Arzt aus Bitterfeld Hilfe für Indiens Ärmste

Menschen zu helfen, das ist für viele Ärzte nicht nur Beruf sondern Berufung. Einer von ihnen ist der Anästhesist Klaus Schwabe aus Bitterfeld. Er nutzte sogar seinen Urlaub, um kranke Menschen zu versorgen. 25 Jahre lang flog er dazu nach Indien.

Porträtaufnahme von MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Jana Müller
Bildrechte: Jana Müller

von Jana Müller, MDR SACHSEN-ANHALT

Ärzte bei einer Operation
Viele Jahre lang hat Klaus Schwabe gemeinsam mit anderen deutschen Ärzten Arme in Indien operiert. Bildrechte: Klaus Schwabe

Jedes Jahr im Herbst heißt es im indischen Cochin: "The german doctors are coming". Einer dieser deutschen Doktoren ist Klaus Schwabe. Er war viele Jahre lang Chefarzt der Anästhesie im Gesundheitszentrum Bitterfeld-Wolfen und eigentlich nur durch Zufall ins Hilfsteam für Indien gerutscht. "Ich habe noch am evangelischen Krankenhaus in Göttingen gearbeitet, als ein holländischer Kollege dort nach Ärzten für einen Hilfseinsatz in Indien suchte. Als man feststellte, dass man ja auch Anästhesisten brauchen würde, wurde mein Name per Los gezogen." Das war 1990.

Seitdem war Schwabe 25 Mal in Indien, begleitete dort etwa 1.000 Operationen. Er konnte vielen Kindern, Männern und Frauen helfen, die mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, angeborenen Missbildungen an Händen und Füßen oder schlimmen Verbrennungen zu den deutschen Ärzten kamen.

Was sind Lippen-Kiefer-Gaumenspalten?

Die Lippen-Kiefer-Gaumenspalten gehören zu den häufigsten Fehlbildung des Menschen. Unter dem Begriff werden Spaltbildungen der Lippe, des Kiefers und des Gaumens zusammengefasst. Ihre Ursachen sind nicht genau geklärt. Neben Stress, Mangelernährung oder die Einnahme von Genussmitteln und bestimmten Medikamenten scheinen auch genetische Faktoren eine Rolle zu spielen. Umgangssprachlich wird die Lippenspalte oft als Hasenscharte und die Gaumenspalte als Wolfsrachen bezeichnet.

"Wir wurden gebraucht"

Warum es 25 Jahre wurden? "Zum einen, weil man in Indien immer gemerkt hat, dass wir gebraucht werden. Indien ist zwar ein Schwellenland und die Lebenssituation vor Ort verbessert sich zusehends, aber wir haben die Ärmsten der Ärmsten behandelt und die brauchen uns wirklich. Das andere ist, wir machen ja anspruchsvolle Operationen und die werden gerade bei Kindern in mehreren Schritten durchgeführt. Die Kinder werden manchmal zwei- oder dreimal operiert, da ist also Kontinuität erforderlich. Deshalb waren wir natürlich motiviert die Arbeit zu Ende zu führen und nicht halb fertig stehen zu lassen."

Und so habe er in den Jahren einige Kinder groß werden sehen, erzählt Schwabe. Seine Frau Anke wusste er seit 1997 in Indien stets an seiner Seite.

Hilfe für Arme in Indien Schwabe: "Die brauchen uns wirklich"

Ärzte bei einer Operation
Jedes Jahr im Herbst fliegen deutsche Ärzte zu einem Hilfeeinsatz nach Indien. Bildrechte: Klaus Schwabe
Ärzte bei einer Operation
Jedes Jahr im Herbst fliegen deutsche Ärzte zu einem Hilfeeinsatz nach Indien. Bildrechte: Klaus Schwabe
Klaus Schwabe in seinem Büro
In Cochin, im Südwesten des Landes, half auch der Bitterfelder Arzt Klaus Schwabe mehr als 25 Jahre lang. Bildrechte: MDR/Jana Müller
Ärzte bei einer Operation
Der Anästhesist begleitete etwa 1.000 Operationen. So konnte er vielen Kindern und Erwachsenen mit angeborenen Missbildungen helfen. Bildrechte: Klaus Schwabe
Ärzte bei einer Operation
Während seiner Zeit vor Ort wurde dem Arzt bewusst: "Indien ist zwar ein Schwellenland und die Lebenssituation vor Ort verbessert sich zusehends, aber wir haben die Ärmsten der Ärmsten behandelt und die brauchen uns wirklich." Bildrechte: Klaus Schwabe
Ärzte bei einer Operation
Im vergangenen Jahr reiste Schwabe zum letzten Mal nach Indien. Der 67-Jährige "übergibt den Staffelstab" nun an den nächsten Arzt.

Quelle: MDR/sp
Bildrechte: Klaus Schwabe
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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 06. Februar 2019 | 11:40 Uhr

Das Team ist gewachsen

Neben der Anästhesie-Fachschwester sind mittlerweile auch drei weitere Ärzte aus dem Bitterfelder Klinikum im Hilfsteam. Sie alle haben Indien und vor allem die Inder ins Herz geschlossen, sagt Schwabe. "Wir arbeiten ja in einem germano-indischem-Team, dadurch bekommen wir Einblicke, die ein Tourist nie haben wird. Auf der anderen Seite haben wir wohl nicht so viele Sehenswürdigkeiten gesehen, wie ein normaler Tourist. Für uns ist aber die Arbeit mit den Menschen dort viel wertvoller."

Über die Jahre seien Freundschaften entstanden, so der Mediziner weiter. Das Eintauchen in fremde Kulturen hält er für die beste Medizin gegen Vorurteile gegenüber Ausländern.

Organisiert und finanziert werden die Reisen nach Indien von "pro interplast Seligenstadt", einem Verein zur Förderung medizinischer und sozialer Hilfe in Entwicklungsländern. Der Verein sammelt in mühevoller Arbeit Spenden für die Projekte in der ganzen Welt. Unterstützung bekommen die Bitterfelder Ärzte aber auch von ihrem Arbeitgeber, dem Gesundheitszentrum Bitterfeld-Wolfen. Das stellt das Team für eine Woche bei vollen Bezügen frei. Doch dieses Angebot hat Schwabe im Herbst 2018 zum letzten Mal in Anspruch genommen. Er hört auf.

In eine neue Kultur einzutauchen, ist die beste Medizin gegen Vorurteile.

Anästhesist Klaus Schwabe

Die Welt lässt sich nicht verbessern

"Eigentlich habe ich mir vorgenommen, wenn ich im täglichen Leben keine Narkosen mehr mache, werde ich die Risiko-Narkosen, die es dort zuhauf gibt auch nicht mehr machen. Denn ich bin den Patienten ja auch Routine und Qualität schuldig. 65 bin ich vor zwei Jahren geworden, zwei Jahren habe ich schon weitergemacht, auch weil ich mich noch fit gefühlt habe. Aber jetzt habe ich mir gesagt: ‚Jetzt muss der Staffelstab an jemanden übergeben werden, der das tagtäglich macht.‘ Das ist mein Nachfolger Oberarzt Dr. Müller," so der Anästhesist aus Bitterfeld.

Für Müller und alle anderen Ärzte, die im Ausland ehrenamtlich tätig sind, hat Schwabe noch einen Tipp: "Bei den Einsätzen im Ausland geht es nicht darum, die Welt zu verbessern. Die bleibt wie sie ist. Was man anbieten kann, ist, dass man armen Menschen hilft. Und das muss das Ziel sein!"

Porträtaufnahme von MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Jana Müller
Bildrechte: Jana Müller

Zur Autorin Jana Müller, groß geworden in Gräfenhainichen, arbeitet seit 2018 bei MDR SACHSEN-ANHALT im Regionalstudio Dessau. Sie berichtet aus der Region Anhalt und Wittenberg hauptsächlich für den Hörfunk, aber auch für Fernsehen und Online. Schon während ihres Studiums an der Martin-Luther-Universität in Halle machte Jana Müller erste Radio-Erfahrungen bei Radio Brocken und 89.0 RTL, danach zog es sie aber erst einmal zum Fernsehen. Bei den Regionalfernsehsendern in Dessau und Bitterfeld-Wolfen war sie als Redakteurin aber auch als Kamerafrau unterwegs. Zu ihren absoluten Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt zählt der Zschornewitzer See, den sie als Ruderin schon unzählige Male auf und ab gefahren ist.

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Quelle: MDR/sp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 06. Februar 2019 | 11:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2019, 09:11 Uhr

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7 Kommentare

11.02.2019 13:32 Fakt 7

>>Kritiker, #5:
"..warum Indien"<<

Meine Güte.... Vielleicht weil Deutschland nicht der nabel der Welt ist und es auch anderswo Menschen gibt, die Hilfe benötigen. Einfach mal den begrenzten Horizont ablegen und über den Tellerrand hinaus blicken!

11.02.2019 10:13 Dshamilja 6

Vielen Dank für den Bericht. Es ist schön, dass es Menschen gibt, die sich engagieren. Sei es in Deutschland oder irgendwo auf der Welt, sei es als Mediziner für die Ärmsten oder als junger Mensch für Umwelt und Klimaschutz. Das kann doch Hoffnung machen. PS: Man könnte sich den ganzen Tag ärgern, man ist aber nicht verpflichtet dazu.

11.02.2019 08:35 Kritiker 5

Liebe MDR-Redaktion, zu Ihrer Anmerkung, Herr Schwabe steht im Mittelpunkt, bleibt die Frage offen, warum Indien und nicht im eigenen Land Bedürftigen helfen??? Da ist die Organisation Praxis ohne Grenzen weitaus lobenswerter!!!

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT:
Diese Entscheidung liegt allein bei Herrn Schwabe.