Markt gesperrt Bernburg: Historischer Schmuckgiebel droht herabzustürzen

Seit 270 Jahren steht das frühere Regierungsgebäude in Bernburgs Talstadt an der Saale. Doch es gibt Mängel bei der Statik: Der tonnenschwere Giebel droht abzustürzen. Die Stadt hat vorsorglich den Markt sperren lassen.

Sperrung Regierungsgebäude Bernburg
Derzeit wird das ehemalige Regierungsgebäude in Bernburg saniert – dabei fielen Statikprobleme am tonnenschweren Giebel auf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Bernburg ist der Alte Markt aus Sicherheitsgründen gesperrt worden. Wie die Polizei MDR SACHSEN-ANHALT bestätigte, droht der tonnenschwere Schmuckgiebel über dem Eingangsportal des einstigen Regierungsgebäudes in der Talstadt herabzustürzen. Das Haus wird zurzeit saniert.

Markt bleibt eine Woche gesperrt

Bernburgs Oberbürgermeister Henry Schütze erklärte MDR SACHSEN-ANHALT, bei Restarbeiten am Fußpunkt des Ziergiebels am Dienstag habe sich herausgestellt, dass dieser nicht mehr standsicher sei. Verankerungen sollen fehlen oder in marodem Zustand sein. "Es handelt sich um einen Giebel, der zehn Meter breit, vier Meter hoch, 40 Tonnen wiegt. Da kann sich jeder ausmalen, wenn der ins Stürzen kommt, dass das große Schäden verursacht", so Schütze.

Dachgiebel des denkmalgeschützten Wohn- und Geschäftshauses aus dem Jahr 1746 in Bernburg
Blick auf den unverhüllten Schmuckgiebel: Zwei Bären mit Fürstenkrone halten zwei Medaillons, einmal mit Wappen, einmal mit den Initialien "VF" des Fürsten Viktor Friedrich von Anhalt-Bernburg. Die Figur der Astraea, der Göttin der Gerechtigkeit, wurde vor den Sanierungsarbeiten bereits abgenommen. Bildrechte: dpa

Der historische Schmuckgiebel soll ab Donnerstag mit dem vorhandenen Baukran Stück für Stück abgetragen werden. Etwa eine Woche wird die Sperrung somit dauern. Für Fußgänger gibt es einen schmalen Weg auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Anwohner dürfen weiter in ihre Häuser.

Bernburg: Oberbürgermeister Henry Schütze
Henry Schütze Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Fußpunkte sind nicht mehr standsicher und wir mussten sofort reagieren. Das Signal kam gestern vom Statiker.

Henry Schütze Oberbürgermeister von Bernburg

Vom Regierungssitz zum Leerstand

Das Haus am Markt 28 wurde 1746 im Auftrag von Fürst Viktor Friedrich von Anhalt-Bernburg als Regierungsgebäude im Barockstil errichtet. Zunächst waren darin Landesregierung sowie eine Bibliothek untergebracht. Nach Änderung der Gerichtsverfassung 1849 zog das fürstliche Stadt- und Landgericht ein. Später wurde das Gebäude zeitweilig von der Post genutzt, ehe es 1885 in Privatbesitz überging. Zu DDR-Zeiten und auch nach der Wende waren unter anderem Ärzte untergebracht. 2015 schließlich wurde das Gebäude von der Stadt in die öffentliche Hand zurückgekauft.

Lateinische Inschrift über einem von zwei Säulen gesäumten Hauseingang
Bildrechte: Jeske/Stadt Bernburg

Viktor Friedrich, der vortreffliche Landesvater, hat in (seiner) vorzüglichen Herrschaft (dieses) Gebäude gegründet und auch den Markt möge gedeihen, jetzt und hier Gerechtigkeit und Eintracht herrschen. Denn dieser Markt (-frieden) sei gezieret von Blüte und prächtigem Nutzen.

Übersetzung der lateinischen Inschrift über dem Eingang

2008 wurde Bernburg in das Programm "Aktive Stadt- und Ortsteilzentren" im Rahmen der Städtebauförderung aufgenommen. Bis einschließlich 2018 wurden dafür Bundeshilfen in Höhe von gut 2,2 Millionen Euro bewilligt. Seit 2016 wird dabei auch das ehemalige Regierungsgebäude am Alten Markt modernisiert. Wegen erheblicher Schäden muss unter anderem das Dach erneuert werden. Daher wurde zuletzt per Gerüst ein Schutzdach über dem Gebäude errichtet, um die alte Konstruktion abzubauen. Der Schmuckgiebel sollte ursprünglich vor Ort saniert werden. Er soll nun Ende des Jahres wieder an seinem alten Platz sitzen.

Das denkmalgeschützte Wohn- und Geschäftshaus aus dem Jahr 1746 in Bernburg
Das alte Regierungsgebäude prägt wesentlich das Bild des Marktes in der Talstadt Bernburgs. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Giebel hielt mehr als 270 Jahre

Zeit seines Bestehens war das Regierungsgebäude auch stummer Zeuge historischer Ereignisse in Bernburg. So geschah am 16. März 1849 vor dem Haus der sogenannte "Bernburger Bürgermord" – das blutigste Revolutionsereignis im Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts, bei dem das Militär in die – nach der Festnahme eines Demokraten – aufgebrachte Menge schoss. Mindestens 12 Menschen starben.

Mitte April 1945 sprengten die Nationalsozialisten nur etwa 100 Meter vom Regierungsgebäude entfernt in mehreren Anläufen – unter anderem – die Marktbrücke (SA-Brücke), was nach historischen Berichten zu erheblichen Schäden an umliegenden Gebäuden führte. Mit der Sprengung sollte der Einmarsch der Amerikaner aufgehalten werden, die jedoch Tage später aus entgegengesetzter Richtung eintrafen.

Markt Bernburg (Thälmannplatz) um 1900
Das ehemalige Regierungsgebäude (5. von rechts) hatte um 1900 noch zwei Balkone und – mit Unterbrechung – 21 Jahre lang die einzige Straßenbahnlinie Bernburgs vor der Tür. Bildrechte: imago/Arkivi

Quelle: MDR/ap
Geschichtliche Beratung: Carl-Heinz Schmidt (Stadtführer)


Literatur:
- Dieter Gerst: Bernburg: 1949 bis 1989. Erfurt. 2013
- Gerd Villwock und Haik Thomas Porada: Das untere Saaletal: Eine landeskundliche Bestandsaufnahme zwischen Halle und Bernburg (Landschaften in Deutschland). Köln. 2016

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 24. Juni 2020 | 08:20 Uhr

1 Kommentar

Haller vor 5 Wochen

Na zum Glück haben wir Fachkräfte importiert.

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