Eingang zur Helios Klinik Zerbst
Eingang zur Helios Klinik Zerbst. Bildrechte: MDR/Falko Wittig

Helios Klinik Zerbst Wie ein Krankenhaus mit Fachkräftemangel klarkommt

In vielen Krankenhäusern fehlen Pflegefachkräfte. Das bekommt auch die Helios Klinik Zerbst zu spüren. Sie muss sich etwas einfallen lassen, um langjährige Mitarbeiter zu halten und neue Fachkräfte zu gewinnen. Mit Geld allein ist es da nicht getan. Teil 1 unserer Wochenserie zum Personalmangel im Gesundheitswesen.

MDR-Redakteur Falko Wittig
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von Falko Wittig, MDR SACHSEN-ANHALT

Eingang zur Helios Klinik Zerbst
Eingang zur Helios Klinik Zerbst. Bildrechte: MDR/Falko Wittig

Es ist nicht viel los an diesem Mittwochnachmittag in der Helios Klinik Zerbst. Der Einheitsfeiertag steht vor der Tür. Heike Schrimpf führt mich durch das Krankenhaus. Sie arbeitet hier seit 30 Jahren, seit Mai 2018 als Pflegedirektorin. Sie zeigt mir die HNO-Station. An einer Wand hängt ein Zeitungsartikel über eine Zwölfjährige aus Wittenberg, die früher auf einem Ohr nicht richtig hören konnte. Das Mädchen konnte hier in Zerbst im vergangenen Jahr erfolgreich operiert werden. Heike Schrimpf ist stolz auf diese Geschichte mit Happy End.

Geburts- wurde zur HNO-Station

Behandlungsraum für HNO-Patienten in der Helios Klinik Zerbst
Behandlungsraum für HNO-Patienten in der Helios Klinik Zerbst. Bildrechte: MDR/Falko Wittig

Eine andere Geschichte aus der Zerbster Klinik finden viele gar nicht toll. Wo heute die HNO-Station ist, kamen früher auf der Geburtenstation Kinder zur Welt. Seit 1. Juli 2018 ist das vorbei. Nur eine Hebammenpraxis gibt es noch vor Ort. Für Entbindungen müssen werdende Mütter aus der Region nun in Orte wie Burg, Dessau oder Köthen fahren. Das bedeutet bis zu 40 Kilometer Wegstrecke. Begründet wurde die Schließung der Geburtsklinik damals mit dem Mangel an Fachärzten und Hebammen. Das habe zu Diskussionen in der Bevölkerung geführt, von denen man aber mittlerweile nichts mehr spüre, sagt Reik Müller. Der Personalleiter der Helios Klinik Zerbst glaubt auch nicht, dass sein Krankenhaus irgendwann dem Schicksal von Genthin folgen wird, wo die Johanniter 2017 den Standort komplett aufgegeben haben.

An einem durchschnittlichen Tag sind in der Zerbster Klinik gut hundert Patienten in stationärer Behandlung, 200 Betten stehen bereit. Jeweils 9.000 Patienten werden nach Angaben von Helios jedes Jahr stationär und ambulant behandelt. In der Klinik in Zerbst arbeiten 235 Angestellte im medizinischen Bereich: Ärztinnen, Rettungssanitäterinnen, Pfleger.

Von Österreich zurück nach Zerbst

Einer dieser Pfleger ist Philipp Fischer. Der 25-Jährige hat hier im Krankenhaus seine Ausbildung absolviert. Mit 20 zog es ihn dann aus privaten Gründen nach Österreich. In einem Pflegeheim schob er als Fachkraft Einsätze im Nachtdienst. Zusammen mit drei Pflegehelfern war er dann für die Betreuung von 136 Menschen verantwortlich. Das Ganze bei einer Arbeitszeit von zwölf Stunden je Schicht.

Krankenpfleger Philipp Fischer in der Helios Klinik Zerbst
Krankenpfleger Philipp Fischer in der Helios Klinik Zerbst. Bildrechte: MDR/Falko Wittig

In Zerbst sind es im Drei-Schicht-System nur acht Stunden – das Ganze bei 40 Stunden Wochenarbeitszeit. "Man merkt schon den Unterschied", sagt Fischer. "Bei einer Zwölf-Stunden-Schicht fühle ich mich ausgelaugter." Nach fünf Jahren im Ausland kehrte der Zerbster wieder zu seiner Familie in die Heimat zurück. Karrierepläne in seiner Klinik inklusive, wo Fischer als Pfleger in der Orthopädie arbeitet. Im nächsten Jahr möchte er nach entsprechender Weiterbildung als "rechte Hand" der Stationsleitung arbeiten.

Ausgeschriebene Stellen zwei Monate unbesetzt

Pflegedirektorin Heike Schrimpf berichtet, dass der Fachkräftemangel auch an ihrer Klinik nicht vorbeigeht. Eine ausgeschriebene Stelle könne nach sechs bis acht Wochen besetzt werden. "Damit geht es uns eigentlich ganz gut." Personalleiter Reik Müller spricht von einem "relativ hohen Vergütungsniveau" in der Zerbster Klinik. Die Fachkräfte-Situation habe sich aber verschlechtert. Früher habe man Bewerbungen auf Vorrat gehabt. Aktuell werden neben Krankenpflegern und Notfallsanitätern auch Fachärzte für HNO und Innere Medizin gesucht.

Trotzdem verzichte man auf eine Antrittsprämie für neue Beschäftigte, sagt Personalleiter Müller. Die macht bei manchem Krankenhaus mehrere Tausend Euro aus. So etwas käme bei den alteingesessenen Beschäftigten nicht gut an, berichtet Pflegedirektorin Schrimpf. Stattdessen setze man auf eine Prämie für Mitarbeiter, die neues Personal an die Klinik locken. Der Großteil des Personals komme aus der Region, heißt es von Helios Zerbst. Das Durchschnittsalter in der Pflege und bei den Ärzten liege bei rund 45 Jahren.

Langzeitbeschäftige überwiegen

Heike Schrimpf, Pflegedirektorin der Helios Klinik Zerbst
Heike Schrimpf, Pflegedirektorin der Helios Klinik Zerbst. Bildrechte: MDR/Falko Wittig

Viele Mitarbeiter arbeiten schon seit Jahrzehnten in der Klinik, Abgänge gebe es vor allem aus privaten Gründen, berichtet Schrimpf. Anders als so manch anderes Krankenhaus in Sachsen-Anhalt ist Helios in Zerbst in diesem Jahr im Pflegebereich nicht auf Leiharbeiter angewiesen. Dafür arbeitet knapp die Hälfte der Mitarbeiter in Teilzeit, meist mit 75 Prozent der Arbeitszeit einer Vollzeitkraft. "Das bieten wir sehr gerne an, weil es für Muttis wichtig ist, etwas mehr Freizeit zu haben." Die Pflegedirektorin verweist auf die Möglichkeit, im Zwei-Schicht-System zu arbeiten, also ohne Nachtdienst. Im Zuge von flexiblen Dienstplänen versuche man auch das ungeliebte "Holen aus dem Frei" zu vermeiden, also ungeplante Einsätze von Pflegekräften, weil Personal kurzfristig ausfällt. Wer sich flexibel zeigt und einspringt, werde zum Beispiel mit einem Tankgutschein belohnt.

Weiterbildungen gegen Fachkräftemangel

Helios ist einer der größten privaten Krankenhausbetreiber in Deutschland. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete das Unternehmen mit seinen über 66.000 Mitarbeitern einen Umsatz von rund sechs Milliarden Euro. Die Klinik in Zerbst gibt nach eigenen Angaben einen großen Teil ihres Budgets für die Weiterbildung der Mitarbeiter aus. "Wir versuchen unsere Mitarbeiter zu motivieren, an vielen Weiterbildungen teilzunehmen", berichtet Heike Schrimpf. So habe die Klinik in diesem Jahr vier Mitarbeiter in der Notfallpflege ausgebildet. Es gebe zudem Weiterbildungen für Endoskopie, Anästhesie und Innere Medizin. Dazu kämen hausinterne Schulungen. In diesem Jahr fand ein Deeskalationstraining statt, um Mitarbeiter für den Umgang mit aggressiven Patienten zu sensibilisieren.

Kaum ausländische Arbeitskräfte

Personalchef Reik Müller in der Helios Klinik Zerbst
Personalchef Reik Müller in der Helios Klinik Zerbst. Bildrechte: MDR/Falko Wittig

Ausländische Fachkräfte spielen in Zerbst derzeit keine Rolle. "Wir gehen nicht ins Ausland und suchen Arbeitskräfte", sagt Personalleiter Reik Müller. Allerdings gibt es Schrimpf zufolge in der Pflegeausbildung ein Geschwisterpaar aus Albanien. Engpässe können aus einem Pool mit eigenem Helios-Personal gedeckt werden. Man habe auch schon examinierte Altenpfleger eingestellt. "Das sind auch gute Mitarbeiter, die haben eher kleinere Defizite." Diese würden dann in die Krankenpflegeschule in Burg zur Nachschulung geschickt.

Ein Herz für die Pflege lohnt sich

Philipp Fischer ermuntert junge Leute mit Herz für die Pflege dazu, eine Ausbildung zu machen. Man sollte sich nicht von kritischen Berichten einschüchtern lassen. Als junger Mensch könne man sich mit Weiterbildung hocharbeiten. Der 25-jährige Pfleger will definitiv in Zerbst bleiben, auch wenn es für die Jugend in der Stadt nicht so viel zum Ausgehen gebe. Er sei aber kein Partymensch. "Ich bin einfach ein sehr ländlicher Typ." Fischer schätzt, dass es in der Klinik in Zerbst sehr persönlich zugeht. Und auch die freien Kurse im Fitnesscenter, die sein Arbeitgeber finanziert, kommen bei ihm gut an. Und auch die Patienten scheinen die Klinik zu schätzen. Negative Bewertungen sind bei den einschlägigen Internetportalen in den letzten vier Jahren eher die Ausnahme.

MDR-Redakteur Falko Wittig
Bildrechte: MDR/Martin Paul

Über den Autor Falko Wittig ist im Osten Deutschlands geboren. Dort lebt und arbeitet er auch heute gerne. Nach vielen Jahren beim Rundfunk Berlin-Brandenburg ist der Diplom-Journalist heute bei MDR SACHSEN-ANHALT im Einsatz. Dort arbeitet er in den Redaktionen von Radio, Fernsehen und Online und beschäftigt sich vor allem mit politischen und wirtschaftlichen Themen. Zu seinen Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt zählen Wernigerode, dünn besiedelte Gebiete entlang der Elbe und im Jerichower Land sowie der Naturpark Dübener Heide.

Quelle: MDR/fw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 07. Oktober 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Oktober 2019, 11:59 Uhr

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