein Foto mit Maske posten und sich in einem schnellen Tweet über die Mitmenschen echauffieren, mit der Familie feiern oder von ihren Grundrechten Gebrauch machen.

Ritter Runkel vor 6 Tagen

Ist schon seltsam. Als die Tests um das zehnfache, gestiegen waren, und damit die Fallzahlen, hat man das nicht gesondert erwähnt. Die Fallzahlen stiegen einfach, also ein Grund Hysterie zu verbreiten. Jetzt, wo die Fallzahlen zurückgehen, führt man als Grund die geringere Testanzahl an. So etwas nenne ich Unwahrheit und Verunsicherung der Bürger. Das RKI ist zum seriösen Institut nicht geeignet. Es sollten neben diesen vagen PCR Tests, die eben NICHT die Anzahl der Infizierten, sondern nur der Träger von Viren aussagen, belastbare Zahlen veröffentlicht werden. Diese sollten ausschließlich tatsächlich Infizierter, also Kranke und AN Covid-19 Verstorbene, nicht „im Zusammenhang mit“, darlegen.

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