Corona-Daten-Newsletter | Freitag, 14. Januar 2021 Nach dem Frust kommt die Wut, dann das Lächeln

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Heute im Newsletter: Sorge, Frust, Wut – wegen Corona. All das lesen wir auch in Ihren E-Mails an uns. Und klar: All das ist berechtigt. Nur dürfen wir uns nicht gegenseitig runterziehen. Wie das gehen kann, erfahren Sie in diesem Newsletter.

Mädchen mit Mundschutz
Bildrechte: imago images/Hans Lucas | Grafik MDR

Einen schönen guten Abend!

Wissen Sie, was ich Ihnen am liebsten als Betreff heute geschrieben hätte? "Zwei Monate Wochenende". Denn vielleicht ist es das, was uns bevorsteht, mit ansteckenderen Virus-Mutationen und viel zu langsam sinkender Infizierten-Zahl.

Schon am kommenden Dienstag wollen Bund und Länder über die Einschränkungen beraten, eine Woche früher als geplant. Ein Grund dafür ist wohl die deutlich ansteckendere neue Virus-Variante.

Aber monatelange Wochenende sind anstrengend. Ich weiß nicht, ob ich das durchhalten würde. Dabei werden wir an Wochenende ja eigentlich in Ruhe gelassen, kein Lehrer verschickt Aufgaben oder E-Mails, kein Chef setzt Termine an. Aber wäre das auch wochenlang so? 

Natürlich, ich habe gut reden, ich bin privilegiert. Denn es gibt ja schon längst Menschen, die wochen- wenn nicht gar monatelang zu Hause sind. Und auf der anderen Seite gibt es Menschen, die eine Überstunde nach der anderen reißen müssen.

Ich möchte Ihnen heute ein paar Gedanken mit ins Wochenende geben: zu Schule, Wut und Pflegekräften.

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Auf einen Blick: Die aktuellen Zahlen

Das Robert Koch-Institut meldet heute bundesweit 22.368 neu registrierte Infektionen. Die meisten Neuinfektionen melden Nordrhein-Westfalen (4.550), Bayern (3.063) und Baden-Württemberg (2.322). Die wenigsten hat Bremen (70).

Die Zahl der Toten in der Pandemie ist in Deutschland in den vergangenen 24 Stunden um 1.113 Menschen gestiegen. Insgesamt sind in der Pandemie hierzulande 44.994 Menschen gestorben. 

So viele Corona-Infizierte gibt es inzwischen in unseren drei Bundesländern:

Sachsen

  • Aktive Fälle: 27.511 ↗ (+905 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 471 (+23) , davon 271 (-4) beatmet
  • Intensivbetten: 1.199 belegt, 289 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 5.037 (+209)
  • Genesene Patienten: 132.800 (+900)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 165.348 (+2.014)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 12.180 ↘ (-252 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 192 (+23), davon 117 beatmet (+5)
  • Intensivbetten: 631 belegt, 98 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 1.614 (+55)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 42.449 (+1.192)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 56.243 (+995)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 9.263 ↗ (+193 zum Vortag)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 195 (+5), davon 109 beatmet (+3)
  • Intensivbetten: 701 belegt, 127 frei
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 1.114 (+20)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 32.103 (+654)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 42.480 (+867)

IUm die Zahl der Toten noch einmal anders zu betrachten: In den vergangenen 24 Stunden ist alle anderthalb Minuten ein Mensch gestorben. (In Sachsen alle sieben Minuten, in Thüringen alle 26 Minuten und in Sachsen-Anhalt alle 72 Minuten.)

Und was ich wirklich, wirklich nicht verstehe: Wir wissen seit Monaten, wie wir das verhindern können. (Und es ist auch kein Trost, dass es anderen Ländern vielleicht ähnlich geht.)

Man kann nicht genug darauf achten, wie man von den Toten redet.

Mark Twain

Pflegekräfte: Weiße Wut

So heißt ein bemerkenswerter Artikel einer Pflege-Expertin in der aktuellen Ausgabe der "Zeit". Darin wird sehr nachvollziehbar erklärt, warum viele Pflegekräfte schon lange wütend sind und auch, dass diese Wut dazu führen kann, dass sie sich nicht impfen lassen wollen. Ein zentraler Satz: Der Körper der Pflegenden "war, um es pauschal zu sagen, schon vor der Pandemie moralisch verletzt, weil die Pflegenden für ihren besonderen Einsatz nie einen angemessenen Lohn zurückbekamen." Eine Lese-Empfehlung.

Unsere Wut

Ich will Ihnen wie immer für Ihre E-Mails danken und mich und mich dafür entschuldigen, dass ich und wir bis jetzt nicht auf alle antworten konnte.

Was mir heute bei Ihren E-Mails besonders aufgefallen ist: Normalerweise bekommen wir E-Mails, in denen auch schon mal geschimpft wird, vor allem von Männer. Heute habe ich in E-Mails von Frauen gelesen:

  • "Ich habe die Schnauze gestrichen voll."
  • "Das ist bitter, macht mich wütend und traurig."
  • "Ich kann es nicht mehr nachvollziehen und bin unsagbar wütend."

Mir macht das Sorgen, wenn ich so etwas von Frauen lesen. (Oder ist das nur ein blödes Vorurteil, dass Frauen sich besser im Griff haben als Männer?)

Vielleicht interpretiere ich auch zu viel in die Mails und das Wütend-Sein ist gar kein Männer- und Frauen-Ding.

Aber lesen Sie selbst:

  • Gundula Böse aus Magdeburg schreibt: "Warum erlaubt man Mannschaftssportarten? Mir wird schlecht, wenn ich die Umarmungen der Spieler, Trainer und anderen z.B. auf dem Fußballfeld sehe. (...) Feiernde Fans auf den Straßen, Umarmungen, Alkohol in der Öffentlichkeit. Ich denke, das ist alles verboten? (...) Man könnte noch einiges mehr aufzählen, aber es interessiert keinen, es wird nicht mal drüber diskutiert. Stattdessen wird alles auf uns, die sich vorbildlich seit Monaten an alles halten, abgeschoben. Und tritt die mit Füßen, die seit Anfang November Opfer bringen, nicht arbeiten dürfen, kaum noch ihre Mieten bezahlen können."
  • Eine andere Frau schreibt: "Ich habe seit Oktober keinen Menschen getroffen, mein Enkel (2 Jahre) kennt mich kaum noch. Meinen Arbeitskollegen geht es genau so. Und da meinen die Herren vom Robert Koch-Institut noch strengere Maßnahmen. Was soll denn noch kommen? Fußfesseln? (...) Wir Pflegekräfte rammeln noch mehr als sowieso schon und haben keine Möglichkeit uns mal zu regenerieren. Es reicht, echt."
  • Und eine dritte: "Ich bin Förderschullehrerin und Mutter. (...) Meine Schüler und Schülerinnen dürfen am 18. 01. nicht zurück in die Schule. Für einige ist Schule ein sicherer Ort und sie sind gerne dort. Lernsax funktioniert nur eingeschränkt für diese Schüler und Schülerinnen, da sie entweder die nötige Technik nicht haben, die Eltern nicht helfen können oder sie sich einfach auf der unglaublich komplexen Seite nicht zurechtfinden. Für diese Schüler und Schülerinnen funktioniert häusliches Lernen nicht, aber es interessiert auch keinen. Diese Schüler und Schülerinnen werden noch unsichtbarer. (...) Ich fürchte, einige verabschieden sich gerade aus dem Bildungssystem.

Am letzten Satz bin ich etwas hängen geblieben, auch aus eigener Erfahrung: Wenn Lehrer oder Lehrerinnen mit digitalen Werkzeugen noch nicht umgehen können oder die Tools überlastet sind, ist das ärgerlich. Wenn Schüler und Schülerinnen morgens zur Video-Konferenz aufstehen und sie findet nicht statt, dann macht das wütend.

Sachsen will pandemiebedingte Nachteile für Schüler ausgleichen.

Für Sachsen-Anhalts Schüler ist noch nichts entschieden.

Und ich habe die Sorge, dass die Beziehung zwischen Lehrern und ihren Schülern enorm leidet. Und nicht nur das: Wenn Kinder und Jugendliche ihren Lehrerinnen und Lehrern die Kompetenzen absprechen, erschüttert das ihr Vertrauen ins Bildungssystem, in unsere Gesellschaft, in unseren Staat und die Demokratie.

Und zu allem Überfluss wird heute noch bekannt, dass Pfizer zunächst weniger Impfstoff nach Europa liefern wird. Der Konzern baut sein Werk in Belgien um, damit ab Mitte Februar mehr produziert werden kann.

Deshalb: Ja, man möchte schreien und wütend sein. Und wir haben alle genug Gründe dafür:

  • Pflegekräfte, die überlastet sind.
  • Eltern, die von Zuhause aus arbeiten.
  • Eltern, die Zuhause Hilfslehrer werden.
  • Lehrerinnen und Lehrer, die sich engagieren und keine Rückmeldungen von Eltern und Kindern bekommen.
  • Menschen, die seit Monaten nicht das Haus verlassen.
  • Menschen, die ihre Freunde und Verwandten seit Monaten nicht sehen.
  • Und wir alle, die wir die Nase voll von dem Virus haben. 

Schreien wir doch einfach mal alle zusammen:

ein Mann schreit wütend
Bildrechte: Colourbox.de

So.

Und jetzt atmen wir durch, schütteln unsere Glieder aus und lesen uns ein paar Tipps von Experten durch, die sich mit positiver Psychologie auskennen (Danke an Janine Schulz). Diese Art der Psychologie ist nämlich entstanden, um psychisch gesunden Menschen zu mehr Wohlbefinden zu verhelfen.

Und als nächstes: Lächeln!

Ein lachender Junge
Bildrechte: imago/photothek

Psychologe: Unser Lächeln

Das hilft nämlich tatsächlich, mit der Situation umzugehen, oder zumindest auch positive Eindrücke zu haben. Das sagt der Verhaltenspsychologe Florian Kaiser aus Magdeburg. "Es wäre gerade jetzt im zweiten Lockdown, je länger die Pandemie dauert, nötig, einen Witz oder positive Bemerkung zu machen, andere mal wieder anzulächeln – auch, wenn es nur unter der Maske ist." Denn sonst seien die negativen Folgen der Pandemie länger und stärker spürbar.

Klar: Fakten und Probleme lächeln wir nicht weg, aber vielleicht machen wir sie und den Alltag erträglicher.

Vielleicht merken wir auch derzeit erst, wie es uns wirklich geht, wenn wir mit anderen darüber reden oder E-Mails schreiben. Also: Schreiben Sie uns weiter E-Mails und reden Sie mit Ihren Mitmenschen! Erst wenn wir dann merken, dass wir gerade wütend oder verärgert sind, können wir was dagegen tun. Lächeln oder Lachen zum Beispiel.

Worüber haben Sie denn heute gelacht?

Ich über einen ganz plumpen Witz, bei dem sich mein kleiner Sohn neulich gekringelt hat: Warum stehen Studenten erst um sieben auf? Weil um acht der Supermarkt schließt.

Haben Sie etwas zu Kichern? Her damit: corona-newsletter@mdr.de oder einfach auf diese E-Mail antworten.

#MDRklärt Fünf Tipps gegen den Lockdown-Frust

Wir stecken mitten im Corona-Lockdown – und über eine Verlängerung wird bereits diskutiert. Das drückt bei vielen auf die Stimmung. Fünf kleine alltägliche Tipps, wie Sie einfach gegen den Corona-Frust ankämpfen können.

Ein Mädchen sitzt auf einer Bank und schaut auf den Boden. Um sie herum fliegen Coronavieren durch die Luft.
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel
Ein Mädchen sitzt auf einer Bank und schaut auf den Boden. Um sie herum fliegen Coronavieren durch die Luft.
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel
Piktogramm eines Smileys und Text
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel
Piktogramm von Joggern und Text
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel
Piktogramm eines durchgetrichenen Smartphones und Text
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Piktogramm von Polaroids und Text
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Piktogramm eines Mannes, der auf einer Couch liegt und Text
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Texttafel: "Mehr Erklärgrafiken und -videos auf Instagram @mdrklaert"
Bildrechte: MDR/Max Schörm
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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 15. Januar 2021 | 19:00 Uhr

Und einfach mal loslassen

Was vielleicht auch hilft: Unsere Ansprüche herunterschrauben. Bei Twitter bin ich auf ein paar spannende Gedanken gestoßen:

  • "Ich erkenne in vielen Köpfen immer wieder diesen eigenen Anspruch, allem gerecht werden zu wollen. Dass Leute ihren Leistungsanspruch aus den Zeiten vor Covid nun genauso beibehalten wollen. Das ist nicht möglich!"
  • "Wir leben im Ausnahmezustand. Wir leben in einer traumatischen Zeit. Deshalb meine Bitte: Nehmt den Leistungsdruck raus! Das kann jeder selbst tun. Für sich. Schraubt eure Ansprüche runter."
  • "Lasst den Anspruch los, alles perfekt hinbekommen zu wollen. Eure Wäsche stapelt sich? Dann ist das so. Eure Kinder boykottieren das Homeschooling? Dann ist das ihr Umgang mit der Pandemie. Lasst den Druck los. Es ist doch nur Schulstoff."

"Euer Arbeitgeber macht Druck und will mehr Leistung? Weigert euch, diesen Druck anzunehmen. Das ist nicht einfach. Ganz klar. Wir sind eine Leistungsgesellschaft. Unsere Leistung besteht zur Zeit darin, diese Pandemie bestmöglich zu überstehen. Alles andere ist nebensächlich."

Das soll es für heute und für diese Woche von mir gewesen sein. Am Montag übernimmt hier Julia Heundorf, der ich hier ein Lächeln zuwerfe: :-) (Ihnen natürlich auch)

Zum Schluss noch ein Tipp aus der positiven Psychologie: Fragen Sie sich abends, was Sie heute gut fanden. Bei mir war das der russische Zungenbrecher, den weder ich noch mein Kind hinbekommen haben – was ziemlich lustig war.

Einen schönen Abend und ein erholsames Wochenende!

Marcel Roth

P.S. Wir haben Nachwuchs bekommen. Und es ist ... ein Newsletter! Zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Den Newsletter können Sie hier bestellen:

P.P.S. Und jetzt: Smartphone beiseite legen!

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Quelle: MDR/mr

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 07. Januar 2021 | 19:00 Uhr

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