Solarzellenproduktion in Bitterfeld-Wolfen Investor plant zweite Chance für "Solar Valley"

Ein Schweizer Maschinenbau-Unternehmen will die Solarproduktion in Bitterfeld-Wolfen wiederbeleben. Es könnte die Rückkehr einer ostdeutschen Leuchtturmindustrie sein, die vor zehn Jahren den Bach runterging. Doch der Plan hat einen Haken.

Blick auf den Firmensitz des Solarunternehmens Sovello
Kehrt in die Hallen von Sovello neues Leben ein? Ein Schweizer Unternehmen will in Bitterfeld-Wolfen Solarmodule produzieren. Bildrechte: dpa

Gibt es ein Comeback der Solarzellenproduktion im einstigen "Solar Valley" in Bitterfeld-Wolfen? Das ist offenbar der Plan des Schweizer Maschinenbau-Unternehmens Meyer Burger Technology AG. Die Produktion soll im ersten Halbjahr 2021 starten – symbolträchtig in den einstigen Hallen der Pleite gegangenen Solarfirma Sovello. Parallel dazu sei geplant, im sächsischen Freiberg Solarmodule zu produzieren. Der Oberbürgermeister von Bitterfeld-Wolfen, Armin Schenk, sagte MDR SACHSEN-ANHALT, er sei froh, dass die monatelangen Verhandlungen mit dem Investor ein erfolgreiches Ende genommen hätten. Er sei überzeugt von dem Projekt, da das Unternehmen die neueste Technologie für Solartechnik mitbringe.

Bis 2026 sollen dann Module mit einer Kapazität von sechs Gigawatt hergestellt werden. Mehr als 3.000 Arbeitsplätze sollen langfristig an beiden Standorten entstehen. Der bisherige Maschinenbauer will künftig Solaranlagen für Dächer, aber auch für kleinere Kraftwerke bauen. Es sind Investitionen von bis zu einer Milliarde Euro geplant.

Schneller Erfolg ist nicht von Dauer

Damit will das Unternehmen an die alten Zeiten im Örtchen Thalheim, das zur Stadt Bitterfeld-Wolfen gehört, anknüpfen. Anfang der 2000er-Jahre entwickelte sich die Produktion von Solarmodulen zu einer Leuchtturmindustrie in Ostdeutschland. Im einstigen Chemiedreieck der DDR fanden tausende Menschen neue Jobs, genau wie an anderen Standorten in den neuen Bundesländern. Bis 2009 stieg etwa das Unternehmen Q-Cells, das in Thalheim produzierte, zum Weltmarktführer auf. Bald war in der Region vom "Solar Valley" die Rede.

Doch der schnelle Erfolg verblasste bald wieder und es kam zu einer Pleitewelle. In den vergangenen Jahren musste die Solarindustrie mit zunehmender Konkurrenz und Dumpingpreisen aus Asien kämpfen. 2018 etwa musste Deutschlands bis dato größter Solarmodulhersteller Solarworld endgültig Insolvenz anmelden und den Standort im sächsischen Freiberg mit rund 600 Mitarbeitern schließen.

Hoffnung auf Rückenwind durch "Green Deal"

Trotz dieser Entwicklungen glaubt das Schweizer Unternehmen, dass die Zeit reif sei, für eine zweite Chance der Solarindustrie. Firmenchef Gunter Erfurt sieht im Thema Solar "einen enormen Reiz" – vor allem angesichts der Neuausrichtung der Wirtschaft nach der Corona-Krise und dem angestrebten europäischen "Green Deal". Nicht zuletzt könnte auch die Prämie für den Kauf von E-Autos der Solarindustrie neuen Rückenwind geben.

"Sicher ist das Timing für diesen Schritt auch deshalb interessant", so Erfurt. Unternehmensangaben zufolge werden bereits viele Solarmodule weltweit mit Produktionsanlagen aus dem Haus hergestellt. Die Produktion von Solarmodulen ist jedoch Neuland für Meyer Burger. "Bisher haben wir die eigentliche Wertschöpfung dann den Kunden überlassen. Was wir tun, ist, genau diesen Mechanismus zu unterbrechen", erklärt Erfurt.

Aktionäre müssen helfen

Allerdings steht das alles noch im Konjunktiv, denn für das geplante Investment fehlt es dem Unternehmen am Geld. Das Geld will sich Meyer Burger von seinen Aktionären holen. Am Freitag nahm das Vorhaben eine weitere Hürde. Auf einer außerordentlichen Generalversammlung stimmten die Aktionäre einer Kapitalerhöhung um 155 Millionen Euro zu. Es ist die vierte Kapitalerhöhung in rund zehn Jahren. Die Neue Züricher Zeitung bewertet das als Verzweiflungstat, mit der sich das Unternehmen zu retten versucht. Denn im gleichen Zeitraum haben die Aktien des Unternehmens 97 Prozent an Wert verloren.

Wirtschaftsminister Armin Willingmann sprach bei MDR SACHSEN-ANHALT von einer erfreulichen Nachricht. Er sei überzeugt, dass sich die Solarindustrie in Sachsen-Anhalt nach dem beschlossenen Kohleausstieg weiterentwickeln könne.

Sollten die Pläne von Meyer Burger aufgehen, würden sie künftig in direkter Nachbarschaft zum einstigen Aushängeschild der deutschen Solarindustrie produzieren. Denn Q-Cells ist nach der Pleite ein Neustart gelungen. Seit 2012 gehört Q-Cells zum koreanischen Konzern Hanwha, die Produktion wanderte nach Asien ab. Der Sitz in Bitterfeld-Wolfen und die Forschungs- und Entwicklungscrew blieben jedoch.

Neustart mit alten Bekannten

In den kommenden drei Jahren will das Unternehmen 125 Millionen Euro investieren, um die nächste Generation von Solarzellen mit höherem Wirkungsgrad zu entwickeln. Eine Rückkehr der Produktion ist nicht zu erwarten. Q-Cells sei gut durch die Zeit der coronabedingten Lockdowns in vielen Ländern gekommen und habe keine Lieferengpässe gehabt, sagt Sprecher Oliver Beckel. Auch jetzt gebe es keine größere Auftragsdelle. Mit einem Marktanteil von 20 Prozent sei Q-Cells Marktführer in Deutschland. Doch das Unternehmen räumt ein: Die Preise für Solaranlagen sind derzeit stark unter Druck. "Das ist gut für die Verbreitung der Photovoltaik, für die Welt und das Klima, aber das ist ein Problem für die Hersteller."

Q-Cells setzt verstärkt darauf, neben reinen Solaranlagen neue Produkte anzubieten. So können Firmen seit zwei Monaten ihre Dächer an das Unternehmen verpachten, das darauf auf eigene Kosten eine Anlage baut. Zudem ist das Unternehmen auch als Stromanbieter aktiv.

Quelle: dpa, MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 10. Juli 2020 | 09:00 Uhr

1 Kommentar

ElBuffo vor 4 Wochen

Na da fehlt sicher noch der richtige Vertrag mit dem richtigen Manager, der ganz explizit kein Verbot von Insidergeschäften vorsieht. Dann wird das bestimmt mindestens so erfolgreich wie Anfang der 2000er Jahre.

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