Das vergessene Fährunglück Unglück von 1957: Sowjetische Soldaten sterben bei Aken

Im Februar 1957 ereignete sich in Aken eines der schwersten Fährunglücke der Stadt an der Elbe. Sowjetische Soldaten rollten mitsamt ihrer Fahrzeuge in den Fluss, einige von ihnen ertranken. Bis heute unklar: die genaue Zahl der Todesopfer und die Ursache des Unglücks.

Susanne Reh, Redakteurin im MDR-Studio Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Susanne Reh, MDR SACHSEN-ANHALT

Luftaufnahme der Elbe bei Aken mit übersetzender Autofähre.
Die Autofähre über die Elbe bei Aken heute. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Im Jahr 1957 ist Deutschland geteilt. Im Osten wurde acht Jahre zuvor die Deutsche Demokratische Republik gegründet, im Westteil die BRD. Die Mauer ist noch nicht gebaut. Die Besatzungsmächte sichern die politische Entwicklung in ihren jeweiligen Zonen.

Auch an den Flugplätzen in Köthen und Zerbst sind sowjetische Soldaten stationiert. Regelmäßig führen die Einheiten Übungen durch und nutzten für den direkten Weg zwischen Köthen und Zerbst die Fähre in Aken. Am 24. Februar 1957 kommt es dort zu einem folgenschweren Unfall. Ein Unglück, von dem heute in Aken kaum jemand etwas weiß und das auch damals totgeschwiegen wurde. Obwohl es das schlimmste Fährunglück in der Geschichte der Stadt war.

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Bei einem Fährunglück in Aken kommen am 24. Februar 1957 mehrere Menschen ums Leben.Nur wenige Menschen kenne die Geschichte. Reporterin Susanne Reh hat mehrere Wochen recherchiert.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir So 16.02.2020 11:40Uhr 04:05 min

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Zeitzeugenbericht im Heimatmuseum Aken

Wer Informationen sucht, der wird zumindest im Heimatmuseum in Aken fündig. Mirko Bauer ist dort ehrenamtlicher Museumschef. Er hat im Archiv einen Zeitzeugenbericht entdeckt. Es sind die Aufzeichnungen des Akeners Max Sonnenburg, vermutlich einer der damaligen Fährmänner. Sonnenburg schreibt: "Die zum Schutz unserer Republik hier weilenden Sowjetsoldaten kamen mit ihren Wagenparks von einer Übung am jenseitigen Ufer mit der Fähre zurück. Als sie schon die Hälfte des Stroms überquert hatten und die Fähre dem diesseitigen Ufer zustrebte, schoss diese plötzlich mit dem vorderen Ende in die Tiefe. Alle Wagen rollten kopfüber in die Elbe".

Opferzahl: unklar

Die Soldaten, die in den Fahrzeugen sitzen, haben keine Chance. Andere versuchen, sich schwimmend im eiskalten Wasser an das Ufer zu retten. Wie viele Opfer es sind? Niemand weiß es genau. In den DDR-Zeitungen ist das Unglück nur eine Randnotiz.

Akener Fähre am Steutzer Ufer um 1957
Akener Fähre am Steutzer Ufer um 1957 (Archivbild) Bildrechte: Mirko Bauer

Doch zwei Wochen später berichtet die Bildzeitung im Westen Deutschlands. Ein Artikel der erst viele Jahre später ins Heimatmuseum kommt. Darin steht: "Mindestens 28 Sowjets sind bei einem Schiffsunglück in der Elbe bei Aken in der Nähe von Dessau ertrunken. Ein sowjetischer Offizier hatte die Besatzung eines Fährbootes gezwungen, 80 Rotarmisten und mehrerer gepanzerte Fahrzeuge und Lastwagen mitzunehmen. Auf der Mitte des Stromes, lösten sich mehrere Fahrzeuge aus ihrer Befestigung, die Fähre bekam Schlagseite und kenterte. Binnen weniger Sekunden werden die Soldaten von den reißenden Wasser abgetrieben. Weithin gellten ihre Hilferufe. Das eiskalte Wasser der Elbe wurde zu ihrem Grab." Vier Offiziere und 10 Soldaten werden nie gefunden.

Unglücksursache: unklar

Warum mussten sie sterben? Was war die Unglücksursache? Mirko Bauer kann nur spekulieren. Auf jeden Fall war die Fähre überladen, vielleicht waren die Fahrzeuge auch nicht richtig gesichert. Mehrere Zeitzeugen haben aber auch darüber berichtet, dass etwa 26 Soldaten plötzlich auf eine Seite der Fähre gelaufen seien. Ob etwas ihre Neugier weckte oder ein Offizier ihnen den Befahl dazu gab: Niemand wird das jemals zweifelsfrei aufklären können.

Auf jeden Fall hat einer der Fährmänner noch in derselben Nacht die Flucht ergriffen. Er konnte sich schwimmend ans Ufer retten. In einem Bericht der Staatssicherheit, der ebenfalls im Heimatmuseum liegt, heißt es dazu: "Nach Rücksprache mit dem Stellvertreter Operativ der BV Halle ist der Fährmeister seit gestern Abend nach der Havarie flüchtig. Eine Hausdurchsuchung bei ihm hat ergeben, dass er zu Hause war, seine nassen Sachen im Bad ausgezogen hat, trockene Sachen nahm und sich mit unbekanntem Ziel entfernte. Es herrschte starker Nebel, wodurch die Flucht begünstigt wurde." Es gibt Untersuchungen. Von Sabotage ist die Rede. Aber an der Fähre wurden keine Manipulationen festgestellt.

Fahrzeuge werden geborgen, Fähre wieder hergerichtet

Ein Boot auf der Elbe in Aken.
Heute erinnert in Aken nichts mehr an das Fährunglück von 1957. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Susann Krüger & Schmidt Film

Für die Bergung der Armeefahrzeuge und LKWs wird schwere Technik an die Unglückstelle geholt. Fotos im Heimatmuseum zeigen, wie ein Taucher Ketten an den Fahrzeugen unter Wasser befestigt, die dann mit einem Bergepanzer und einem Kran gehoben werden. Die Unglücksfähre selbst wird wieder hergerichtet und versieht noch fast zwei Jahrzehnte ihren Dienst.

Heute erinnert in Aken nichts mehr an das größte Fährunglück in der Geschichte der Stadt. Auch die Namen der ertrunkenen Soldaten sind bis heute nicht bekannt.

Susanne Reh, Redakteurin im MDR-Studio Dessau-Roßlau
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Susanne Reh arbeitet seit Anfang 1994 bei MDR SACHSEN-ANHALT, meist im Regionalstudio Dessau. Ihre Schwerpunkte sind Themen aus dem Kultur- und Sozialbereich. Ob Weill-Fest in Dessau, Luther in Wittenberg oder Dessau-Wörlitzer Gartenreich, die Autorin fängt Themen für Radio, Fernsehen und Online mit Mikrofon und Kamera ein. Ihre besondere Leidenschaft gilt den "Geschichten aus Sachsen-Anhalt" jeden Sonntagvormittag bei MDR SACHSEN-ANHALT. Bevor sie zum Radio kam, hat sie in Halle Literatur und Geschichte studiert.

Die zweifache Mutter stammt aus Sachsen-Anhalt, aus dem Mansfelder Land. In ihrer Freizeit trifft man sie auf dem Fahrrad, Motorrad oder beim Joggen oder Schwimmen an. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind deshalb die Goitzsche bei Bitterfeld und der Geiseltalsee.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 16. Februar 2020 | 11:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2020, 17:01 Uhr

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