Kolumne "Corona, voll verpönt!" Rambo, die Venusfliegenfalle

Stephan Schulz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR-Kolumnist Stephan Schulz wird beim Gießen seiner fleischfressenden Pflanze von einer vergessenen Videokonferenz eingeholt – und erfährt dabei die Tücken des Homeoffice am eigenen Leib.

Venusfliegenfalle
Die Venusfliegenfalle sorgt für weniger Ungeziefer im Zuhause unseres Kolumnisten. (Symbolbild) Bildrechte: Colourbox.de

Donnerstagnachmittag. Stehe im Wohnzimmer am Fensterbrett und gieße Rambo, die fleischfressende Pflanze. Eigentlich ist Rambo ein Weibchen, eine Venusfliegenfalle, die auf den lateinischen Namen "Dionaea muscipula" hört. Ich nenne sie aber Rambo, weil sie mit ihren Verdauungssäften und ihren Blättern, die wie Fangeisen funktionieren, alles erlegt, was nicht schnell genug wegkrabbeln oder wegfliegen kann.

Rambo ist zuverlässiger als jede Fliegenklatsche. Seit sie zur Familie gehört, gibt es in unserem Haushalt keine Spinnen, Fliegen, Ameisen und auch keine Motten mehr. Allerdings braucht Rambo viel Pflege und Liebe. Ich nutze deshalb die wenigen Pausen, die mir im Homeoffice bleiben, um der Pflanze gut zuzureden. Sie dankt es mit einem üppigen Wachstum und einer hohen Fangquote. Manchmal benötigt sie auch ein Schlückchen Leitungswasser, so wie jetzt. 

Videokonferenz in Unterhemd und Boxershorts?

Während ich Rambo gieße, klingelt im Flur das Telefon. Stelle die Gießkanne ab, um herauszufinden, wer mich in meiner Pause stört. "Hallo, wer da?", rufe ich in den Hörer. "Balduin, dein Kollege", ruft es zurück. Erfahre von Balduin, dass vor gut zehn Minuten eine Videokonferenz beginnen sollte. Vier Kollegen würden im Homeoffice vor ihren Bildschirmen auf mich warten. Angeblich bin ich der Gastgeber der Konferenz. Ich, der gerade in aller Seelenruhe Rambo gegossen hat.

Überlege, ob ich fähig wäre, meine eigene Videokonferenz zu vergessen. Komme schnell zu der Erkenntnis, dass ich fähig wäre. Bitte Balduin, meinen Kollegen auszurichten, dass ich gleich zu ihnen stoßen werde. Lege auf und renne in die Küche, um den Laptop einzuschalten. 

Schaue dabei für den Bruchteil einer Sekunde an mir herab. Was ich sehe, ist so unangenehm, dass mir sofort das Blut in die Beine sackt. Ich trage lediglich Boxershorts und ein geripptes Unterhemd und bin gleich live auf Sendung. Ein Albtraum!

Nicht der Erste, dem das passiert

Eine Frau sitzt vor einem Laptop, während sie mit weiteren fünf Personen an einer Videokonferenz mit der Videokonferenzanwendung «Zoom» teilnimmt.
Videokonferenzen birgen so manche Tücken. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Flitze ins Schlafzimmer. Suche Hose und Hemd. Finde beides nicht. Muss an den rumänischen Sportminister denken. Der saß neulich in seinem Wohnzimmer auf der Couch und gab via Handy ein TV-Interview. Dabei verrutschte sein Telefon und Millionen Zuschauer konnten sehen, dass der Minister nur eine zerknitterte Unterhose trug. Auch Grünen-Chef Robert Habeck lernte die Tücken des Homeoffice kennen. Als er von einem Spiegel-Redakteur per Videoanruf interviewt wurde, spazierte einer seiner beiden Söhne durchs Bild – halbnackt und frisch geduscht. 

Duschen vor laufender Kamera

Wenige Tage ist es erst her, da passierte einem Vertreter eines großen brasilianischen Industrieverbandes ein ähnliches Missgeschick. Er war zu einer Videokonferenz mit Präsident Bolsonaro eingeladen und hatte seine Webcam auch rechtzeitig eingeschaltet, die Konferenz dann aber vergessen. So mussten Bolsonaro und rund ein Dutzend Unternehmer mit ansehen, wie der Vertreter des Industrieverbandes vor laufender Kamera duschte. Brasiliens Präsident soll beim Anblick des Nackedeis nur gelacht haben. Er wird in mehreren Zeitungen mit den Worten zitiert: "Wir haben ein ziemlich kurviges Bild gesehen."

Will so ein Bild meinen Kollegen ersparen. Öffne die Waschmaschine. Finde Hose und Hemd. Ziehe beides an. Renne zum Laptop. Wasser tropft auf den Fußboden. Tippe Buchstabenfolgen, eröffne die Videokonferenz. Die Kollegen erscheinen auf dem Bildschirm. Einer fragt: "Regnet es bei dir?" "In Strömen", entgegne ich. Im Wohnzimmer frisst Rambo eine Hummel. 

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Stephan Schulz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über den Autor Stephan Schulz, geboren 1972, wuchs in Burg bei Magdeburg auf. Er studierte Germanistik, Soziologie und Politikwissenschaften und stellte fest, dass das Hörsaalwissen nicht weit führt, weil sich die Politik selten an die Wissenschaft hält. Deswegen schreibt er so gern darüber – als Politikredakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk und auch als Buchautor. 2016 veröffentlichte er den heiter-satirischen Erzählungsband "Bück dich, Genosse!". Sein neues Buch "Das Leben ist ein Angelteich" ist im Frühjahr 2020 erschienen.

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Quelle: MDR/cw

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