Diskussion um Datenschutz Sollen Gesundheitsämter Zugriff auf Corona-Warn-App bekommen?

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

In der Corona-Pandemie soll die Corona-Warn-App ein Hilfsmittel sein. Die Zahl der Neuinfektion steigt weiter. Jetzt werden die Rufe lauter, die App neu aufzustellen und dabei den Datenschutz weniger streng zu nehmen. Die Rufe kommen auch aus Sachsen-Anhalt.

Tino Sorge, CDU-Mitglied des Bundestages
CDU-Gesundheitsexperte Tino Sorge ist ein Fan der Corona-Warn-App. Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Tino Sorge ist Gesundheitspolitiker der CDU im Bundestag. Er ist ein Fan der Corona-Warn-App, aber gleichzeitig ärgert er sich auch über sie. Denn er glaubt, die App kann noch mehr leisten, als nur jeden Einzelnen zu warnen. Sie sollte auch die Gesundheitsämter unterstützen, sagt Sorge: "Das Gesundheitsamt weiß derzeit nicht, ob ein positiv Getesteter sein Ergebnis auch in der App teilt." Tut er oder sie das nämlich nicht, kann es gut sein, dass noch mehr Infizierte herumliefen, so Sorge. "Insofern wäre es ja durchaus sinnvoll, dass die dann zumindest automatisiert die Information bekommen: Du hattest Kontakt zu jemandem, der Corona-positiv ist", sagt Sorge im Podcast "Digital Leben" bei MDR SACHSEN-ANHALT. Sorge bemängelt, dass der Datenschutz oft an erster Stelle stünde.

Gesundheitsämter sollten von Corona-Warn-App profitieren

Alena Buyx
Prof. Alena Buyx Bildrechte: imago images/Reiner Zensen

Ähnlich hatte sich vor kurzem auch die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Prof. Alena Buyx im ZDF geäußert. Sie sagt dort (31:15): "Wir schränken so viele Grundrechte ein und den Datenschutz so gar nicht? Bei dem sind wir bis auf Punkt und Komma extrem präzise? Es gibt inzwischen aus ethischer Perspektive wirklich gute Argumente zu sagen, vielleicht können wir da ein bisschen zurückhaltender sein, mit dem absolut perfekten Datenschutz."

Petra Sitte, DIE LINKE, im Deutschen Bundestag
Petra Sitte Bildrechte: Deutscher Bundestag / Lichtblick/Achim Melde

Wie einfach oder ob sich Sorges Idee technisch umsetzen lässt, ist unklar. Grundsätzlich zur Vorsicht mahnt Petra Sitte, Bundestagsabgeordnete der Linken aus Halle. Sie hat zusammen mit Tino Sorge in den vergangenen zwei Jahren in der "Enquete-Kommission Künstliche Intelligenz" des Bundestages mitgearbeitet und sich da vor allem mit dem Thema "KI und Gesundheit" beschäftigt (Abschlussbericht, PDF). Ihr grundsätzlicher Ansatz ist: Bei digitalen Technologien im Gesundheitsbereich grundsätzlich auf die datensparsamste Variante zu setzen. Sie plädiert auch dafür, alle Algorithmen und KI-Anwendungen besser kontrollierbar zu machen

Kein Problem der App, sondern Personalmangel

Zur Forderung von Tino Sorge sagt sie, mit diesem Vorgehen würde der Konsens zur Corona-Warn-App aufgekündigt: "Das Problem ist doch, dass die Leute zurzeit die App meistens passiv verwenden." Hinzu komme, dass bei den Tests ein Kreuz auf einem Zettel gemacht werden müsse, damit das Testergebnis auch geteilt werden kann. "Im Umfeld der App ist einiges unklar und es fehlt an Informationen und Aufklärung." Vor allem würde es in den Gesundheitsämtern an Personal fehlen, sagt Sitte. Wer jetzt die App erweitern wolle, würde einen Vertrauensverlust in Kauf nehmen – Gegner könnten dann von einer Überwachungsapp sprechen. Jetzt die App umzubauen, würde es für alle zukünftigen Gesundheitstechnologien schwieriger machen, sagt Sitte.

Corona Warn App auf einem Smartphone
Rund um die Corona-Warn-App sind viele Fragen offen. Bildrechte: imago images / Jochen Eckel

Gesundheitsdaten sind wichtig

Und dass Gesundheitsdaten für Diagnosen oder in der Forschung ausgewertet werden, ist nichts neues: Krebs- oder Alzheimer-Diagnosen lassen sich so zum Beispiel schon stellen. Petra Sitte und Tino Sorge setzen große Hoffnungen in solche Technologien, die gemeinhin mit dem Stichwort Künstliche Intelligenz verbunden werden.

Porträt einer jungen Frau mit langen braunen Haaren, einem hellblauen Blazer und einer Halskette mit blauem Anhänger, die mit verschränkten Armen vor einem gelben Industrieroboter in einer Halle steht
Dr. Doris Aschenbrenner Bildrechte: Doris Aschenbrenner

Auch Dr. Doris Aschenbrenner, Informatikerin an der Uni Delft in den Niederlanden, lehnt weniger Datenschutz in der Corona-Warn-App ab. Im Podcast "Digital leben" von MDR SACHSEN-ANHALT sagt sie: "KI-Technologien sollten an anderen Stellen dabei helfen, die Pandemie zu bekämpfen." Vorstellbar sei eine bessere Kommunikation zwischen Lungenärzten und Kliniken oder eine noch stärkere Automation bei den Tests. "Das sollte ausprobiert werden, anstatt halbgare Diskussionen zu führen."

Tino Sorge wünscht sie eine weniger emotionale Diskussion: "Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir uns stärker auf die Potenziale der Datennutzung konzentrieren. Es muss uns gelingen, Datenschutz und Gesundheitsschutz in eine vernünftige Balance zu bringen."

Die Zukunft der Corona-Warn-App

Unterdessen wird an der Corona-Warn-App weitergearbeitet. Der Internetseite "Business Insider" liegen dafür konkrete Pläne von Telekom und SAP vor. Danach sollen Nutzer sich mithilfe der App in Restaurants registrieren und müssten dann dort keine Zettel mehr ausfüllen. Außerdem wollen die App-Macher eine Historie der Risiko-Begegnungen anzeigen, ein Kontakt-Tagebuch einbauen und App- und Pandemie-Statistiken anzeigen. Nutzer sollen zudem stärker überzeugt werden, positive Testergebnisse auch mit der App zu teilen. Bereits ab November soll die App den anonymen Datenabgleich mehrfach am Tag machen und nicht nur einmal täglich.

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben". E-Mail: digitalleben@mdr.de

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Quelle: MDR/mar

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 09. November 2020 | 07:30 Uhr

1 Kommentar

Critica vor 2 Wochen

"Sollen Gesundheitsämter auf die App zugreifen?" Nein, sollen sie nicht. Den Nutzern wurde versprochen - öffentlich und im Deutschen Fernsehen - dass die Daten nur zur Warnung dienen. Und nun das?
Alles, was die Politiker bisher in der Coronapandemie "hoch und heilig" versprochen haben, wurde gebrochen. So wird es wohl auch mit der Freiwilligkeit der Coronaimpfung werden. In Baden-Württemberg werden schon Charantäneverweigerer eingesperrt. Der Thüringer Innenminister lehnt dies kategorisch ab. Doch wie lange? Ich jedenfalls bin von der Politik "kuriert".

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