Erfahrungsbericht Zum Corona-Test ins Fieberzentrum: Momente voller Ratlosigkeit

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Dieses Virus ist auch für die Verwaltungen eine Zumutung, denn so manche Routinen sind außer Kraft gesetzt. Was die Politik auf dem Verordnungsweg beschließt, muss vor Ort umgesetzt werden. So manche Anweisung erweist sich in der Praxis als eher untauglich. MDR SACHSEN-ANHALT-Autor Uli Wittstock hat jedenfalls mit Quarantäne-Anordnungen und Testergebnissen gekämpft. Hier erzählt er davon.

Corona-Test
Einmal zum Corona-Test, bitte: MDR-Autor Uli Wittstock musste sich testen lassen. Was folgte, war abenteuerlich. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Der Urlaub in Frankreich war lange geplant, doch in diesem Jahr spielte bei den Vorbereitungen weniger der Blick auf das Wetter eine Rolle, als vielmehr der Blick auf die Infektionsraten. Die Dordogne war das Ziel, ein interessanter Fluss unterhalb von Bordeaux, in einer ländlichen Gegend. Da aber bislang überwiegend in den Großstädten die Fallzahlen anstiegen, hielt die Magdeburger Paddelgruppe, mit der ich unterwegs war, das Risiko für abschätzbar. Zumal auf dem Fluss und in der Unterkunft das Ansteckungsrisiko vertretbar erschien.

Das ging auch fünf Tage gut, bis am sechsten Tag das Robert Koch-Institut (RKI) im fernen Berlin die Region Nouvelle-Aquitaine zum Risikogebiet erklärte. Vor Ort sorgte das bei den Franzosen für einiges Erstaunen, denn die französische Regierung hatte bislang nur den Großraum Bordeaux als gefährlich eingestuft. Der Widerspruch klärte sich jedoch rasch: Während in Paris kleinteiliger nach einzelnen Landkreisen unterschieden wird, legt das RKI bei seinen Entscheidungen die einzelnen Regionen zu Grunde.

Erstkontakt zum Gesundheitsamt

Über solche unterschiedlichen Vorgaben kann man sicherlich einen engagierten Disput führen, aber wenn schon die deutschen Bundesländer keine einheitliche Linie finden, so wundert es nicht, dass es dann auch auf der EU-Ebene nicht klappt. Also entschloss ich mich, etwas früher als gedacht nach Sachsen-Anhalt zurückzukehren. Und um meiner staatsbürgerlichen Verantwortung gerecht zu werden, informierte ich das Magdeburger Gesundheitsamt. Wer möchte schon als Superspreader zu einem Lokalereignis werden?

Zu meiner großen Überraschung gestaltete sich der Erstkontakt unkompliziert. Schon beim ersten Klingeln meldete sich jemand am anderen Ende der Leitung. Das sollte sich an den nächsten Tagen so fortsetzen, denn im Folgenden würde ich mehrfach mit dem Amt zu tun haben. Das aber wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Mit der Absicht, die Angelegenheit im Fieberzentrum möglichst schnell hinter mich zu bringen, gab ich meine persönlichen Daten durch, die das Gesundheitsamt weiterzugeben versicherte.

Schlange vor dem Fieberzentrum

"Sonnabends von zehn bis sechzehn Uhr" hatte die Frau am Telefon gesagt und so stand ich am Sonnabend zehn vor zehn am städtischen Fieberzentrum in Magdeburg. Das befindet sich auf einem Hinterhof in der Brandenburger Straße und die letzten hundert Meter erinnern an einen Straßenwahlkampf im Endspurt: Keine Laterne ohne Hinweisschild, an jenem frisch asphaltierten Weg, der sich, an Bauzäunen vorbei, in den Hinterhof schlängelt. Ein aufwändiges Provisorium, das die Stadtverwaltung da vorhält. Allerdings Reiserückkehrer waren wohl die wenigsten, die da, den Mindestabstand wahrend, vor der Tür warteten.

Schild, das auf ein Fieberzentrum in Magdeburg hinweist
Gut beschildert: Der Weg zur Fieberambulanz in der Brandenburger Straße in Magdeburg ist übersät von Hinweisschildern. (Archivfoto) Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Familien mit Kleinkindern, die aus fiebrigen Augen matt in den Morgen starrten, Schülerinnen und Schüler aus ganz unterschiedlichen Klassenstufen, mal allein, mal in Begleitung und mit einem gelegentlichen Winken nach vorn oder hinten, wenn ein Mitbetroffener gesichtet wurde. Ansonsten ein schweigsamer Ort, nicht einmal Handys klingelten.

Der Einlass

Pünktlich um zehn öffnete die Fieberambulanz. Als Türsteher fungierte ein weiß Vermummter, an jene Gestalten aus Fernsehkrimis erinnernd, wenn am Tatort wieder mal genetische Spuren gesichert werden. Der Mann in Weiß winkte also die erste Person herein und dann passierte minutenlang nichts. Die Szenerie wirkte nun noch unwirklicher und ich fühlte mich an so manches B-Movie erinnert, in denen Menschen von fremden Mächten entführt werden, um sie für Experimente zu missbrauchen. Dennoch rückte allmählich die Schlange auf, bis mir schließlich Einlass gewährt wurde.

Der Stimme nach zu urteilen, war der Mann im Schutzanzug noch ziemlich jung und offenbar gewöhnt, unter den Einschränkungen von Maske und Vollschutz ein vernünftiges Gespräch zu führen. Schnell stellte sich heraus, dass meine Daten vom Gesundheitsamt sich hier als wertlos erwiesen. Man setze auf ein eigenes System, das bislang noch nicht versagt habe, so wurde mir versichert. Der erneute Aufwand hielt sich jedoch in Grenzen. Zwei Zettel galt es auszufüllen, mit Angaben wie etwa bei jeder Hotelanmeldung. Und anders als selbst bei den harmlosesten Halstabletten gab es diesmal kein Papier, mit dem vor möglichen Risiken oder Nebenwirkungen gewarnt wurde.

Der Abstrich

Ein altes Gebäude, davor stehen mobile Toiletten.
Hat schon bessere Tage gesehen: die Fieberambulanz in der Brandenburger Straße in Magdeburg (Archivfoto) Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Die Fieberambulanz ist eine alte Turnhalle, die sicherlich schon mal bessere Tage gesehen hat. Und obwohl an jenem Tag rund zwanzig Menschen warteten, war es überraschend still. An so einem Ort hüstelt niemand, geschweige denn man nieste, angesichts der gestrengen Vollschutz-Virenschützer. Die verteilten jedoch nicht nur Zettel, sondern agierten zudem an Bildschirmen in einer dunklen Ecke und waren offenbar damit beschäftigt, die Angaben der Zettel in jenes eigene System zu übertragen.

So blieb mir Zeit, die ausgesucht funktionale Ästhetik des Raumes zu bewundern.

Die "Behandlungsräume" verbergen sich hinter einer quadratischen Lattenkonstruktion, mit schwarzer Folie bespannt, echter Bauhaus-Stil, nur ohne Stahl und Beton. Wer hinter diesen Folien verschwand, kehrte nach wenigen Minuten wieder und die Mienen der Davoneilenden ließen keine Rückschlüsse auf das eben Geschehene zu. Nach gut zehn Minuten wurde mein Name aufgerufen. Hinter dem Foliengatter empfingen mich drei Menschen, diesmal in blauen Schutzanzügen. "Machen Sie mal laut Ah", so die Anweisung, dann folgte ein Holzspatel, mit dem einer der Vermummten in meinem Mund herumfuhrwerkte, als müsse man die Viren erst aufscheuchen. Dann folgte der Tupfer. "Nehmen Sie Blutverdünner?", so die nächste Frage und als ich verneinte zischte der Tupfer in die Nase – so tief, dass ich dachte, mein Hirn solle punktiert werden. Das Wort Abstrich hat also einige Variationen, die man nur unschön nennen kann.

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Bildrechte: dpa, imago images/Waldmüller

Rätselhaftes Ergebnis

Der folgende Tag war ein Sonntag und dennoch konnte ich am späten Mittag das Testergebnis im Internet abrufen. Mir wurde bescheinigt, vom Virus unbefallen zu sein, und diese Mitteilung leitete ich verabredungsgemäß per Mail an das Gesundheitsamt weiter. Das meldete sich am Montagnachmittag mit der überraschenden Meldung:

Leider lässt sich das Laborergebnis nicht einwandfrei zuordnen. Bitte mailen Sie uns das Schreiben von der Fieberambulanz mit dem Barcode und Ihrem Namen / Ihren Namen zu. Erst dann kann eine Zuordnung erfolgen.

Mitteilung des Gesundheitsamtes an unseren Autoren

Das wunderte mich, denn genau diese Mitteilung hatte ich dem Gesundheitsamt tags zuvor elektronisch überstellt. Erfahrungsgemäß sind solche Probleme am besten telefonisch zu lösen.

Ratlosigkeit

Immerhin musste ich das Problem nur zweimal am Telefon erläutern, bis ich zu jemandem verbunden wurde, der sich als zuständig bezeichnete. Dem Amt lägen die von mir gesendeten Unterlagen nicht vor. Als ich dann vorschlug, die Mail einfach noch einmal zu versenden, hatte man sie dann plötzlich doch gefunden. Sie sei in einem falschen Ordner gelandet, man werde sich zeitnah melden. Das geschah dann auch, etwa zwanzig Minuten später. Diesmal mit der überraschenden Mitteilung:

Nach unserem Kenntnisstand haben Sie sich innerhalb der letzten 14 Tage vor Einreise in die Bundesrepublik Deutschland in einem Risikogebiet aufgehalten. Das Gesundheitsamt der Landeshauptstadt Magdeburg ordnet gemäß § 30 Abs. 1, Satz 2, 2. Alt. IfSG und § 29 Abs. 1 und 2 IfSG i.V.m. § 28 Abs. 1 IfSG Ihre häusliche Isolierung an. Sie werden demzufolge für 14 Tage nach Ihrer Einreise in die Bundesrepublik Deutschland unter Quarantäne gestellt (11.09.2020-24.09.2020).

Mitteilung des Gesundheitsamtes an unseren Autoren

Um genau dies zu umgehen, hatte ich mich ja zwei Tage zuvor in der Fieberambulanz der Stadt testen lassen. Ich griff also erneut zum Hörer und inzwischen dauerte es mehr als zwei Minuten, dem mitfühlenden Menschen der Hotline das Problem zu erläutern und nein, auch diesmal habe der Sachbearbeiter keine direkte Rückrufnummer mitgeteilt. Nach einigem Hin und Her war der aber schließlich doch gefunden und ein zutiefst betrübter Mitarbeiter teilte mir mit, im Gesundheitsamt könne man das Testergebnis nicht verifizieren. Wie das zustande komme, wisse er nicht. Wie oft es so einen Fall schon mal gegeben habe, könne er ebenfalls nicht sagen. Und wie das Problem zu lösen wäre, entziehe sich ebenfalls seiner Kenntnis. Für einen kurzen Moment befiel uns beide Ratlosigkeit.

Happy End

Am Telefon muss ich wohl niedergeschlagen gewirkt haben, sodass der Mitarbeiter dann doch noch einen letzten Versuch startete, mit einem Live-Hack des Systems via Telefon. Ich möge ihm doch die Barcodenummer des Tests durchsagen. Er gab die Ziffern in die behördliche Suchmaske ein und las dann laut vor: "Kein Ergebnis". Ich wiederholte die Prozedur am heimischen Computer und dort stand zu lesen "Kein Erreger".

Wäre ich jetzt Captain James Kirk auf der Brücke des Raumschiffs Enterprise, würde ich wohl von einer Anomalie sprechen, aber ich hatte es nicht mit einem Spiralnebel, sondern mit dem Gesundheitsamt zu tun. Ich wollte schon entnervt aufgeben, als der Mitarbeiter, einer plötzlichen Eingebung folgend, nach dem Testdatum fragte. Und siehe da, mit dieser Ziffer in irgendeiner Maske des Systems wurde aus "kein Ergebnis" wie durch Zauberhand "kein Erreger".

Nach zehn Minuten schickte das Amt eine erneute Mitteilung:

Vielen Dank für die vollständige Übersendung der geforderten Unterlagen. Die Quarantäne wird mit sofortiger Wirkung aufgehoben. Entwickeln Sie in den nächsten Tagen Krankheitssymptome, weise ich Sie darauf hin, dass Sie sich unverzüglich mit dem Gesundheitsamt Magdeburg in Verbindung zu setzen haben. Bleiben Sie gesund!

Mitteilung des Gesundheitsamtes an unseren Autoren

Besonders letzteres werde ich mir zu Herzen nehmen. Nicht auszudenken, was in unseren Verwaltungen passiert, wenn das Virus in unserem Bundesland tatsächlich pandemisch werden sollte.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

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Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 18. September 2020 | 11:10 Uhr

1 Kommentar

Uwe B vor 5 Wochen

Wirklich sehr witzig! Ich werfe den Leuten ja gern so manches vor, aber die, die das IfSG beschlossen haben, sind nicht daran schuld, dass in Stadtverwaltungen digitale Analphabeten arbeiten. Nein, das sind die guten alten Seilschaften, die alles Sachsen-Anhalt bestimmen.

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