Tod eines 22-Jährigen aus Köthen Angeklagte wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt

Acht Monate nach dem Tod des Köthener Markus B. ist das Urteil gesprochen worden. Die beiden jetzt 17- und 19-jährigen Angeklagten sind am Landgericht in Dessau wegen Körperverletzung mit Todesfolge nach Jugendstrafrecht verurteilt worden. Der Tod und die sich daran anschließenden teils rechtsextremen Demonstrationen und Proteste sind bundesweit diskutiert worden. Bei der Urteilsverkündung kam es zu tumultartigen Reaktionen der Angehörigen. Die Verkündung musste unterbrochen werden.

Landgericht Dessau-Roßlau: Prozesstag gegen zwei junge Männer nach dem Tod eines 22-Jährigen in Köthen am 14. Mai 2019 mit den Plädoyers
Prozess gegen zwei junge Männer nach dem Tod von Markus B. am Dessauer Landgericht. (Archiv) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Körperverletzung mit Todesfolge – dafür sind zwei Afghanen im Prozess um den Tod des 22-jährigen Markus B. aus Köthen am Freitag schuldig gesprochen worden.

Die beiden Angeklagten sind zu für ein Jahr und fünf Monate und ein Jahr und acht Monate in Jugendhaft verurteilt worden. Beim Strafmaß des Älteren wurden zwei weitere Straftaten berücksichtigt. Der 19-Jährige muss wegen seiner Alkoholsucht in eine Entziehungsanstalt. Die beiden verurteilten Männer sitzen seit rund acht Monaten in Untersuchungshaft, der Haftbefehl gegen sie bleibe aufrecht, so die Richterin.

Die Strafen werden nicht zur Bewährung ausgesetzt, teilte das Landgericht mit. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der Tod sei kein bloßer Unfall gewesen, sondern sei durch die Körperverletzung der Angeklagten fahrlässig verursacht worden, begründete die Vorsitzende Richterin Uda Schmidt die Entscheidung. Damit geht die Richterin über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus, die zuletzt ihre Strafforderung abmilderte und statt Körperverletzung mit Todesfolge nur noch gefährliche Körperverletzung forderte.

Was war laut Urteil geschehen?

Laut Urteil kam an dem Septemberabend der 22-Jährige Markus B. hinzu, weil der ältere Angeklagte mit einem Landsmann heftig darüber gestritten hatte, von wem eine junge Frau schwanger sei. Langsamen Schrittes, betonte Schmidt. Er habe gefragt, was los sei. Der ältere Angeklagte versetzte ihm dann einen starken Stoß gegen den Brustkorb. Der Köthener fiel nach hinten um, ohne sich abzustützen.

Als er am Boden lag, habe der 17-Jährige ihn von oben "stampfend, aber nicht kraftvoll" auf das Gesicht getreten. Der 22-Jährige starb an einem plötzlichen Herztod. Nach Aussagen der Sachverständigen war der junge Mann so schwer krank, dass er jederzeit hätte sterben können, erklärte die Richterin weiter. Der psychische und physische Stress des Angriffs hätte aber schließlich dafür gesorgt, dass das Herz versagte. Schmidt betonte: "Den Angeklagten war es möglich, den Tod vorherzusehen." Das Verhalten der Angeklagten zeuge von fehlender Achtung vor dem menschlichen Leben, so die Richterin. So sollen die Angeklagten, einer Zeugenaussage zufolge, gelacht und abgelatscht haben, als sie von dem Tod des Köthener erfahren hatten.

Die Familie aus Köthen, zwei Brüder, zwei Schwestern und die Mutter, sagten nach dem Urteil, das Strafmaß sei viel zu gering. Mit Gerechtigkeit habe das nichts zu tun. Richterin Schmidt richtete sich an die Familie. Sie wünsche ihr viel Kraft, mit dem Verlust des Sohnes und Bruders umzugehen. "Das Strafmaß wird Ihnen milde vorkommen. Es wird ihn nicht mehr lebendig machen." Es gehe hier aber um die individuelle Schuld. Den beiden 17- und 19-Jährigen gab sie auf, über das Geschehene nachzudenken. "Körperverletzung kann tödlich enden."

Tumultartige Reaktionen im Gericht

Ein MDR-Reporter berichtete von der Urteilsverkündung, dass es zu tumultartigen, sehr emotionalen Reaktionen der Angehörigen des Opfers gekommen sei. Die beiden Brüder seien nach der Urteilsverkündung aufgesprungen, einer warf Tische und Bänke um, beschimpfte die Richterin und wollte auf die beiden Angeklagten losgehen. Sie mussten von mehreren Beamten gebändigt werden.

Die Urteilsverkündung musste unterbrochen werden.

Widersprüchliche Zeugenaussagen

Noch am letzten Verhandlungstag, am vergangenen Dienstag, hatten die Verteidiger der Angeklagten in ihren Plädoyers den Freispruch vom Vorwurf der Körperverletzung mit Todesfolge gefordert. Sie wiesen auf die zum Teil widersprüchlichen Zeugenaussagen hin, vor allem in Bezug auf die Heftigkeit der Schläge. Das Opfer habe keine erheblichen Verletzungen gehabt, das hätten die Sachverständigen deutlich gemacht. Die Verteidiger meinen, man könne die beiden aus Afghanistan stammenden Männer nicht für den Tod den Kötheners verantwortlich machen. Sie hätten nicht mit der Herzerkrankung des 22-Jährigen und den schwerwiegenden Folgen des Angriffs rechnen können.

Die Nebenklage forderte eine Verurteilung wegen Körperverletzung mit Todesfolge, hatte aber keine weiteren Anträge gestellt. Die Mutter des Verstorbenen, zwei Brüder und zwei Schwestern hatten den Prozess seit Anfang Februar im Gerichtssaal als Nebenkläger verfolgt.

Entschuldigung bei der Familie

Der 17-jährige Angeklagte entschuldigte sich am Dienstag in seinem letzten Wort im Prozess bei der Familie für den "Unfall". Er habe selbst im Alter von elf Jahren seinen Bruder verloren. Anschließend sei er auf der Flucht vor Gewalt und in Todesangst gewesen. Er könne nachvollziehen, wie es für die Familie sei, jemanden aus ihrer Mitte zu verlieren. "Wenn ich könnte, würde ich es ungeschehen machen", sagte er auf Deutsch. Er wünsche der Familie Kraft.

Der ältere Angeklagte war nach der Aussage seines Anwalts bei den Plädoyers so niedergeschlagen, dass er sich nicht in der Lage sah, ein abschließendes Wort zu sagen.

Hinweis: In einer ersten Version des Artikels wurde die Einschätzung des MDR-Reporters zum Strafmaß kurz nach der Urteilsverkündung wiedergegeben: "Das sind Strafen im Bewährungsbereich." Das Landgericht teilte später mit: "Die Jugendstrafen wurden nicht zur Bewährung ausgesetzt."

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Kerzen stehen am Karlsplatz in Köthen, wo ein 22-Jähriger in der Nacht zum 9. September 2018 ums Leben gekommen ist.
Bildrechte: MDR/Martin Paul

Quelle: MDR,dpa.epd/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 17. Mai 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Mai 2019, 16:54 Uhr

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270 Kommentare

21.05.2019 14:35 Hubert 270

@266 Querdenker - Ich hoffe, daß ich deinen Beitrag richtig interpretiere.
"Die Abschiebung sollte mit 100 prozentiger Sicherheit dann passieren. Die Begehung von Straftaten darf am Ende nicht vor Abschiebung schützen."

1. Ein Ermittlungsverfahren "schützt" nicht vor Abschiebung, sondern verhindert diese.

2. Bist du der Ansicht, daß ein Ausländer gegen den ein Ermittlungsverfahren wegen einer Straftat eingeleitet wurde abzuschieben sei bevor das Ermittlungsverfahren abgeschlossen werden konnte? - Ein Deutscher und ein Ausländer begehen unabhängig voneinander eine schwere Straftat. Der Deutsche wandert in den Knast, der Ausländer wurde voher abgeschoben und entgeht damit womöglich seiner Strafe.

"Gesundes Volksempfinden" eben... Oder: Prost Mahlzeit.

21.05.2019 13:28 Hubert 269

@267 Orrnee
Du und dein Gesinnungsgenosse Querdenker und auch andere glauben, das Urteil ist von einem linken Volksgerichtshof gefällt worden.

Lies doch mal den Artikel, bevor du deinen Senf dazu schreibst. Darin ist bestens und auch nachvollziehbar beschrieben, warum der Staatsanwalt von der ursprünglichen Anklage abgewichen ist und wie die Richterin zu der Verurteilung wegen Körperverletzung gelangt ist. Oder kannst du nur Artikel auf Bildzeitung-Niveau erfassen?

"Hier wird immer auf dem Herzfehler herumgeritten..." - Der Herzfehler war tödlich, nicht der Tritt. Begreife es.

Im Fall Brunner war es ähnlich. Die Strafe fiel höher aus, allerdings mit anderer Begründung. Als ich damals das Urteil vernahm, war ich ob der Höhe der Strafe überrascht. Ich habe dann, nachdem ich die Begründung gelesen hatte, dem Urteil des Richters angeschlossen.

Man muß den Sachverhalt eben intellektuell erfassen können...

21.05.2019 12:57 Hubert 268

@265 Querdenker
Zitat (s.o.): "Körperverletzung kann tödlich enden." Oder wie bei meinem Beispiel: "Ein Spaß kann tödlich enden." Ich hätte auch auch ohne Herzfehler auf einer Leiter stehen können, wäre gestürzt, der Sturz hätte tödlich geendet.

Der Unterschied in der Beurteilung zwischen dir und mir ist, ich möchte ein juristisch richtiges (gerechtes) Urteil und du ein Urteil nach "gesundes Volksempfinden". Das "gesunde Volksempfinden" möchtest du und dein Völkchen festlegen. Wie wäre es denn, wenn ich und "mein Völkchen" ein Urteil fällen? Rechte Gesinnung eines Straftäters? Rübe ab. - So geht das nicht.

Kannst du dich an den Fall Brunner in der S-Bahnstation in Solln erinnern? An das Geschrei vom moralisch so hochstehenden Hoeneß?
Oder an den Fall Kachelmann und das Geschrei des ebenfalls so moralisch hochstehenden Feminismus-Oberhauptes Alice Schwarzer? Kennst du auch die Folgeurteile?

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