Puppenspielerin Julia Raab aus Halle Freie Künstler in Corona-Zeiten: "Keine Ahnung, wie lange ich das finanziell durchhalte"

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Die Ausbreitung des Coronavirus hat eine komplette Branche lahmgelegt: Die Kulturlandschaft in Sachsen-Anhalt existiert in diesen Tagen de facto nicht mehr. Auftritte sind abgesagt, Theater gesperrt. Für die zumeist freischaffenden Künstler ist das ein riesiges Problem: Ihre Einnahmen brechen weg. Die Puppenspielerin Julia Raab aus Halle erzählt.

Pressefoto zum Internationalen Figurentheaterfestival "Blickwechsel"
Die Kulturlandschaft ist wegen der Ausbreitung des Coronavirus nahezu komplett lahmgelegt. Bildrechte: MDR/Internationales Figurentheaterfestival Blickwechsel 2014

Julia Raab hat noch einmal nachgezählt. "16 waren es", sagt die freiberufliche Puppenspielerin und -bauerin aus Halle. 16 Veranstaltungen, bei denen Julia Raab in den kommenden Tagen und Wochen aufgetreten wäre – und die seit Ende vergangener Woche abgesagt worden sind. Die Bildungswochen gegen Rassismus in Halle, ein gut bezahltes Gastspiel in Osnabrück, vier Vorstellungen in Braunschweig, für die Raab schon alles aufgebaut hatte, ehe am Freitagabend doch noch die Absage kam. Die Veranstaltung fiel aus. Wie so viele andere in diesen Tagen.

Zur Person: Das ist Julia Raab

Porträtfoto von Puppenspielerin Julia Raab
Bildrechte: Julia Fenske

Julia Raab kommt gebürtig aus Hessen, lebt nun aber schon seit vielen Jahren in Halle an der Saale. Dort hat sie sich nach ihrem Studium der Theaterpädagogik und als Puppenspielerin eine Existenz als Selbstständige aufgebaut. Raab tritt beispielsweise in Schulen als Puppenspielerin auf, in Sachsen-Anhalt und anderen Bundesländern. In Halle betreibt die 37-Jährige ihr eigenes Atelier mit Puppenwerkstatt.

Das Coronavirus und seine Ausbreitung machen vielen Menschen zu schaffen. Ganz besonders getroffen sind die, die freiberuflich in der Kulturszene arbeiten. Die pro Auftritt bezahlt werden und am Monatsbeginn kein festes Grundgehalt überwiesen bekommen. Es sind Menschen wie Julia Raab, die jetzt schwere Zeiten durchmachen – und verunsichert sind. Schließlich weiß niemand, wie lange dieses neuartige Virus Deutschland, Europa und die halbe Welt noch lahmlegen wird.

Niemand weiß, wie lange das so weitergeht

Julia Raab hofft natürlich, dass die Situation sich bis Mitte, Ende April wieder einigermaßen beruhigt hat – und die wenigen noch nicht abgesagten Auftritte im April und im Mai wie geplant über die Bühne gehen können. Einzig: Auch sie weiß, dass niemand das vorhersagen kann. Also muss sie warten – und damit beginnen, zu rechnen. "Bis Ende März habe ich, von zwei Ausfallhonoraren abgesehen, keine Einnahmen", erzählt Raab am Telefon. "Da ist gähnende Leere", sagt sie.

Julia Raab ist Mutter einer vierjährigen Tochter, ihr Lebensgefährte ist wie sie selbst freischaffender Künstler. Er begleitet sie als Techniker, wenn Raab Auftritte als Puppenspielerin hat. Das macht die finanzielle Lage nicht einfacher.

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich das finanziell durchhalte.

Julia Raab selbstständige Puppenspielerin

Bei allen Schwierigkeiten: Julia Raab ist Optimistin. Auch in diesen Tagen. "Ich habe jetzt viel Zeit für konzeptionelle Ideen", erzählt sie. Die Stücke, die schon seit Jahren in ihrem Kopf umherschwirren? Können jetzt endlich mal aufgeschrieben werden. Die vielen Mails, für die im Tagesgeschäft einer Selbstständigen wenig Zeit bleibt? Können nun in Ruhe beantwortet werden. In Ruhe in der Puppenwerkstatt arbeiten? Auch dafür ist nun Zeit.

Man muss das Beste aus der Situation machen, ist Julia Raab überzeugt. "Ich hoffe, dass wir etwas aus dieser Krise lernen", sagt sie.

Aus dem Redaktionsalltag: Telefon-Interview statt vor Ort

MDR SACHSEN-ANHALT war schon seit Wochen für Dienstag zum Interview mit Puppenspielerin Julia Raab verabredet – eigentlich, um mehr über ihre Arbeit als freischaffende Künstlerin im Puppenspiel zu erfahren. Am Montag beschlossen die Puppenspielerin und MDR SACHSEN-ANHALT, das in Halle geplante Interview abzusagen – und stattdessen telefonisch mehr über die Situation von freischaffenden und selbstständigen Künstlern in Corona-Zeiten zu erfahren.

Julia Raab und ihre Familie haben finanzielle Rücklagen. Wenn die Lage sich aber – wie von manchem prognostiziert – nicht vor dem Herbst entspannen wird, dann werden auch diese Rücklagen irgendwann aufgebraucht sein. An Kurzarbeitergeld und Hartz IV hat Raab nach eigenen Worten bislang trotzdem nicht gedacht. Sie will sich lieber erst einmal ansehen, was die Bundesregierung angesichts der Lage unternimmt. "Mein erster Schritt wird nicht sein, zum Amt zu rennen", sagt Raab.

Viele haben schon vor Corona mit Sozialhilfe aufgestockt

Raab kennt aber Menschen, denen es anders geht. Die schon bislang mit Sozialhilfe aufstocken mussten, um finanziell überhaupt über die Runden zu kommen. Die auch jetzt erst einmal zum Arbeitsamt werden gehen müssen. Freischaffende Schauspieler und Puppenspieler sind bei weitem nicht so gut bezahlt, wie mancher annimmt. Julia Raab findet es hilfreich, dass sie in diesen Zeiten in Halle auf die Interessengemeinschaft der freien Theater zurückgreifen kann. Von dort gibt es Infos, was nun zu tun ist – und wie Freischaffende vielleicht trotzdem an ihr Geld kommen.

Erst Montagabend haben sich auch Kulturschaffende in Magdeburg Gedanken gemacht, wie es nun weitergehen soll. Am Ende des Treffens hatten sie einen Brief an Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) geschrieben – und darin deutlich gemacht, dass der "Kollaps der Kulturlandschaft" drohe.

Die Lage ist ernst, das weiß Julia Raab aus erster Hand. In ihrem Arbeitszimmer liegen allerlei To-Do-Zettel herum. Ein Anruf da, eine Mail dorthin, Nachfragen bei der Künstlersozialkasse. Erst am Vortag des Interviews hat sie ihr geschätztes Jahreseinkommen bei der Künstlersozialkasse "extremst herunterkorrigiert", erzählt sie.

Wunsch: Über bedingungsloses Grundeinkommen nachdenken

Julia Raab hält nichts davon, Politikerinnen und Politiker nun für all das verantwortlich zu machen. Die Situation sei nun mal besonders – kaum jemand hat so etwas vorher erlebt. Raab wünscht sich eher, dass die Zeit nun dafür genutzt wird, ausführlicher und ernsthafter über ein bedingungsloses Grundeinkommen zu diskutieren. "Darüber sollte nun viel konkreter drüber nachgedacht werden", sagt sie.

Und sie und ihre Kolleginnen und Kollegen, die freischaffenden und derzeit beschäftigungslosen Künstler? "Wir sollten die Zeit jetzt kreativ nutzen", findet Julia Raab. Irgendwann kommen schließlich wieder andere Zeiten. Die große Frage ist nur: Wann?

Beantworten kann sie im Moment niemand.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 16. März 2020 | 19:00 Uhr

6 Kommentare

MarcIl vor 26 Wochen

...was Du schreibst wäre eigentliche eine Pflicht öffentlich-rechtlicher Medien. Von, nach kommerziellen Erwägungen geleiteten Formatradios amerikanischer Art ( ist keine Grundsatzkritik an dieser Art Radio) steht nichts in Lizenzgrundlagen. Ich meinem Umfeld ist ein deutscher, nach Polen ausgewanderter Künstler, der es dort mit seiner weitestgehend brotlosen, sehr alternativen Kunst mehrfach geschafft hat in lokalen ( staatlichen ) Medien sich vorzustellen. Was über ebendiese polnischen Medien in Deutschland gedacht wird ist bekannt, als links bezeichnet diese sicher niemand. Ich der Hoffnung, sie schalten es frei, lieber MDR. Bestimmte Unwuchten habt ihr ja erkannt und versucht darauf zu reagieren. Das möchte ich nochmals ausdrücklich loben.

MarcIl vor 26 Wochen

...das ist jetzt die harte neoliberale Antwort, die ich übrigens akzeptiere. Sie ist nicht falsch. Man müsste weiterführend diskutieren, welchen Wert die Arbeit auch in Folge der Wirtschaftspolitik der letzten Jahre noch hat. Dann kämen wir zur Frage der Besteuerung. Unter Umständen kann die jetzige Entwicklung der Anfang sein, komplett unser Wirtschafts-und Finanzsystem neu zu justieren und eben, wie ich schrieb, zu bewerten. Das ist seit langem überfällig. Erntehilfe könnte übrigens auch innerhalb eines "Grundeinkommen" System angeregt werden. Jede Form der Alimentierung sollte gewisse Pflichten beinhalten. Das wäre ein von der Politik zu gestaltender Prozess.

MarcIl vor 26 Wochen

Guter Bericht. Auch ich kenne noch Künstler, die es deutlich schwieriger haben. Auch teile ich den Verweis auf die Idee des Grundeinkommens. Da gibt es Für und Wider, dennoch könnte sich die Tür nach dieser Krise, die auch eine Neubewertung unserer Wirtschaft und Gesellschaft zur Folge haben wird, öffnen.

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