Podcast "Digital leben" Corona: Zwischen Lichtgeschwindigkeit und Rückwärtsgang

Die Pandemie beschleunigt die digitalen Möglichkeiten: Kindergärten haben ihre Schützlinge mit Videos bespaßt, Theatermacher vor Kameras gespielt und Ingenieur-Büros ihre Kunden online getroffen. Moderne Technologien ermöglichen vieles, aber vermutlich werden auch alte Rollenbilder gestärkt: Die Pandemie fördert Digitales. Fordert das Digitale auch das Altes heraus?

Sybille Heinemann und Claudia Rondio wären wohl nie zusammen Gäste im Podcast "Digital leben" bei MDR SACHSEN-ANHALT geworden. Aber die Pandemie bringt auch Menschen und Ideen zusammen, die man vorher wohl kaum zusammen gesehen hätte: Sybille Heinemann, die Personalerin und Claudia Rondio, die Kindergartenleiterin. So unterschiedlich ihre Branchen sind, so gleich waren die vergangenen Wochen von Sybille Heinemann und Claudia Rondio. Beide haben sich ins Neuland gewagt. Eine Nasenlänge Vorspung hatte dabei Sybille Heinemann.

Eine Karrierebörse im Internet

Es war das zweite Mal, dass Sybille Heinemann Anfang Mai die "Virtuelle Karrierebörse" veranstaltet hat. "Wie auf einer richigen Jobbörse können sich dort Unternehmen und Bewerber begegnen", sagt Heinemann. Sie hat ihre Personalberatung 1999 in Magdeburg gegründet. Auf der Karrierebörse sollen Unternehmen nemue Mitarbeiter finden. Im Mai waren 15 Firmen dort und mehr als 400 Menschen, die sich nach einem Job umgeschaut haben.

Ein Computerbild, der den Eingang zu einer Messe zeigt, mit einem Tresen, Stühlen, Türen und Wegweisern. Und Avateren.
Treffen im virtuellen Raum Bildrechte: Sybille Heinemann

″Leider war keine Firma aus Sachsen-Anhalt dabei. Hiesigen Firmen fehlt manchmal die Offenheit″, sagt Heinemann. Sie verstehe zwar die Ängste, aber sie biete Firmen Webinare und Demoversionen an, damit sie sich auf ihren virtuellen Messeauftritt vorbereiten können. "Wie bei einer echten Messe, lassen wir die Firmen sogar schon ein paar Tage vorher in die virtuelle Karrierebörse, damit sie quasi ihre Stände vorbereiten können."

In der virtuellen Karrierebörse, die in jedem Webbrowser aufgerufen werden kann, gehe es dann zu wie auf einer echten Jobbörse: Interessierte können sich Firmen anschauen, mit Mitarbeitern per Chat oder Videokonferenz sprechen und ihre Kontaktdaten zurücklassen. Außerdem gebe es Vorträge, die vorher aufgezeichnet wurden. "Das Konzept zu erklären ist oft schwieriger als die Anwendung selbst", sagt Heinemann. Damit komme jeder schnell zu recht, der es ausprobiere.

Videos aus dem Kindergarten

Einfach machen und ausprobieren – das war auch Claudia Rondios Motto, als sie im März kurzfristig ihren Kindergarten "Mandala" in Magdeburg schließen musste. Ihr Ziel war dabei einfach: "Wir wollten mit den Kindern in Kontakt bleiben, damit die Kleinen uns und auch unsere Räume nicht vergessen." Viel Zeit, die richtige Technologie zu prüfen hatte sie nicht. "Aber wir haben auch vorher schon über moderne Medien gesprochen und wir haben Dienst-Geräte."

Und damit haben dann 30 Mitarbeiter losgelegt und für die 77 Kinder und ihre Eltern Videos gemacht: Vom Morgenkreis, vom Singen, vom Spiel mit Handpuppen, einer Anleitung zum Farbe oder Knete machen oder der Blick in die Kita-eigene Küche. "Unser Köchin hat ein bisschen Koch-Show gemacht. Ganz toll!"

Grundsätzlich funktioniert ein Kindergarten natürlich nicht per Video, aber Claudia Rondio hat im Kindergarten "Mandala" so etwas wie Medienerziehung schon länger im Hinterkopf gehabt – auch, wenn es in den Bildungsplänen nicht vorgesehen sei. "Dem Umgang mit elektronischen Medien kann sich aber niemand entziehen. Das ist für die Zukunft aller wichtig." Rondio hat in ihrem privat geführten Kindergarten mehr Spielraum als andere Einrichtungen. ″Mandala″ kauf seit Jahren auch Technik: Laptops, iPads, iPhones. Jeder Mitarbeiter kann ein Dienst-Handy bekommen.

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Fehler sind erlaubt

Trotzdem hat es Überwindung gekostet, Videos zu drehen. "Viele hatten Scheu davor, aber wir haben das Befremdliche auflösen können und einfach angefangen mit dem Smartphone zu drehen", sagt Rondio. Das Eis sei schnell gebrochen, die Mutigen seien vorangegangen und die anderen hätten nachgezogen. Mittlerweile agierten alle sehr locker vor der Kamera und es habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es nicht perfekt sein muss. "Man darf sich auch versprechen." Rondio sagt, es ist okay, wenn man auch Fehler sehe.

Dunkelhaarige Frau am Schreibtisch lächelt
Kindergartenleiterin Claudia Rondio Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Die Videos haben die Kita-Mitarbeiter dann per E-Mail verschickt. YouTube sei aus Datenschutzgründen nie in Frage gekommen. "Und einen Live-Stream: Das konnten wir nicht. Aber mittlerweile sehen wir, dass Videos praktikabler sind, weil wir es den Eltern überlassen, wann sie das zeigen wollen." Und von den Eltern habe es ausschließlich positive Rückmeldungen gegeben. Manche hätten sogar Fotos und Videos zurückgeschickt: "Es war zauberhaft zu sehen, wie die Kinder zum Beispiel beim Morgenkreis-Video mitgemacht haben."

Auch interaktive Videos haben die Kindergartenmitarbeiter gedreht: "Ein Mitarbeiter hat Schachbretter aufgebaut und einen Zug gemacht, die Kinder sollten dann ihren Zug schicken. Das hat aber nicht ganz so funktioniert." Besser kam ein Naturmemory an.

Aber im Kindergarten wurden nicht nur Videos gemacht. Die Mitarbeiter haben sich noch mehr um ihre Kinder und die Familien gekümmert: "Wir haben auch angerufen und mit Kindern und Mütter gesprochen. Solch ein persönlicher Kontakt kann nicht ersetzt werden", sagt Rondio.

Das Virtuelle muss das Menschliche bewahren

Personalerin Sybille Heinemann ist im Podcast "Digital leben" bei MDR SACHSEN-ANHALT begeistert von Claudia Rondios Kindergarten: "Es geht ja beim Virtuellen darum, auch das Menschliche zu bewahren. Und das ist ja die Chance all dieser Werkzeuge. Das hätte ich mir auch in der Schule meiner Kinder gewünscht."

Frau mit dunklen langen Haaren, roter Bluse und weißer Jacke
Personalerin Sybille Heinemann Bildrechte: Sybille Heinemann

Was im Kindergarten das virtuelle Kuscheln sei, sei bei ihrer Karrierebörse das Kontakteknüpfen, denn auch Firmen brauchen jetzt Möglichkeiten, sichtbar zu werden. Auch für neue Mitarbeiter: "Auch wenn es in vielen Firmen jetzt vielleicht einen Einstellungsstopp gibt, dürfen wir die Zukunft nicht außen vorlassen und müssen die Möglichkeiten nutzen." Und digitale Technologien ermöglichten nicht nur Jobmessen, sondern auch Messen, um Produkte zu präsentieren. "Der internationale Geschäftsverkehr ist ja zusammengebrochen. Deshalb müssen andere Formen gefunden werden. Messekommunikation ändert sich radikal."

Als Nächstes will Heinemann ihre virtuelle Karrierebörse weiterentwickeln: "Für andere Branchen, zum Beispiel das Gesundheitswesen oder für Azubis als Zielgruppe." Und auch Claudia Rondio sieht die neuen Erfahungen als großen Schatz an, den es zu erhalten gilt. "Denn die Filme existieren ja auch weiter, die können wir auch einsetzen, wenn ein Kind zum Beispiel krank ist." Mit digital Mitteln könne man vielleicht sogar Elternabende besser ermöglichen, denn an einer Videokonferenz könne jeder ortsunabhängig teilnehmen, sagt Rondio. "Ich stand bei meinem letzten Meeting mit der Elternvertretung sogar auf einem Baumarkt-Parkplatz."

Die große Frage der Gleichberechtigung

Auch wenn digitale Technologien Ermöglichungsmaschinen sind, sehen Heinemann und Rondio, dass derzeit vor allem den Frauen viel abverlangt wird. Verfestigen digitale Technologien überholte Verhaltensmuster in Familien und Machtverhältnisse in der Gesellschaft? "Frauen haben die meiste Last zu tragen. Aber das kann man nicht pauschal sagen, es gibt auch viele Paare, die sich bemühen", sagt Claudia Rondio. Einen Rückschritt erkenne sie aber schon: Die Frau kümmert sich um Home-Office, Kinder, Haushalt und Hausaufgaben. "Ich sehe an Mitarbeitern mit Schulkindern, wie belastet die sind."

In der Ausnahmesituation würden Frauen ihren Männern vermutlich auch weniger auf die Füße treten und sie ermahnen. "Das geht nur, wenn man selbst noch genug Kraft hat." Aber Frauen seien mit der Organisation des Familienalltags ausgelastet, sie hielten die Familien stabil – schon immer sei Beziehungsarbeit weiblich gewesen. Ein etwas anderes Bild zeichnet eine vor kurzem veröffentliche Studie der Uni Bielefeld: Danach ist die Corona-bedingte Mehraufwand bei Haushalt und Kinderbetreuung wohl gleichmäßig zwischen Männern und Frauen in Deutschland aufgeteilt. Die Wissenschaftler schreiben aber auch, dass sie erst in Zukunft sagen können, ob diese Verhaltensmuster auch weiter fortbestehen.

Quelle: MDR/mar

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