Fußgängerzone in Köthen.
Das beschauliche Köthen war am Sonntag Schauplatz einer Demonstration mit Rechtsextremen. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Eine Innensicht Köthen: Puppenstube wird Gruselkabinett

Wird Köthen ein zweites Chemnitz? Eine Stadt, die von Gewalt und Hass durchdrungen ist, wo sich Fremde nicht mehr sicher fühlen können? Nach dem Tod eines 22-Jährigen in Köthen, dem eine Auseinandersetzung mit zwei Afghanen vorausging, wird in der Kleinstadt nahezu exemplarisch deutlich, warum der Zuzug von Flüchtlingen die Gesellschaft spaltet. Ein Besuch.

von André Damm, MDR SACHSEN-ANHALT

Fußgängerzone in Köthen.
Das beschauliche Köthen war am Sonntag Schauplatz einer Demonstration mit Rechtsextremen. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Wer zum ersten Mal nach Köthen kommt, fühlt sich auf merkwürdige Weise beglückt. Die historische Altstadt wirkt einfach nett – mit ihren engen Gassen, den stolzen Markthäusern und der beeindruckenden Jakobskirche. Vor dem Rathaus plätschert ein Wasserspiel. Auf dem Marktplatz verspricht ein Imbiss "geile Burger", die tatsächlich gut schmecken. Eine Altstadt als Puppenstube. Vorigen Sonntag hatte sich diese Puppenstube in ein Gruselkabinett verwandelt.

Auf der Bärteichpromenade, die die Köthener Altstadt umschließt, hatten sich mehr als 2.500 Menschen versammelt, um den verstorbenen 22-Jährigen zu betrauern. Doch wer in ihre Gesichter sah, erkannte nicht nur Trauer, sondern Wut, Hass, Rachegelüste. Denn der Marsch wurde von hunderten grimmigen Gestalten geprägt, die martialisch auftraten und kampfbereit wirkten: Rechtsextreme, Schläger, Hooligans. Solchen Typen will man nicht auf der Straße begegnen. Trotzdem liefen einige Familien mit Kindern mit, auch junge Frauen und Ehepaare im gesetzten Alter. Sie wirkten fremd bei dem sogenannten Trauermarsch, dennoch wollten sie dabei sein.

Menschen gehen in einem Trauerzug durch die Innenstadt von Köthen
Am Sonntag zogen Normalbürger und Rechtsextreme durch die Straßen von Köthen. Bildrechte: dpa

Es blieb friedlich, aber es wurde verbal gezündelt. Von einem Rassenkrieg war die Rede. Der Tod des jungen Kötheners müsse gerächt werden, Zahn um Zahn, Aug um Aug. Hitler-Gruß, verbotene Kennzeichen – das volle Programm. Europaweit wurde über Köthen berichtet. Und viele fühlten ihre Klischees bestätigt: Im Osten leben die Glatzen und Ausländerhasser. 

Chemnitz, Köthen, Dunkeldeutschland

Als ich an einem normalen Wochentag nach Köthen komme, sind auf den Straßen keine Männer zu sehen, die wie Rechtsextreme aussehen. Weder in der Altstadt noch am Stadtrand. Ich spreche insgesamt drei junge Männer an, die kahl geschorene Köpfe haben. Alle wirken überrascht, dass sie für Neonazis gehalten werden. Einer fragt zurück. "Wie kommen Sie darauf? Ich bin Krankenpfleger." Ich zeige auf seine auffällige Tätowierung an der Hand, die Schriftzüge erinnern an Runen. "Eine Jugendsünde", entgegnet er. Mit Rechten habe er nichts zu tun. Außerdem gebe es nicht viele davon in Köthen.

Solche Meinungen werde ich noch häufig hören. Zuvor hatte Innenminister Stahlknecht die meisten Rechtsextremen vom Köthener Trauermarsch als angereiste Gewalttouristen bezeichnet. 

Misstrauen gegenüber Flüchtlingen

Dass es kaum Rechtsextreme in Köthen zu geben scheint, bedeutet aber nicht, dass die Einwohner den Fremden aufgeschlossen gegenüberstehen. Ich treffe vor dem Tierpark eine nette Frau um die 60, die gerade mit dem Fahrrad unterwegs ist. Sie erzählt, dass sie Angst vor Gewalt hat, vor dem braunen Spuk. Nazi-Parolen findet sie schrecklich.

Der Marktplatz und die St. Jakobskirche in Köthen.
Einige Einwohner von Köthen sind gegenüber Flüchtlingen misstrauisch, die aus ihrer Sicht im Stadtzentrum "herumlungern". Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Aber sie hat auch Angst vor den Flüchtlingen. "Die lungern den ganzen Tag im Stadtzentrum herum: vor der Sparkasse, am Marktplatz. Das ist auch so ein hitziges Volk. Da kann immer etwas passieren." Ihr Mann sei Taxifahrer in Köthen, er werde sich jetzt eine Schreckschusspistole zulegen. Seine Kollegen hätten schon eine. Persönlich hat die Frau noch keine Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht, weder schlechte noch gute.

"Wer kriminell wird, muss sofort abgeschoben werden"

Ich fahre in ein schönes Köthener Wohnviertel. Am Quellteich im Ortsteil Geuz hat jedes Grundstück einen Zaun, es gibt elektrische Rollläden und Garagentore. Eine junge Frau stellt ihr Auto ab. Sie schüttelt unwirsch den Kopf, als ich frage, wie sich Köthen in den vergangenen Tagen verändert hat. "Ich habe Angst um mein Kind. Ich fahre es jetzt mit dem Auto zur Schule, hole es ab, fahre es dann zum Sport, hole es wieder ab. Ich kann es jetzt nicht allein in die Stadt gehen lassen."

Wohnsiedlung Geuz in Köthen.
Das Köthener Wohnviertel am Quellteich im Ortsteil Geuz Bildrechte: MDR/André Damm

Die junge Frau wirkt frustriert. Sie sagt, dass sie nichts von Rechtsextremen hält, aber auch nicht von Flüchtlingen, die sich alles herausnehmen. "Wer kriminell wird, muss sofort abgeschoben werden. Sofort. Nur dann herrscht wieder Ruhe. So kann es jedenfalls nicht weitergehen. Die Flüchtlinge haben überhaupt keinen Respekt vor der Polizei." Mit Rechtsextremen verbindet sie nichts. Sie glaubt, dass  es weniger Rechtsextreme geben würde, wenn die Zahl der Flüchtlinge zurückgeht.

Gesetze in Deutschland "zu lasch"

Auf dem Weg zum Köthener Plattenbauviertel "Rüsternbreite" mache ich an einem Supermarkt Halt. Draußen vor dem Bäcker sitzen drei Leute an einem einfachen Holztisch. Wie sich schnell herausstellt: Vater, Mutter und erwachsener Sohn. Die Eltern helfen ihrem Sohn gerade beim Hausrenovieren. Die Mutter hat noch weiße Farbe im Gesicht, doch jetzt wird erst einmal Kaffee und Cola getrunken. "Allein würde ich nicht in die Stadt gehen", sagt die Frau, "wegen der Ausländer. Und weil man vieles so hört."

Frau aus Syrien vor einem Haus in Köthen
Menschen wie sie haben in Köthen Zuflucht gefunden. Doch die Neuankömmlinge und viele in Köthen finden nicht zueinander. Bildrechte: MDR/André Damm

Auch sie ist noch nicht bedrängt oder belästigt worden, spürt aber – wie viele Einwohner – diese unbewusste Abneigung. Es seien zu viele Flüchtlinge, sagt sie, und dann auch zu viele junge Männer. "Der Fehler wurde 2015 gemacht, als Merkel alle ins Land geholt hat. Das kann sie nicht mehr stoppen." Ihr Mann trinkt seinen Kaffee und nickt. Er ist der Diplomat in der Familie. Trotzdem sagt er: "Wer von denen irgendwas anstellt, muss raus und zwar sofort." Die Gesetze in Deutschland seien viel zu lasch. 

Köthener und Flüchtlinge haben kaum Kontakt

Das Plattenbaugebiet "Rüsternbreite" entpuppt sich auf dem ersten Blick als unerwartet farbenfroh. Hier stehen keine grauen Betonblöcke. Die Mehrgeschosser sind alle teilweise saniert, einige sogar mit Fahrstuhl ausgestattet. Ich fahre durch die Karree-Landschaft, steige an einem Bus-Wartehäuschen aus, dessen Glasscheibe zerschlagen ist. Ein junger Mann will nach Hause. Auf die Frage, ob er eine Flüchtlingsfamilie kenne, schüttelt er den Kopf, zeigt aber auf einen Häuserblock. "Da ist alles voll mit Flüchtlingen."

Auch in seinem Eingang wohnen Fremde, aber mit denen gibt es keinen Kontakt. "Ich will nichts mit denen zu tun haben. Die sind mir unheimlich, ich weiß nicht, wie die ticken. Ob die plötzlich das Messer ziehen." Gesprochen hat er mit seinen Nachbarn aus dem Ausland noch nicht. 

Auch Geflüchteter fordert schnelle Abschiebung Krimineller

Ein rumänischer Junge zeigt mir, wo eine arabische Familie wohnt. Eine junge Frau mit Kopftuch öffnet die Tür, lächelt und sagt freundlich immer "Ja". Sie kommt aus Syrien, versteht kaum ein Wort Deutsch, ruft aber mit ihrem Smartphone jemanden an, der sich verständigen kann. Ihn treffe ich zwei Stunden später im Stadtzentrum. Er heißt Akram, ist 36 und kommt mit seiner schwangeren Frau. Er lebt seit zwei Jahren in Köthen, lässt sich zum Erzieher ausbilden und spricht gut Deutsch.

"Diese Scheißkerle", sagt er und meint die beiden Afghanen, die seit dem Tod des 22-jährigen Kötheners wegen Verdacht auf Körperverletzung mit Todesfolge in Untersuchungshaft sitzen. "Die machen alles kaputt." Danach erzählt er über junge heranwachsende Flüchtlinge, die denken, dass in Deutschland alles erlaubt sei. "Sie arbeiten nicht, vergeuden ihre Zeit und machen Mist. Sind immer hinter Frauen her. Um diese jungen Männer müsste man sich viel länger kümmern." Dass diese jungen Erwachsenen auch oft zum Messer greifen, wundert Akram nicht. "Viele Flüchtlinge kommen aus  Kriegsgebieten, die haben keine Hemmungen." Akram, der Flüchtling, plädiert dafür, kriminelle Flüchtlinge abzuschieben. 

Alle Ausländer in einen Topf geworfen

Eine ukrainische Studentin in Köthen kocht.
Eine ukrainische Studentin in Köthen. Bildrechte: MDR/André Damm

Zu Köthen gehört natürlich auch die Hochschule Anhalt, die besonders bei ausländischen Studenten einen guten Ruf genießt. Im elfstöckigen Studentenwohnheim lockt mich der Geruch von Eiern und Speck an. Eine blonde Frau steht in der Küche, in der Pfanne brutzelt es. Sie kommt aus der Ukraine und studiert in Köthen Ernährungswissenschaften. "Ich sehe deutsch aus. Ich muss keine Angst vor Neonazis haben. Aber mein Freund ist Inder. Er geht in diesen Tagen nicht mehr als nötig auf die Straße."

Seit März ist das Paar in Köthen, eigentlich fühlt es sich wohl in der Kleinstadt. Bisher jedenfalls. Nie sei man angefeindet worden. 

Ein indischer Student in Köthen.
Der Freund der Studentin ist aus Indien. Er traut sich wegen seines ausländischen Aussehens kaum noch auf die Straße. Bildrechte: MDR/André Damm

Auf dem Flur stoße ich auf zwei Marokkaner. Zwei Studenten mit aufgeweckten Augen, die aber trotzdem wütend sind. Wütend auf einige Flüchtlinge. "Wir kommen nach Köthen, um zu studieren. Wir können gut Deutsch sprechen, strengen uns beim Lernen an, sind gute Jungs. Und manche Flüchtlinge machen durch Straftaten alles zunichte. Denn am Ende heißt es immer: ‚Das waren wieder die Ausländer.‘" Beide bemängeln, dass alle Fremden in einen Topf geworfen würden. Trotzdem verstecken sich die beiden nicht, gehen weiter auf die Straße, in die Innenstadt. "Wir haben doch nichts getan!"

Vorurteile über Ostdeutschland bestätigt

Vor dem Köthener Schloss, der einstigen Heimstätte des Großkomponisten Johann Sebastian Bach, steht ein Reisebus mit bayrischem Kennzeichen. Der Busunternehmer sitzt auf einer Parkbank und wartet auf seine Fahrgäste. "Das war schon hart hier", berichtet er über seine Eindrücke. Zuerst in Köthen, dann in Halle kam die Reisegesellschaft unfreiwillig mit Demonstrationen der Rechtsextremen in Berührung. "Ich glaube, mehr als die Hälfte der Touristen hätte auf die Reise verzichtet, wenn sie gewusst hätte, was sie hier erwartet."

Seine Vorurteile von Ostdeutschland hätten sich mal wieder bestätigt, findet der Reiseveranstalter. "Statt Bach und Händel haben wir alle Facetten der Flüchtlingskrise erlebt."

MDR-Reporter André Damm
Bildrechte: André Damm

Über den Autor André Damm, geboren und aufgewachsen in der Lutherstadt Wittenberg, arbeitet seit 1998 für MDR Sachsen-Anhalt. Mit Vorliebe widmet er sich Themen aus Politik, Wirtschaft und Kirche. Im Einsatz ist er vor allem in der Region Anhalt und Wittenberg, hauptsächlich für den Hörfunk, aber auch für Online und Fernsehen. André Damm hat 1990 bei der Mitteldeutschen Zeitung volontiert, danach an der Universität Leipzig Journalistik und Politikwissenschaften studiert. Seine ersten Radioerfahrungen machte er ab 1994 als Berichterstatter für MDR Radio-Sachsen in Leipzig und Görlitz; regelmäßig arbeitet er noch für MDR-Aktuell als Autor, Redakteur und Moderator.

Der begeisterte Schach-und Tischtennisspieler lebt in Bad Schmiedeberg, tummelt sich viel in der Dübener Heide und natürlich in Wittenberg. Gern reist er auch nach Tangermünde, Wernigerode und nach Wörlitz – ein Höhepunkt ist immer wieder ein Besuch des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 13. September 2018 | 08:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2018, 12:56 Uhr

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22 Kommentare

15.09.2018 13:22 Eulenspiegel 22

„Auch in seinem Eingang wohnen Fremde, aber mit denen gibt es keinen Kontakt. "Ich will nichts mit denen zu tun haben. Die sind mir unheimlich, ich weiß nicht, wie die ticken. Ob die plötzlich das Messer ziehen." Gesprochen hat er mit seinen Nachbarn aus dem Ausland noch nicht.“ 
Also ich denke genau das ist das Problem in Köthen. Man begegnet sich im Treppenhaus kein „guten Tag“ und kein Lächeln. Also ich habe für ein Lächeln und ein guten Tag noch nirgends wo ein Messer im Rücken bekommen. So man kann den Bürgern in Köthen nur sagen: Ihr macht eure Zukunft selber. Wenn ihr Angst haben wollt dann habt Angst. Wenn ihr aber keine Angst haben wollt dann versucht mal den Neuankömmlingen mal ein freundliches guten Tag zu gönnen.

14.09.2018 23:02 Eulenspiegel 21

Eigentlich schade. Da gibt es die altansässigen Bürger von Köthen und dann gibt es die nicht Deutschen Einwohner. Und sie kennen sich nicht ein mal. Und das in so einem kleinen idyllischen Ort. Da gibt es Angst und Misstrauen. Also schon ein freundliches „guten Tag“ kann da Wunder bewirken. Man lebt doch in einen so schönen kleinen Ort zusammen. Da kann man sich doch nicht ständig aus den Weg gehen.
Also ich denke Köthen hätte gute Chancen ein positives Gegenbeispiel zu Chemnitz zu werden. Da braucht es am Anfang nur hier und da ein freundliches Lächeln und ein guten Tag. Das weitere wird sich dann ergeben.

14.09.2018 16:35 ErebMacar 20

@Peter Vogel (#8):
>>Wie viele Kinder bekommen die derzeit angekommenen denn so?
Sagen wir nur 3.
Diese 3 bekommen auch 3 sind 9,diese auch 3 macht 27.
In der selben Zeit sieht es bei Deutschen so aus:1 Kind,0,5 und 0,25.<<

Wenn Sie sich jetzt noch ein wenig mit Untersuchungen zu Bevölkerungsentwicklungen beschäftigt hätten, wüssten Sie auch, dass die Kinderzahl sehr stark mit den Lebensverhältnissen korreliert. Familien in Industrieländern haben fast immer nur wenige Kinder, während in Entwicklungsländern viele Kinder die Regel sind. Bei Einwanderern in Industrieländer passt sich das üblicherweise nach ein oder zwei Generationen an.

Ansonsten hilft vermutlich nur eines: Ficken für Deutschland! ;-)