#miteinanderstark "Einfach nur egoistisch": Kassiererinnen erzählen über Kunden in der Corona-Krise

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Das Toilettenpapier ist ständig ausverkauft, die Tafeln klagen wegen vieler Hamsterkäufe über weniger Spenden: Im Mittelpunkt des Kaufrauschs vieler Menschen stehen die Verkäuferinnen im Supermarkt. Zwei von ihnen haben MDR SACHSEN-ANHALT vom verrückten neuen Alltag in der Corona-Krise erzählt.

Ein Kunde zahlt an der Kasse eines Supremarkes mit Bargeld.
Kassiererinnen bekommen die Corona-Krise besonders zu spüren: Wo viele im Homeoffice arbeiten und die Läden plündern, halten sie die Stellung. Bildrechte: MDR/dpa

Anja M.: "Den Ernst der Lage nicht verstanden"

Es ist erst wenige Tage her, da wurde sie wieder angepöbelt. Anja M.*, Kassiererin in einem Supermarkt im Norden von Sachsen-Anhalt, hatte einen Kunden gerade darum gebeten, drei der vier Packungen Toilettenpapier zurückzulegen. Eine Packung reiche ja nun wirklich aus, sagte M. Der Kunde wurde wütend; drohte, sich über die Kassiererin zu beschweren. "Machen Sie ruhig", ermunterte M. den Kunden. "Erfolg werden Sie nicht haben." In dem Supermarkt, in dem die 54-Jährige arbeitet, sind Szenen wie diese fast schon Alltag.

Wenn Anja M. und ihre Kolleginnen die Kunden an der Kasse darum bitten, Abstand zueinander zu halten, werden sie oft nur belächelt oder ignoriert. "Die meisten haben den Ernst der Lage noch nicht verstanden", sagt Anja M. Dass sie und ihre Kolleginnen beim Kassieren zum Schutz jetzt Handschuhe tragen, sorgt eher für dumme Bemerkungen. Neulich fragte ein Kunde Anja M., ob ihr kalt sei.

Es gibt Rentner, die kommen vier bis fünf Mal am Tag zu uns und kaufen eine Kleinigkeit. Die frage ich dann: 'Warum ignorieren Sie, was im Fernsehen gesagt wird? Sie sollten zu Hause bleiben.' Die meisten verstehen es nicht.

Anja M. Angestellte in einem Supermarkt

Der Arbeitsalltag für M. ist stressig in diesen Tagen. "Wir machen alle Überstunden, bestimmt zehn in der Woche." Drei Mal die Woche kommt frische Ware, die eingeräumt werden muss. "Manche Kunden reißen uns die Nudeln und Konserven direkt aus den Händen oder vom Wagen. Die sind einfach nur egoistisch." Anja M. ist genervt. Neulich stand jemand auf dem Balkon gegenüber und hat den Laster fotografiert, der auf den Parkplatz rolllte. "Zehn Minuten später war der Laden voll", erzählt M. Verkehrte Welt.

Anja M. liebt ihren Job. "Ich möchte mit Menschen arbeiten", sagt sie. "Im Moment macht das aber keinen Spaß."

Wenigstens ab und zu gibt es aber doch mal einen Hoffnungsschimmer: Neulich hat ein Kunde einen Korb Pralinen für die Kassiererinnen vorbeigebracht, dazu eine Flasche Sekt. Für die Zeit danach. Zum Dank für all das, was die Kassiererinnen in der Corona-Krise auf sich nehmen. M. sagt: "Wir sind ein super Team. Wenn es einem von uns schlecht geht, bauen wir gegenseitig auf", erzählt M. In dem Supermarkt, in dem die 54-Jährige arbeitet, gibt es seit kurzem eine neue Regel: Jeder Kunde darf nur drei Packungen Nudeln, eine Packung Küchenrolle und eine Packung Toilettenpapier mitnehmen.

Kontrollieren müssen das Angestellte wie Anja M.

Petra S.: "Der Körper hat nicht mehr mitgemacht"

Ihren Humor hat Petra S.* längst nicht verloren. Dabei hätte sie in der Corona-Krise durchaus Grund dazu. Seit einigen Tagen ist die 58-Jährige krankgeschrieben. "Der Körper hat nicht mehr mitgemacht", erzählt S. am Telefon. Zuvor hatte sie in einem Supermarkt in der Nähe von Magdeburg im Akkord neue Ware eingeräumt. Tag für Tag. Stunde für Stunde. Ihre Aufgabe in dem Markt ist eigentlich eine andere – soll zum Schutz von S. hier aber unerwähnt bleiben.

Wenn S. von den letzten Arbeitstagen vor ihrer Krankschreibung erzählt, hört man ihr die Verwunderung über das Verhalten vieler Kunden an. "Wir haben einen Umsatz gemacht wie sonst nur vor Weihnachten", erzählt sie. Das sei zwar schön für den Laden – wirkliches Verständnis für den Kaufrausch der Menschen hat S. aber nicht. "Das ist verrückt", sagt die Angestellte. Der große Renner unter den Kunden seien zuletzt Kartoffeln und Zwiebeln gewesen. Produkte also, die lange haltbar sind. "An einem Tag habe ich vier Mal Kartoffelsäcke nachgefüllt", erzählt S.

Falls wirklich etwas ganz Schlimmes auf uns zukommt und wir kurz vorm Weltuntergang stehen, dann trampeln die Leute einander im Supermarkt zu Tode.

Petra S. Angestellte in einem Supermarkt

Und das Klopapier? S. beginnt, laut zu lachen. "Wir haben jeden Tag eine Palette bekommen. Vormittags zwischen 10 und 11 war schon wieder alles ausverkauft." Wer zuletzt nachmittags im Supermarkt von S. einkaufen gegangen ist, hatte beim Toilettenpapier schlechte Karten.

Der Umsatz mit Klopapier stieg um 700 Prozent
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

S. und ihre Kollegen sind am Limit. Die 58-Jährige findet es deshalb richtig, dass auch ihr Markt vorigen Sonntag geschlossen blieb – obwohl er eigentlich hätte öffnen dürfen. "Das wäre zu viel für die Mitarbeiter", sagt S. Dass Kassiererinnen in vielen Supermärkten – bis vor kurzem auch in ihrem eigenen – ohne Schutzwand aus Plexiglas arbeiten mussten, findet S. dagegen unverantwortlich. "Sie sind die ersten, die Gefahr auf sich nehmen", sagt die 58-Jährige.

*Namen von der Redaktion geändert.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

Quelle: MDR/ld

41 Kommentare

Erichs Rache vor 26 Wochen

@ElBuffo

Sie vergessen den Umstand, das die Volksgruppe der Geronten das Stammwählerschaft von CDU und SPD stellt. Man könnte daher der Ansicht sein, die getroffenen politischen Entscheidungen zielen darauf ab, diese Volksgruppe nicht unnötig zu verunsichern.

ElBuffo vor 26 Wochen

Die Unvernunft ging aber vor allem von der Risikogruppe aus. Die Rentner saßen hier scharenweise in den Cafés bzw. davor und in den Parks. Jetzt erklär mir mal einer, warum die anderen, die zudem den ganzen Quatsch auch noch bezahlen und gleich noch Einkommensverluste hinnehmen sollen, dann zu Hause bleiben sollen. Wäre doch irgendwie logischer und auch kostengünstiger, die Risikogruppe bleibt zu Hause.
Aber das wird wohl in unserer Gerontokratie noch ein bißchen dauern. Ich denke mal solange bis eine ausreichend großer Anteil der Risikogruppe sich die Radieschen von unten ansieht.

Magdeburger Jung vor 26 Wochen

Warum legt man in unseren Supermärkten nicht den Preis fest? 1Packung kostet 2,50€, die zweite dann 25€!!!!! Und schon erledigt sich der Hamsterkauf!!!! Und jeder bekommt was an! Diese Gesellschaft ist zum kotzen geworden! Nur noch Egoisten!

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