Unterkunft für Tiere in der Corona-Pandemie Tierpension Jeßnitz: Keine Gäste, aber eine Menge Notfälle

Porträtaufnahme von MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Jana Müller
Bildrechte: Jana Müller

Die Corona-Pandemie hat die Tourismus-Branche mächtig gebeutelt. Hotels und Pensionen haben ein hartes Jahr hinter sich. Das gilt auch für Tierpensionen. Denn wenn Herrchen und Frauchen nicht in den Urlaub fahren, bleiben auch Hund und Katze zu Hause. Diese Erfahrung hat auch Claudia Bracke aus Jeßnitz im Landkreis Anhalt-Bitterfeld gemacht. Zahlende Gäste gibt es in ihrer Tierpension derzeit nicht. Doch wer denkt, das Haus wäre leer, irrt sich. Ein Besuch.

Claudia Bracke öffnet mir die Tür zur Tierpension in der Jeßnitzer Schlossstraße. Hinter der 55-jährigen Inhaberin der Tierpension steht Amy, ein Mini-Schwein. Und während ich mich in die Küche setze, schleicht mir die erste Katze um die Beine – Smilla. Eine von sieben Katzen, wie mir Claudia Bracke später erzählt. Außerdem gibt es einen Hund und fünfzehn Schildkröten im Winterschlaf.

"Einnahmen haben wir keine, aber Tiere"

Dass die Tierpension derzeit keine Gäste hat, fällt zumindest mir kaum auf. Claudia Bracke merkt das natürlich sehr deutlich. Ihr fehlen die Einnahmen: "Fast das ganze Jahr ist mau gewesen. Wenigstens haben wir in den Sommermonaten noch Einnahmen gehabt, weil da alles ein bisschen gelockert war. Aber im Moment sind die Einnahmen wieder glatt null."

Neben den Sommermonaten ist eigentlich auch die Weihnachtszeit eine arbeitsreiche Zeit für Claudia Bracke. Die Menschen besuchen ihre Kinder, fahren in den Urlaub. Ihre Tiere geben sie dann bei Claudia Bracke ab. Normalerweise. Doch im Corona-Jahr ist das anders.

Eine Frau streichelt ein schwarzes Hausschwein, das in einer Wohnung steht
Hausschwein Amy wohnt mit in der Tierpension von Claudia Bracke. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT

Dieses Jahr ist ziemlich Flaute. Es sind ein paar Katzen, die vielleicht herkommen. Doch genau weiß ich das noch nicht, weil ja jetzt die Rede davon ist, dass der Lockdown nochmal verschärft wird. Dann kann es natürlich sein, dass die letzten Kunden auch noch absagen müssen.

Claudia Bracke, Inhaberin der Tierpension

Die Pensionszimmer sind verwaist

Claudia Bracke versucht, die freie Zeit sinnvoll zu nutzen. Gerade ist sie dabei, eines der Pensionszimmer im Obergeschoss komplett zu reinigen. Zwei solche Zimmer hat sie.

In Spitzenzeiten sind die Räume das Feriendomizil von sechs bis acht Katzen. Und die können es sich in der Tierpension richtig gut gehen lassen. "Wir haben hier Kratzbäume, Kuschelecken und Verstecke, einen großen Spielteppich mit jeder Menge Spielzeug, mit dem sich die Katzen gerne beschäftigen. Aber momentan ist alles verwaist", sagt Bracke.

Die jüngsten Notfälle

Dann zeigt Bracke mir noch das Zimmer mit den "jüngsten Notfällen", wie sie sagt. In einem Käfig pflegt die 55-Jährige gerade einen kleinen Spatzen gesund. Der ist gegen ein Auto geflogen, Bekannte haben ihn gefunden und in die Pension gebracht. Auch den kleinen Igel im Nachbarkäfig haben ihr Leute gebracht. Das passiere oft, sagt Bracke.

Ab dem Frühjahr geht’s los mit der Wildtiersaison, wo mir Leute verlassene Feldhäschen, Fuchswelpen oder auch mal das ein oder andere Rehkitz herbringen. Deshalb haben wir eigentlich immer genug Arbeit und da ist es natürlich auch wichtig, dass man Einnahmen hat, um das Ganze zu finanzieren.

Claudia Bracke, Inhaberin der Tierpension

Glücklicherweise hat die gelernte Tierpflegerin gute Freunde und ein großes Netzwerk, aus dem sie immer wieder Futterspenden erreichen: "So müssen zumindest die Tiere nicht unter diesen besonderen Zeiten leiden".

Forrest Gump und Hero

Um wenigstens etwas Geld einzunehmen, hat Claudia Bracke einen Minijob. Wenn es hart auf hart kommt, greift ihr Lebensgefährte ihr unter die Arme. Der hilft Bracke auch bei der Versorgung der Tiere, von denen im Haus immer mehr auftauchen. Da ist zum Beispiel Forrest Gump, die verrückte Elster, die seit langem in der Tierpension zu Hause ist.

Wir nennen die Elster Forrest Gump. Sie hat verkrüppelte Beine und auch der Schnabel ist überkreuzt. Forrest wurde von Leuten falsch gefüttert und hatte eine schlimme Rachitis, als er hier ankam. Und die Knochenschädigungen kriegt man natürlich nicht mehr weg. Also haben wir Forrest behalten, der hat hier einen Futterplatz und schläft nachts auch im Haus.

Claudia Bracke, Inhaberin der Tierpension

Und dann entdecke ich Hero, einen kleinen Chihuahua, der auf der Couch liegt. Hero hatte kein leichtes Leben, wurde misshandelt, erzählt Claudia Bracke. Die Leute brachten ihn zu ihr. Hero erholte sich zusehends, fiel dann eines Tages aber einfach um. "Er hatte einen Schlaganfall. Jetzt ist er gelähmt. Wir haben gesagt, wir geben ihm eine Chance. Schauen, ob er wieder auf die Beine kommt."

Ein Chihuahua liegt auf einem Sofa
Chihuahua "Hero" hatte einen Schlaganfall. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT

Pension und Arche

Das Haus von Claudia Bracke ist viel mehr als eine Tierpension. Es ist es eine Art Zufluchtsort für gepeinigte und vom Glück verlassenen Tiere. Eine Arche. Und die Arbeit in dieser Arche ist für Claudia Bracke mehr Berufung als Beruf. "Das ist mir irgendwie in die Wiege gelegt. Schon als Kind habe ich mich immer mit Tieren umgeben, dann habe ich Tierpflegerin gelernt und war zehn Jahre lang im Tierheim tätig."

Ein Reh steht vor einem Haus, daneben eine Frau
Wenn Claudia Bracke und Dammwild-Kälbchen Heidi Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT

Dann habe ich mir die Tierpension aufgebaut. Reich macht das nicht, im Gegenteil, es macht eher noch ärmer. Aber man tut was Gutes und ist mit sich und der Welt im Reinen.

Claudia Bracke, Inhaberin der Tierpension

Sagt sie und öffnet die Tür zum Hof, durch die plötzlich ein Dammwild-Kälbchen den Kopf herein steckt. Heidi heißt es, Claudia Bracke hat es mit der Falsche groß gezogen. Doch für Heidi sind die Tage in Jeßnitz gezählt, sie soll noch vor Weihnachten in den Tierpark Hannover ziehen und sich dort mit Artgenossen anfreunden.

Das wünscht sich Claudia Bracke zumindest für sie. Und für sich selbst wünscht sie sich, dass im kommenden Jahr in die Tierpension wieder etwas Normalität einzieht – und der ein oder andere zahlende Gast.

Porträtaufnahme von MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Jana Müller
Bildrechte: Jana Müller

Über die Autorin Jana Müller, groß geworden in Gräfenhainichen, arbeitet seit 2018 bei MDR SACHSEN-ANHALT im Regionalstudio Dessau. Sie berichtet aus der Region Anhalt und Wittenberg hauptsächlich für den Hörfunk, aber auch für Fernsehen und Online. Schon während ihres Studiums an der Martin-Luther-Universität in Halle machte Jana Müller erste Radio-Erfahrungen bei Radio Brocken und 89.0 RTL, danach zog es sie aber erst einmal zum Fernsehen. Bei den Regionalfernsehsendern in Dessau und Bitterfeld-Wolfen war sie als Redakteurin aber auch als Kamerafrau unterwegs. Zu ihren absoluten Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt zählt der Zschornewitzer See, den sie als Ruderin schon unzählige Male auf und ab gefahren ist.

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Quelle: MDR/aso

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 10. Dezember 2020 | 10:40 Uhr

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