Auswirkungen für Kulturschaffende Figurentheater am Livestream: Wie eine Puppenspielerin aus Halle die Corona-Krise meistert

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Freischaffende Künstlerinnen und Künstler leiden unter der Corona-Krise. Die meisten ihrer Aufträge sind weggebrochen, Einnahmen gibt es kaum. Im März hatte MDR SACHSEN-ANHALT schon einmal mit der Figurenspielerin Julia Raab aus Halle gesprochen. Damals war die Lage finster. Nun hat Julia Raab Grund zur Hoffnung.

Pressefoto zum Internationalen Figurentheaterfestival "Blickwechsel"
Die Kulturlandschaft ist wegen der Ausbreitung des Coronavirus nahezu komplett lahmgelegt. Die Branche versucht nun, mit viel Kreativität zu überleben. (Symbolbild) Bildrechte: MDR/Internationales Figurentheaterfestival Blickwechsel 2014

Die Suchmaschine kennt die bittere Wahrheit. Wer bei Google nach den Stichworten "Julia Raab Halle" sucht, bekommt ein simples "vorübergehend geschlossen" zu lesen. Geschrieben in weißer Schrift, auf leuchtend rotem Hintergrund. Und irgendwie stimmt es ja auch: Wenn es keine Kultur-Veranstaltungen gibt, haben freischaffende Künstlerinnen und Künstler wie die Puppenspielerin Julia Raab keine Arbeit.

Die bittere Wahrheit ist aber dann doch nur die halbe Wahrheit. Julia Raab hat sich nämlich mit der ungewohnten Situation arrangiert – und durchaus Arbeit gefunden. Am Dienstag dieser Woche spielte Raab in der Volksbühne am Kaulenberg in Halle. Das Publikum war ebenfalls dabei, wenn auch nur virtuell am Livestream. Drei Kameras filmten, wie die 37-Jährige das Stück "...im Frühling hat man keine Lust zu sterben!" aufführte. Es ging um den Nationalsozialismus und um Frauen, die in der Todeszelle in Halle Abschiedsbriefe schrieben. Über Facebook konnte jeder zuschauen, die Landeszentrale für politische Bildung hatte es möglich gemacht. "Da konnte ich das erste Mal seit Wochen wieder richtig arbeiten", erzählt Julia Raab am Tag darauf am Telefon. Gut habe sich das angefühlt, sagt sie. Und anstrengend sei es gewesen. "Ich war ziemlich fertig danach."

Die Anspannung war hoch. Und sie war anders als üblich. Die anderen Menschen im Saal – die Techniker, die Kollegen – trugen Mundschutz. "Als die Vorstellung lief, war ich im Fluss", erzählt Julia Raab. Für ein paar Stunden waren all die anderen Gedanken weg – die um die eigene Zukunft und die finanzielle Situation in der Krise.

400 Euro Soforthilfe nur "Tropfen auf den heißen Stein"

Kulturschaffende haben es in Corona-Zeiten nicht leicht. Zwar wird ständig von Soforthilfen für die Branche gesprochen. Viel passiert ist bislang aber nicht. Die staatliche Unterstützung für Julia Raab beschränkt sich jedenfalls auf 400 Euro, die ihr das Land Sachsen-Anhalt überwiesen hat. Soforthilfe, weil die Kultur einen hohen Stellenwert habe, wie es vor ein paar Wochen aus der Staatskanzlei hieß. In der Realität waren diese 400 Euro nicht viel mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Julia Raab ist Mutter. Ihr Lebensgefährte arbeitet ebenfalls als freischaffender Künstler in der Branche. "Wer soll von 400 Euro leben", fragt Raab. Vielleicht verbietet sich dieser Vergleich, vielleicht ist er genau richtig: Kleine Unternehmen mit bis zu fünf Mitarbeitern bekommen in Sachsen-Anhalt bis zu 9.000 Euro Soforthilfe.

Doch es gibt andere Wege, um jetzt an Geld zu kommen. Nicht immer braucht es dafür den Staat. Auch das dürfte irgendwann, wenn diese Krise vorbei ist, eine der Lehren sein. In Halle hatten die Gründer des Unverpacktlandes zu Beginn der Krise ein Crowdfunding hochgezogen. Das gespendete Geld sollte an kleine Unternehmerinnen und Unternehmern in der Saalestadt gehen. Auch Julia Raab ist eine derjenigen, die profitieren sollen. Vor gut einer Woche ging die Kampagne zu Ende, knapp 44.000 Euro kamen zusammen. Gespendet von 750 Hallenserinnen und Hallensern. "Das Geld soll demnächst ausgezahlt werden", erzählt Julia Raab. Sie wird wohl um die 2.000 Euro bekommen. "Das ist eine wirkliche Soforthilfe", sagt sie. "Davon kann ich zwei Monate überleben." Das Engagement der Spender? "Toll", sagt Raab.

Zur Person: Das ist Julia Raab

Porträtfoto von Puppenspielerin Julia Raab
Bildrechte: Julia Fenske

Julia Raab kommt gebürtig aus Hessen, lebt nun aber schon seit vielen Jahren in Halle an der Saale. Dort hat sie sich nach ihrem Studium der Theaterpädagogik und als Puppenspielerin eine Existenz als Selbstständige aufgebaut. Raab tritt beispielsweise in Schulen als Puppenspielerin auf, in Sachsen-Anhalt und anderen Bundesländern. In Halle betreibt die 37-Jährige ihr eigenes Atelier mit Puppenwerkstatt.

Natürlich blickt Julia Raab auch auf das, was die Bundesregierung plant. Kulturstaatssekretärin Monika Grütters (CDU) versprach dieser Tage im rbb, der Bund werde freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern Ausfallhonorare zahlen – wenn sie schon vor der Corona-Krise vom Bund gefördert worden sind. Künstlerinnen und Künstler können dann bis zu 60 Prozent ihrer ursprünglichen Gage bekommen. Gute Aussichten.

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Julia Raab und ihr Lebensgefährte Carsten Bach haben sich aber noch etwas anderes ausgedacht – und mit einer Förderung des Fonds darstellender Künste auf den Weg gebracht. Beide wollen diese "finanzielle Notsituation" nicht nur für sich überwinden. Sie wollen auch Kolleginnen und Kollegen helfen. Deshalb bastelt das Paar gerade an einer Website, die allen Puppenspielern helfen soll – indem dort jetzt, in der Corona-Krise, Livestreams gebündelt werden. Später sollen Informationen aus und über die Branche hinzukommen. "Wir wollen eine Plattform für Figuren- und Puppentheater schaffen", erzählt Julia Raab. Das Münchner Marionettentheater hat schon zwei seiner Livestreams eingetragen. So kann es weitergehen.

Als MDR SACHSEN-ANHALT im März mit Julia Raab über die Lage freischaffender Künstlerinnen und Künstler sprach, nannte die Figurenspielerin sich einen optimistischen Menschen. Daran hat auch die Corona-Krise nichts geändert. Julia Raab sieht Licht am Ende des Tunnels. Sie ist für mehrere Gastspiele gebucht worden. Neulich hat ein renommiertes Puppentheater aus Mitteldeutschland sie für mehrere Auftritte im Herbst angefragt. Noch sind die Verträge zwar nicht unterschrieben. Aber es sieht gut aus. Das Licht am Ende des Tunnels wird heller. "Über eine Anfrage von dort hätte ich nie zu träumen gewagt", sagt Julia Raab.

Diese Krise kann auch etwas Gutes haben.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

Quelle: MDR/ld

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