Historische Bücher in einer Bibliothek
Weil er das Wort "Bibliothek" nicht mochte, erfand Philipp von Zesen den Begriff "Bücherei". Bildrechte: colourbox.com

Wortschöpfer aus Sachsen-Anhalt Philipp von Zesen – Der Mann, der die Bücherei erfand

Wenn wir mit dem Auto unterwegs sind, dann halten wir Abstand zum Vordermann. Das Auto hat Philipp von Zesen nicht erfunden, dafür aber den Begriff "Abstand". Denn zu seinen Lebzeiten, also vor 400 Jahren, wurde nur der lateinische Begriff "Distanz" verwendet. Und dass wir eine "Bücherei" aufsuchen, verdanken wir ebenfalls Philipp von Zesen, denn er deutschte den lateinischen Begriff "Bibliothek" ein. Uli Wittstock hat sich mit dem zu Unrecht vergessenen Worterfinder beschäftigt.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

von Uli Wittstock, MDR SACHSEN-ANHALT

Historische Bücher in einer Bibliothek
Weil er das Wort "Bibliothek" nicht mochte, erfand Philipp von Zesen den Begriff "Bücherei". Bildrechte: colourbox.com

An diesem Wochenende feiert die evangelische Landeskirche Anhalt den Geburtstag Philipp von Zesens. Der wurde, vorerst noch ohne Adelstitel, am 8. Oktober 1619 in dem kleinen Dorf Priorau bei Dessau geboren, als Sohn des Pfarrers. Mit 16 wechselte der sprachgewandte Junge an das Gymnasium nach Halle und studierte später in Wittenberg. Dann aber fand Philipp Zesen keine Anstellung und so wurde der junge Mann freiberuflicher Schriftsteller.

Sein Medium ist die Sprache, genauer gesagt die deutsche Sprache, die sich allerdings nach seiner Auffassung in einem beklagenswerten Zustand befindet. Mit dieser Ansicht ist der junge Dichter kein Einzelfall. Das bestätigt Dieter Maess, Kunstbeauftragter der Landeskirche Anhalt. Er beschäftigt sich schon länger mit Philipp von Zesen und das nicht zufällig, denn Maess wohnt selbst in Priorau.

"Die damaligen Sprachreformer hatten ganz klar ein nationales und zum Teil auch ein nationalistisches Interesse, mit dem Ziel das Deutsch-Sein auch mit Sprache auszudrücken. Hinzu kommt aber noch ein reformatorisches Anliegen, also klar gegen die katholische Kirche gerichtet. Der Vorwurf lautet, die Priester würden durch ihr Kirchenlatein die deutsche Sprache verhunzen."

Sprache ist Heimat, das ist klar. Aber Sprache ist eben immer auch Entwicklung.

Dieter Maeß

Wie Leidenschaft in die deutsche Sprache kam

Tatsächlich fehlen mehr als einhundert Jahre nach Luthers Bibelübersetzung dem Deutschen noch immer viele Worte und die Alltagssprache ist durchsetzt von lateinischen und französischen Begriffen. Deshalb erfinden die Schriftsteller jener Zeit nicht nur Geschichten, sondern auch neue Worte für ihre Texte. Philipp von Zesen zeigt sich dabei besonders erfolgreich in dem Versuch, möglichst anschauliche Begriffe zu finden. Für den lateinischen Begriff "Moment" erfindet er das Wort "Augenblick", aus dem "Projekt" wird bei Zesen ein "Entwurf" und für den Begriff "Passion" entwickelt er das Wort das beeindruckende Wort "Leidenschaft".

Zesen erfindet hunderte solcher Begriffe, doch viele davon finden bei seinen Zeitgenossen keinen Anklang, etwa die "Zittersucht" mit dem Zesen den lateinischen Begriff "Fieber" ersetzen will. Noch bemerkenswerter ist sein Vorschlag zur Eindeutschung des Begriffs "Pistole". Der wird nämlich zum "Meuchelpuffer" oder der "Anker" verdeutscht sich zu einem "Schiffshalter". Für das "Urchaos" erfindet er das schöne Wort "Mengeklumpf". Dafür bekommt Zesen zu Lebzeiten durchaus auch den Spott seiner Zeitgenossen zu spüren.

Wörter von Zesens, die es bis heute gibt

Anschrift für Adresse
Bücherei für Bibliothek
Briefwechsel für Korrespondenz
Mundart für Dialekt
Rechtschreibung für Orthografie
Verfasser für Autor
Abstand für Distanz
Grundstein für Fundament
Wahlspruch für Devise
Augenblick für Moment

 Vom Kaiser geadelt

Philipp von Zesen
Philipp von Zesen hat viele Wörter erfunden, die bis heute genutzt werden. Bildrechte: imago/imagebroker

Dennoch machen ihn seine Schriften, Übersetzungen und Romane zu einem berühmten Zeitgenossen. Immerhin wird er vom Kaiser Ferdinand geadelt, doch von dem Titel allein kann man kein Brot kaufen. Und so führt Philipp von Zesen ein unstetes Leben: Hamburg, Amsterdam, Leiden, Utrecht, London, Paris, aber auch in Dänemark oder im Baltikum ist er unterwegs.

Aber zu einer abgehobenen Elite gehörte von Zesen damit nicht, bestätigt von- Forscher Dieter Maess. "Seine Reisetätigkeit hängt im Wesentlichen damit zusammen, dass er einfach Jobs suchte, mal als Stadtschreiber, mal als Historiker oder Übersetzer, was sich ebenso anbot. Allerdings hat er nie das erreicht, was er wollte, nämlich eine feste Anstellung."

Forscher: "Zu kritischer Umgang mit Gegenwartssprache ist übertrieben"

Philipp von Zesen wieder etwas bekannter machen, das hat sich Landeskirche Anhalt zum Ziel gesetzt. In Priorau gibt es immerhin einen von Zesen-Gedenkstein. Aber auch 400 Jahre später ist der Kampf um die deutsche Sprache keinesfalls abgeschlossen. Vor allem der Vormarsch des Englischen sorgt oft für Verdruss.

Doch Dieter Maeß warnt, eine Debatte, die vor 400 Jahren geführt wurde, nun einfach in die Jetztzeit zu übertragen: "Ich denke, dass wir heute in einer anderen Situation sind, also viel breiter und viel beweglicher mit unserer Sprache umgehen. Insofern halte ich einen allzu kritischen Umgang mit unserer Gegenwartssprache für übertrieben. Sprache ist Heimat, das ist klar. Aber Sprache ist eben immer auch Entwicklung. Und diese Lebendigkeit ist eben auch ein Gewinn."

Wörter von Zensens, die sich nicht durchgesetzt haben

Entgliederkunst für Anatomie
Meuchelpuffer für Pistole
Zeugemutter für Natur
Zittersucht für Fieber
Liebestein für Magnet
Schlachtgabe für Opfer
Urteilsmeister für Kritiker
Leibgeschworener für Sklave
Wohllebenskunst für Hygiene
Wortgepränge für Kompliment

Der Problemfall "Portemonnaie"

Aber natürlich sollte sich unser Sprachgebrauch auch kritisch hinterfragen lassen. Müssen wir wirklich das schöne Wort "Hausmeister" durch den "Facility Manager" ersetzen, könnte der "Desktop" nicht einfach ein "Tischrechner" sein und der "information desk" ist natürlich eine "Auskunft". Allerdings besteht natürlich auch die Gefahr, sich als Sprachpurist lächerlich zu machen. Aus dem "Handy" wird wohl kein "Handling" werden, ebenso wenig wie sich eine "SMS" zu einer "Elektro-Zustellung" umdeutschen lässt.

Und merkwürdigerweise ist es bis heute nicht gelungen, den orthografischen Problemfall "Portemonnaie" aus der deutschen Umgangssprache zu tilgen. Und da wir schon beim Thema sind – wer hat das Wort "Rechtschreibung" erfunden – Philipp von Zesen war es. Auf ihn geht übrigens auch der Begriff "treudeutsch" zurück, das war aber vielleicht auch satirisch gemeint.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Verfasser Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 13. Oktober 2019 | 13:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2019, 12:59 Uhr

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