Berittene Polizisten patrouillieren durch Köthen
Polizei überall: In Köthen ist das in diesen Tagen Normalzustand. Bildrechte: MDR/Martin Krause

Einschätzung Köthen hat seine Leichtigkeit verloren

Die kleine Stadt Köthen steht dieser Tage in den bundesweiten Schlagzeilen. Nach dem Tod eines 22-Jährigen sind auch Montagabend wieder Hunderte auf die Straßen gegangen, um zu gedenken.

von Martin Krause, MDR SACHSEN-ANHALT

Berittene Polizisten patrouillieren durch Köthen
Polizei überall: In Köthen ist das in diesen Tagen Normalzustand. Bildrechte: MDR/Martin Krause

Köthen hat seine Leichtigkeit verloren. Ich kenne Köthen als Stadt, in der nicht nur am Rosenmontag ausgelassen und fröhlich gefeiert wird, in diesen Tagen wirkt alles schwermütig und betrübt. Polizeiabsperrungen überall, Streifenwagen an nahezu allen Straßen in der Innenstadt, Hunderte Beamte in voller Montur, Hubschrauber in der Luft und Wasserwerfer und Reiterstaffeln auf dem historischen Kopfsteinpflaster. In Köthen ist in diesen Tagen nichts mehr, wie es mal war. Damit haben vor allem die 26.000 Köthener zu kämpfen.

Zwei junge Frauen sitzen an der Jakobskirche, blicken nervös auf den Marktplatz. Natürlich sind die beiden betroffen vom Tod des 22-Jährigen. Dass die tragischen Geschehnisse nun aber so von politischen Parteien und Gruppierungen ausgenutzt werden, finden die Zwei einfach nur traurig, entsetzlich und schlimm. Die Frauen wirken ratlos, verängstigt, verunsichert.

Es ist diese Unsicherheit, die diese Stadt lähmt.

Niemand weiß, was noch kommt, ob jemals alles wieder so wird, wie es war in der Stadt. Die Stadt, in der Johann Sebastian Bach komponierte und Homöopathe Samuel Hahnemann wirkte. Die Stadt mit dem wundervollen Schloss, mit der internationalen Hochschule Anhalt und dem einzigartigen Naumann-Museum. Über all das spricht derzeit niemand.

Gesprochen wird über die Auseinandersetzung. Zwei Afghanen und ein junger Köthener. Der 22-Jährige stirbt. Trauer und Betroffenheit auf der einen Seite, auf der anderen aber auch Wut und Hass. Köthen ist gespalten. Dieser Riss lähmt. Das war auch am Montagabend auf den Demos zu spüren. Die einen setzen weiter auf ein friedliches Miteinander zwischen Deutschen und Flüchtlingen. Die anderen nicht. Die Situation ist festgefahren. Die Stimmung in der Stadt ist trotz sommerlicher Temperaturen herbstlich kühl. Für mich hat Köthen irgendwie seine Leichtigkeit verloren.

Nach Tod eines 22-Jährigen Eindrücke vom Montagabend in Köthen

Nach dem Tod eines 22-Jährigen kam Köthen am Montag nicht zur Ruhe. Mehrere hundert Menschen waren der AfD zu einer Kundgebung gefolgt. Zuvor hatte es ein Friedensgebet in der Kirche gegeben.

Polizeiwagen an der St. Jakobikirche in Köthen
Etwa 500 Menschen haben am Montagabend erneut in Köthen demonstriert, sie liefen vom Marktplatz bis zum Spielplatz, wo Markus B. zu Tode gekommen war. Alles blieb hierbei ruhig. Aufgerufen dazu hatte die AfD. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Polizeiwagen an der St. Jakobikirche in Köthen
Etwa 500 Menschen haben am Montagabend erneut in Köthen demonstriert, sie liefen vom Marktplatz bis zum Spielplatz, wo Markus B. zu Tode gekommen war. Alles blieb hierbei ruhig. Aufgerufen dazu hatte die AfD. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Daniel Roi, AfD
Am Marktplatz hatte es zunächst eine Kundgebung gegeben: Der AfD-Kreisvorsitzende aus Anhalt-Bitterfeld, Daniel Roi, hat in einer Rede das Obduktionsergebnis angezweifelt und Klarheit von den Ermittlungsbehörden gefordert. Der AfD zufolge sollte es keine politische Veranstaltung werden, doch ganz außen vor blieb die Politik nicht. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Menschen legen am Montagabend in Köthen Blumen für den verstorbenen 22-Jährigen nieder.
Bis zum Spielplatz waren die Demonstranten schweigend durch die Stadt gezogen. Vertreter der AfD legten dort einen Kranz nieder, es wurden Kerzen angezündet. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Bernd Hauschild (SPD), Oberbürgermeister der Stadt Köthen (Anhalt)
Der Oberbürgermeister der Stadt Köthen, Bernd Hauschild, hat zur Besonnenheit aufgerufen. Am Montagabend fand ein Bürgerdialog im Rathaus statt. Daran beteiligten sich Bürger, Stadträte, das Bündnis gegen Rechts und Kirchenvertreter. Etwa 50 Menschen kamen zusammen. Bildrechte: dpa
Demonstranten ziehen durch Köthen
Bei dem Treffen sind zunächst die Ereignisse der vergangenen Tage ausgewertet worden. Es ging dabei auch darum, dass am Sonntag viele auswärtige Anhänger der rechten Szene nach Köthen gekommen seien. Rechte Gruppierungen hatten zu einem sogenannten Trauermarsch durch die Stadt aufgerufen, an dem 2.500 Menschen teilnahmen. Laut Innenminister Stahlknecht waren darunter bis zu 500 Rechte. Bildrechte: MDR/Tom Wunderlich
Ein Menschenzug in der Innenstadt
Beim Bürgerdialog im Köthener Rathaus (Gebäude in der Mitte) war man sich einig, keine eigenen Kundgebungen oder Demonstrationen organisieren zu wollen. "Wachsam zurückhaltend" wolle man bleiben. Die evangelische St. Jakobskirche in Köthen bietet den Bürgern und allen Trauernden täglich ab 17 Uhr mit kleinen Andachten einen Raum, um des Toten zu gedenken. Bei der Kollekte soll Geld für die Familie des toten 22-Jährigen gesammelt werden. Bildrechte: MDR/Martin Krause
Kerzen brennen in der Kirche in Köthen im Andenken an Markus B..
Bereits an diesem Montag gab es um 17 Uhr eine Trauerandacht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Am Montag wurde in der Jakobskirche in Köthen eine Trauerandacht abgehalten.
Die Menschen reihten sich in die Schlange ein, um Kerzen anzuzünden. Zu der Andacht waren auch politische Vertreter gekommen, darunter der Ministerpräsident. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Drei abgebrannte Autos stehen auf einem Parkplatz in Köthen, davor Löschschaum.
Am Montagabend brannten auf dem Parkplatz der Köthener Badewelt außerdem fünf Fahrzeuge. Nach ersten Erkenntnissen der Polizei soll es aber keinen Zusammenhang mit den Demonstrationen geben.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 11.09.2018 | 07:10 Uhr

Quelle: MDR/mh
Bildrechte: MDR/Grit Lichtblau
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Kerzen stehen am Karlsplatz in Köthen, wo ein 22-Jähriger in der Nacht zum 9. September 2018 ums Leben gekommen ist.
Bildrechte: MDR/Martin Paul

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 11. September 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. September 2018, 06:48 Uhr

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37 Kommentare

12.09.2018 23:31 O-Liner (2. V.) 37

Vor allem nehme ich eines ganz stark an: So sicher ist Köthen schon viele Jahre nicht mehr gewesen; zumindest seit den 80iger Jahren, als ich das letzte Mal in dieser Stadt war. Mit dem Preis eines Menschenleben ist das meines Erachtens aber viel zu hoch bezahlt!
Preisfrage: Wie viele solcher Nicht-Morde in wie vielen Städten sind noch möglich, ehe die Leistungsfähigkeit der Ordnungskräfte endgültig überfordert ist?

11.09.2018 00:38 Fakt 36

25421, #31
"Den Text lesen könnte von Vorteil sein, dann hättest Du auch gemerkt, dass im gesamten Beitrag über Hamburg geschrieben und die Bundestagswahl 2017 extra betont wird. Nur der letze Satz bezieht sich nicht auf Hamburg"<<

"Der gesamte Text bezieht sich auf Hamburg, nur der letzte Absatz nicht". Widerspricht sich irgendwie, merken Sie aber selbst, oder? Zudem können Sie sicher sein, dass ich keine Probleme mit dem Leseverständnis habe und den Beitrag, auf den sich meiner bezog, durchaus verstanden habe. Sie haben aber offenbar meine Antwort nicht verstanden. Macht aber nichts.

11.09.2018 00:34 Fakt 35

>>Leser, #34:
"Genau das hat Nummer 22 auch geschrieben. Also Fakt Augen auf beim Lesen."<<

Mein Beitrag, auf den Sie sich beziehen, enthielt Prozentzahlen bezüglich Wahlumfragen. Davon hat "Nr. 22" überhaupt nichts geschrieben. Tja, wer hier wohl die Augen aufmachen sollte.

>>M., #33:
Das ist Unsinn. Gehen Sie einmal in die Innenstädte und Sie werden merken, dass Sie Unrecht haben"<<

Och, ich bin tagtäglich in der Innenstadt. Ich weiß ja nicht, was bei Ihnen dort für Zustände herrschen, bei uns ist es wie immer - alles bestens.