Menschen ziehen durch Köthen, erleuchtet durch Pyrotechnik
Dem Aufruf rechter Gruppen zum Trauermarsch durch Köthen waren etwa 2.500 Menschen gefolgt. Bildrechte: MDR/Matthias Strauß

Einschätzung zu Köthen Erst friedlich, dann kippte Stimmung

Rund 2.500 Menschen haben am Sonntagabend in Köthen am Trauermarsch für einen 22-Jährigen teilgenommen. Er war in der Nacht zum Sonntag an "akutem Herzversagen" gestorben. Zuvor war er mit zwei Afghanen aneinandergeraten. Für den Trauermarsch war in der rechten Szene mobilisiert worden. MDR-Politikredakteur Karsten Kiesant war am Sonntagabend in Köthen dabei und ordnet die Geschehnisse ein.

Menschen ziehen durch Köthen, erleuchtet durch Pyrotechnik
Dem Aufruf rechter Gruppen zum Trauermarsch durch Köthen waren etwa 2.500 Menschen gefolgt. Bildrechte: MDR/Matthias Strauß

Die Situation in Köthen wurde spontan von vielen mit der in Chemnitz verglichen. Wie war die Situation vor Ort?

Karsten Kiesant: Auf den ersten Blick sehr gefasst und ruhig. Als sich die Menschen an der Feuerwache in Köthen trafen, habe ich zwei große Gruppen gesehen. Familien aus der Stadt, Nachbarn, die sich begrüßten. Mit Kindern. Einige hatten Blumen dabei. "Normale" Köthener, die aber offensichtlich kein Problem damit hatten, dass zum Trauerzug die Partei "Die Rechte" aufgerufen hatte und zum Beispiel der Bürgermeister der Stadt deshalb von einer Teilnahme abriet. Und es gab eine zweite etwa gleich große Gruppe: Neonazis, Hooligans, martialisch und aggressiv im Auftreten. Deutlich erkennbar an SS-Tattoos auf dem Hals oder für die rechte Szene typische Kleidung auf der zum Beispiel "Division Nordsachsen" zu lesen war. Szenekenner, die das ebenfalls beobachteten, meinten, dass sich das "Who is Who" der rechten Szene in Deutschland da versammelte.

Wie war die Stimmung, während die Menschen dann durch die Straßen gezogen sind?

Als der Zug sich in Bewegung setzte, herrschte Schweigen. In den Gesichtern vieler Köthener war Trauer zu sehen. Frauen hatten sich schwarz gekleidet, wie bei einer Beerdigung. Aber: Es war auch eine angespannte Stimmung, unterdrückte Wut. Vor allem als der Zug am Tatort ankam. Zunächst wurde geschwiegen. Still. Friedlich. Dann kippte die Stimmung.

Warum?

Das war der Augenblick als mitten aus der Menge heraus David Köckert zum Mikrofon griff. Köckert ist Chef des Thüringer Pegida-Ablegers Thügida. Seine Rede war hetzerisch und hatte nichts mehr mit dem traurigen Anlass zu tun. Das ist auch dokumentiert und wird jetzt, wie die Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Ost mitteilte, auf strafrechtliche Relevanz geprüft.

Es war erschreckend, wie leicht er die Menge in seinen Bann gezogen hat. Von Minute zu Minute wurden die Reaktionen der Menge aggressiver. Köckert sprach vom "Rassenkrieg gegen das deutsche Volk". Und lautstark kam zurück: "Widerstand, Widerstand, Widerstand!" In diesem Augenblick wurde – nach meiner Beobachtung – aus den zwei Gruppen eine. Mit einem gemeinsamen Feindbild: Demokratie, System, Lügenpresse, Ausländer und Angela Merkel.     

Ist Köthen ein zweites Chemnitz?

Die Frage ist wohl eher, ob es noch eins werden kann. Die Mobilisierung der rechten Szene hat auch in Köthen sehr schnell funktioniert. Diesmal war nicht "Action" die Botschaft, sondern aggressive "Rhetorik". Aber: Ich sehe aber "Lerneffekte" bei Polizei und Politik. Das Sicherheitskonzept war aus meinem Erleben angemessen. Die Reaktion des Bürgermeisters und des Landrates, bereits am Nachmittag des Opfers zu gedenken und einen Trauergottesdienst anzubieten, war sehr wichtig, um den Menschen das Gefühl zu geben, dass man jetzt zusammenhält.

Inwieweit die Politik etwas aus Chemnitz gelernt hat, werden meines Erachtens erst die nächsten Tage und Wochen zeigen. Denn die Fragen der Menschen bleiben. Ich habe mit einigen Anwohnern in der Straße am Tatort gesprochen und alle lehnen die derzeitige Migrationspolitik ab. Das war massiv. Es wird sich zeigen, wer diesen Menschen jetzt glaubwürdige Gespräche und Antworten anbietet. Die AfD plant am Montagabend bereits eine Veranstaltung auf dem Marktplatz.

Karsten Kiesant
Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Über den Autor Karsten Kiesant wurde in Sachsen geboren und ist in Brandenburg aufgewachsen. Seit 2002 arbeitet er bei MDR SACHSEN-ANHALT in Magdeburg. Heute ist er Ressortleiter Politik für Hörfunk, Fernsehen und Online. Als Reporter und Redakteur hat er für die Frankfurter Rundschau, den NDR und den rbb gearbeitet. Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt haben entweder gutes WLAN oder hören auf die Namen Schierke, Naumburg oder Jerichow.

Quelle: MDR/cw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 10. September 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. September 2018, 12:54 Uhr

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71 Kommentare

11.09.2018 22:59 goffman 71

@ Wo geht es hin? 62: Ich wusste, dass das kommt. Aber hier wird mit zweierlei Maß gemessen! Sobald Migranten kriminell werden sind halbe Städte auf den Straßen am Protestieren. Haben Sie das jemals in dem Maße bei deutschen Tätern erlebt? Wieso wird hier das Vertrauen in Justiz, Politik und Rechtsstaat tangiert? Das ist so absurd. Morde passieren. Leider. Aber das hat nichts mit Migration zu tun. Wieso nehmen sie es hin, das tausende Straftaten täglich von ihren Mitbürgern begangen werden, aber wenn ein Migrant straffällig wird, dann wird nicht nur dieser eine bestraft, da wird gleich, sippenhaftartig gegen alle gehetzt!

Ja, Merkel hat Mist gebaut. Nicht weil sie Flüchtlinge ins Land gelassen hat, sondern weil sie dies viel zu spät und unorganisiert gemacht hat. Sie hätte viel eher einen europäischen Weg zur Aufnahme und Verteilung aushandeln können, anstatt sich auf Dublin auszuruhen.

11.09.2018 22:37 Kritischer Bürger 70

@Stealer 61: Ihre Auffassung das es rechte Strukturen in der DDR gab sollten Sie bitte dann auch beweisen ohne einen Bezug herstellen zu wollen zu der heutigen Zeit im Osten Deutschlands. Gegen den Sozialismus zu agieren bedeutete keine Vertuschung sondern die Stasi hat da keinerlei Kompromisse gemacht! Und rechts wäre damals gegen Sozialismus, was dann passierte ist jedem bekannt der sich mit dem Thema befasst!
Die Unzufriedenheit der Bevölkerung wird sich bei jedem Opfer durch Migrantenhand auf den Strassen vermehren um der Politik zu zeigen wie diese die eigenen Bürger zu schützen gedenkt -um Schaden vom Volke abzuwenden.- Da geht es dann nicht mehr um rechts oder links sondern nur das sich Bürger denen anschließen werden die auch diese oder ähnliche Erwartungen vertreten wie hier die Rechten in Köthen. Köthen selbst als "Zündfunke" geht schon bis Halle und das wird nicht das Letzte sein wenn die Politiker immer weiter durchsetzen wollen das NUR IHRE EIGENE MEINUNG ZU GELTEN HAT!

11.09.2018 22:26 Kritischer Bürger 69

@Fakt 58: (Aus 29)+...Es handelt sich lediglich um einen kleinen Teil der Bevölkerung, eine Minderheit, die über die Politiker empört ist. Das Gros mag zwar das eine oder andere kritisieren,...+
Also logischerweise die Mehrheit nach diesen Ihren Worten ist für die Politiker; nun dann frage ich mich wieso so viele Verluste bei den Stimmen für CDU/CSU & SPD und die meisten davon gehen auf ein entsprechendes anderes "Stimmenkonto"! Man muss nichts direkt schreiben doch ich als DDR-Bürger kann immer noch zwischen den Zeilen lesen!
@Klaus 59: Da bedarf es keine Ausrede. Der Fall in Köthen ist einer unter vielen mit Migranten als vermutliche Täter und wenn eben hier statt der Linken die Rechten eine Demo beantragen und genehmigt bekommen schließen sich unzufriedene Bürger eben dieser an und nichts anderes. Bei der bedauernswerten chinesischen Studentin hätte die Linke sich genau so einbringen können da das Opfer von dt. ohne poli. Hintergrund getötet wurde. Aber so eben pol. uninteressant!