Der Wolf in Sachsen-Anhalt – zu Besuch bei Jonas Döhring "Wir müssen in den Wolfsbestand eingreifen"

Mit der Zeit haben immer mehr Umweltverbände Mitglieder zu Wolfsbeauftragten oder Botschaftern ernannt. Der NABU zählt dazu, ebenso die Jägerschaft Zerbst. Im fünften und letzten Teil des MDR SACHSEN-ANHALT-Schwerpunkts zum Wolf erzählt Jonas Döhring von seiner Arbeit als ehrenamtlicher Wolfsbeauftragter der Jägerschaft Zerbst – und sagt, warum er es für nötig hält, einen Teil der wachsenden Wolfspopulation zu schießen.

von Luca Deutschländer, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein junger Mann mit kariertem Hemd sitzt an einem Tisch vor Unterlagen und blickt in die Kamera.
Jonas Döhring ist 22 Jahre alt und ehrenamtlicher Wolfsbeauftragter der Jägerschaft Zerbst. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

An seine erste Begegnung mit dem Wolf kann sich Jonas Döhring noch genau erinnern. Es war ein frostiger Sonntag im Dezember 2013, als Döhring mit einem Bekannten im Jagdrevier Lietzo unterwegs war. Revierkontrolle. Mit dem Auto fuhren sie gegen 11 Uhr am Vormittag über einen holprigen Feldweg, als sie rechts am Wegesrand einen Wolf spazieren sahen. Langsam fuhren sie hinterher, ehe der Wolf nach ein paar Hundert Metern im Wald verschwand. Die Erinnerung hat sich ins Gedächtnis gebrannt.

Ein junger Mann zeigt auf einen Feldweg, daneben einige Bäume
An dieser Stelle, nicht weit von zu Hause entfernt, ist Jonas Döhring 2013 zum ersten Mal einem Wolf begegnet. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Jetzt, viereinhalb Jahre später, blickt Jonas Döhring auf mehrere Begegnungen mit dem Wolf zurück. Und: Er hat sich intensiv mit der Rückkehr des Wolfs nach Sachsen-Anhalt beschäftigt. Der 22-Jährige spricht mit Landwirten, Jägern, Menschen aus dem Dorf – und mit Schülern, vor denen er Vorträge über den Wolf hält. Jonas Döhring ist Wolfsbeauftragter der Jägerschaft Zerbst. Als solcher hört er regelmäßig die Sorgen von Anwohnern – deren Angst, abends im Wald joggen zu gehen. "Wenn man hier im Dorf fragt, was die Leute vom Wolf halten, werden die meisten Antworten nicht unbedingt positiv sein", sagt er, als er mit dem silbernen Geländewagen durch das Zerbster Umland fährt. Jonas Döhring macht all das ehrenamtlich, neben seinem Studium in Halle, seinem Hobby als Imker und der Arbeit in der elterlichen Landwirtschaft.

Seit eineinhalb Jahren für den Großraum Zerbst zuständig Jonas Döhring ist seit Herbst 2016 ehrenamtlicher Wolfsbeauftragter der Jägerschaft Zerbst. Anfang 2017 wurde er den etwa 240 Jägern offiziell vorgestellt. Seitdem sammelt er Hinweise zu Wolfssichtungen, hält Vorträge, klärt über die Gefahren des Wolfs und die Konflikte in Sachsen-Anhalt auf. Weil das Land nach seinen Worten so gut wie keine Informationsmaterialien bereitstellt, greift Döhring auf eigenes Material und das des NABU zurück.

Ein eigenes, lokales Wolfsmonitoring

In Sachsen-Anhalt gibt es seit etwas mehr als einem Jahr das sogenannte Wolfskompetenzzentrum. Es wurde als zentrale Stelle des Landes angelegt, bei der alle Informationen über Wolfsrudel im Land zusammenfließen und ausgewertet werden sollen. Döhring nennt dieses Wolfskompetenzzentrum einen "ersten Schritt". Er macht aber zugleich deutlich, dass ihm die Zusammenarbeit mit Leuten "an der Basis", wie er das nennt, noch lange nicht ausreicht. Deutlich, sagt er, werde das beim sogenannten Monitoring. Darin werden Hinweise rund um Wolfssichtungen und Spuren erfasst, die Informationen fließen einmal im Jahr in einen Monitoringbericht. Daraus kann man ablesen, wie viele Wölfe im Land leben. Mit Stand 30. April 2017 waren das laut Bericht mindestens 80 – in mindestens 11 Rudeln.

Auch Jonas Döhring hat seine Hinweise erst kürzlich an das Wolfskompetenzzentrum geschickt, etwas mehr als 20 an der Zahl. Jetzt hofft er, dass sie im nächsten Monitoringbericht mit veröffentlicht werden. Seine Hinweise kommen "von der Basis": von Jägern, von Landwirten, teilweise auch von Privatpersonen. "Wir verlassen uns auf Hinweise von Menschen, die regelmäßig mit dem Wolf zu tun haben", sagt er. Mit Informationen wie diesen erstellt Döhring seit ziemlich genau einem Jahr sein eigenes lokales Monitoring. Er hat Beobachtungsbögen vorbereitet, die er in einem schwarzen Aktenordner sammelt. Seit Mai vergangenen Jahres hat er drei angezeigte Fährten, drei Wildtierrisse, zwei Nutztierrisse und sieben Sichtbeobachtungen des Wolfs dokumentiert. Dazu kommen sechs Videosequenzen. Jonas Döhring ist zufrieden mit diesen Zahlen – rechnet aber damit, dass sie im neuen Monitoringbericht des Landes kaum Widerhall finden werden.

Das, sagt er, habe mit den sogenannten SCALP-Kriterien zu tun. Die werden auf europäischer Ebene für Monitoringberichte festgelegt und unterscheiden zwischen drei Arten von Hinweisen: nicht bestätigten Spuren, Hinweisen wie Spuren- oder Losungsfunden und klar dokumentierten Wolfsnachweisen wie DNA-Proben. Letzere und Spuren- und Losungsfunde fließen laut Umweltministerium von Sachsen-Anhalt in den Monitoringbericht ein. "Die Zahlen im Monitoring sind nicht die tatsächlichen Zahlen", ist Jonas Döhring überzeugt. "Es gibt mehr Wölfe, die in Sachsen-Anhalt leben."

Nachfrage im Umweltministerium von Sachsen-Anhalt – eine Sprecherin teilt mit: "Die SCALP-Kriterien dienen dazu, alle (!) eingehenden Hinweise zu prüfen, auf Plausibilität zu prüfen und in die Datenbank aufzunehmen." Weil aber nicht alle Hinweise dieselbe Qualität hätten, würden sie nach Plausibilität gewichtet. Laut Ministerium werden sogenannte C3-Hinweise – solche ohne Beleg also – auch in die Datenbank aufgenommen. Sie werden demnach aber nicht im Monitoringbericht erfasst, um die "Kartendarstellung der Territorien im Landes-Monitoringbericht nicht zu überladen".

Muffelwild auf einer Wiese
Familie Döhring hält neben Galloways, Rindern und einigen Schafen auch Muffelwild. Die Herde wird von einem etwa zwei Meter hohen Zaun mit Untergrabeschutz gesichert. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Zehn Prozent des Zuwachses schießen

Es dauert einige Zeit, ehe das Gespräch jetzt auf das Thema Abschuss kommt. Ein sensibles Thema. Jonas Döhring weiß natürlich, dass der Wolf auf Grundlage der europäischen Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Richtlinie streng geschützt ist. Das Umweltministerium verweist immer wieder darauf, wenn jemand auch nur das Wort Abschuss in den Mund nimmt – auch, weil der Wolfsbestand nach Angaben einer Sprecherin noch in keinem guten Erhaltungszustand ist. Döhring allerdings ist der Meinung, dass die Schutzregelung veraltet ist und an der Realität vorbeigeht. "In meinen Augen ist der Wolf in Deutschland nicht mehr gefährdet." Zu stark habe er sich allein in Sachsen-Anhalt in den vergangenen zehn Jahren ausgebreitet. Döhrings Vorschlag: das Wachstum der Population bremsen, ohne sie dabei zu gefährden. In Zahlen könnte das seiner Meinung nach bedeuten: zehn Prozent des jährlichen Zuwachses schießen. "Dann können wir schauen, wie sich die Population entwickelt."

Er verweist auf das Beispiel Schweden. Dort würden längst nicht mehr nur "Problemwölfe" geschossen. Behörden haben Wölfe zum Abschuss freigegeben, um den Gesamtbestand zu reduzieren. Allerdings läuft deshalb ein Verfahren gegen Schweden. Seit Jahren schon geht das Land in dieser Frage auf Konfrontationskurs mit der Europäischen Kommission.

 

Karte und Übersicht der Wolfsrudel in Sachsen-Anhalt
Im Wolfskompetenzzentrum in Iden werden derzeit elf Wolfsrudel beobachtet. Die Länderkürzel in Klammern zeigen, welches Bundesland für die Beobachtung des Rudels zuständig ist. Bei zwei aufgeführten Ländern ist das erstgenannte verantwortlich. Bildrechte: Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt | MDR/Max Schörm

Die Sorge mit der Artenvielfalt

Jonas Döhring spricht jetzt über die Artenvielfalt in heimischen Gefilden. Raubwild werde nicht gleich wie Raubwild behandelt, findet er. "Auf der einen Seite schützen wir einen Großräuber wie den Wolf streng, obwohl er die Artenvielfalt durch einseitigen Artenschutz zu gefährden droht", klagt der 22-Jährige. Fuchs und Dachs dagegen würden zu Recht bejagt, weil das einen Beitrag zur Artenvielfalt leiste. Vom Umweltministerium heißt es dazu, die Rückkehr des Wolfs führe zu einer Verbesserung der Artenvielfalt – und trage zum ökologischen Gleichgewicht bei. "Der Wolf hat keine existenzbedrohenden Auswirkungen auf Rot- und Damwild-Bestände", teilt eine Sprecherin des Ministeriums mit.

Porträtaufnahme eines jungen Mannes, dunkle Haare, schwarze Brille und kariertes Hemd, der vor einer weißen Wand steht und lächelt
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Wenn wir wollen, dass der Wolf als einheimische Art akzeptiert wird, müssen wir ihn auch so behandeln.

Jonas Döhring, Wolfsbeauftragter der Jägerschaft Zerbst

Wer sich wie Jonas Döhring viel mit dem Wolf beschäftigt, weiß um die besondere Sensibilität des Themas. Und er weiß, dass es mehr Gesprächsrunden braucht. Diskussionen, in denen alle ihren Standpunkt auf den Tisch legen – und dann versuchen, das Beste daraus zu machen. Im Wolfskompetenzzentrum in Iden, hat er beobachtet, haben die fünf Angestellten aber kaum Zeit für die Zusammenarbeit mit der Basis. Er hat schon ein paar Mal den umgekehrten Weg versucht und jetzt den nächsten Schritt gemacht: Erst kürzlich hat sich Jonas Döhring im Wolfskompetenzzentrum in Iden zur "wolfskundigen Person" ausbilden lassen und hilfreiche Tipps mitgenommen, vor allem für die Dokumentation. Er ist damit jetzt vom Land Sachsen-Anhalt als Wolfskundiger anerkannt. Es ist ein erster Schritt.

Mit diesem Bericht endet die MDR SACHSEN-ANHALT-Themenwoche rund um den Wolf.

Alle Berichte zum Nachlesen

Ein Mann steht vor einer grauen Wand.
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Anfang 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – meist in der Online-Redaktion, außerdem für den Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 11.05.2018 | 11:40 Uhr

Quelle: MDR/ld

Zuletzt aktualisiert: 11. Mai 2018, 11:01 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

13 Kommentare

13.05.2018 09:40 Benutzer 13

"zehn Prozent des jährlichen Zuwachses schießen."

müssen wir nicht. Der Wolf war vor uns da.

"Dann können wir schauen, wie sich die Population entwickelt.""

Genau bis er wieder ausgerottet ist. Nicht wahr.

Die einzigen die was gegen den Wolf haben sind Jäger (weil sie um ihre Beute fürchten) und Züchter ala Schafe uswusw.. anstatt mal Geld in die Hand zu nehmen um ihr Vieh zu schützen.

Der Mensch breitet sich immer mehr aus. Und weint dann rum wenn sich die Natur rächt.

12.05.2018 22:40 G. Schmitz an Bingo 12

Es gibt keinerlei Gründe, die Zahl der Wölfe zu reduzieren.
Die AfD missbraucht den Wolf für die Bauernfängerei.

12.05.2018 08:42 Bingo 11

Es wird nicht anders gehen, man müß die Zahl der Wölfe reduzieren, früher oder später.Die AFD hat dies schon in Thüringen ins Gespräch gebrach, was natürlich abgelehnt wurde, da es von der AFD kam. Am Ende, wird man das wieder als eigene Idee verkaufen und eine Reduzierung bzw.den Abschuß beschliesen.

Hintergrund