Tod von Markus B. in Köthen Ein Überblick über die Ereignisse und den Gerichtsprozess

Im Prozess um den Tod des Köthener Markus B. ist das Urteil gesprochen worden. Angeklagt waren zwei junge Männer aus Afghanistan. Sie sollen auf den 22-jährigen Köthener eingeschlagen haben. Markus B. war daraufhin gestorben. In Köthen kam es daraufhin zu Kundgebungen und Demonstrationen – unter anderem auch von rechtsextremen Demonstranten. Ein Überblick über die Ereignisse und den Gerichtsprozess.

Foto vom Opfer am Tatort in Köthen mit Blumen und Kerzen
An dem Spielplatz in Köthen gedenken Trauernde an den in Köthen verstorbenen 22-jährigen Markus B. Bildrechte: imago/Christian Schroedter

Was ist am 8. September 2018 passiert?

Am 8. September 2018 ist der 22-jährige Köthener Markus B. gestorben. Vorher war es auf einem Spielplatz im Osten der Köthener Innenstadt zu einer Auseinandersetzung gekommen. Die beiden zur Tatzeit 17 und 18 Jahre alten Angeklagten aus Afghanistan sollen mit Landsleuten über eine Vaterschaft in Streit geraten sein. Mit leeren Bierflaschen und Holzlatten sei man aufeinander losgegangen sein – etwa fünf Menschen waren nach Aussage der Angeklagten beteiligt. Daraus wurde ein Handgemenge. Die Angeklagten hatten dabei einen Landsmann geschlagen und verletzt.

Den Ermittlungen zufolge kam unter anderem der 22-jährige Markus B. dazu – laut Staatsanwaltschaft, um den Streit zu schlichten. Der 18-Jährige schlug ihn, er fiel zu Boden. Dort soll der 17-Jährige ihm gegen den Kopf getreten haben. Wenig später starb Markus B. in einer Klinik.

Warum hat der Fall für Aufsehen gesorgt?

In Folge der Tat hatte es in Köthen Demonstrationen und Aufmärsche unter anderem auch von Rechtsextremen gegeben. Rechtsextreme Gruppen schürten in Internet-Foren eine ausländerfeindliche Stimmung – ähnlich wie zuvor in Chemnitz. Dort war ein Deutsch-Kubaner von einem Flüchtling erstochen worden.

Für Diskussion hatte eine Audiodatei mit einer Zeugenaussage gesorgt, die sich weit verbreitet hatte und der Vorwurf, die Ermittlungsergebnisse seien vertuscht worden. Der AfD-Landtagsabgeordnete Hannes Loth hatte der "Mitteldeutschen Zeitung" gesagt: "Wenn die Landesregierung versucht, der Öffentlichkeit weiszumachen, der Tod des jungen Mannes sei nicht infolge dieser brutalen Attacke erfolgt und sein Herz habe allein aufgrund einer Vorerkrankung versagt, hält sie unsere Bürger offenbar für dumm."

Innenminister Holger Stahlknecht sagte daraufhin, die Vertuschungsvorwürfe der AfD seien eine bodenlose Unverschämtheit. "Dass man renommierten Wissenschaftlern, Rechtsmedizinern, unterstellt, vorsätzlich ein falsches Gutachten zur Todesursache abgegeben zu haben und dann noch einer Landesregierung unterstellt, dass sie dazu angestiftet habe, fast schon in krimineller Manier, ist einzigartig, hat es in Deutschland so noch nicht gegeben." Das sei wahrheitswidrig und grenze an strafrechtliche Relevanz. Es sei eine schwierige Lage: Jemand sei gestorben, andere Menschen seien betroffen, "und jemand macht so eine Stimmungslage, das ist für mich geistige Brandstiftung."

Loth relativierte später seine Aussage. Auch die Sprecherin der Audiodatei hatte ihre Angaben nach Aussage der Staatsanwaltschaft massiv relativiert.

Eine groߟe brennende Kerze wurde auf das Pflaster des Marktplatzes gemalt, umrahmt von einer Blume und einer Friedenstaube.
Kerze, Blume und Friedenstaube – mit Kreide wurden die Friedenssymbole auf das Pflaster des Marktplatzes gemalt. Bildrechte: dpa

Was ist in der Stadt passiert?

Als der Tod von Markus B. bekannt wurde, zogen am 9. September etwa 2.500 Menschen bei einem Trauermarsch durch die Stadt. Laut Innenminister Holger Stahlknecht waren unter ihnen 400 bis 500 Rechtsextreme.

Teilnehmer einer Demonstration von rechtsgerichteten Bündnissen anlässlich des Todes eines 22-Jährigen in der Nacht zum 09.09.2018 halten ein Transparent <Chemnitz ist überall!>
Demonstration in Köthen: "Chemnitz ist überall!" Bildrechte: dpa

In der folgenden Zeit gab es weitere Demonstrationen und Gegenproteste in Köthen – von linken Gruppen und von Bürgern, die ihre Stadt nicht vereinnahmen lassen wollten.

Die Polizei hatte danach 70 Verfahren gegen insgesamt 78 Verdächtige eingeleitet. Dabei ging es auch um Körperverletzung und Volksverhetzung. Die zuständige Ermittlungsgruppe wurde nach Angaben der Behörden mittlerweile aufgelöst. Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau konnte zum aktuellen Stand der Ermittlungsverfahren am Donnerstag keine Auskunft geben.

Woran ist Markus B. gestorben?

Während des Prozesses hat ein Sachverständiger der Universität Halle im Landgericht Dessau-Roßlau akutes Herzversagen als Todesursache angegeben. Es spreche einiges dafür, dass Markus B. den Herzstillstand schon erlitt, bevor er fiel und sich eine Wunde am Hinterkopf zuzog, so der Rechtsmediziner.

Kerzen brennen in der Kirche in Köthen im Andenken an Markus B..
Kerzen brennen in der Kirche in Köthen im Andenken an Markus B. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sachverständige hielten es für wahrscheinlich, dass auch der Stress in der Situation das Risiko für den Infarkt steigen ließ. Der 22-Jährige sei so schwer herzkrank gewesen, dass er jederzeit hätte sterben können. Eine Blutung an der Lippe könne auf einen Schlag zurückgehen.

Zeugen berichteten vor Gericht von unterschiedlichen Hergängen, von Schubsen über Schläge bis zu Tritten unterschiedlicher Art und Intensität. Was ganz genau an dem Abend geschah, konnten die Zeugen nicht wirklich aufklären. Auch auf die Frage, ob oder wie getreten worden ist, gab es ganz unterschiedliche Schilderungen.

Zur Tatzeit waren alle drei Beteiligten alkoholisiert. Am Abend des Geschehens hatte der Köthener 2,4 Promille Alkohol im Blut. Auch die beiden Angeklagten hatten getrunken – laut eigener Aussage Wein und Wodka. Bei dem Ältere wurden gut zwei Promille festgestellt.

Wie lautet der Tatvorwurf?

Seit Anfang Februar 2019 wird der Prozess am Landgericht Dessau-Roßlau geführt. Oberstaatsanwalt Hermann-Josef Gerhards forderte während der Plädoyers zum Prozessende eine Verurteilung der beiden jungen afghanischen Angeklagten zu Jugendstrafen wegen gemeinschaftlich begangener gefährlicher Körperverletzung. Zuerst war den beiden gefährliche Körperverletzung und Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen worden.

Im Laufe des Prozesses milderte die Staatsanwaltschaft ihre Vorwürfe ab und sah die Angeklagten nicht mehr verantwortlich für den Tod. Dazu dürften auch die rechtsmedizinischen Gutachten beigetragen haben. Die beiden Afghanen hätten nicht mit der Herzerkrankung des 22-Jährigen und den schwerwiegenden Folgen des Angriffs rechnen können.

Welche Strafen wurden gefordert?

Für den jetzt 19 Jahre alten Angeklagten fordert die Staatsanwaltschaft eine Strafe von einem Jahr und acht Monaten wegen gefährlicher Körperverletzung sowie die Unterbringung im Maßregelvollzug wegen dessen Alkoholabhängigkeit. Für den 17-Jährigen hält sie ein Jahr und fünf Monate Jugendstrafe für angemessen.

Die Mutter des Verstorbenen, zwei Brüder und zwei Schwestern haben den Prozess seit Anfang Februar im Gerichtssaal als Nebenkläger verfolgt. Oberstaatsanwalt Hermann-Josef Gerhards bekundete der Familie zum Prozessende seinen Respekt für die Sachlichkeit und Korrektheit. Die Nebenklage forderte eine Verurteilung wegen Körperverletzung mit Todesfolge, hatte aber zum Prozessende keine weiteren Anträge gestellt.

Was sagen die Verteidiger?

Blick auf die Anklagebank
Die Angeklagten vor dem Landgericht in Dessau-Roßlau Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Verteidiger der Afghanen hatten in ihren Plädoyers auf einen Freispruch vom Vorwurf der Körperverletzung mit Todesfolge gesetzt. Der Verteidiger des älteren Angeklagten erklärte, sein Mandant habe den 22-Jährigen geschubst, um ihn auf Abstand zu halten. Er sei irrtümlich davon ausgegangen, dass er angegriffen werden sollte. Verantwortlich sei der 19-Jährige für die Körperverletzung im Streit um die Vaterschaft. Zudem ist noch der Diebstahl einer Flasche Rum angeklagt, den der inzwischen 19-Jährige auch zugibt. Sein Verteidiger erkannte auch, dass eine Therapie wegen der Alkoholabhängigkeit notwendig ist.

Der Verteidiger des 17-Jährigen forderte einen kompletten Freispruch. Ob der jüngere Angeklagte tatsächlich gegen den Kopf des am Boden Liegenden getreten habe, sei aus Sicht der Verteidigung nicht sicher zu belegen.

Wie lautet das Urteil?

Die beiden Angeklagten sind am 17. Mai 2019 wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt worden (Aktenzeichen 2 KLs 115 Js 19456/18). Der Tod des 22-Jährigen herzkranken Kötheners sei kein bloßer Unfall gewesen, sondern sei durch die Körperverletzung der Angeklagten fahrlässig verursacht worden, begründete die Vorsitzende Richterin Uda Schmidt fast anderhalb Stunden lang ausführlich das Urteil. Das Verhalten der jungen Männer zeuge von fehlender Achtung vor dem menschlichen Leben, so die Richterin. So sollen die Angeklagten einer Zeugenaussage zufolge gelacht und abgelatscht haben, als sie von dem Tod des Köthener erfahren hatten. Damit geht die Richterin über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus, die zuletzt ihre Strafforderung abmilderte und statt Körperverletzung mit Todesfolge nur noch gefährliche Körperverletzung forderte.

Der 17-Jährige muss ein Jahr und fünf Monate in Jugendhaft, der 19-Jährige ein Jahr und acht Monate. Der 19-Jährige muss wegen seiner Alkoholsucht in eine Entziehungsanstalt. Beim seinem Strafmaß wurden auch zwei weitere Straftaten berücksichtigt. Damit geht die Richterin über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus, die zuletzt ihre Strafforderung abmilderte und statt Körperverletzung mit Todesfolge nur noch gefährliche Körperverletzung forderte. Schmidt betonte: "Den Angeklagten war es möglich, den Tod vorherzusehen."

Die Strafen wurden nicht zur Bewährung ausgesetzt, teilte das Landgericht mit. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Während der Urteilsverkündung kam es im Gerichtssaal zu tumultartigen Szenen. Familienangehörige des Opfers warfen Tische und Bänke um und beschimpften die Richterin. Beamte konnten sie gewaltsam daran hindern, auf die beiden Angeklagten loszugehen.

Haben sich die Angeklagten geäußert?

Der 17-jährige Angeklagte entschuldigte sich, wie auch schon zu Prozessbeginn, bei der Familie für den "Unfall". Er habe selbst im Alter von elf Jahren seinen Bruder verloren. Anschließend sei er auf der Flucht vor Gewalt und in Todesangst gewesen. Er könne nachvollziehen, wie es für die Familie sei, jemanden aus ihrer Mitte zu verlieren. "Wenn ich könnte, würde ich es ungeschehen machen", sagte er auf Deutsch. Er wünsche der Familie Kraft.

Der ältere Angeklagte war nach der Aussage seines Anwalts so niedergeschlagen, dass er sich nicht in der Lage sah, ein abschließendes Wort zu sagen.

Wer sind die Angeklagten?

Laut eines bei dem Prozess befragten Sachverständigen sollen die beiden aus Afghanistan stammenden Jugendlichen vor den Taliban aus Afghanistan geflohen sein. Sie seien als unbegleitete Minderjährige nach Deutschland gekommen. Familienangehörige sollen inzwischen im Irak leben. Der Bruder des 17-jährigen sei im Krieg umgekommen. Der Angeklagte habe keine Schule besuchen können. Der jetzt 19-Jährige Angeklagte sei in Pakistan geboren, habe aber in Afghanistan gelebt.

Der Jüngere von beiden hat eine gültige Aufenthaltserlaubnis. Der Ältere sollte abgeschoben werden. Das teilte Innenminister Holger Stahlknecht auf einer Pressekonferenz im September 2018 mit. Die Ausländerbehörde habe im April 2018 bei der Staatsanwaltschaft die Abschiebung des Älteren beantragt. Diese sei abgelehnt worden, weil gegen den jungen Mann unter anderem ein Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung anhängig gewesen sei. Ende August habe der Landkreis Anhalt-Bitterfeld einen weiteren Antrag auf Abschiebung gestellt, den die Staatsanwaltschaft wenige Tage vor dem aktuellen Fall genehmigt habe.

Zu Beginn der Ermittlungen wurde das Alter der Verdächtigen noch mit 18 und 20 angegeben. Ein Sprecher des Landgerichts sagte MDR SACHSEN-ANHALT, das Alter der Angeklagten sei im Laufe des Prozesses überprüft worden. "Der Jüngere bleibt der Jüngere und der Ältere der Ältere."

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Kerzen stehen am Karlsplatz in Köthen, wo ein 22-Jähriger in der Nacht zum 9. September 2018 ums Leben gekommen ist.
Bildrechte: MDR/Martin Paul

Quelle: MDR,dpa,epd/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – das Radio wie wir | 17. Mai 2019 | 08:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Mai 2019, 16:10 Uhr

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39 Kommentare

21.05.2019 03:01 Olaf Olsen 39

@ augu 31

"die Herzinsuffizienz als wahrscheinliche Todesursache spielt bei der Urteilsfindung dann eine große Rolle, wenn die Tatausführung nicht ein brutaler,harter Schlag, sondern nur ein Zurückschubsen war"

Jetzt ist es plötzlich nur noch ein sanftes Zurückschubsen ... was bei Dim Mak ggf. ausreichend.
Aber hat das Gericht nicht Schlag bestätigt?

Herzstillstand durch Schlag auf den Brustkorb! Und damit setzten die Täter die Kausalkette!

Und jede Grenze zu einer fahrlässigen Tötung endet als der am Boden liegende getreten wurde.
Da mag Gutmensch noch so sehr daraf bestehen, dass nur ein völliges Zertrümmern des Schädels durch Tritte den Tätern anzurechnen sei.

21.05.2019 02:44 Olaf Olsen 38

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT Danke. Es klingt in der Volksstimme wie die Begründung für die Aussage der Richterin, dass das Verhalten der Angeklagten von fehlender Achtung vor dem menschlichen Leben zeuge. Ich werden nachfragen, ob das stimmt.

Fehlender Achtung? Lautes Lachen und Abklatschen ist um Stufen höher!
Das ist ein feiern des "Jagd"- Erfolges; erklärt mir warum ich dies anders sehen sollte.

"Die Angeklagten konnten kurze Zeit später von der Polizei gefasst werden. Auch sie trugen bei der Auseinandersetzung leichte Verletzungen davon, die im Krankenhaus behandelt werden mussten. Dort sollen die Afghanen erstmals vom Tod des Kötheners erfahren und mit lautem Lachen und Abklatschen reagiert haben

19.05.2019 20:01 albi 37

Nicht nur die Achtung vor dem menschlichen Leben fehlt bei diesen verurteilten Tätern, ganz zu schweigen von der Entschuldigung der Täter um die Strafe abzumildern, da die Täter das Urteil regungslos hingenommen haben, was schon auf eine ordentliche Abgebrühtheit der doch sehr jungen Täter deutet.