Digitaler Fortschritt adé? Warum Hochschulen wieder zur Normalität sollen (und nicht alle wollen)

Luca Deutschländer
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Abstand halten – und dort eine Maske tragen, wo das nicht möglich ist: An den Hochschulen und Unis in Sachsen-Anhalt soll zu Beginn des neuen Semesters wieder überwiegend vor Ort gelehrt und gelernt werden. Pläne des Wissenschaftsministeriums stoßen aber nicht überall auf Gegenliebe. Mancher fürchtet um den eben erst erreichten digitalen Fortschritt.

Leerer Hörsaal einer Universität.
So leer wie auf diesem Symbolbild werden die Hörsäle im kommenden Wintersemester in Sachsen-Anhalt nicht mehr sein. Dass wieder überwiegend vor Ort gelehrt werden soll, gefällt allerdings nicht jedem. Bildrechte: dpa

An den Hochschulen und Universitäten in Sachsen-Anhalt soll zum Start in das Wintersemester wieder überwiegend im Hörsaal gelehrt werden. Darauf hat das Wissenschaftsministerium die Hochschulen vorbereitet – noch bevor am Dienstag die neue Verordnung des Landes zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie beschlossen werden und die Details regeln soll.

Nach Ankündigung des Ministeriums soll der Betrieb an den Hochschulen und Unis ähnlich laufen wie an den Schulen. Sprich: Wo kein Abstand eingehalten werden kann, müssen Masken getragen werden. Wo Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen gar nicht eingehalten werden können, sollen Vorlesungen und Seminare digital gehalten werden. So oder so müssen die Hochschulen eigene Hygienekonzepte vorweisen.

Endgültig muss all das noch in einem Erlass des Ministeriums geregelt werden. Er soll auf der neuen Eindämmungsverordnung fußen und noch in dieser Woche herausgebracht werden. Ein Sprecher des Ministeriums sagte MDR SACHSEN-ANHALT am Montag, man wolle vor allem Erstsemestern den Start ins Studium leichter gestalten. Das funktioniere vor Ort besser als digital.

Regeln für das Wintersemester: Das plant das Ministerium

Studenten lernen auf der Parkbank
Auch für Studenten gilt: Abstand halten. (Symbolbild) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"So viel Präsenzlehre wie möglich – so viel Digitallehre wie nötig": Geht es nach dem zuständigen Wissenschaftsministerium, ist das im anstehenden Semester der Leitspruch für die Universitäten und Hochschulen in Sachsen-Anhalt. Voraussetzung für die Pläne ist nach einem Entwurf des Ministeriums, der an die Hochschulen ging und MDR SACHSEN-ANHALT vorliegt, dass das Infektionsgeschehen "handhabbar" bleibt.

Erhöhte Sorgen, wonach aus ganz Deutschland angereiste Studentinnen und Studenten das Virus in Sachsen-Anhalt verbreiten könnten, macht sich das Ministerium dabei nach eigenen Angaben nicht. Studierende könnten sich wie alle anderen auch in unterschiedlichen Zusammenhängen infizieren, heißt es – etwa auf Partys. Das lasse sich jedoch nicht steuern. Wichtig sei, durch Hygienekonzepte sicherzustellen, dass es im Hochschulbetrieb selbst keine Ansteckungen gibt.

Sorge um gerade erst erreichten digitalen Fortschritt

Doch es gibt Kritik an den Plänen. Das zeigt ein Blick an die Hochschule Magdeburg-Stendal. Auch dort war die Lehre im Frühjahr wegen der Pandemie komplett auf digital gestellt worden – ein Kraftakt, wie von denen zu hören ist, die die digitale Lehre konzipiert haben. Dass im anstehenden Wintersemester nun wieder überwiegend vor Ort gelehrt werden soll, hält so mancher angesichts örtlich steigender Infektionszahlen mit dem Virus für verantwortungslos. Entsprechende Kritik haben Professoren nach Informationen von MDR SACHSEN-ANHALT nun auch schriftlich bei der Rektorin der Hochschule, Anne Lequy, eingereicht.

Prof. Dr. Anne Lequy, Hochschule MD
Rektorin Anne Lequy sieht ihre Hochschule gut für das Wintersemester aufgestellt. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Janine Wohlfahrt

Von einzelnen Beschäftigten der Hochschule ist zudem zu hören, dass die Worte der Rektorin, ihr schwebe "das Bild eines belebten Campus" vor, nicht gut ankamen. Zu unklar sei die Lage – vor allem, wenn zum Start des Semesters Studentinnen und Studenten aus ganz Deutschland nach Magdeburg kämen. Skeptiker sind der Auffassung, man könne die Hochschulen und Unis nicht behandeln wie Schulen – das, so die Kritik, berücksichtige nicht die Besonderheiten der Studentenschaft, die aus allen Teilen Deutschlands komme und sehr heterogen zusammengesetzt sei.

Rektorin Lequy teilte MDR SACHSEN-ANHALT am Montagabend mit, niemand könne eine Verbreitung des Coronavirus ausschließen. Die Hochschule tue aber ihr Bestes, das zu verhindern. Die Hochschule definiere sich aber stark über praxisnahe Lehre. Forschung und Lehre fänden in Kleingruppen statt.

Ein Wasserbauexperiment ist in der heimischen Badewanne eben nur schwer möglich.

Anne Lequy Rektorin der Hochschule Magdeburg-Stendal

Eine interne Befragung unter Studierenden und Beschäftigten zeige, dass auch sie sich einen belebten Campus wünschten, vor allem aber "Austausch und Interaktion" im kommenden Semester.

Wer nicht kann, darf sich digital zuschalten

Dazu kommt: An der Hochschule hat so mancher offenbar den Eindruck, im Wintersemester werde das in den vergangenen Monaten Erreichte zurückgedreht. Die Leitung der Hochschule mit Standorten in Magdeburg und Stendal hatte allerdings schon in der vergangenen Woche betont, Online- und Präsenzlehre kombinieren zu wollen. Sogenannte Hybrid-Veranstaltungen müssen auch nach Einschätzung des Ministeriums das Ziel sein. "Damit", so ein Sprecher von Wissenschaftsminister Armin Willingmann (SPD), "soll sichergestellt werden, dass zum Beispiel Studierende aus dem Ausland bzw. jene ohne Teilnahmemöglichkeit ebenfalls den Veranstaltungen folgen können."

Dass das Ministerium ab Oktober überhaupt in weiten Teilen auf Präsenzlehre setzt, hat indes auch mit den Erfahrungen der vergangenen Monate zu tun. Digitale Lehre biete zwar viele Möglichkeiten und Chancen, heißt es aus dem Ministerium. Auf die Dauer lebten Forschung und Lehre aber nur vom unmittelbaren persönlichen Austausch. Auch den Kritikern an der Hochschule Magdeburg-Stendal ist bewusst, dass der Betrieb einer Fachhochschule wesentlich vom persönlichen Gespräch vor Ort abhängt. Ihnen geht es vielmehr darum, dass an der Hochschule selbst entschieden wird, wie im anstehenden Semester mit der Pandemie umgegangen wird – nicht anhand "strikter Bestimmungen" aus dem Ministerium.

Wie andere Hochschulen und Unis das Semester planen

Die Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg will zum Start des Semesters Ende Oktober Extra-Räume anmieten. Das berichtete am Montag die "Volksstimme". Rektor Jens Strackeljahn sagte der Zeitung, die Uni rechne wegen der Krise mit etwa einem Viertel weniger Erstsemester. An der Hochschule Magdeburg-Stendal trifft beides nicht zu: Wie Rektorin Anne Lequy MDR SACHSEN-ANHALT sagte, ist die Zahl der Bewerber im Vergleich zum Vorjahr sogar leicht gestiegen. Auch müssten keine zusätzliche Räume angemietet werden. Die bestehenden Seminarräume und Hörsäle seien während der vorlesungsfreien Zeit auf Lernen unter Corona-Bedingungen vorbereitet worden.

Zusätzliche Räume will laut "Volksstimme" dagegen auch die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg anmieten – darunter die Händel-Halle. Rektor Christian Tietje sagte der Zeitung, Priorität bei der Lehre vor Ort hätten die Erstsemester. An der Hochschule Harz soll die Lehre, ebenso wie in Magdeburg, Präsenz- und Digitalphasen verbinden.

Das Wissenschaftsministerium selbst dagegen sieht angesichts der aktuellen Lage der Pandemie keinen erhöhten Grund zur Sorge. "Wenn Hygienestandards eingehalten werden können", so ein Sprecher der Behörde, "spricht nichts gegen Präsenzveranstaltungen".

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

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Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 15. September 2020 | 05:30 Uhr

1 Kommentar

Denkschnecke vor 5 Wochen

Die Pandemie war für uns an den Hochschulen tatsächlich ein ziemlicher Tritt in den Allerwertesten, digitale Lehre zu realisieren, die wir sonst nicht ausprobiert hätten. Beim Ausprobieren zeigt sich aber auch: Nicht alles hat geklappt. Einiges funktioniert erstaunlich gut (Vorlesungen on Demand), manches konnte in der kurzen Zeit einfach nicht ausreifen, und manches - wie Laborpraktika geht einfach online nur mäßig. Prof. Lequy hat vollkommen recht: "Ein Wasserbauexperiment ist in der heimischen Badewanne eben nur schwer möglich."

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