Antisemitisches Relief an Stadtkirche Wittenberger "Judensau"-Plastik wird Fall für Bundesgerichtshof in Karlsruhe

Ist das jahrhundertealte antisemitische "Judensau"-Relief an der Wittenberger Stadtkirche heute immer noch eine Beleidigung – und darf öffentlich gezeigt werden? Über diese Frage hatte das Oberlandesgericht in Naumburg entschieden und die Klage abgewiesen – wegen der grundsätzlichen Bedeutung aber eine Revision zugelassen. Der Kläger will nun den Fall vor den Bundesgerichtshof in Karlsruhe bringen und "alle juristischen Mittel ausschöpfen".

Antisemitisches Relief, sogenannte Judensau-Skulptur an der evangelischen Stadtkirche in Wittenberg, an der einst Martin Luther predigte
Bildrechte: imago images/Winfried Rothermel

Die als "Judensau" bekannte antisemitische Schmähplastik an der  Wittenberger Stadtkirche wird weiter ein Fall für die Gerichte sein. Der Kläger kündigte Revision vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe an. Die Tageszeitung "taz" zitiert ihn mit den Worten: "Ich werde alle juristischen Mittel ausschöpfen und notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg gehen."

Schmähplastik darf hängen bleiben

Am 6. Februar 2020 hat das Oberlandesgericht in Naumburg eine Berufungsklage zu dem antisemitischen Sandsteinrelief an der Wittenberger Stadtkirche abgewiesen (Aktenzeichen: OLG Naumburg 9 U 54/19) – und damit ein Urteil des Landgerichts Dessau-Roßlau vom Mai 2019 bestätigt.

Judensau-Urteil vor dem Oberlandesgericht Naumburg
Michael Düllmann (li.) bei der Verhandlung im Januar 2020 mit seinem Anwalt am Oberlandesgericht Naumburg. (Archiv) Bildrechte: imago images/epd

Die als Wittenberger "Judensau" bekannte Schmähplastik darf damit vorerst weiter an der Stadtkirche der Lutherstadt bleiben.

Der Kläger, Michael Düllmann – Mitglied der jüdischen Gemeinde in Deutschland, hatte die Abnahme der Plastik aus dem 13. Jahrhundert verlangt, weil er sich durch diese als "Saujude" und das "ganze Judentum" diffamiert sieht. Er sagte MDR SACHSEN-ANHALT, "Die Judensau, die dort weiterhin hängt, beweist, dass sich die Wittenberger Gesellschaft mit dem Antisemitismus völlig unzureichend befasst hat."

Nach dem ersten Prozess vor dem Dessauer Landgericht äußerte sich Düllmann ähnlich bei MDR Kultur: "Ich war und ich bin entsetzt, dass die Kirche sich seit Jahrhunderten den Antisemitismus, die Judenfeindschaft zum Teil ihrer Verkündigung gemacht hat, denn das wird an dieser Kirche sichtbar."

Was zeigt die antisemitische Schmähplastik?

Das Sandsteinrelief wurde um 1300 an der Südfassade der Stadtkirche Wittenberg angebracht. Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen Menschen saugen, die Juden darstellen sollen. Ein Rabbiner blickt dem Tier unter den Schwanz. Schweine gelten im Judentum als unrein.

Welche Verbindung der "Judensau" wird zu Martin-Luther gesehen?

Über der Wittenberger "Judensau" prangt wohl seit 1570 zusätzlich der Schriftzug "Rabini Schem HaMphoras". Schem HaMphoras steht für den im Judentum unaussprechlichen heiligen Namen Gottes.

Die Ergänzung wird mit einer Schrift von Reformator Martin Luther (1483-1546) in Verbindung gebracht, der in Wittenberg wirkte und vor allem in seinem Spätwerk gegen Juden hetzte. Der Schriftzug ist vermutlich von Luthers antijüdischer Schrift "Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi" von 1543 inspiriert.

Was zeigt das Mahnmal am Boden des Reliefs?

Die Stadtkirchengemeinde ließ 1988 eine Bodenplatte unterhalb des Reliefs anbringen. Ihre Inschrift nimmt Bezug auf den Völkermord an den Juden im Dritten Reich, die Plastik selbst findet jedoch keine Erwähnung.

Auf der Gedenktafel steht: "Gottes eigentlicher Name, der geschmähte Schem HaMphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in sechs Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen."

Durch Gedenkveranstaltungen und Führungen hat sich laut der Gemeinde eine rege Erinnerungskultur entwickelt.

Gibt es noch ähnliche Darstellungen in Deutschland?

Juden sollten im Mittelalter mit solchen Reliefs unter anderem davon abgeschreckt werden, sich in der jeweiligen Stadt niederzulassen. Ähnliche Spottplastiken finden sich an mehreren Dutzend weiteren Kirchen in Deutschland, so am oder im Kölner und Regensburger Dom und dem Dom in Brandenburg.

In Calbe im Salzlandkreis ist eine vergleichbare Schmähplastik entfernt worden. Hintergrund waren die Restaurierungsarbeiten an der Sankt-Stephanie-Kirche. Nach Fertigstellung der Sanierung soll die Plastik nicht wieder angebracht werden, so Pfarrer Jürgen Kohzt in der Tageszeitung taz. "Diese Figur beleidigt auch heute noch permanent", sagte er, weshalb die Gemeinde einen angemesseneren Platz für sie finden werde.

Relief ohne Einordnung ist eine Beleidigung

Mahnmal gegen die mittelalterliche Judensau
Eine Bodenplatte unterhalb des Reliefs: Die Inschrift nimmt Bezug auf den Völkermord an den Juden im Dritten Reich, die Plastik selbst findet jedoch keine Erwähnung.

Auf der Gedenktafel steht: "Gottes eigentlicher Name, der geschmähte Schem HaMphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in sechs Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen."
Bildrechte: imago images/epd

Der Vorsitzende Richter des 9. Zivilsenats des Oberlandesgerichts, Volker Buchloh, sagte zu dem Urteil, die Sandsteinplastik stelle isoliert betrachtet eine Beleidigung dar. Sie habe zur Zeit der Entstehung das Ziel gehabt, Juden verächtlich zu machen.

Die Skulptur sei aber heute in Wittenberg Teil eines Mahnmals und habe daher in ihrem aktuellen Kontext keinen beleidigenden Charakter mehr, hieß es in der Urteilsbegründung. Der Kläger habe keinen Anspruch auf Beseitigung des Reliefs.

Der Text auf einer Tafel bringe zudem unmissverständlich zum Ausdruck, dass sich die beklagte evangelische Stadtkirchengemeinde von der Judenverfolgung, den antijudaistischen Schriften Martin Luthers und der verhöhnenden Schmähplastik distanziere.

Das Oberlandesgericht in Naumburg ließ aber ein Revision zu, da es von grundsätzlicher Bedeutung sei, wie mit der Herabwürdigung von Personengruppen in solchen zivilrechtlichen Fragen zu verfahren sei.

Reaktionen auf das Urteil

Nach dem Urteil gab es Lob und Kritik an der Begründung. Der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn hatte sich gegen eine Entfernung von "Judensau"-Darstellungen ausgesprochen. "Was geschehen ist, ist geschehen, und es kann nicht ungeschehen gemacht werden", sagte er am Mittwoch dem Deutschlandfunk. "Man muss sich damit inhaltlich auseinandersetzen. Darauf kommt es an." Wolffsohn unterstrich zugleich, dass er die "Judensau"-Plastiken für eine "perverse Sauerei" halte. "Geschichte und deren Bewertung ist ein fortlaufender Prozess und kann mit Sicherheit nicht prozessual vor Gericht entschieden werden", betonte Wolffsohn.

Auch die Chefin der Touristinformation, Kristin Ruske, bewertet positiv, dass die Plastik nicht entfernt werden muss. Sie sagte MDR SACHSEN-ANHALT, das Sandsteinrelief sei Teil der Geschichte, die könne man nicht einfach schön malen oder ändern. Zudem lege man bei der Ausbildung der Stadtführer großen Wert darauf zu vermitteln, was in der damaligen Zeit war und wie man heute damit umgeht.

Der Wittenberger Stadtkirchenpfarrer Johannes Block
Wittenbergs Stadtkirchenpfarrer Johannes Block: Relief ist ein fuchtbares Erbe. Bildrechte: imago images/epd

Kritik kommt vom Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein. Er sagte, die Schmähplastik gehöre nicht an eine Kirche, sondern ins Museum. "Ich respektiere das Urteil des Oberlandesgerichts", sagte Klein dem Redaktionsnetzwerk Deutschland am Mittwoch. "Es macht einmal mehr klar, dass die Problematik der sogenannten 'Judensauen' politisch gelöst werden muss." Er freue sich, wenn beide großen Kirchen in Deutschland das Urteil zum Anlass für eine proaktive Debatte nähmen, "um diese unselige Kirchentradition zu überwinden", so Klein. "Nach meinem Dafürhalten gehört die 'Judensau' von Wittenberg ins Museum mit einer erklärenden Informationstafel. Auch vor der Wittenberger Stadtkirche sollte eine Informationstafel aufgestellt werden."

Wittenbergs Stadtkirchenpfarrer Johannes Block hatte das "Judensau"-Relief ein furchtbares Erbe genannt, dennoch will er diesen Teil der Geschichte nicht verstecken. Block regte vor dem Urteil am Dienstag erneut eine Weiterentwicklung der Mahnstätte an. Die derzeitige Gedenktafel verlange dem Besucher sehr viel ab, zitiert die Katholische Nachrichten-Agentur Pfarrer Block aus der "Süddeutsche Zeitung". Er sei mit dem Zentralrat der Juden über eine neue Idee im Gespräch.

Quelle: MDR,epd,dpa,kna/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 04. Februar 2020 | 06:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Februar 2020, 15:15 Uhr

8 Kommentare

Querdenker vor 8 Wochen

Die Beweise dürfen weder ausgelöscht, vertuscht oder versteckt werden. Die öffentliche und historisch authentische Präsentation ist wichtig, da Geschichte dadurch erlebbar wird. Es ist ein Mahnmal.

Schon zu viele Beweise wurden in der Vergangenheit vernichtet bezüglich der Rolle der Kirche und religiöser Ideologie.

siehe „volksfreund Hexenprozesse Ganze Dörfer wurden ausgelöscht“

Zitat: „Das war auch so gewollt. Sie wurden verbrannt, um ihre irdische Existenz vollkommen vergessen zu machen. Da man glaubt, dass sie vom Teufel besessen sind, bekamen sie auch kein Grab - die komplette Erinnerung an diese Menschen sollte ausgelöscht werden."

Antisemitismus hat seine Wurzeln in der Vergangenheit.

siehe „wiki Else Lasker-Schüler“

Zitat: „Unsere Töchter wird man verbrennen auf Scheiterhaufen
Nach mittelalterlichem Vorbild.
Der Hexenglaube ist auferstanden
Aus dem Schutt der Jahrhunderte.
Die Flamme wird unsere unschuldigen jüdischen Schwestern verzehren.“ (1933)

part vor 8 Wochen

Was ist mit der Figur des Leckarsches an der Burg in Kranichfeld/ Thüringen, der sich nach Darstellung aber ein klein wenig weiter vorn l...., ist dies nicht auch Geschichte, obwohl obszön und verletzend? Wenn wir aber alle Relikte beseitigen, die ehemals darauf abgezielt haben die Mitmenschen herabzuwürdigen, dann möge jemand den Anfang und das Ende bestimmen der Bilderstürmerei.... Dies alles hatten wir schon mal in verschieden geschichtlichen Epochen, Scheiterhaufen, Fallbeil und Erschießungskommandos waren nur ein Teil gesellschaftlicher Irritationen. Die Darstellung sollte besser als Mahnmal betrachtet werden ebenso wie die vielen Luther- Denkmäler, deren Abriss auch niemand fordert.

Hossa vor 8 Wochen

Judenhass gibt es schon lange in Europa.
Die Verbrechen der Nazis waren der traurige Höhepunkt.
Selbst Luther hat sich da nicht mit Ruhm bedeckt.
Aber man muss das immer im geschichtlichen Kontext sehen.

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