Kolumne "Corona, voll verpönt!" Die schöne Heidi

Stephan Schulz
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MDR-Kolumnist Stephan Schulz trinkt Kaffee mit seinem Nachbarn Aljoscha und wundert sich über all die Kriegsmetaphern, mit denen in der Krise Schlagzeilen produziert werden. Dann erzählt Aljosha beiläufig etwas, das ihn viel schwerer irritiert.

Das Restaurant "Cielo" in Weimar. Es stehen wenige Tische im Raum, am Boden sind Markierungen aufgeklebt, Menschen tragen Masken
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Pfingsten. Trinke mit meinem Nachbarn Aljoscha in der Abenddämmerung einen Corona-Kaffee auf der Bank vor unserem Haus. Direkt über uns, im Ast einer Kastanie, sitzt eine Taube.

 "Guck mal, der Heilige Geist", flüstert Aljoscha. 

Ich gucke, die Taube fliegt weg, einfach so, ohne Zettel im Schnabel, ohne Gruß. „Du hast den bösen Blick“, sagt Aljoscha. "Deshalb ist sie weggeflogen."

Ich bin immer wieder überrascht, wie gut mein Nachbar Zeichen und Symbole deuten kann. Ich kann da nie mithalten, versuche es aber trotzdem immer wieder.

"Guck mal, irgendwo da oben fliegt der Drache Space X zur Internationalen Raumstation ISS", sage ich.

"Ich sehe ihn", sagt Aljoscha. 

Das war klar. Aljoscha sieht wieder alles. Er hat das allsehende Auge. Und ich, ich sehe so gut wie nichts. Nur ein paar Sternlein am Himmel und zwei tieffliegende Fledermäuse, mehr nicht. 

Ich gucke gern in den Himmel, weil der Himmel immer so friedlich aussieht. Sobald ich jedoch den Kopf senke und mich durch die Nachrichtenwelt meines Handys scrolle, verfinstert sich mein Leben in Bruchteilen von Sekunden. Wir haben das Virus nicht besiegt, keinen Impfstoff und keine Immunität entwickelt, aber wir überrennen schon wieder die Ostseestrände, lese ich. Ob auf Usedom oder am Stettiner Haff, nirgends gibt es in diesem Sommer noch Ferienwohnungen, alles ist ausgebucht, alles ist überfüllt und in den Dünen kichern bereits die Fledermausviren. 

Als wäre das nicht schon schlimm genug, heizt Donald Trump, der apokalyptische Reiter der USA, die Stimmung mit Tweets aus dem Bunker weiter an. Und was passiert in Deutschland? Namhafte Virologen buddeln im Sandkasten und streiten sich darüber, wer ihnen die Schaufel weggenommen hat

Das Washington Monument und das Weiße Haus sind hinter dem Schriftzug Black Lives Matter zu sehen, der von städtischen Arbeitern und Aktivisten in leuchtend gelben riesigen Buchstaben auf die 16th Street gemalt wurde
Die USA bestimmen in diesen Tagen ein Thema: Black Lives Matter. Der Schriftzug dazu in leuchtend gelben Buchstaben auf der 16th Street in Washington. Bildrechte: dpa

Die wirklich traurigen Nachrichten kommen aber aus dem Ausland. In der Ukraine bleiben hunderte Leihmütter auf ihren Babys sitzen, weil die Grenzen wegen der Pandemie noch geschlossen sind und die Eltern aus Deutschland, Frankreich und Belgien ihren bestellten Nachwuchs nicht abholen können. In Minneapolis haben Polizisten den Afroamerikaner George Floyd getötet. Wahnsinnige zünden seither Einkaufscenter, Polizeiwachen und Justizgebäude an, weil es ihnen nicht reicht, wenn ihre Landleute friedlich gegen Polizeigewalt protestieren.

Als wäre das nicht schon schlimm genug, heizt Donald Trump, der apokalyptische Reiter der USA, die Stimmung mit Tweets aus dem Bunker weiter an. Und was passiert in Deutschland? Namhafte Virologen buddeln im Sandkasten und streiten sich darüber, wer ihnen die Schaufel weggenommen hat, während Menschen aus anderen Berufsgruppen von Arbeitslosigkeit bedroht sind, sich in Kurzarbeit befinden oder vor der Pleite stehen, weil sie ihre Ladenmiete nicht mehr bezahlen können. Zusätzlich wird die Pandemie und der Streit der Virologen von Journalisten mit Texten aus der Hölle befeuert. Diese Journalisten verwechseln ihren Schreibtisch mit einem Schützengraben. Ständig erfinden sie Schlagzeilen der Kategorie "Krieg, Flucht und Vertreibung." 

Ich selbst kann über solche Überschriften nur den Kopf schütteln, während mein Nachbar Aljoscha lieber das Leben genießt und mit schönen Frauen telefoniert

Männer stehen in der Kabine eines Passagierflugzeugs und entladen Kartons
"Masken-Luftbrücke", heißt es in Schlagzeilen. Muss das sein? Bildrechte: MDR/Cornelia Hartmann

Wenn Wissenschaftler an einem Impfstoff arbeiten, heißt es: "Wir sind im Krieg – der Kampf gegen die Viren." Reisen Skifahrer aus Österreich ab, titeln sie: "Flucht aus Ischgl". Stehen Politiker auf einem Rollfeld, weil sie es versäumt haben, ausreichend Atemschutzmasken einzukaufen, wird daraus der Heldenmythos  "Masken-Luftbrücke nach China" gestrickt und wenn über die Zukunft einer nicht ganz unbekannten Fluggesellschaft verhandelt wird, ist das eine "Milliardenschlacht um unsere Lufthansa." Besonders gern wird Kriegsvokabular eingesetzt, wenn zwei sich streiten. Dann heißt es: "Krieg der Star-Virologen". 

Ich selbst kann über solche Überschriften nur den Kopf schütteln, während mein Nachbar Aljoscha lieber das Leben genießt und mit schönen Frauen telefoniert. Vor knapp zwei Wochen hat er angefangen, als Kellner in einem Restaurant zu arbeiten. Seither erzählt er mir jeden Tag, dass ihm attraktive Frauen ihre Telefonnummern zustecken.

 "Wie kommt das?", habe ich ihn neulich gefragt. 

 "Ich gehe an den Tisch meiner Gäste und frage sie nach ihrer Adresse und ihrer Telefonnummer, ganz so, wie mein Chef es mir aufgetragen hat", antwortete Aljoscha.

 "Ist eine Frau darunter, die mir gefällt, rufe ich sie nach Feierabend an."

Ich musste schlucken, wie man eben so schluckt, wenn man Zeuge von etwas geworden ist, was man nicht fassen kann.

 "Aljoscha, ich glaube, da hast du jetzt was falsch verstanden", sagte ich. "Die Adressen und Telefonnummern deiner Gäste sind nicht für dich bestimmt, sondern für das Gesundheitsamt, falls sich jemand beim Verzehr einer nicht ganz durchgebratenen Fledermaus mit Corona infiziert haben sollte. Man will auf diese Weise Infektionsketten nachvollziehen, aber doch nicht den Heiratsmarkt ankurbeln."

"Echt jetzt?", fragte Aljoscha. Dann griff er zum Handy und rief die schöne Heidi an.

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Quelle: MDR/mg

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2 Kommentare

Stephan Schulz vor 4 Wochen

Danke.

ZIOZIE vor 4 Wochen

Die Kolumnen von Stephan Schulz sind ein Highlight dieser App! Weiter so! Auf dass ihm nicht die Themen ausgehen...

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