Nach Tod eines 22-Jährigen Demos in Köthen: Ein MDR-Reporter berichtet

Jochen Müller war am Sonntag für MDR SACHSEN-ANHALT in Köthen dabei. Aus seiner Sicht liefen die Demonstrationen, zu denen rechte und linke Lager aufgerufen hatten, zwar weitgehend störungsfrei, jedoch nicht friedlich ab. Eine Situation empfand er als äußerst bedrohlich. Ein Interview.

Es gibt Meldungen, dass es friedlich geblieben ist, andere sprechen von Auseinandersetzungen. Was haben Sie denn gesehen und gehört?

Jochen Müller, MDR SACHSEN-ANHALT: Also das Wort friedlich passt sicherlich nicht, ich würde sagen, es war weitgehend störungsfrei. Es waren etwa 1.400 Demonstranten aus dem rechten Lager, überwiegend übrigens Angereiste und nicht etwa Köthener. Da waren verschiedene Gruppierungen am Start: Zukunft Heimat aus Cottbus, und Pegida Dresden war dabei. Es war ein erkennbarer harter Kern von Neonazis auch vor Ort und natürlich die AfD mit etlichen Abgeordneten hier aus Sachsen-Anhalt. Auf der anderen Seite etwa 800 bis 900, so heißt es, Gegendemonstranten aus diversen linken Bündnissen, ebenfalls überwiegend Angereiste. Es hat keine gewaltsamen Auseinandersetzungen gegeben. Die Polizei hat es geschafft beide Seiten auseinander zu halten. Es hat aber, wie soll ich das sagen, so eine gewisse aggressive Grundstimmung gegeben. Im rechten Lager zum Beispiel, da war während der Kundgebung an Sprechchören dann das zu hören, was wir alle kennen: "Merkel muss weg", "Lügenpresse, Lügenpresse", "Abschieben, Abschieben".

MDR-Politikredakteur Jochen Müller
Jochen Müller, Politikredakteur MDR SACHSEN-ANHALT Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Es gab da eine Situation, die ich sehr bedrohlich empfunden habe. Da waren die beiden Gruppen bis auf Sichtweite aneinander rangekommen. Es gab nur noch eine Polizeikette dazwischen. Und da hat ein harter Kern von etwa 60 bis 70 tätowierten jungen Männern, also die besagten offensichtlichen Neonazis, versucht durch diese Polizeireihen durchzukommen. Das ist ihnen dann schlussendlich nicht gelungen, weil die Polizei auch sehr besonnen reagiert hat. Es waren mehr als 1.000 Beamte aus sechs Bundesländern gestern Abend in Köthen im Einsatz.

Spielt es denn für die rechtsextremen Demonstranten keine Rolle, dass der 22-Jährige offenbar an einem Herzinfarkt gestorben ist?

Naja, da lautet die Gegenlegende schlicht und ergreifend: Er wäre nicht an dem Herzinfarkt gestorben, wenn er nicht zusammengeschlagen worden wäre. Das ist auch glaube ich das, was in Köthen die Menschen denken. Der junge Mann hat offensichtlich einen Herzfehler gehabt. Er hat versucht, den Streit zwischen den Afghanen zu schlichten. Einer der beiden Afghanen sollte eigentlich abgeschoben werden. Gegen ihn gab es Ermittlungen, er hatte bereits ein Verfahren wegen schwerer Körperverletzung. Was dann genau auf dem Spielplatz passiert ist, ist noch immer unklar. Es hat jedenfalls Schläge gegeben und in Folge dessen ist dieser junge Mann dann eben an einem Herzinfarkt gestorben.

Die Fachhochschule Köthen warnt ihre ausländischen Studierenden und empfiehlt am Nachmittag und Abend die betroffenen Straßen zu meiden. Ist das übertrieben oder berechtigt?

Damit war der gestrige Nachmittag/Abend gemeint. Also ich denke es war richtig, dass man sich da gestern aus den Demonstrationszügen ferngehalten hat, weil man konnte ja nicht ahnen, ob es wirklich gewaltfrei abgehen würde. Aber ich denke, es war ein Aufruf nicht in die Gewalt abzurutschen und im Vorfeld haben sich die Köthener sehr viel Mühe gegeben, auch die schöne, die friedliche, die demokratische Seite ihrer Stadt zu zeigen. Da hat es am Samstag beispielsweise eine große Kreide-Malaktion gegeben, da hat man hunderte von Friedenstauben auf das Pflaster gemalt und eine riesige brennende Kerze mit der Aufschrift "Frieden sei mit dir". Gestern vor dem Beginn dieser beiden Demonstrationen, da hat es nochmal einen großen Gottesdienst gegeben und der Bürgermeister und der Pfarrer haben anschließend aus der Jakobskirche einen großen braunen Korb herausgetragen, haben ihn aufgeklappt und haben echte weiße Tauben aufsteigen lassen. Damit möchte man eben signalisieren, dass sich Köthen nicht dem Hass und nicht der Gewalt beugen möchte.

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Kerzen stehen am Karlsplatz in Köthen, wo ein 22-Jähriger in der Nacht zum 9. September 2018 ums Leben gekommen ist.
Bildrechte: MDR/Martin Paul

Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 17. September 2018 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. November 2019, 14:13 Uhr

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57 Kommentare

19.09.2018 12:59 Wolpertinger 57

@der Silvio, Eulenspiegel
Eigentlich meinen Sie bei doch dasselbe, nämlich das der Kausalzusammenhang und die objektive Zurechnung erst noch bewiesen werden müssen.
Ich gebe aber Silvio Recht, dass natürlich anhand des zeitlichen Ablaufs schon ein Zusammenhang zwischen Streit und dem Tod eher zu untersuchen ist, als ein von anderen Ereignissen unabhängig eintretender Tod.
Aber deshalb laufen ja auch die Ermittlungen, deren Ergebnisse abzuwarten sind.

19.09.2018 11:25 Grosser, Klaus 56

Solange der Täter ein Nicht-Deutscher ist, ist doch für die Nazihetzer alles gut.
Und bitte, ich kann die Leier besorgter Bürger nicht mehr hören.

18.09.2018 21:55 der_Silvio 55

@49 Eulenspiegel; "Falzt sie Autofahrer sind sollten sie eigentlich wissen das es beim Auto fahren durchaus mal zu plötzlichen Stresssituationen kommen kann.Wo ist da die Relativierung?"
Weil das der junge Mann nunmal nicht wegen Berufsverkehr bedingtem Streß gestorben ist, sondern Aufgrund der Verkettung der Ereignisse in Verbindung mit dem Schlag ins Gesicht (Schlichtungsversuch - Schlag ins Gesicht - KKH = Streß = (möglicher) Auslöser für Herzinfarkt)!

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