Sommerreise durch Sachsen-Anhalt Von Diebzig noch viel weiter: Wie Kunst ein Dorf neu beleben soll

Tag 4 auf der Sommerreise von MDR SACHSEN-ANHALT: Von Osterburg ging's für die Reporter Florian Leue und Luca Deutschländer am Donnerstag nach Diebzig. Die kleine Ortschaft im Landkreis Anhalt-Bitterfeld hat Großes vor: In Zukunft soll sich hier vieles um Kunst und Kultur drehen.

von Luca Deutschländer und Florian Leue, MDR SACHSEN-ANHALT

Sommerreise in Diebzig (Landkreis Anhalt-Bitterfeld)
Der Dorfmittelpunkt: 236 Menschen leben in Diebzig im Landkreis Anhalt-Bitterfeld. Zu Veranstaltungen treffen sie sich gern auf dem Dorfplatz. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Diebzig und die Kunst – das ist eine Geschichte, die so richtig erst vor vier, fünf Jahren begonnen hat. So erzählt es die Illustratorin und Künstlerin Alexa Sabarth, die mit ihrer Familie seit mehr als zehn Jahren hier wohnt. Um sie soll es aber erst später gehen. Erst einmal soll es um den Hofladen gehen. Den haben hier in Diebzig vor ein paar Jahren Katrin Engelhardt und Arnd Münchow eröffnet – und sich ihren Traum von Hofladen und eigener Akademie für Akrobatik erfüllt.

Seitdem bekommen hier nicht nur Kinder Akrobatik beigebracht. Auch von den anderen Dorfbewohnern wird das Angebot gut angenommen. Drei Mal in der Woche wird hier, im Varieté von Diebzig, Sport gemacht – mit anschließendem Feierabendbier im Hofladen. Fragt man Alexa Sabarth, dann war dieser Hofladen die Initialzündung für das, was nun in Diebzig entstanden ist – und Dörfer über die Diebziger Grenzen hinaus mit Kunst beleben soll.

Zwei Einwohner mehr – jetzt sind es 236

Sommerreise in Diebzig (Landkreis Anhalt-Bitterfeld)
Seit neuestem leben in Diebzig 236 Menschen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Aber der Reihe nach: Das Dorf Diebzig gehört zur Gemeinde Osternienburger Land. Wer ins Dorf fährt, tut das über eine holprige Straße, in der Kopfsteinpflaster auf der einen – und Kies auf der anderen Seite liegen. Eine rucklige Angelegenheit, charakteristisch für viele Dörfer in Sachsen-Anhalt. In Diebzig leben 236 Menschen, vor kurzem erst ist ein junges Paar Anfang 30 dazu gekommen. Die beiden hatten vorher in Halle gelebt. Dann entschieden sie sich für das Landleben.

Es gibt in Diebzig viele Menschen, die das freut – besonders diejenigen, die sich in einem noch jungen Verein engagieren. "Landkunstwerk Mittelelbe" heißt der, gegründet im März 2019. Vorstandsmitglied Alexa Sabarth und die 13 weiteren Mitglieder wollen mehr Leben in das Dorf bringen. "Kunst ist Kommunikation", sagt Sabarth.

Die Künstlerin hat in ihrem idyllischen Hof Platz genommen. Sie sitzt an einem kleinen Tisch, vor ihr ein Blatt Papier, über ihr ein großer Apfelbaum, der Schatten spendet. Mit einem Bleistift zeichnet Sabarth am Entwurf einer Installation. Mit der will sie sich für ein Kunstprojekt im Norden von Hessen bewerben. Kunstwerke in leerstehenden Gebäuden sollen eine kleine Gemeinde dort wiederbeleben. Schöne Idee, findet Sabarth.

Das Projekt lässt sich nicht 1 zu 1 auf Diebzig übertragen, viel Leerstand gibt es hier nämlich nicht. Aber: "Diebzig", sagt Alexa Sabarth, "hat großes künstlerisches Potenzial." Der Verein "Landkunstwerk" und seine Mitglieder wollen dieses Potenzial fördern. Es gibt in Diebzig einen Maler, eine Goldschmiedin, einen Bildhauer oder eine Floristik-Werkstatt, um nur einige Beispiele zu nennen.

Sommerreise in Diebzig (Landkreis Anhalt-Bitterfeld)
Alexa Sabarth ist Doktorin der Biologie, ursprünglich kommt sie aus dem Weserbergland. Nach einigen Jahren in Braunschweig ging sie nach Diebzig – das ist 13 Jahre her. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Im Moment kommt etwas in Gang, hat Alexa Sabarth beobachtet. Das liegt natürlich auch am neugegründeten Verein, klar. Dessen Vision ist, den ländlichen Raum im Umkreis von Diebzig künstlerisch zu beleben. Dinge voranzubringen – das haben sie sich bei "Landkunstwerk" vorgenommen.

Was bei allem Neuen aber gesagt werden muss: In Diebzig war auch schon vorher einiges los. Ausgestorben, wie so viele Dörfer?! So war das hier nicht. Die Diebziger Buschhasen richten im Ort schon seit 20 Jahren den Karneval aus, Feuerwehr, Jagdgemeinschaft und die anderen Vereine hier laden zu Osterfeuer und Co. ein. In ein paar Tagen ist wieder Oldie Disco in der örtlichen Gaststätte.

Nun aber ist eine neue Facette hinzugekommen.

Eindrücke aus Diebzig

Sommerreise in Diebzig (Landkreis Anhalt-Bitterfeld)
In Diebzig gibt es seit einigen Jahren einen Hofladen. Ein zugezogenes Paar hatte den Hof gekauft und sich einen Traum verwirklicht: Landwirtschaft, Hofladen und Akrobatik-Akademie. Das können in dieser Kombination wohl nur wenige Dörfer vorweisen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Sommerreise in Diebzig (Landkreis Anhalt-Bitterfeld)
In Diebzig gibt es seit einigen Jahren einen Hofladen. Ein zugezogenes Paar hatte den Hof gekauft und sich einen Traum verwirklicht: Landwirtschaft, Hofladen und Akrobatik-Akademie. Das können in dieser Kombination wohl nur wenige Dörfer vorweisen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Sommerreise in Diebzig (Landkreis Anhalt-Bitterfeld)
Wer sich vom Hofladen auf den Weg in Richtung Dorfplatz macht, kommt an Sachsen-Anhalts ältestem Jagdschloss vorbei. Dass hier nun schon länger Baustelle ist, ärgert im Dorf viele. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Sommerreise in Diebzig (Landkreis Anhalt-Bitterfeld)
Auch das ist Diebzig: Natur pur! Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Sommerreise in Diebzig (Landkreis Anhalt-Bitterfeld)
Werner Seidel ist hier der Ortsbürgermeister. Seit zwei Jahren ist er im Amt, im Mai wurde er für fünf weitere Jahre gewählt. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Sommerreise in Diebzig (Landkreis Anhalt-Bitterfeld)
Stolz ist Seidel unter anderem auf die Streuobstwiesen, die die Einwohner im Frühjahr dieses Jahres aufgebaut haben. Später soll hier mal alles blühen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Sommerreise in Diebzig (Landkreis Anhalt-Bitterfeld)
Der Dorfplatz in Diebzig ist der Mittelpunkt des Orts. Hier ist die Gaststätte, hier stehen alte Dorfschule, Kirche und Jagdschloss. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Sommerreise in Diebzig (Landkreis Anhalt-Bitterfeld), Spielplatz
Und: Auch der Spielplatz ist nicht weit. Damit die Kinder im Sommer nicht in der brütenden Sonne spielen müssen, wollen die Diebziger beim Tag des offenen Dorfs im September Spenden beim Kuchenbuffett sammeln. Davon soll dann ein Sonnensegel angeschafft werden. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Sommerreise in Diebzig (Landkreis Anhalt-Bitterfeld)
Ein paar Meter vom Spielplatz entfernt liegt das Gemeindebüro. Dort ist auch das Büro von Werner Seidel untergebracht. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Sommerreise in Diebzig (Landkreis Anhalt-Bitterfeld)
Vor dem Gemeindebüro versammeln sich die Diebziger, wenn mal wieder ein Arbeitseinsatz ansteht. Vor kurzem erst haben sie mit gespendeten Holzstämmen neue Bänke für den Dorfteich gebaut. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Sommerreise in Diebzig (Landkreis Anhalt-Bitterfeld)
Und auch diese Brücke im angrenzenden Wald ist Marke Eigenbau: Weil beim Hochwasser 2013 zwei Brücken weggeschwemmt wurden, haben die Diebziger nun begonnen, provisorische Brücken zu bauen. Die sollen noch dieses Jahr fertig werden und Wanderern ermöglichen, den Bach "Taube" zu überqueren. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Sommerreise in Diebzig (Landkreis Anhalt-Bitterfeld)
Werner Seidel ist der Bauleiter bei diesem Projekt.

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 25.07.2019 | 16:10 Uhr

Quelle: MDR/ld
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
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Ortswechsel. Einige Häuser weiter sitzt Werner Seidel an seinem Schreibtisch. Seidel, ein kleingewachsener Mann mit runder Brille, brennt für Diebzig. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, dauert es nur wenige Minuten. Der Reporter hat noch gar keine Frage gestellt, da erzählt Seidel schon vom letzten Arbeitseinsatz hier, als sie gemeinsam Baumstämme ins Dorf geschleppt und Sitzbänke am Dorfteich gebaut haben. In Eigeninitiative natürlich, die Gemeindekassen sind ja leer.

Sommerreise in Diebzig (Landkreis Anhalt-Bitterfeld)
Neue Bänke am Dorfteich in Diebzig: "Die Dinge selbst anpacken" Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Werner Seidel ist hier der Ortsbürgermeister. Vor zwei Jahren, der alte Ortschaftsrat war gerade zurückgetreten, gründeten ein paar Diebziger die Wählergemeinschaft "Wir für Diebzig", sie wurden der neue Ortschaftsrat. Seidel sagt, dass sie nicht von der Gemeinde "zwangsverwaltet" werden wollten. Bei der Wahl zum Ortsbürgermeister hat er schließlich die meisten Stimmen bekommen. "Wie das passiert ist, weiß ich auch nicht."

Vermutlich liegt es an der Leidenschaft, mit der Seidel ans Werk geht. Wenn er erst einmal begonnen hat, über "sein" Diebzig zu sprechen, ist er so schnell nicht zu bremsen. Seidel hält zwei Kugelschreiber in der Hand, als er von den Folgern des Hochwassers 2013 berichtet. Auch Diebzig war damals in weiten Teilen regelrecht abgesoffen. Einige Zeit später sollten Neubauten per Flächennutzungsplan verboten werden. Zu gefährlich in einem Überflutungsgebiet, hieß es.

Die Diebziger wollten das nicht hinnehmen. "Wir haben drei, vier Baugebiete. Wenn da nicht gebaut werden darf, wäre das Dorf ausgestorben", sagt Werner Seidel, inzwischen hält er drei Kugelschreiber in den Händen.

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Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Mein Rat an die Landesregierung Werner Seidel, Ortsbürgermeister von Diebzig (parteilos, Wählergemeinschaft "Wir für Diebzig"): "Ich wünsche mir, dass in der Kommunalverfassung die Rechte der Ortsbürgermeister und Ortschaftsräte erweitert werden – sodass wir zum Beispiel eigene Finanzen haben. Dass wir nicht überall um Geld betteln und uns anhören müssen: Wir sind verschuldet und in der Haushaltskonsolidierung. Wir sind juristisch der Gemeinde Osternienburg untergeordnet, das ist ja auch richtig und akzeptabel. Wir wollen den Kompromiss und die Zusammenarbeit mit der Verwaltung. Aber: Wir wollen über eigene Mittel mitentscheiden können."

Bei der Kommunalwahl im Mai dieses Jahres wurde Seidel als Diebziger Ortsbürgermeister wiedergewählt. Er bekam 193 Stimmen. Eine sehr ordentliche Bilanz, wenn man bedenkt, dass von den insgesamt 236 Einwohnern in Diebzig um die 20 Kinder sind und noch nicht wählen dürfen.

Es gibt in Sachsen-Anhalt viele Kommunalpolitiker, die sich so leidenschaftlich für ihre Heimat einsetzen, wie Werner Seidel das tut. Über den Ortsbürgermeister wird von manchen nicht ohne Grund anerkennend gesagt, dass er eine "Kanone" sei. Das Besondere in Diebzig: Hier mischt sich das Engagement des Ortsbürgermeisters mit den Ideen engagierter Dorfbewohner. Ideen wie der geplante Tag des offenen Dorfs im September sind die Folge. Da wollen die Diebziger zeigen, was in ihrem Dorf steckt.

Diebzig und der Zusammenhalt

Auch in Diebzig funktioniert vieles über den Zusammenhalt im Dorf. Nicht jeder hier schwärmt zwar so von der Dorfgemeinschaft, wie Werner Seidel das tut. Trotzdem: Wenn irgendwo angepackt oder sauber gemacht werden muss, dann lässt sich ein fester Kern an Diebzigern nicht zwei Mal bitten. Neulich erst waren 40 Leute zum Arbeitseinsatz gekommen, um im angrenzenden Wald eine provisorische Brücke für Wanderer zu bauen. Die alte war beim Hochwasser 2013 weggeschwemmt worden.

Werner Seidel sagt auf die Frage, warum ihm Eigeninitiative so wichtig ist: "Was man selber schafft, das macht man nicht kaputt." Zum Tag des offenen Dorfes dürfen Besucher sich sicher sein: Die Diebziger, sie werden ihr Dorf herausgeputzt haben.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über Luca Deutschländer Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

Florian Leue
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über Florian Leue Florian Leue ist seit März 2018 Teil der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Er kommt gebürtig aus Magdeburg und hat dort an der Hochschule ein Journalistik-Studium absolviert. Nach verschiedenen Jobs und Praktika bei Medienunternehmen zog es ihn für ein medienwissenschaftliches Masterstudium noch einmal an die Uni nach Marburg. Zum MDR ist er dann durch ein Volontariat gekommen. Er findet an Online-Journalismus vor allem spannend, dass dort alle Gewerke zusammenlaufen und Geschichten durch den Mix von Text, Ton und Visuellem ganz neu erzählt werden können.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 25. Juli 2019 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Juli 2019, 19:41 Uhr

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