Corona-Beschränkungen werden verlängert Theater in Sachsen-Anhalt bleiben dicht: "Das ist eine Katastrophe"

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Vieles deutete darauf hin, seit Mittwochabend ist klar: Die Corona-Beschränkungen werden verlängert, in Teilen sogar verschärft. Bedeutet: Die Theater- und Kulturstätten bleiben auch im Dezember dicht. Die meisten Kulturschaffenden, zum Beispiel Schauspielerinnen und Schauspieler, werden somit auch im Dezember kein Geld verdienen können. Die Stimmung bei ihnen ist entsprechend gedämpft.

Rote Sitzreihen in einem Theater
Die Säle bleiben leer: Theater müssen auch im Dezember geschlossen bleiben. Darauf haben sich Bund und Länder am Mittwoch geeinigt. Bildrechte: imago images / fStop Images

Der Frust am Tag danach sitzt tief. Wie sollte es auch anders sein: Die Kulturstätten im ganzen Land müssen auch im Dezember geschlossen bleiben. Das haben die Kanzlerin und die Regierungschefs der Länder am Mittwochabend entschieden. Nun ist es nicht so, dass das nach den Entwicklungen der vergangenen Tage noch überraschend käme. Doch die Hoffnung, sie stirbt bekanntlich ja zum Schluss. Jetzt aber ist klar: Weihnachtsmärchen, Konzerte im Advent, Theater in heimeliger Atmosphäre – alles gestrichen. Und doch, erzählt Janek Liebetruth am Telefon, habe er für sich beschlossen, solidarisch zu sein. Und Menschenleben zu retten. Der Privatmann Janek Liebetruth sagt, anders könne er all das nicht mehr fassen.

Doch Janek Liebetruth ist in dieser Frage nicht nur Privatmann. Der freie Regisseur und Intendant ist Vorsitzender des Landeszentrums freies Theater in Sachsen-Anhalt – und damit einer der Interessenvertreter der freien Theaterszene im Land. Als solcher sagt er: "Das ist eine Katastrophe".

Das ist Janek Liebetruth Janek Liebetruth ist in Benneckenstein aufgewchsen und Theaterwissenschaft, Medienwissenschaft und Amerikanistik studiert. Liebetruth arbeitete in Potsdam und Stuttgart als Regieassistent, seit einigen Jahren ist er freier Regisseur. Liebetruth ist Vorstandsvorsitzender des Kulturreviers Harz, das sich nach eigenen Angaben der Förderung, Erhaltung und Bereicherung der darstellenden Kunst und Kultur im Harz widmet. Seit Oktober 2017 ist er zusätzlich Vorsitzender des Landeszentrum für Freies Theater Sachsen-Anhalt.

Ein Advent ohne Traditionen – und mit Existenznot

Die Wochen vor Weihnachten sind nicht nur für den Einzelhandel, sondern auch für viele Theater die wichtigsten im ganzen Jahr. Überall kommen Menschen zusammen, wollen sich auf das Fest einstimmen. Ein Advent ohne Weihnachtsmärchen? Für viele schwer vorstellbar. Doch genauso wird es in diesem Jahr kommen. Dass eine liebgewonnene Tradition wegfällt, ist das eine. Dass vor allem freie Kulturschaffende immer tiefer in die Existenznot rutschen, ist das andere.

Anruf bei Kerstin Dathe. Die Schauspielerin hat ihren künstlerischen Schwerpunkt in den vergangenen Jahren auf das Figurentheater gelegt. Diesen Sommer, nachdem der erste Shutdown geschafft und die Branche langsam wieder hochgefahren war, hat Dathe gemeinsam mit dem Anhaltischen Theater in Dessau und dem freien Theater "theaterlandschafft" aus Friedrichsbrunn im Harz die Geschichte von Pinocchio auf die Bühne gebracht. Kerstin Dathe stand auf der Bühne, trat in mehreren Städten in ganz Sachsen-Anhalt auf.

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Jetzt im Dezember sollte es weitergehen. Allein in den kommenden Wochen hätte sie um die 30 Vorstellungen gehabt. Im Anhaltischen Theater. In Schulen, in Kitas, in Kinderkrankenhäusern. "Fällt alles weg", sagt sie. "Für mich wird das das erste Weihnachten seit 20 Jahren ohne Vorstellungen, ohne Kinderlachen und ohne Glühwein mit Kolleginnen und Kollegen."

Ob die staatlichen Hilfen helfen?

Der nahende Winter werde nun eben ein "Denk-, Recherche- und Vorbereitungswinter", erzählt Kerstin Dathe. Es klingt pragmatisch, wenn sie das so sagt. Doch natürlich weiß auch sie, dass viele ihrer Kolleginnen und Kollegen nicht nur gern wieder auf der Bühne stehen würden, sondern dass sie das vielfach auch müssten, um Geld zu verdienen. Ob die vom Staat versprochene Hilfe vor diesem Hintergrund auch wirklich eine Hilfe ist, "das müssen wir jetzt herausfinden", sagt Dathe. "Wie lange greifen diese Hilfen? Wie viele Monate fallen noch Honorare und Vorstellungen weg?" Das, sagt die Schauspielerin, seien die entscheidenden Fragen, auf deren Antworten es nun ankommt.

Viele in der Branche machen sich aber keine Illusionen, erzählt Kerstin Dathe. Vielfach ist davon die Rede, dass Aufführungen mit Publikum erst im Frühjahr wieder möglich seien.

Das ist Kerstin Dathe Kerstin Dathe hat Schauspiel studiert und mehrere Jahre an Bühnen im Ausland gearbeitet. Seit sie 2005 wieder nach Deutschland kam, hat Dathe an Häusern in Dessau, Stendal, Köln oder Gotha gearbeitet. Seit mehreren Jahren liegt ihr künstlerischer Schwerpunkt im Bereich Figurentheater. Dathe leitet das Freie Theater "theaterlandschafft" in Friedrichsbrunn im Landkreis Harz.

Als MDR SACHSEN-ANHALT Anfang der Woche schon einmal mit Kerstin Dathe telefoniert hat, sprach die Schauspielerin davon, dass sie kein Mitleid haben wolle. Anderen Mut zu machen – das hat sie sich vorgenommen. Am Donnerstagmorgen räumt sie ein, dass das an Tagen wie diesen nicht besonders leicht fällt. Doch Kerstin Dathe tut es dennoch. Sie verbreitet Mut: "Der Zeitraum ist erst einmal überschaubar", sagt sie. "Noch ist viel Kraft und Kreativität da."

Doch bei allem Optimismus weiß auch sie, dass es im neuen Jahr nicht nur auf Schauspielerinnen wie sie ankommt – sondern auch auf die Veranstalter. Werden sie noch genug Geld haben, um freie Kulturschaffende einzuladen? Es sind unsichere Zeiten.

Janek Liebetruth weiß um die in vielen Fällen prekäre Lage der Kulturschaffenden. "Diese wirtschaftlichen Einbußen müssen zu 100 Prozent reguliert und zurückgegeben werden", sagt er. Die Szene weist er auf Programme des Bundes wie "Neustart" hin. Die hätten ja zum Ziel, das von vielen prognostizierte "Kultursterben" zu verhindern – indem sie eine Perspektive fürs kommende Jahr bieten.

Auf diese Perspektive wird es nun ankommen, glaubt Janek Liebetruth. Wenn man ihn am Tag nach dem neuerlichen Rückschlag nach seinen Hoffnungen für das neue Jahr fragt, fällt zunächst der Begriff Impfstoff. Der, so hofft Liebetruth, könnte entscheidend dabei helfen, die Theater und Kulturstätten wieder zu öffnen.

Ich wünsche mir, dass die Menschen solidarisch bleiben, sich an die Regeln halten. Dann können die Theater auch wieder schneller öffnen.

Janek Liebetruth Vorsitzender des Landeszentrums freies Theater in Sachsen-Anhalt

Wichtig, sagt Liebetruth dann noch, sei, schnell wieder zurück in "planbares Fahrwasser" zu kommen. Finanziell wie künstlerisch. Nur das, mutmaßt man am Ende dieses Gesprächs, könnte den Frust in der Branche etwas lindern.

Das haben Bund und Länder beschlossen

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nimmt ihre Gesichtsmaske vor ihrer Pressekonferenz ab.
Kanzlerin Merkel am Mittwochabend nach der Runde von Bund und Ländern Bildrechte: dpa

Die schon im November geltenden Corona-Auflagen werden bis 20. Dezember verlängert. Darauf haben sich am Mittwoch die Ministerpräsidenten der Länder mit Kanzlerin Merkel in mehr als siebenstündigen Beratungen geeinigt. Das bedeutet: Alle bislang geschlossenen Einrichtungen – zum Beispiel also Theater- und Kulturstätten – müssen geschlossen bleiben.

Darüber hinaus haben sich Bund und Länder unter anderem auf folgende Beschränkungen geeinigt:

  • Die Maskenpflicht soll ab Dezember auch vor Geschäften und auf Parkplätzen gelten.
  • In Geschäften sollen Kunden mehr Platz bekommen. Je nach Verkaufsfläche darf dann nur noch eine bestimmte Zahl Menschen in einen Laden.
  • Ab einer 7-Tage-Inzidenz von 200 werden die Maßnahmen weiter verschärft.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26. November 2020 | 06:50 Uhr

2 Kommentare

wwdd vor 7 Wochen

Die Einnahmeausfälle wird Euch die Politik oder besser der Steuerzahler gar nicht ersetzen können. Es wird etwas Hilfe zur Selbsthilfe sein. Wegen Euch werde ich mich trotzdem nicht solidarisch zeigen. Meine Kultur findet gemeinsam mit Freunden in den eigenen Wänden oder in der Natur statt. Ich arrangiere mich mit der Situation und es gibt genug Ausweichmöglichkeiten.

Denkschnecke vor 7 Wochen

Auch wenn ich die Notwendigkeit der derzeitigen EInschränkungen mehr als einsehe, überlege ich manchmal doch:
Hätte man nicht gesellschaftlich mehr erreicht, wenn man Bau- und Elektronikmärkte schließt und statt dessen Kulturstätten unter Hygieneauflagen die Öffnung erlaubt?

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