Corona-Daten-Newsletter | Montag, 26. Oktober 2020 Es geht los.

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Heute im Corona-Newsletter: Für Virologen war die zweite Welle abzusehen. Wir haben uns den MDR-Podcast mit Alexander Kekulé, dem Virologe aus Halle, genau angehört und noch mehr Anzeichen für die zweite Welle zusammengetragen.

Tafel mit der Aufschrift "Abstands- und Hygieneregeln"
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Guten Abend liebe Leserin,
Guten Abend lieber Leser,


beim zweiten Lesen der Überschrift bin ich etwas gezuckt. Sie sollte eigentlich nur auf den Schulbeginn in Sachsen-Anhalt heute anspielen. Aber irgendwie tut sie es auch auf die zweite Welle und auf diese Woche.

Warum? Das will ich Ihnen heute schreiben und freue mich, wenn Sie mich in dieser Woche begleiten, Fragen stellen oder Ideen haben, was wir besser machen können.

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Nach den Herbstferien hat in Sachsen-Anhalt heute die Schule wieder begonnen. In Thüringen und Sachsen geht sie in einer Woche wieder los. Masken und Lüften sind die Devise in Sachsen-Anhalt. Der Landeselternrat sieht deutlichen Verbesserungsbedarf und fordert zum Beispiel CO2-Ampeln, um die Luftqualität besser einschätzen zu können. Ich könnte mir ja sogar vorstellen, dass so eine CO2-Ampel im Unterricht hergestellt wird, Anleitungen gibt es ja hier oder hier. Aber vermutlich ist es wichtiger, den Lehrplan einzuhalten.

Länger als acht Monate beschäftigt uns die Pandemie nun schon – und Sachsen-Anhalts Landesregierung wirkt planlos. Das meint jedenfalls mein Kollege Luca Deutschländer in seinem Kommentar "Dringend gesucht: Sachsen-Anhalts Plan für die zweite Corona-Welle".

Dem kann ich mich anschließen. Und auch an einer anderen Stelle scheint es keinen Plan zu geben (nach acht Monaten!): beim Schutz von Alten- und Pflegeheimen. Der Virologe Alexander Kekulé aus Halle sagt: "Die täglichen Neuinfektionen sind ein Gradmesser dafür, wie sich die Bevölkerung verhält. Wie stark die Todesfälle steigen, ist ein Gradmesser dafür, wie gut die Regierung gearbeitet hat. Denn der Schutz der Risikogruppen ist letztlich eine Staatsaufgabe."

Meine Kollegin Julia Heundorf hatte Ihnen ja die aktuelle Podcast-Folge von "Kekulés Corona-Kompass" schon am Freitag empfohlen. Ich habe die Folge am Wochenenende gehört und gerade noch einmal nachgelesen. Da stecken eine ganze Menge Knaller drin, finde ich. Die wichtigsten fasse ich Ihnen nach den aktuellen Zahlen zusammen.

Auf einen Blick: Die aktuellen Zahlen

Das Robert-Koch-Institut meldet heute (montags, wenn noch nicht alle Zahlen des Wochenendes zusammengetragen wurden) 8.685 neue Infektionen. Die meisten Neuinfektionen gab es in Nordrhein-Westfalen (+2.757), Bayern (+1.583) und Baden-Württemberg (+1.119). Die wenigsten neuen Infektionen gab es in Mecklenburg-Vorpommern und im Saarland (jeweils +32). 

Und so viele positiv auf das Virus Geteste gab es in unseren drei mitteldeutschen Bundesländern:

Sachsen

  • Aktive Fälle: 5.249 ↗ (+1.136 zu Freitag)
  • Intensivpatienten: 142 (+40), davon 43 beatmet (+8)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 291 (+12)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 8.500 (+380)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 14.040 (+1.530)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 1.352 ↗ (+17 zu Freitag)
  • Intensivpatienten: 28 (+4), davon 6 beatmet (+2)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 204 (+/-0)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 4.389 (+67)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 5.945 (+84)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 1.259 ↗ (+360 zu Freitag)
  • Intensivpatienten: 21 (+3), davon 10 beatmet (+5)
  • Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19: 75 (+1)
  • Schätzung der genesenen Patienten: 2.889 (+98)
  • Gesamtzahl aller positiv Getesteten: 4.223 (+222)

Sie sehen, die Zahlen steigen und das in immer kürzerer Zeit. Ein Zeichen für die zweite Welle.

Wenn Sie wissen wollen, wie stark die Intensivstationen ausgelastet sind und wie viele Intensivbetten derzeit frei sind (in Sachsen 543, in Sachsen-Anhalt 301, in Thüringen 323), dann finden Sie einen Überblick jederzeit auf der Seite der Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin und des RKI und für Sachsen-Anhalt finden Sie das auch immer in unseren "Corona-Daten aus Sachsen-Anhalt". 

Ich vermute, dass die Auslastung der Intensivstationen in der kommenden Zeit eine der wichtigsten Kennziffern wird. 

Am Sonnabend wurde gemeldet, dass in Deutschland seit Beginn der Pandemie mehr 10.000 Menschen an oder mit dem Virus gestorben sind. Das ist sie also, die zweite Welle.

Wir sind in der zweiten Welle

So verstehe ich jedenfalls den Virologen, wenn er sagt: "Wir sind technisch gesehen wieder in der Phase drei, wo die Fallzahlen so ansteigen, dass die Gesundheitsämter definitiv nicht mehr nachverfolgen können." Wir könnten die Pandemie nicht mehr durch Nachverfolgung einfangen.

Die für mich wichtigsten Aussagen von Alexander Kekulé.

Warum die Situation für Virologen total normal ist

Das Virus hätte sich jetzt verteilt. "Und das Geschehen wird langsam flächendeckend. Das könnte man mathematisch direkt zeigen, warum das so sein muss."

Das sei ein ganz normaler Effekt. "Die Zahlen steigen jetzt nicht mehr durch einzelne Ausbrüche, sondern auf breiter Basis." Auch, weil wir uns jetzt mehr in geschlossenen Räumen aufhalten. 

Was das für Alten- und Pflegeheime heißt

Sie seien nicht gut vorbereitet. "Ich finde, das ist ein Armutszeugnis für einen sozialen Staat, dass er Menschen, die sich nicht selber helfen können, nicht ausreichend schützt."

Schnelltests, um einen sicheren Besuch in solchen Einrichtungen zu ermöglichen, seien eine gute Lösung. "Ich weiß nicht, ob man das so schnell noch hinkriegt, ganz ehrlich gesagt. Das Hauptproblem sind die Lieferzeiten der Tests. Die müsste man quasi nächste Woche haben."

Das Risiko steigt exponentiell ab ungefähr 60 Jahren – in Deutschland vielleicht etwas später, weil wir eine gesunde Gesellschaft sind. Bei 70 bis 80 Jahren ist das Risiko schlagartig irrsinnig hoch, daran zu sterben.

Alexander Kekulé Virologe

Wie gefährlich das Virus ist

Derzeit würde einer von 200 bis einer von 400 Infizierten sterben. "Aber das Risiko steigt exponentiell ab ungefähr 60 Jahren – in Deutschland vielleicht etwas später, weil wir eine gesunde Gesellschaft sind. Bei 70 bis 80 Jahren ist das Risiko schlagartig irrsinnig hoch, daran zu sterben."

Kein Land hätte es geschafft, nur Infektionen bei jungen Leuten zu haben und die Risikogruppen komplett zu isolieren. "Das ist praktisch gesehen kaum möglich. Aber wir müssen jetzt, wo dieser virale Sturm gerade anhebt, die Risikopersonen in Deckung bringen."

Es könne zwar sein, dass es nicht so schlimm würde. "Aber das ist so, als wenn Sie auf einer Bergwanderung schlechtes Wetter bemerken und Sie bauen das Zelt nicht rechtzeitig auf. Das ist schlecht und Sie werden nicht mehr trocken drinnen landen."

Welche martialischen Vergleiche Kekulé macht

Wer von einem großen Tier angegriffen würde, könne mit einer großen Keule zuschlagen. Bei einem Wespenschwarm allerdings nütze die Keule nichts. "Und hier werden wir von sehr kleinen Wespen angegriffen. Das heißt, jeder Einzelne in der Gesellschaft ist jetzt die letzte Linie der Verteidigung."

Deshalb müssten die Menschen ihr Verhalten ändern. Und da wüsste jeder, was zu tun sei. "Wir haben im Frühjahr geübt. Das war das Manöver. Und jetzt im Winter kommt der Krieg."

Was wir damit anfangen können

Die Taktik dürfe nicht geändert werden. "Es hat keinen Sinn, wie aufgescheuchte Hühner herumzurennen und immer die Fallzahlen anzuschauen. Ich gucke sie mir eigentlich am liebsten gar nicht mehr an."

Wenn er einkaufen gehe, würde er in jeder Sekunde seine Maske tragen. "Auch wenn nur 20 Leute drin sind. Und da ich über 60 bin, habe ich dann auch eine FFP-Maske auf."

Wer in der Straßenbahn etwas angefasst hat, soll sich erst mit der Hand am Auge reiben, nachdem er sie gewaschen hat. "Dann ist es extrem unwahrscheinlich, dass man eine Infektion abkriegt. Es müsste ganz dumm laufen, dass einem aus Versehen ins Gesicht gehustet wird. Es gibt Tropenärzte, die in den Ebola-Gebieten überlebt haben, obwohl da wirklich jeder Handgriff tödlich sein kann."

Das einzig Richtige also: AbstandMaske tragenHändewaschen und Lüften – das kennen wir. Und das können wir auch, denke ich.

Damit kommen wir auch durch die zweite Welle – auch wenn sie wohl länger dauert. Einige Anzeichen für eine zweite Welle (auch wenn es nicht ausschließlich harte Fakten sind) trage ich Ihnen nach dem Überblick über die drei mitteldeutschen Länder zusammen.

Woran wir die zweite Welle außerdem erkennen

Die Treffen der politischen Entscheider nehmen zu

Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Videoschalte mit Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Bundesländer (Mittwoch), Merkel mit den Chefinnen und Chefs der anderen EU-Länder (Donnerstag), Merkel mit einer Regierungserklärung im Bundestag (auch Donnerstag) und die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten bei ihrer jährlichen Tagung unter sich (Freitag).

Termine werden abgesagt, verschoben oder finden online statt

Der CDU-Parteitag wird verschoben, der Nürnberger Christkindlesmarkt 2020, Pokalspiele der Basketball-Bundesliga und Reformationsfeste in Wittenberg werden abgesagt und die Uni Halle immatrikuliert ihre neuen Studentinnen und Studenten morgen online.

Wir wollen mehr wissen und kaufen mehr ein

Praktisch jeder Landkreis, jeder kreisfreie Stadt, jede Landesregierung und auch die Bundesregierung geben Pressekonferenzen, die Abrufe unserer eigenen Online-Angebote nehmen zu und auch beim Internetkonzern Google steigen die Suchanfragen zu Corona wieder (Das Suchinteresse ist in Schleswig-Holstein am höchsten, in Sachsen-Anhalt am geringsten).

Mehr Toilettenpapier (90%), mehr Desinfektionsmittel (73%), mehr Seife (62%), mehr Reis (53%), mehr Hefe (35%), mehr Mehl (29%) – der Absatz dieser Produkte ist in der zweiten Oktober-Woche im Vergleich zum Durchschnitt der Vorkrisen-Monate August 2019 bis Januar 2020 gestiegen, hat das Statistische Bundesamt errechnet.

Das soll es für einen Montag gewesen sein. Man soll ja die Hoffnung nie aufgeben, dass es wieder besser wird, nachdem es erst schlimmer geworden ist und dass am Ende des Tunnels immer Licht ist.

Und: Man soll das Lachen und Lächeln nicht vergessen! Ich möchte mich heute bei Ihnen mit einem kurzen Lächeln oder einen kurzem Lacher (wie bei mir gestern) verabschieden: Ein launiger Tweet über das richtige oder falsche Lüften. Lesen Sie kurz die vier Zeilen und dann fragen wir uns gemeinsam, ob es auch Längsdenker gibt.


Schreiben Sie mir gern, worüber Sie in den vergangenen Tagen einmal herzhaft gelacht haben: corona-newsletter@mdr.de. Das hilft uns dann ja vielleicht allen.

Einen schönen Abend und alles Gute
Marcel Roth

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Quelle: MDR/mr

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