Wahlplakate im Osternienburger Land
Im Osternienburger Land schwer zu übersehen: Es ist Wahltag. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Kommunalwahlen verschoben Osternienburger Land: Wo (fast) nur Europa zählt

Ganz Sachsen-Anhalt ist am Sonntag zur Europa- und Kommunalwahl aufgerufen. Ganz Sachsen-Anhalt? Nein! In drei Ortschaften im Landkreis Anhalt-Bitterfeld wurden Teile der Kommunalwahl wegen eines unwählbaren Kandidaten auf den 22. September verschoben. Ist die Europawahl allein attraktiv genug, um die Wähler zu den Urnen zu locken? Eine Radtour durchs Osternienburger Land.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Maria Hendrischke, MDR SACHSEN-ANHALT

Wahlplakate im Osternienburger Land
Im Osternienburger Land schwer zu übersehen: Es ist Wahltag. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Die Osternienburger und ich haben etwas gemeinsam. Sie leben in Sachsen-Anhalt – und können an diesem 26. Mai nur an der Europawahl teilnehmen. In Osternienburg im Landkreis Anhalt-Bitterfeld mussten kurz vor dem Wahlsonntag die Kreistags-, Gemeinderats- und Ortschaftsratswahl abgesagt werden. Grund dafür war ein Kandidat, der sich fälschlich zur Wahl hatte aufstellen lassen. Der Fehler war erst kurz vor der Wahl bemerkt worden; die Wahl musste abgesagt werden. Auch ich konnte nur an der Europawahl teilnehmen. Der Grund bei mir: Ich habe erst vor weniger als drei Monaten meinen Hauptwohnsitz in Halle angemeldet – das war zeitlich zu knapp, um noch an der Kommunalwahl teilnehmen zu dürfen.

Statt vier Wahlen findet in Osternienburg also nur eine statt. Reicht die Europawahl aus, um die Menschen zu den Urnen zu locken?

Osternienburg: "nur" Europawahl

Wahllokal Osternienburg Gemeindeamt
Ein Wahllokal in Osternienburg ist im Gemeindeamt untergebracht. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Um das herauszufinden, mache ich mich mit dem Fahrrad vom Bahnhof Köthen aus auf den Weg zum Wahllokal im Gemeindeamt in Osternienburg. Schön asphaltierte Wege, endlose Felder, Sonne, aber angenehm kühl: perfekte Bedingungen zum Radfahren, vom Wind abgesehen.

Vor dem Gemeindeamt parken ein paar Autos. Das sieht vielversprechend aus, finde ich. Tatsächlich seien in der vergangenen 15 Minuten etwa elf Leute gekommen, sagt mir ein Wahlhelfer. Also schon ein kleiner Ansturm, sage ich. Er schüttelt den Kopf. Bisher liege die Wahlbeteiligung bei 15 Prozent, vielleicht 18 Prozent, schätzt er. Zu dem Zeitpunkt ist es allerdings erst etwa 12 Uhr – also noch sechs Stunden bis Wahlschluss.    

Wahlvorsteher: Kein Verständnis, dass Fehler nicht bemerkt wurde

In diesem Moment betritt Wahlvorsteher Horst Gnielka das Gemeindeamt. Auch er bestätigt: "Die Beteiligung ist heute geringer, vielleicht sogar wesentlich geringer, als wenn die Kommunalwahlen gewesen wären." Anteile wie bei der Wahl 2014, wo etwa jeder zweite Wahlberechtigte gewählt habe, würden dieses Jahr nicht erreicht. Für alle sei es überraschend gewesen, dass die Kommunalwahlen so kurzfristig abgesagt worden seien. "Das ist unnormal, das so etwas passiert. Ich habe kein Verständnis für alle, die beteiligt waren, dass das nicht festgestellt wurde."

Die Beteiligung ist heute geringer, vielleicht sogar wesentlich geringer, als wenn die Kommunalwahlen gewesen wären.

Horst Gnielka, Wahlvorsteher Osternienburg
Wahlvorsteher Osternienburg, Horst Gnielka
Der Wahlvorsteher von Osternienburg, Horst Gnielka Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Für Gnielka und die anderen Wahlhelfer bedeutet das Versehen, dass sie zweimal eine Wahl organisieren müssen. Das wiederum stört ihn aber nicht. Im Gegenteil: Es sei in gewisser Weise sogar eine Erleichterung: "Sonst hätten wir alles heute machen müssen und das wäre sehr, sehr aufwändig gewesen" sagt Gnielka. Die Wähler hätten dann auch länger anstehen müssen. Aus der Sicht sei es daher gar nicht ungünstig, dass die Kommunalwahl auf den 22. September verschoben werde. Außerdem gibt es so noch eine zweite Gelegenheit, mit allen Wahlhelfern zusammenzukommen – darauf freue er sich. Die Helfer lachen.

Micheln: "Beteiligung könnte besser sein"

Eingang zum Wahllokal in Micheln
Versteckt in einem Hinterhof: der Eingang zum Wahlraum in Micheln. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Von Osternienburg fahre ich auf direktem Weg weiter nach Micheln. Statt Asphalt heißt es nun fahrradunfreundliches Kopfsteinpflaster. Auch in Micheln findet weder Kreistags- noch Gemeinderatswahl statt – anders als in Osternienburg aber die Ortschaftsratswahl. Und die Europawahl, nicht zu vergessen. Von den Straßenlaternen grüßen zahlreiche Wahlplakate. Übersehen kann man die Wahl in Micheln nur schwer. Nach einer kleinen Odyssee finde ich das Wahllokal. Es ist im Gemeindebüro untergebracht, das sich aber von einem gewöhnlichen Wohnhaus kaum unterscheidet. Der Eingang liegt im Hinterhof.

Wahllokal in Micheln, das Gemeindebüro
Im Wahllokal von Micheln Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Trotz der zumindest für Ortsfremde gut versteckten Lage der kleine Wahlraum gut gefüllt. Aber: "Die Beteiligung könnte besser sein", sagt Wahlvorsteher Dieter Streuber. Ein Sechstel der Wahlberechtigten –  also etwa 17 Prozent – seien da. Es ist etwa 13 Uhr. Er weiß jedoch nicht, ob die Beteiligung höher ausgefallen wäre, wenn auch Kreistags- und Gemeinderatswahl stattgefunden hätten. Die Leute, die zum Wählen kommen, wüssten Bescheid, dass nur zwei Wahlen stattfänden. "Sonst würden sie ja nicht kommen."

Gemeindewahlleiterin: Wähler haben Wahlabsage missverstanden

Draußen treffe ich zufällig noch die Frau des Wahlvorstehers, Jeanette Streuber – die zudem Gemeindewahlleiterin ist. Sie ist gerade selbst auf dem Weg zur Wahl. Ihr ist es wichtig, Wählen zu gehen, weil es sich dabei um ein hart erkämpftes Bürgerrecht handele und ein Ausdruck der Demokratie sei. "Wenn man sich in der Welt umguckt, wenn man sich unsere deutsche Geschichte anguckt: In Diktaturen war das nicht möglich. Unsere eigene Diktatur hier im Osten ist noch nicht so lange her."

Streuber hat als Gemeindewahlleiterin mit als Erste davon erfahren, dass Kommunalwahlen im Osternienburger Land verschoben werden müssen. "Für mich persönlich war es also keine Überraschung – für alle anderen sicher schon." Könnte es sein, dass sich deshalb im Osternienburger Land nun weniger Menschen an der Wahl beteiligten?

'Wahlen sind abgesagt', das hat sich jeder gemerkt. Aber der Rest ist oft nicht so deutlich geworden für die Wähler.

Jeanette Streuber, Gemeindewahlleiterin Osternienburger Land
Ausgang der Gemeindewahlleiterin zur Nachwahl im Osternienburger Land in Wulfen
Die Gemeindewahlleiterin hat über die ausfallenden – und die stattfindenden – Kommunalwahlen informiert. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Streuber überlegt, bevor sie antwortet. "Das Problem ist die Berichterstattung", sagt sie schließlich. Zu Anfang sei wenig unterschieden worden, welche Wahlen genau abgesagt seien. Es habe geheißen: "Die Kommunalwahlen sind abgesagt. Das hat viele Menschen dazu veranlasst, ihre Wahlbenachrichtigungskarten zu schreddern oder die Briefwahlunterlagen zu vernichten. Das ist ein bisschen schade." Bei den Menschen sei durch die Berichterstattung eine verkürzte Botschaft angekommen: "'Wahlen sind abgesagt', das hat sich jeder gemerkt. Aber der Rest ist oft nicht so deutlich geworden für die Wähler."

Die Gemeindewahlleitung hat daraufhin noch eine zweite Pressemitteilung verschickt und im Internet informiert. Streuber ist aber trotzdem skeptisch. "So ganz deutlich wurde es nicht für jeden. Von daher sind wir mal gespannt, wie die Wahlbeteiligung ist." Danach werde überlegt, wie die Nachwahl am 22. September bekannt gemacht werden solle. Das sei für die, die sich zur Wahl stellten, schließlich sehr wichtig.

Wulfen: "normale Wahlbeteiligung" bis 14 Uhr

Mein letztes Ziel ist Wulfen, weil es von dort eine direkte Zugverbindung zurück nach Halle gibt. Der Radweg von Micheln nach Wulfen ist ein grasüberwachsener Feldweg. In Wulfen sehe ich ausgesprochen wenige Wahlplakate – krasser Kontrast zu Osternienburg und Micheln. Das Wahllokal ist im Hort untergebracht. Obwohl das große Gebäude an sich auffällt, fahre ich erstmal dran vorbei, weil die Wahl-Beschilderung sehr zurückhaltend ist.

Wahllokal in Wolfen, eine Grundschule
Das Wahllokal in Wulfen (Anhalt) im Hort. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Doch entgegen meiner Erwartungen sagen mir die Wahlhelferinnen, dass die Wahlbeteiligung "normal" sei. Etwa 25 Prozent hätten bereits gewählt. Und das genaue Ergebnis wisse man ohnehin erst am Abend. Mittlerweile ist es fast 14 Uhr. Eine Wählerin sagt, dass es ihr wichtig sei, ihre Stimme abzugeben. "Wenn dann später irgendetwas ist, was mir nicht gefällt, kann ich mich nicht dazu äußern, wenn ich meine Stimme nicht abgegeben habe", findet sie. Dass zwei Wahlen ausfielen, sei zwar blöd, aber es habe sie in ihrer Entscheidung, wählen zu gehen, nicht beeinflusst. Selbst die Europawahl allein wäre ihr wichtig genug gewesen.

Wenn dann später irgendetwas ist, was mir nicht gefällt, kann ich mich nicht dazu äußern, wenn ich meine Stimme nicht abgegeben habe.

Wählerin in Wulfen (Anhalt)

Auch im nicht weit vom Osternienburger Land entfernten Susigke bei Aken lag die Wahlbeteiligung schon um 10 Uhr bei etwa 25 Prozent. Dort fiel allerdings "nur" die Kreistagswahl aus. In ganz Sachsen-Anhalt lag die Wahlbeteiligung bis 16 Uhr bei 42 Prozent. Vor fünf Jahren hatte die Beteiligung zum gleichen Zeitpunkt bei gerade einmal 29 Prozent gelegen – und war am Ende des Wahltags bei 43 Prozent gelandet. Viel deutet darauf hin, dass das Osternienburger Land den sachsen-anhaltischen Durchschnitt 2019 nach unten drücken wird.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT - in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

Quelle: MDR/mh

Zuletzt aktualisiert: 26. Mai 2019, 18:41 Uhr

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