Corona-Daten-Newsletter | Donnerstag, 1. Oktober 2020 Besser spät als nie: Die repräsentative Dunkelzifferstudie startet

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Heute im Corona-Newsletter: In Deutschland startet die groß angelegte, repräsentative Antikörperstudie zur Verbreitung des Corona-Virus. Und: Wir klären Fragen zu den Corona-Tests.

Ein Mann benutzt den COVID-19 Antikörper-Testkit zum Eigentest im Privat-Einsatz am Küchentisch, mit der sterilen Einwegkapillare saugt er den Bluttropfen von seinem Mittelfinger für den Teststreifen.
Bildrechte: imago images/MiS | Grafik MDR

Guten Abend liebe Leserinnen, liebe Leser,

jetzt startet sie – die lang erwartete, oft geforderte und als Grundlage für eine Abschätzung der Corona-Lage wichtige, repräsentative Dunkelzifferstudie zur Verbreitung des Corona-Virus in Deutschland.

In der Studie sollen vor allem die folgenden Fragen geklärt werden: Wie ist die tatsächliche Verbreitung des Virus in Deutschland? Wie hoch ist die Immunität? Wie groß ist der Anteil von Infektionen ohne Symptome? Wie hoch ist die tatsächliche Sterberate und was sind die Risikofaktoren für einen schweren Verlauf in der Bevölkerung? Was das genau heißt und bis wann Ergebnisse vorliegen – alles das möchte ich Ihnen heute im Newsletter vorstellen.

Außerdem haben mich Fragen zu den Corona-Tests erreicht. Auch dazu will ich versuchen, eine Antwort zu finden.

Wir haben also viel vor, wir starten direkt mit den aktuellen Zahlen in Deutschland. Schön, dass Sie sich die Zeit nehmen, mit mir gemeinsam durch die Themen zu gehen.

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Auf einen Blick: Die neuesten Corona-Daten

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat am Donnerstag 2.503 positiv auf das Virus getestete Menschen gemeldet – rund 350 mehr als die Neuinfektionszahlen vom Donnerstag vor einer Woche.

Die meisten neuen Fälle wurden aus Nordrhein-Westfalen (+758 zum Vortag), Bayern (+486), Berlin (+288), Baden-Württemberg (+286), Hessen (+144) und Niedersachsen (+128) gemeldet. Alle anderen Bundesländer liegen in einem zweistelligen Bereich.

In unseren drei Bundesländern haben sich die Infektionszahlen folgendermaßen entwickelt:

Sachsen

  • Aktive Fälle: 734 ↘ (-9 zum Vortag)
  • Intensivpatienten: 12 (+3), davon 6 beatmet (-1)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 241 (+6)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 6.390 (+70)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 7.365 (+67)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 309 ↗ (+15 zum Vortag)
  • Intensivpatienten: 5 (+/-0), davon 2 beatmet (+/-0)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 68 (+/-0)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 2.317 (+12)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 2.694 (+27)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 218 ↗ (+2 zum Vortag)
  • Intensivpatienten: 7 (+1), davon 2 beatmet (+/-0)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 195 (+1)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 3.730 (+30)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 4.143 (+32)

Nicht nur in den anderen Bundesländern, sondern auch hier bei uns in Mitteldeutschland steigen die Zahlen, auch wenn es in einem moderaten Rahmen bleibt. Zum Vergleich habe ich mal die aktiven Fälle von vor einem Monat herausgesucht, also dem 1. September – gut wenn man ein kleines Newsletter-Archiv hat. Sachsen hatte 271 aktive Fällen, Sachsen-Anhalt 125 und Thüringen 118.

Und wer nicht lesemüde ist: In dem gerade genannten Newsletter vom 1. September hatte ich zum Thema "Corona  – ansteckend auch ohne Symptome?" geschrieben – und dann war da auch noch was mit dem AfD-Politiker Björn Höcke und seiner Interpretation der Corona-Situation.

Doch nun, nach diesem Abstecher, auf zum ersten Thema.

Die repräsentative Antikörper- und Dunkelzifferstudie

Worum es geht

  • Neulich habe ich wieder mit Freunden über die Corona-Situation diskutiert und ein, nicht von der Hand zu weisender, Kritikpunkt war: In Deutschland gibt es bisher keine groß angelegte repräsentative Studie zur Verbreitung von Antikörpern. Das ist wichtig um herauszufinden, wer schon alles – vielleicht sogar ohne zu es zu bemerken – eine Infektion durchgemacht hat. Außerdem gibt so eine Studie statistisch sicheren Aufschluss über die viel diskutierte Sterblichkeitsrate und über Risikofaktoren.

  • Alles Themen, die heiß, lautstark und sehr emotional nicht nur in der Wissenschafts-Community diskutiert wurden.

Warum das wichtig ist

  • Schon Anfang hat April hat RKI-Chef Lothar Wieler dazu gesagt: "Die Ergebnisse der Antikörper-Studien sind von großer Bedeutung, um den Verlauf und Schwere der Pandemie genauer abschätzen und die Wirksamkeit der getroffenen Maßnahmen besser bewerten zu können." Bezogen war das damals auf den Start der kleinen unterschiedlichen Studien, zum Beispiel in sogenannten "Hotspots". Damals war man noch davon ausgegangen, dass die bundesweite Studie Mitte Mai 2020 starten sollte. Erste Ergebnisse waren für den Juni 2020 erwartet worden.

  • Nun endlich hat das Robert-Koch-Institut zusammen mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) diese lang angekündigte Studie gestartet. Bis Ende Dezember sollen die Daten erhoben werden.

  • RKI Präsident Wieler sagte dazu: "Die gemeinsame Studie mit dem Sozio-oekonomischen Panel am DIW Berlin erweitert unseren Blick und ermöglicht uns beispielsweise eine Einschätzung, wie soziale Lage und Lebensbedingungen der Menschen und das SARS-CoV-2-Infektionsrisiko zusammenhängen."

  • Dadurch dass die Studie mit dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) des DIW verknüpft ist, sollen sich auch die langfristigen Folgen der Corona-Infektionen in Deutschland erfassen lassen. Das unterstrich Professor Stefan Liebig, der Leiter des SOEP.

Was genau untersucht wird

Insgesamt 34.000 repräsentativ ausgewählte Menschen ab 18 Jahren werden zur Teilnahme  an der Studie aufgefordert. Laut Zeit Online erwartet das RKI eine Teilnahme von rund wie Dritteln.

Folgende Fragen werden in der Studie untersucht:

  • Wie viele Menschen waren bereits mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert, ohne es zu wissen?
  • Wie hoch ist die Dunkelziffer bei den SARS-CoV-2-Infektionen?
  • Welche Menschen sind häufiger von einer Infektion mit SARS-CoV-2 betroffen?
  • Wie oft verläuft die Erkrankung COVID-19 so schwer, dass Menschen im Krankenhaus behandelt werden müssen?

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssen eine Blutprobe vom Finger einschicken. Die Blutprobe wird für den Antikörpertest genutzt. Und um festzustellen, ob aktuell eine Infektion besteht, sollte noch ein Abstrich aus Mund und Nase eingeschickt werden.

Kommen wir nun zum zweiten Thema: Die Anzahl der Tests in Deutschland.

Corona-Tests in Deutschland

Unser Leser Klaus-Peter H. hatte gefragt: "Ihren bzw. den Zahlen vom RKI konnte ich entnehmen, dass jede Woche ca. 1 Mio. Menschen in Deutschland getestet werden. Die Positivenrate liegt bei ca. 1 %. Davon sollen, so hatte ich irgendwann mal gelesen, ca. 80% ohne Symptome sein. Ist diese Zahl noch richtig?"

Für den ersten Teil der Frage ziehe ich den Situationsbericht des RKI zu Rate. Jeden Mittwoch werden in dem Bericht die bundesweite Testhäufigkeit und die Testkapazitäten veröffentlicht.

Achtung: Trockene Zahlen

  • Seit Beginn der Testungen in Deutschland wurden bisher fast 16 Millionen Labortests erfasst, davon waren 328.566 positiv.

  • Für die Woche vom 21. bis zum 27. September gab es deutschlandweit eine Testkapazität von knapp 230.000 Tests am Tag. Zur Einordnung, seit Ende August liegt die Testkapazität über 200.000 pro Tag, Ende März waren es laut RKI knapp 65.000 Tests.

  • Tatsächlich getestet wurde in der letzten Septemberwoche rund 1.15 Millionen mal. 14.000 Tests oder 1,22 Prozent waren positiv.

  • Die höchste Positivenquote gab es in der Woche vom 30. März bis 5. April mit fast 37.000 positiven Testergebnissen oder 9,03 Prozent. Die niedrigste Positivenquote lag in der Woche vom 6. bis zum 12. Juli bei fast 3.000 positiven Testergebnissen oder 0,59 Prozent.

Zum Punkt, ob 80 Prozent der positiv Getesteten ohne Symptome sind: Immer am Dienstag stellt das RKI die Statistik zu den klinischen Informationen bereit.

Zusammengerechnet, für die ganze bisherige Zeit seit 2. März, gibt das RKI folgendes an:

  • Insgesamt gibt es 287.421 Fälle, also positiv auf das Virus getestete Menschen. Für 233.816, also 81 Prozent, liegen dem RKI klinische Informationen vor. Bei 14 Prozent von diesen gab es keine oder keine für COVID-19 bedeutsamen Symptome. Diese Menschen hatten also weder Husten, Fieber, Schnupfen, Halsschmerzen, eine Lungenentzündung oder einen Geruchs- und Geschmacksverlust.

  • Für die vergangene Woche, also vom 21. bis 27. September sieht das so aus: 12.709 Fälle wurden gemeldet, bei 7.175 gab es klinische Informationen. 18,7 Prozent hatten keine Symptome.

Und wie sieht es in unseren Bundesländern aus?

Vollständige Daten für unsere drei Bundesländer habe ich so schnell nicht gefunden. Aber es gibt Daten aus einer freiwilligen sogenannten SARS-CoV-2-Surveillance. Dabei handelt es sich aber nicht um eine Vollerhebung aller Testungen in Deutschland. Einen guten Überblick geben die Daten aber trotzdem, daher will ich sie hier nennen.

Für Sachsen liegt die Positivenquote dabei bei 2,7 Prozent von insgesamt 187.281 Tests. In Thüringen wurde bisher 63.784 Mal getestet. Davon waren 1,6 Prozent positiv. In Sachsen-Anhalt wurde 157.055 Mal getestet, mit einer Positivenquote von 0,8 Prozent.

Puh, das war jetzt ganz schön trockene Test-Statistik. Ich hoffe aber, dass die Zahlen ein wenig helfen, die Gesamtsituation einzuordnen.

Und um die Frage von Klaus-Peter P. noch einmal kurz beantworten: In der vergangenen Woche lag die Positivenrate bei 1,22 Prozent. Und 18,7 Prozent der positiv Getesteten hatten keine Symptome.

Wer übrigens mehr zu Tests lesen will: Hier, hier und hier haben wird das Thema in unserem Newsletter schon einmal behandelt. Die Themen:

Und apropos Schnelltests: Ende August hatte die Funk-Kollegin, Wissenschaftsjournalistin und Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim ein sehr anschauliches Video zu den Vor- und Nachteilen von Schnelltests aufgenommen. Das kann ich Ihnen nur wärmsten empfehlen.

Zum Schluss

Nach diesem wilden Ritt durch die Statistik möchte ich Sie noch auf ein leichteres Zahlenspiel hinweisen.

Mein Kollege Max Schörm von #MDRklärt hat sich die Mühe gemacht und geschaut wie und wo sich Sachsen-Anhalt – das oft in den Statistiken die rote Laterne hält – im internationalen Vergleich so macht. Es erwarten Sie interessante Gegenüberstellungen.

Und auch für Thüringen und Sachsen wird es in Kürze diese Auswertung geben.

Geben Sie also dem Instagram-Kanal eine Chance und folgen Sie ihm für weitere spannende, interessante und lustige Fakten über unsere drei Länder.

Lassen Sie es sich gut gehen. Morgen lesen wir uns wieder. Bis dahin

Ihr Martin Paul

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Quelle: MDR/mp

1 Kommentar

Grosser Klaus vor 16 Wochen

Drosten ist ein Meister im Auslegen seiner eigenen Aussagen.
Er ist kein Politiker, daher ist es in Ordnung, wenn er öfters seine Meinung unterschiedlich ausdrückt.
Nur hat es sich in das Konzept der Schulschließung vertan, er war die treibende Kraft in der entsprechenden Konferenz, er hat diese völlig verunglückte Studie zur Virenlast einen Tag vor der nächsten Konferenz rausgehauen (zu den methodischen Fehlern hat Kekulé sehr viel erzählt), er meldet auf Twitter Fälle von Schulschließungen wegen Corona, er hat die anderen Papiere und Studien schlecht gemacht und ihnen Fachkenntnisse abgesprochen. Sich jetzt hinzustellen, dass er nie etwas damit zu tun gehabt hat ist nicht in Ordnung. Er hat seine Meinung kundgetan und sollte jetzt auch die Größe haben, dazu zustehen. Übrigens recht auf Schulbildung ist ein Menschenrechte, die ethische Diskussion über die Rechte untereinander überlasse ich jetzt lieber Philosophien und Theologen.

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