Kolumne "Corona, voll verpönt!" Thüringer Gebote

Stephan Schulz
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In Thüringen beendet Ministerpräsident Ramelow die Corona-Krise im Alleingang – um sich den wichtigen Dingen zu widmen, vermutet unser Kolumnist: den Thüringer Bratwürsten.

Bodo Ramelow vor blauem Hintergrund
Bodo Ramelow verkündete seine Thüringer Corona-Gebote nicht klassisch als brennender Busch, sondern am Rednerpult. Bildrechte: MDR THÜRINGEN

"Die Gefahr ist noch nicht vorüber", warnten die Politiker und Virologen in den Ballungszentren. Doch die Menschen auf dem Land, die sich nicht damit abfinden konnten, im Öffentlichen Personennahverkehr eine Maske zu tragen, weil sie nicht wussten, wo sie dieses ÖPNV herbekommen sollten, wurden von Tag zu Tag leichtsinniger.

Sie trafen sich heimlich in ihren Scheunen, um die ganze Nacht hindurch zu feiern und zu tanzen. Dabei ließen sie jeden gesunden Abstand vermissen. Einige von ihnen hatten den Glauben an die chinesischen Fledermausviren bereits verloren, weil sie noch immer nicht niesen und husten mussten. Andere sahen in den Viren zwar noch eine Gefahr, aber sie hielten die geltenden Corona-Schutzmaßnahmen für übertrieben.

Furchtlos zwischen Bibel und Marx

Diese Zweifler und Skeptiker waren sich einig: Wenn diese ganze Pandemie jemals ein glückliches Ende nehmen sollte, dann brauchte es einen Mann mit Visionen, einen, der bereit war, die Allmacht der Virologen zu durchbrechen, einen, der an ein Leben nach der Maske glaubte.

Im Westen Deutschlands gab es solche Männer schon seit vielen Jahren nicht mehr. Die Späher der Reptiloide, die unermüdlich an der Errichtung der Neuen Weltordnung arbeiteten, hatten sie weggebissen. Nur im Osten Deutschlands, im Dickicht des Thüringer Waldes, dort, wo sich selbst Reptiloide nicht hintrauten, gab es noch einen dieser furchtlosen Männer. Er war im vorigen Jahrhundert aus dem Westen in den Osten geflüchtet und verbrachte dort jede Nacht ein kleines Wunder. Er konnte neben der Heiligen Bibel und der Büste von Karl Marx einschlafen, ohne davon Albträume zu bekommen.

Eine Grafik mit "Coronavirus in Sachsen-Anhalt: Aktuelle Entwicklungen, Hintergründe, Ansprechpartner".
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Bratwurst statt Corona

Thüringer Rostbratwurst
Namensgebend für ein ganzes Bundesland: die Thüringer Bratwurst. Bildrechte: Colourbox.de

Der Name dieses ungewöhnlichen Mannes war Bodo, Bodo Ramelow, und er trug rote Wandersocken. Seit vielen Wintern herrschte er über ein kleines, lustiges Völkchen, das in der Corona-Pandemie mehr zu leiden hatte als alle anderen Völkchen, denn es durfte keine Bratwürstchen mehr grillen. Die Menschen in dem dicht bewaldeten Landstrich waren nichts ohne ihre Bratwürstchen. Deshalb hießen sie auch wie die Würstchen selbst, Thüringer!

Der Anführer der Thüringer, Bodo Ramelow, wollte seinen Landsleuten unbedingt ein extra Würstchen braten und sie so von ihren Leiden befreien. Deswegen setzte er sich eines Tages an seinen Schreibtisch und verfasste das Corona-Manifest, ein Schriftstück, das alle bestehenden Maßnahmen, Regeln und Verbote zum Schutz gegen die Fledermausviren außer Kraft setzen sollte. An ihre Stelle sollten die Thüringer Corona-Gebote treten: 

  1. Du sollst kein Würstchen neben mir essen.
  2. Du sollst den Namen Thüringer Bratwurst nicht verunehren.
  3. Du sollst jedes Würstchen vor dem Grillen desinfizieren.
  4. Du sollst beim Grillen nicht niesen und nicht husten.
  5. Du sollst Würstchen in einem Sicherheitsabstand von zwei Metern zueinander grillen.
  6. Du sollst jedes Würstchen und jede Fledermaus gut durchbraten.
  7. Du sollst keine Bratmasken auf den Grill legen.
  8. Du sollst dir vor jeder Wurst die Hände waschen.
  9. Du sollst deinen Grill nicht mit Desinfektionsmitteln entzünden.
  10. Du sollst nicht begehren deines Nachbarn Wurst.

Prag in Thüringen

Nachdem Bodo, der Christ-Genosse, die Thüringer Würstchen-Gebote zu Papier gebracht hatte, gab er das Schriftstück seinem Hund Attila zum Gegenlesen. Das Hündchen wackelte kurz darauf freudig mit dem Schwanz. Es hatte nichts auszusetzen. 

Am 23. Mai 2020, abends um 20 Uhr, stellte sich Bodo Ramelow schließlich auf den Balkon der Staatskanzlei in Erfurt. Unten im Garten standen tausende Menschen, die unter ihren Masken nach Luft schnappten. Einige lagen bereits ohnmächtig in einem Beet aus roten Nelken, andere schafften es gerade noch so, ihre blassen Körper mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen.

"Ich bin heute zu Ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen", rief Bodo, "dass die Maskenpflicht ab Mitternacht…" 

Der Rest der Ansprache ging im Jubel der Massen unter. Die Menschen warfen ihre Corona-Masken in die Luft und riefen in einer ohrenbetäubenden Lautstärke "Hurra!" Man hatte den Eindruck, dass die Russen zum zweiten Mal in der Geschichte kurz vor Berlin standen. Plötzlich ergab der Satz der Kanzlerin, dass wir vor der größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg stehen, einen tieferen Sinn: "Es ist ernst. Nehmen sie es auch ernst!"

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Quelle: MDR/mx

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | 23. Mai 2020 | 10:00 Uhr

12 Kommentare

SusiB. vor 5 Wochen

Ich stamme aus Thüringen lebe aber in der Magdeburger Börde und kenne den Geruch von der Thüringer Roster ganz genau und trotzdem finde ich ein bisschen Satire gerade in diesen Zeiten gut. Es ist doch so schon alles schwer und Humor sollte zu jeder Zeit passen.

Jule L. vor 5 Wochen

In einer seltsamen Zeit wie dieser, tut uns allen ein Augenzwinkern und ein Schmunzeln gut. In diesem Sinne, herzlichen Dank für die immer wieder erfrischenden Texte.
Eine treue Leserin :-)

Stephan Schulz vor 5 Wochen

Lieber Sandro, vielen Dank für Ihren sachlichen und humorvollen Konter. Ich lese meinen Text anders als Sie, eher als abstruse Überspitzung der Diskussion um Ramelow, nicht aber als Anklage. In jedem Fall möchte ich Ihnen versichern, dass es keine besseren Bratwürste als die feinen Thüringer gibt. Und das meine ich in diesem Fall so, wie ich es soeben geschrieben habe. Viele liebe Grüße aus dem Tiefland der Magdeburger Börde.

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