Sozialwissenschaftler David Begrich im Interview Wie man Verschwörungstheorien zum Coronavirus enttarnt

In Krisenzeiten haben Verschwörungstheoretiker Hochkonjunktur. In vielen WhatsApp-Gruppen gehen seit spätestens vergangener Woche zahlreiche Falschmeldungen oder bewusst gestreute Verschwörungstheorien umher. Der Sozialwissenschaftler David Begrich erklärt im Interview, warum – und gibt Tipps, wie man solche falschen Behauptungen entlarvt.

Luca Deutschländer
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von Luca Deutschländer, MDR SACHSEN-ANHALT

Schriftzug Fake News auf einer Computertastatur
In Zeiten der Ausbreitung des Coronavirus verbreiten sich Fake News und Verschwörungstheorien rasend schnell. (Symbolbild) Bildrechte: imago/Christian Ohde

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Begrich, gefühlt hat die Zahl der Verschwörungstheorien über das Coronavirus in den vergangenen Tagen zugenommen. Können Sie das bestätigen?

David Begrich: Ja. Wir beobachten seit Beginn der Berichterstattung über diese Krise eine Zunahme von Verschwörungstheorien oder Dingen, die behauptet werden und sich nicht verifizieren lassen.

Diese Verschwörungstheorien drehen sich im Wesentlichen um drei unterschiedliche Themenkreise. Der erste Themenkreis behandelt die Frage, wo dieses Virus herkommt. Da gibt es beispielsweise Verschwörungstheorien, die in die Richtung des Antisemitismus gehen. Dort wird behauptet, dass jüdische Kreise dafür verantwortlich sind, die ein Interesse daran hätten, die Weltwirtschaft lahmzulegen. Der andere Strang versucht, ostasiatische bzw. asiatische Länder verantwortlich zu machen. Da ist dann beispielsweise von einem angeblichen Waffenlabor in China die Rede. Der dritte wesentliche Strang hat eine eher rassistische Konnotation. Dort wird behauptet, es gehe darum, die Deutschen auszurotten. 

Wir beobachten seit Beginn der Berichterstattung über diese Krise eine Zunahme von Verschwörungstheorien.

Das sind aber nicht die einzigen Verschwörungstheorien, die kursieren.

Richtig. Der andere Strang, den wir beobachten, hat viel mit dem Agieren der öffentlich-rechtlichen Medien zu tun. Verschwörungstheoretiker verbreiten die Behauptung, dass in der Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien gezielte Lügen verbreitet würden, um die Bevölkerung von anderen Dingen abzulenken. Das ist die sogenannte Agententheorie. Die Argumentation ist, es gebe eine Überthematisierung der Berichterstattung zum Coronavirus, um von eigentlichen politischen Plänen abzulenken.

Der dritte Faktor dreht sich um die sogenannte alternativmedizinische Berichterstattung. Dort wird behauptet, es gebe ganz einfache Heilmittel gegen das Coronavirus – die aber von der Lobby der Pharmaindustrie unter dem Teppich gehalten würden. Da ist die Rede davon, dass es helfe, Salzwasser zu gurgeln oder heiße Bäder zu nehmen. All diese Verschwörungstheorien variieren aber sehr stark.

Wer verbreitet solche Verschwörungstheorien? Lässt sich das politisch eingrenzen?

Man kann das aktuell sehr schwer eingrenzen. Natürlich gibt es politische Akteure, die die genannten drei Aspekte verknüpft sehen wollen mit ihrer programmatischen Agenda. Wir stellen aber fest, dass die meisten dieser Verschwörungstheorien verbreitet werden, um Angst, Unsicherheit und eine Erosion des Vertrauens in das Handeln staatlicher Akteure zu schüren. Das steht im Vordergrund – vor allem wenn behauptet wird, dass wir nicht die ganze Wahrheit erfahren.

Zur Person: Das ist David Begrich

David Begrich Sozialwissenschaftler
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David Begrich ist Theologe und Sozialwissenschaftler. Seit vielen Jahren arbeitet er für den Verein Miteinander. Als solcher beschäftigt er sich intensiv mit Rechtsextremismus, seiner Verbreitung und Gegenstrategien. Bei Miteinander e.V. arbeitet Begrich in der Arbeitsstelle Rechtsextremismus.

Trotzdem bleibt die Frage: Warum verbreiten Menschen so etwas?

Wir dürfen nicht vergessen, dass das besonders gut vor einem bestimmten kulturgeschichtlichen Hintergrund funktioniert. Wir haben es in Ostdeutschland mit mindestens anderthalb Generationen zu tun, die Erfahrung haben, was es bedeutet, in einem Staat zu leben, der – kurz gesagt – als Diktatur agiert. Wenn in der DDR gesagt wurde, dass die Versorgungslage sicher sei, wusste jeder DDR-Bürger, dass sie nicht sicher war.

Genau diese Erfahrung müsste meiner Ansicht nach in der Berichterstattung in ostdeutschen Bundesländern in der strategischen Kommunikation mitgedacht werden.

Die Lage im Moment verändert sich ständig. Macht es das für Verschwörungstheoretiker leichter?

Ein Teil von Verschwörungstheorien ist immer, dass sie einen offenkundig wahren Kern haben. Das heißt: Es wird eine auf Fakten basierende und für die Menschen nachvollziehbar zu beobachtende Evidenz genommen.

Um diese Evidenz herum wird die Verschwörungstheorie gebaut. Das kann also bedeuten, dass eine Teilinformation durchaus zutreffend ist – aber drumherum gruppierte Informationen falsch sind. Deshalb braucht es in der Kommunikation von Inhalten dringend eine Genauigkeit, die mit diesem Umstand umzugehen weiß.

In vielen WhatsApp-Gruppen kursieren derzeit Falschmeldungen. Wie schützen Menschen sich davor, am Ende darauf hereinzufallen?

Im Grunde genommen kann ich da nur auf das Zwei-Quellen-Prinzip verweisen. Ich kann ohne Probleme in einer WhatsApp-Gruppe die offene Frage stellen: Woher kommt diese Info, was ist ihre Quelle? Diese Quelle versuche ich dann nachzuvollziehen: Ich schaue, ob es eine zweite oder dritte Quelle für bestimmte Informationen gibt.

Ich kann ohne Probleme in einer WhatsApp-Gruppe die offene Frage stellen: Woher kommt diese Info, was ist ihre Quelle?

Ganz oft werden Informationen mit diesem Hinweis beglaubigt oder authentifiziert: "Das habe von einem Bekannten, der einen Freund hat, der im Gesundheitsministerium arbeitet." Das ist keine authentifizierte Quelle. Ich sollte immer rückfragen oder im Zweifel selbst recherchieren: Wo gibt es Informationen, mit denen sich eine Aussage verifizieren oder im Zweifel falsifizieren lässt.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 14. März 2020 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. März 2020, 10:41 Uhr

6 Kommentare

Erichs Rache vor 2 Wochen

@Anhaltiner

Klar. Und wenn diese "Experten" auch noch "Theologe und Sozialwissenschaftler" sind, dann kann man nur glauben, das man lieber nix glaubt!
Glaubenbekenntnisse ersetzen KEINE Fakten.

faultier vor 2 Wochen

China und USA sind da ja gerade mit Vorwürfen gegeneinander unterwegs das wird hier zwar nicht erwähnt sollte aber mal gesagt werden ,ich glaube da nicht dran aber anscheinend braucht es Sündenböcke da versuchen einige noch Kaptal daraus zu schlagen ,aber vielleicht waren es auch die Klopapierhersteller.

Normalo vor 2 Wochen

Im Mittelalter sollten Gebeine der Heiligen gegen allerlei Gebrechen und Seuchen helfen, jetzt sind es Knoblauch und Zwiebel. Man kann sich kaum vorstellen, dass irgendjemand diesen Unsinn glaubt.
Aber es wird Ja auch Klopapier gehortet. Niemand konnte für dieses Phänomen bisher eine rationale Begründung nennen.

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