Menschen stehen vor einer Gedenkstätte in Köthen.
Auf dem Spielplatz, dem Tatort der Auseinandersetzung, legten viele nach dem Tod des 22-Jährigen Blumen und Kerzen nieder. (Archivbild) Bildrechte: MDR/André Damm

Landgericht Dessau Todesfall Köthen: Prozess gegen zwei Afghanen beginnt

Im September 2018 kam in Köthen ein 22-Jähriger zu Tode. Zuvor soll er in einen Streit zwischen zwei Afghanen eingegriffen haben. Den beiden wird gefährliche Körperverletzung und Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen. Seit Dienstag stehen sie vor Gericht.

MDR-Reporter André Damm
Bildrechte: André Damm

von André Damm, MDR SACHSEN-ANHALT

Menschen stehen vor einer Gedenkstätte in Köthen.
Auf dem Spielplatz, dem Tatort der Auseinandersetzung, legten viele nach dem Tod des 22-Jährigen Blumen und Kerzen nieder. (Archivbild) Bildrechte: MDR/André Damm

Vor fünf Monaten sorgte die Kreisstadt Köthen bundesweit für Schlagzeilen. Ein 22-Jähriger starb in der Nacht zum 9. September bei einer Auseinandersetzung mit zwei jungen Afghanen. Ihnen wird am Dessauer Landgericht der Prozess gemacht.

Die beiden 17 und 18 Jahre alten Afghanen müssen sich wegen gefährlicher Körperverletzung und Körperverletzung mit Todesfolge vor Gericht verantworten. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa war es am Tatabend zunächst auf einem Spielplatz zu einem Streit zwischen mehreren Männern gekommen. Drei aus Afghanistan stammende Männer sollen zunächst mit einer Frau dort darüber gestritten haben, von wem sie schwanger ist.

Der 22-jährige Köthener soll dazugekommen sein und versucht haben, zu schlichten. Einer der Angeklagten soll ihm zunächst einen Schlag ins Gesicht versetzt haben, so dass er zu Boden fiel. Der andere Angeklagte soll ihm dann laut Anklage mindestens einmal mit dem Fuß gegen den Oberkörper oder Kopf getreten haben. Wiederbelebungsversuche noch am Tatort blieben erfolglos. Wenig später starb der junge Mann im Krankenhaus. Der Obduktion zufolge erlag das Opfer einem Infarkt. Der Mann litt an einer angeborenen Herzerkrankung. 

Schauplatz von Protestdemos

Bernd Hauschild (SPD), Oberbürgermeister der Stadt Köthen (Anhalt)
Bernd Hauschild (SPD), Oberbürgermeister der Stadt Köthen Bildrechte: dpa

Was sich danach in Köthen abspielte, wird Oberbürgermeister Bernd Hauschild nicht mehr vergessen. Es dauerte nur wenige Stunden bis feststand, dass die Kleinstadt zum Schauplatz einer großen Protestdemonstration wird. Das Innenministerium von Sachsen-Anhalt hatte mitbekommen, dass rechtsextreme Gruppen im Internet eine ausländerfeindliche Stimmung schürten – ähnlich wie zwei Wochen zuvor in Chemnitz, als dort ein Deutsch-Kubaner von einem Flüchtling erstochen worden war.

Rathauschef Hauschild rief die Einwohner auf, zu Hause zu bleiben: "Machen Sie Fenster und Türen zu, gehen Sie nicht raus. Dann sind Sie sicher."

Mobilisierung in kürzester Zeit

Tatsächlich gelang es der Szene, binnen kurzer Zeit Massen zu mobilisieren. Noch am selben Tag, als der 22-Jährige gestorben war, zogen augenscheinlich etwa 2.500 Rechtsextreme aus ganz Deutschland durch die Köthener Innenstadt, etliche Einwohner schlossen sich dem Protestmarsch an. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) hatte damals gesagt, es seien unter den Demonstranten rund 400 bis 500 Mitglieder der rechten Szene gewesen. Gelegentlich wurden ausländer- und verfassungsfeindliche Parolen gebrüllt. Ausschreitungen blieben aus, denn auch die Polizei war mit einem Großaufgebot vertreten. Mehrere Bundesländer hatten Beamte nach Köthen geschickt.  

Polizisten und Demonstranten am Bahnhof in Köthen
Nach dem Todesfall hatte es in Köthen zahlreiche Demonstrationen gegeben.
(Archivbild)
Bildrechte: MDR/Tom Wunderlich

An den folgenden Wochenenden folgten weitere rechtsgerichtete Demonstrationen in Köthen. Es gab aber auch Gegenproteste – von linken Gruppen und von Bürgern, die ihre Stadt nicht vereinnahmen lassen wollten. Ausländische Studenten der Hochschule Anhalt, aber auch die in Köthen lebenden Asylbewerber trauten sich kaum noch auf die Straße. Erst Anfang Oktober war es mit dem Spuk in Köthen wieder vorbei.

Gerichtsverfahren soll lückenlose Aufklärung bringen

Die Einwohner hoffen nun, dass ein Gerichtsverfahren endgültig Ruhe bringt. Eine lückenlose Aufklärung der Straftat wird gefordert.

Vor Prozessbeginn war die Polizei in Sachsen-Anhalt vehement Spekulationen entgegen getreten, dass das 22-jährige Opfer womöglich durch die Schläge und Tritte der Tatverdächtigen gestorben sei. Die Todesursache sei ein akuter Herzinfarkt gewesen, stellte Justizministerin Anne-Marie Keding klar. Der Anklage zufolge wurde dieser mutmaßlich durch die angeborene schwere Herzerkrankung ausgelöst, wobei die durch den Streit hervorgerufene Stresssituation und die Gewalteinwirkung sowie eine deutliche Alkoholisierung des Opfers begünstigend gewirkt haben können.

Neun Verhandlungstage angesetzt

Von den mutmaßlichen Tätern ist bislang wenig bekannt. Sie kamen als unbegleitete Minderjährige nach Deutschland. Einer der in U-Haft sitzenden Afghanen hat eine Aufenthaltserlaubnis. Der andere sollte aus Deutschland abgeschoben werden, was zunächst aufgrund laufender Ermittlungsverfahren, unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, ausgesetzt wurde. Erst zwei Tage vor dem Todesfall wurde ein neuer Antrag bei der Staatsanwaltschaft auf Zustimmung zur Abschiebung genehmigt. 

Für den Prozess am Landgericht Dessau sind zunächst neun Verhandlungstage anberaumt. Mit einem Urteil wird Ende März gerechnet.

MDR-Reporter André Damm
Bildrechte: André Damm

Über den Autor André Damm, geboren und aufgewachsen in der Lutherstadt Wittenberg, arbeitet seit 1998 für MDR SACHSEN-ANHALT. Mit Vorliebe widmet er sich Themen aus Politik, Wirtschaft und Kirche. Im Einsatz ist er vor allem in der Region Anhalt und Wittenberg, hauptsächlich für den Hörfunk, aber auch für Online und Fernsehen. André Damm hat 1990 bei der Mitteldeutschen Zeitung volontiert, danach an der Universität Leipzig Journalistik und Politikwissenschaften studiert. Seine ersten Radioerfahrungen machte er ab 1994 als Berichterstatter für MDR Radio-Sachsen in Leipzig und Görlitz; regelmäßig arbeitet er noch für MDR-Aktuell als Autor, Redakteur und Moderator. Der begeisterte Schach-und Tischtennisspieler lebt in Bad Schmiedeberg, tummelt sich viel in der Dübener Heide und natürlich in Wittenberg. Gern reist er auch nach Tangermünde, Wernigerode und nach Wörlitz - ein Höhepunkt ist immer wieder ein Besuch des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs.

Quelle: MDR/cw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 05. Februar 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Februar 2019, 13:35 Uhr

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77 Kommentare

07.02.2019 08:56 martin 77

@76 dieter: Die "Spendenbereitschaft" pro Nase der "Gäste" von Herrn Frenck ist in der Tat höher.

06.02.2019 21:23 Dieter 76

Lilly 66:
Bei 65000 Besuchern 11000 Euro für die Familie von Daniel, das macht 17 Cent pro Besucher trotz des Gratiskonzerts. Das Wort "schäbig" trifft es am besten.

06.02.2019 21:15 MuellerF 75

@73: >>... Version der Anklage, die von mindestens einem Tritt gegen den Kopf ausgeht<<

Richtig-die Version der Anklage-untermauert von einer Zeugenaussage-einer Zeugin, die ihre Angaben bereits vor der Verhandlung massiv korrigierte.Die Afghanen waren selbst nachweislich verletzt & geben an, von einer Gruppe Deutscher angegriffen worden zu sein- davon sagt diese Zeugin aber nichts. Ein oder mehrere Tritte gegen Kopf/ Körper müssten ja Spuren hinterlassen- aber die Gerichtsmedizin hat nichts derartiges erwähnt- was sie wohl hätte, wenn entsprechende Verletzungen gefunden worden wären.
Ich weiß nicht, welche Seite hier lügt oder was verschweigt, aber ich ziehe auch keine voreiligen Schlüsse.

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