Chemiepark Bitterfeld-Wolfen
Das Grundwasser bei Bitterfeld-Wolfen ist bis heute durch Chemie-Rückstände aus DDR-Zeiten belastet. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Chemie-Rückstände aus DDR-Zeiten Was Bitterfeld-Wolfen gegen giftige Stoffe im Grundwasser tut

Das Grundwasser von Bitterfeld-Wolfen ist durch Rückstände der Chemieindustrie aus DDR-Zeiten belastet. Bis heute muss das Wasser daher aufwändig gereinigt werden. Eine andere, finanzierbare Lösung ist nicht in Sicht.

Chemiepark Bitterfeld-Wolfen
Das Grundwasser bei Bitterfeld-Wolfen ist bis heute durch Chemie-Rückstände aus DDR-Zeiten belastet. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Bitterfeld hatte zu DDR-Zeiten den unrühmlichen Ruf als dreckigste Stadt Europas. Die Feinstaubbelastung war durch den Braunkohleabbau und die Kohlebrikett-Produktion enorm. Die Rückstände sind in Mulde und Elbe abgeführt worden. Seit der Wende sind etwa eine Milliarde Euro in Umweltmaßnahmen in Bitterfeld-Wolfen geflossen. Das Ende der Kohleproduktion und die Umstellung der Chemiebetriebe verbesserte die Luftsituation. Eine Gemeinschaftskläranlage löste ab 1994 das Abwasserproblem. Doch ein Problem besteht bis heute: die extreme Belastung des Grundwassers.

Zu DDR-Zeiten sind giftige Stoffe wie Chlorbenzole, DDT oder Schwefelsäure in Restlöcher und Tümpel gekippt worden. Allein in der Grube Antonie sind es 600.000 Tonnen, in Tiefen bis zu 20 Meter. Die Schadstoffe liegen dort schon seit Jahrzehnten. Aus der Grube sickern sie ins Grundwasser. Das Grundwasser nimmt die Schadstoffe auf und fließt mit ihnen ab. In Bitterfeld-Wolfen gibt es Dutzende ähnlicher Stellen. 

Zehntausendfach giftiger als Trinkwasser

Harald Rötschke und Maik Renner von der Mitteldeutschen Sanierungs- und Entsorgungsgesellschaft (MDSE) wissen, wie belastet das Grundwasser genau ist: An einigen Stellen ist es zehntausendfach giftiger, als es der Trinkwassernorm entsprechen würde.

Das belastete Grundwasser könne jedoch nicht einfach ausgegraben werden, sagt der Geschäftsführer der MDSE, Rötschke, MDR SACHSEN-ANHALT. Stattdessen müsse man muss es abriegeln, dann heben und aufbereiten.    

Derzeit einzige Lösung: aufwändiges Reinigungsverfahren       

Gesamtklärwerk Bitterfeld-Wolfen: Die Anlage reinigt sowohl Abwasser aus der Chemieindustrie als auch aus privaten Haushalten.
Im Gesamtklärwerk wird das Grundwasser endgereinigt. Bildrechte: Johannes Schiller/MDR

Insgesamt 42 Brunnen sollen die Ausbreitung des belasteten Grundwassers verhindern. Das funktioniert so: Die Brunnen heben das Grundwasser aus unterschiedlichen Tiefen. Mehr als zwei Millionen Kubikmeter pro Jahr werden dann Rohrleitungen zu dieser Aufbereitungsanlage weitergepumpt. Dort werden die Schadstoffe aus dem extrem belasteten Wasser herausgelöst. Nach dieser Reinigung kann das Wasser an das Gemeinschaftsklärwerk weitergeleitet werden. Dort wird es endgereinigt und schließlich in die Mulde abgeleitet. Was die Schadstoffbelastung angehe, sei dieses Wasser sauber, sagt Rötschke. Trinkbar sei es aber nicht – der Salzgehalt sei zu hoch.

Das Reinigungsverfahren ist aufwändig und teuer. Und dadurch wird nicht verhindert, dass neues belastetes Grundwasser entsteht. Denn die giftigen Stoffe lagern schließlich weiterhin in den Gruben. Sie alle auszubaggern wäre schwierig: Auf vielen belasteten Stellen stehen nun neue Industrieanlagen.

Problem: Schadstoffe haben sich ausgebreitet

Außerdem würde man damit ohnehin nicht mehr alle Schadstoffe beseitigen können. Die Schadstoffe hätten Zeit gehabt, sich im Grundwasser auszubreiten, erklärt Rötschke. Man habe daher nicht einen definierten Schadstoffherd, den man auskoffern könne, sondern einen sehr weit ausgebreiteten Schaden. Das Auskoffern der Grube würde viel kosten, aber nur zehn bis 15 Prozent der Gesamtschadstoffmenge erfassen. Denn der Boden ist überall belastet, wo das giftige Grundwasser hinströmt. Ihn komplett zu sanieren, würde Milliardensummen verschlingen. Niemand hat bisher ausgerechnet, wie teuer es genau wäre.

In etwa 70 bis 100 Jahren könne die Grundwasserhebung und- reinigung zumindest in Teilbereichen beendet werden, schätzt Rötschke. Denn dann würden Bakterien den Abbau übernehmen. "Aber das ist noch Zukunftsmusik", ergänzt er. Deshalb wird bis dahin weiter das giftige Grundwasser abgepumpt und gereinigt – es sei denn, vorher wird eine praktikablere Lösung gefunden.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 27. Juli 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Juli 2019, 11:12 Uhr

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11 Kommentare

30.07.2019 14:28 Hans Reinhard 11

Weitere gigantische Umweltsünden der ddr, die bis heute nachwirken - ein Auszug:
*Hochgiftiges Lindan von VEB Fahlberg-List in den Steinbrüchen von Haldensleben verkippt.
*Toxische Schlämme und Schwermetalle im Bereich des ehemaligen Mansfeld Kombinates.
*Gigantische Industrieabfälle (Harze, Phenole) im Bereich des heutigen Geiseltalsees.
*Massive Grundwasser-und Bodenverseuchung im Bereich der Leunawerke sowie auf dem Gelände der Hydrierwerke Zeitz.
*Mölbis, der einst dreckigste Ort der ddr durch Luftverschmutzung aus dem Kohleveredlungswerk Böhlen.
*Strahlende Hinterlassenschaft des Uranbergbaus „Wismut“ im Raum Königstein, Schlema-Aue, Ronneburg.
Der ganze damalige Ostblock war nicht Willens oder infolge mangelnder Wirtschaftskraft nicht in der Lage elementare Umweltstandards zu beachten. Wer darauf aufmerksam machte, wurde zum Staatsfeind erklärt (heute noch in China, Russland ….. gängige Praxis).

Der Schuldige? Natürlich der Klassenfeind!!

30.07.2019 12:55 Hans Reinhard 10

Tut mir leid. Bei einigen Themen fremden aber ddr verherrlichenden Kommentaren, muss eine gewisse Bildungs- oder Realitätsferne konstatiert werden.

30.07.2019 10:53 Martha 9

Es ist furchtbar, was in der Vergangenheit alles getan wurde, was zu dieser Verunreinigung / Vergiftung führte. Erschreckend, dass zur Bereinigung das Geld fehlt und es noch Jahrzehnte dauern wird, bis es sauberer wird.
Allerdings wird immer nur die Vergangenheit erwähnt. Wie schaut es denn mit den aktuellen Belastungen der Chemiefabriken in Bitterfeld aus? Fährt man, insbesondere am späten Abend, an der Säurekreuzung entlang, weht einem ein deutlicher Chemieduft (und der ist nicht aus der Vergangenheit) entgegen.

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